Chemnitz

Graffiti – Kunst oder Vandalismus?

27. Mai 2018

Die Rohre bei den Studentenwohnheimen auf dem Campus der TU Chemnitz zeigen Schriftzüge, Gesichter und verschiedene Symbole. Foto: Nina Kummer

Wenn David durch die Straßen seiner Stadt läuft, ist sein Blick stets aufmerksam. Ab und an bleibt er stehen und lässt die Orte auf sich wirken. Er beobachtet keinen Straßenverkehr oder liest Werbeplakate, er checkt Freiflächen an Hausfassaden, Mauern und Straßenbahnen.
„Ich verbringe viel Zeit mit der Suche nach guten Spots für meine Bilder. Ich interessiere mich für Flächen, die sich an Orten befinden, an denen sie möglichst viele Menschen sehen. An Hauptstraßen oder hohen Gebäuden…“

Hat David den perfekten Ort gefunden, beginnen für ihn die Vorbereitungen. Er skizziert die grobe Idee seines Bildes und schüttelt die Farbe in den Dosen vor. Im Inneren einer jeden Spraydose befindet sich eine Kugel, die dafür sorgt, dass die Farbe stets gut verrührt bleibt. Durch einen an die Unterseite der Dosen geklebten Magneten wird sie stillgehalten. Nichts darf klappern, immerhin ist David in den Momenten seines künstlerischen Schaffens ein Verbrecher, der sich davor hüten muss, erwischt zu werden. Er packt die Dosen in seinen Rucksack und wirft ein paar Handschuhe hinterher. Die Action kann losgehen.

Drei Uhr morgens beginnt David ein zwei Meter mal vier Meter großes Graffiti zu sprühen. Ein Kumpel spotted dabei, das heißt, er passt auf und schlägt im Notfall Alarm. David zieht erst ein paar Hilfslinien, um danach die Füllung, beziehungsweise das Fill-In, des Bildes exakt malen zu können. Zum Schluss kommen die Outlines hinzu, die äußere Linie des Bildes und die Tags, in denen das Entstehungsjahr und die Graffiti-Gang erwähnt werden. Es ist Übungssache, die Dose so zu nutzen, dass nichts verläuft und die Linien geschwungen und sauber gezogen werden. In wirklich eindrucksvoller Größe steht da jetzt, nach knappen zehn Minuten, der Sprayer-Name von David. Die Dosen werden eingepackt und die Handschuhe ausgezogen.

Am nächsten Tag steht David auf der anderen Straßenseite und macht ein Foto von seinem Werk, als Andenken. „Ich finde, dass Graffiti die Stadt viel interessanter gestalten. Leere Hausfassaden langweilen mich. Überall hässliche Werbeslogans…, dazwischen darf ruhig etwas Kunst hervorgucken.“

Was für die einen Kunst ist, ist für die anderen Sachbeschädigung

Hausmeister Fischer steht am Nachmittag wütend vor dem neuen Graffiti. „Ich bin stinksauer, fast jeden Monat muss ich die Schmierereien entfernen oder eine Fassadenreinigungsfirma beauftragen, größeren Unfug zu beseitigen. Für mich ist das einfach nur Sachbeschädigung und hat nichts mit Kunst zu tun.“

Laut Aussagen der Stadt wurden in Chemnitz 2016 über 47.000 Euro ausgegeben, um Graffitis zu beseitigen. Das waren 12.000 Euro mehr als im Vorjahr. Die Chemnitzer Verkehrsgesellschaft CVAG schätzt den jährlichen Sprüh-Schaden an Trams, Bussen und Haltestellen auf rund 100.000 Euro. Graffiti stellt in Chemnitz ein wachsendes Problem dar, die Behörden gehen immer stärker, teilweise sogar mit Helikoptereinsätzen, dagegen vor.

Die Firma Graffitti-Ex aus Chemnitz ist spezialisiert auf Fassadenreinigung und Graffiti-Entfernung. Nach eigener Auskunft ist die Beseitigung nicht gerade billig: Die Kosten sind je nach Untergrund und Größe verschieden, jedoch liegt der Preis mit allen Nebenkosten bei ungefähr 25-45 Euro pro Quadratmeter. Das wären bei dem Bild von David zwischen 200 und 360 Euro. Im Jahr 2017 erledigte Graffitti-Ex 2.500 Aufträge.

Auf der Firmen-Webseite ist eine Bildergalerie mit den schönsten aber entfernten Werken zu sehen. Dabei sind viele Malereien, die man sich auf diversen Kunstfestivals oder als Auftragsarbeiten an Turnhallen vorstellen könnte. Die Chemnitzer Wohnungsgenossenschaft GGG beauftragte in der Vergangenheit bereits Künstler, Gebäude zu gestalten, deren Mal-Stil sich auch durchaus auf der Graffitti-Ex-Webseite wiederfinden könnte.

Street-Art ist mittlerweile eine anerkannte Kunstform

Am 3. September 2017 fand in Chemnitz die ibug statt, ein Festival für Industriebrachenumgestaltung und urbane Kunst und Kultur. An zwei Wochenenden strömten rund 15.000 Besucher auf das Gelände der ibug und besichtigten die Street-Art-Werke. Viele der dort ausgestellten Künstler malen auch illegal. „Street-Art ausschließlich legal zu betreiben, ist nur halb so schön. Der Adrenalin-Kick, wenn man heimlich ein Bild malt, gehört eben dazu. Die Street-Art hat ihre Wurzeln im Kriminellen, dort kann man sie auch nicht rausholen“, beschreibt David. Der Koautor der „Street Art München“ von 2012, Martin Arz, schilderte seine Meinung einmal folgendermaßen: „Wer ungefragt an eine Hauswand sprüht, begeht eine Sachbeschädigung. Für mich ist es so: Wenn jemand nur schnell mal seinen Namen hinkrakelt und das Werk keinerlei ästhetischen Anspruch hat, ist es Vandalismus.“ Wie man einen allgemein gültigen ästhetischen Anspruch definieren könnte, kann auch Martin Arz nicht beantworten.

Städte wie London oder Berlin sind bekannt für ihre Street-Art, das zieht viele kunstinteressierte Touristen an, die sich dann auch gerne mal eine Ansichtskarte der bemalten Berliner Mauer als Souvenir mitnehmen. Der weltberühmte und auf dem Kunstmarkt heiß gehandelte britische Street-Art-Künstler Banksy malt fast ausschließlich illegal. Seine Schablonenkunst ist dennoch weltweit beliebt. In Städten wie Brighton oder London sind seine Graffitis richtige Touristenhotspots. Bankys Kunst ist auf tausende Postkarten, Shirts und Tassen gedruckt. Nach eigener Aussage will Banksy nicht Teil des Kunstbetriebs sein. Dennoch gibt es immer wieder Ausstellungen seiner Werke, zum Beispiel die „Barely Legal“ in Los Angeles und die „Banksy vs. Bristol Museum“, zu denen in weniger als sechs Wochen mehr als 300.000 Besucher kamen.

Die Kunstform des Graffiti wird mit ihrem lockeren, jugendlichen Image zunehmend für Werbezwecke genutzt und gesellschaftlich anerkannt. Die Firma Nike präsentiert Wandmalereien, bei denen man auf den ersten Blick keine Werbung erkennt und der kommerzielle Faktor erst später ersichtlich wird. Ein weiteres Beispiel wäre die Firma Sony, die, um die neue Playstation Portable zu bewerben, extra eine Street-Art Galerie in Berlin errichtete. Graffiti hat ein cooles und kriminelles Image. Aber genau dieser kriminelle Aspekt ist es vielleicht, der dem Graffiti seinen Charme und seine Anziehung verleiht.

Die Hauswand in Chemnitz wird von einem riesigen, angesprühten Mädchen geschmückt. Foto: Nina Kummer

Es gibt ein Entgegenkommen der Stadt

Die Stadt Chemnitz bietet immer mehr legal zu besprühende Flächen in Chemnitz an, um das Stadtbild künstlerischer und bunter zu gestalten und auch, um illegales Graffiti zu unterbinden. Auf der Webseite der Stadt wird beschrieben: „Die Stadt Chemnitz möchte die Vielfalt künstlerischer Ausdrucksformen unterstützen. Deshalb soll auch die Jugendkultur neben den traditionellen und etablierten Kulturstätten und Kunstformen einen angemessenen Platz in der Stadt der Moderne finden. Der Stadtrat beschloss am 15. Dezember 2010, legale Graffitiflächen (…) regelmäßig zu gewinnen und für Graffiti anzubieten.“

Die Frage, was Graffiti nun ist, Kunst oder Vandalismus, lässt sich kaum klären. Kunst ist Geschmacksache, jedes illegale Graffiti aber bleibt Vandalismus. Selbstverständlich versuchen diverse Institutionen, den Sprayern entgegenzukommen und ihre Kunst zu respektieren. Selbst wenn immer mehr legale Freiflächen angeboten werden, Graffiti wird ohne den Hauch des Illegalen nicht funktionieren.

David malt heute tagsüber ein großes Bild an ein städtisches Gebäude. Die vorbeilaufenden Passanten sind begeistert und schießen Fotos. Ob diese Begeisterung anhalten würde, wüssten die Spaziergänger von Davids nächtlichen Aktivitäten, ist natürlich eine ganz andere Frage.

Text und Fotos: Nina Kummer