„Wir werden euch finden und wir werden nicht nachlassen“ – als das Hackerkollektiv „Anonymous“ einen Tag nach den Anschlägen in Paris am 13. November dem „Islamischen Staat“ per Video den Krieg erklärt hatte, war die Euphorie groß. Wenn die Politik schon nichts macht, dann müssen die Hacker den IS bekämpfen, so der Kanon. Einen Monat später offenbaren sich viele Probleme. Nicht durch den IS, sondern durch die eigenen Reihen.

Es begann vielversprechend: Als die Hacktivisten von „Anonymous“ dem „Islamischen Staat“ am 14.11. den Krieg erklärten und die „#OpParis“ ausriefen, war das mediale Echo enorm. Auf Twitter waren die Hashtags #OpParis und #OpISIS tagelang die Toptrends im November. Zudem konnte Anonymous schon zwei Tage nach der Kriegserklärung die Sperrung von rund 4000 Twitteraccounts der Terroristen und ihren Sympathisanten verkünden. Der „Islamische Staat“ nutzt hauptsächlich soziale Netzwerke, um seine Propaganda zu verbreiten und junge Leute zu rekrutieren. Am 18.11. stieg die Zahl bereits auf 20.000 gesperrte Accounts. Um die Validität ihrer Aussage zu unterstreichen, wurde die Liste der gesperrten Accounts mitveröffentlicht. Was wie ein großer Erfolg erscheint, wurde jedoch von ersten kritischen Stimmen begleitet.

Streit im eigenen Haus

Die Online-Zeitung DailyDot beruft sich auf die Aussage eines anonymen Twitter-Sprechers, wonach die von Anonymous-generierten Listen vom Unternehmen nicht beachtet werden, weil Untersuchungen die Listen als „höchst ungenau“ einschätzen. Die Listen würden nicht ausschließlich aus IS-Anhängern bestehen, sondern seien auch „voller Journalisten und Akademiker“. Daher setze man bei Twitter auf standardmäßige Meldungen der Profile, welche von arabisch sprechenden Angestellten manuell kontrolliert werden. Auch die Hackergruppe GhostSec, eine Untergruppe von Anonymous, warnte davor, alle arabischen Tweets ohne Grund zu melden. Das Nachrichtenportal Ars Technica kontrollierte nach eigenen Angaben 4000 Profile der Anonymous–Liste, wobei einige Tweets mit dem IS sympathisieren, jedoch die meisten keine direkte Verbindung zu den Terroristen habe würden. Einige davon seien „Troll-Profile“ oder lediglich Profile in arabischer Sprache.

Doch auch intern häufte sich die Kritik. Im Laufe der Operation kam es vereinzelt zu Beleidigungen via Twitter zwischen verschiedenen Anonymous-Gruppierungen. Das Profil OpParisOfficial beleidigte die Accounts von OpParisIntel und AnonNetOpParis als „von 15/16-jährigen gemachten Fakegruppierungen“. Andere Gruppen beklagten die „fame whores“, die die Situation nach der #OpISIS für neue Follower und Retweets nutzten. Der amerikanische Aktivist John Chase alias „xrsone“ sieht es im Interview mit dem Technikmagazin Wired ähnlich. Laut Chase gibt es nur „ein paar Dutzend, die wirklich engagiert sind“.

Wie soll man den IS bekämpfen?

Doch nicht nur der Auftritt in den sozialen Netzwerken ist ein Streitpunkt. Auch über die Methodik ist man sich uneinig. Während sich das Kollektiv hauptsächlich auf die sozialen Netzwerke und somit der Rekrutierungs- und Propagandainstrumente des IS konzentriert, bekämpfen andere Untergruppierungen den IS mit scheinbar anspruchsvolleren Methoden. Eine davon ist die Ghost Security Group (kurz: GhostSec). Sie setzen, laut einem Gespräch mit der BBC, auf Informationssammlungen, die man aus gehackten Foren, Chats oder Profilen auf sozialen Netzwerken gewinnt, und übergeben diese dann den Behörden. Damit das klappt, müssen diese Foren und Accounts natürlich online bleiben. Das Anonymous diese jedoch meldet und sperrt, hilft ihnen natürlich nicht. „Sie [Anonymous] haben keine Erfahrungen in Terrorismusbekämpfung oder Ähnlichem“, sagte ein DeadSec-Mitglied gegenüber der BBC. „Anonymous attackiert einige Foren der Extremisten mit wertvollen Informationen, aber wir würden sie lieber online lassen, um zu sehen was die Leute sagen und Informationen daraus extrahieren.“ Ein Anonymous-Mitglied selbst benachrichtigte darauf die britische Rundfunkanstalt via Twitter und wirft GhostSec vor, auf „Schmusekurs mit der Regierung“ zu sein und die „eigenen Erfolge zu übertreiben“.

Geboren um zu trollen

Betrachtet man die vielen Konflikte unter den schier unzähligen Anonymous-Accounts, könnte man den Eindruck eines chaotischen Kollektivs bekommen, dessen Anhänger sich unter medialem Druck, sich gegenseitig diffamieren und behindern. Dabei ist dies schon seit der Gründung von Anonymous im Jahr 2003 der Fall und einfach der eigenen Struktur geschuldet. Der Begriff „Anonymous“ selbst stammt aus dem bekannten Imageboard 4Chan, wo anonyme Verfasser von Kommentaren und Bildern als „Anonymous“ angezeigt wurden. Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine Art Subkultur unter den „Anons“, wie sich die Mitglieder nennen. Die Strukturen wurden vom Imageboard übernommen. Keine Hierarchie, keine Mitgliedschaft, keine Kontrolle und große Anonymität prägen das Kollektiv heute noch. Die Beleidigungen und Grabenkämpfe untereinander kann man ebenfalls auf die Imageboardkultur zurückführen. Provokation, Trolling und Bullying unter dem Schutz der Anonymität sind Teil des Umgangs in diesen Foren. Schadenfreude, auch „lulz“ genannt (plural für „lol“), spielen bei den Aktionen als Grundmotiv eine wichtige Rolle. Unter der medialen Aufmerksamkeit seit #OpParis und #OpISIS, findet man diese Grabenkämpfe auch jenseits der Anonymous-Foren auch auf sozialen Netzwerken.

Es fehlt an Struktur

Lose Strukturen und fehlende Hierarchien führen dazu, dass das Kollektiv auch im Internet zersplittert erscheint. So sucht man auf Twitter vergeblich nach dem „offiziellen Hauptaccount“ des Kollektivs. Vielmehr findet man mehrere einzelne Profile, die ihre eigenen Inhalte verbreiten. Dies kann auch zu Problemen führen. So veröffentlichte der Account OpParisIntel eine Liste mit möglichen Anschlagszielen des IS für den 22. November, welche für großen Aufruhr sorgte. Laut der International Business Times, habe das FBI jedoch keinerlei Hinweise auf Anschläge in den USA ermitteln können. Glücklicherweise fand keiner dieser Anschläge statt und die veröffentlichte Liste wurde wieder gelöscht. Ein anderer Anonymous-Accout, YourAnonNews, äußerte sich auf Twitter zu der Liste und bestritt die Verbreitung von Gerüchten von zukünftigen ISIS-Attacken. In der Menge der vielen Accounts findet man also keine zentrale offizielle Vertretung von Anonymous, sondern vielmehr viele, kleinere zersplitterte Profile. Für viele Nutzer ungewohnt, besonders auf Facebook, wo legitime Profile verifiziert sind. Wenn es mal doch nicht verifiziert ist, dann sucht man gewöhnlich nach dem Profil mit den meisten Likes. Aber das wird auch ausgenutzt.

Ist Anonymous rechts?

Die größte deutsche Anonymous-Seite „Anonymous.Kollektiv“ war einer der Nutznießer der medialen Aufmerksamkeit nach der „Kriegserklärung“ an den IS. Der Journalist Andres Rickmann beobachtete die Entwicklung der Seite und stellte fest, dass sie binnen zwei Tagen rund 300.000 neue Likes sammeln konnte. Momentan hat die Seite knapp 1,6 Millionen Likes (Stand: 13.12.15). Die Inhalte, die von der Seite geteilt und veröffentlicht werden, informieren jedoch selten über aktuelle Anonymous-Aktionen oder Anonymous-typische Themen, wie Netzfreiheit. Vielmehr tauchen rechtspopulistische Themen auf und Verweise zum Compact-Magazin, welches als rechtspopulistisch bewertet wird. In der Folge gab es eine große Berichterstattung seitens der Medien, u.a Spiegel Online, der Huffington Post oder dem Stern, welche vor den Inhalten warnen. Auch andere Anonymous-Gruppen distanzierten sich von der Seite. Unter ihnen auch Anonymous-Deutschland, die einen Teil der deutschen Anonymous-Szene repräsentieren. Gegenüber medienMITTWEIDA erklärten sie ihre Ansichten zur Anonymous.Kollektiv-Seite: „Wenn man uns fragt, dann gehört Anonymous.Kollektiv nicht zu Anonymous. Sie vermeidet nicht nur unsere Kernthemen, sondern wirkt diesen auch komplett entgegengesetzt. Da unsere Ziele darauf abzielen, das Medium zu schützen, in dem Anonymous existiert, bedeutet das, die Kollektiv Seite stellt eine Gefahr für Anonymous dar.“ Auf die Frage, ob Aktionen von Anonymous allgemein verifizierbar sind, obwohl das Kollektiv an sich sehr zersplittert ist, antwortete man: „Jeder kann sich Anonymous nennen. Der IS könnte sich in Anonymous umbenennen und es wäre schwer für uns zu begründen, warum sie sich nun von Anonymous unterscheiden sollten. So könnte ein Linker als Anonymous gegen Nazis kämpfen und ein Rechter unter Anonymous gegen Ausländer. Es gibt keine Instanz, das zu regeln.“ Jedoch werden meist schlechte Ideen auf Imageboards „zertrollt“. Wichtig sei auch, Aktionen zu rechtfertigen, um legitim aufzutreten. Es empfiehlt sich dennoch, die geteilten Inhalte jeder Anonymous-Seite auf sozialen Netzwerken zu hinterfragen oder zu überprüfen, ob sie mit den eigenen Vorstellungen vereinbar sind.

Die Ideale Anons

Ohne ein einheitliches Ziel, oder gar einheitliche Ideale, scheinen die Grabenkämpfe unter den Anons vorprogrammiert. Die Falschmeldungen häufen sich, die Arbeit scheint durch die fehlende Organisation eingeschränkt. Schadet also die lose Struktur die Effektivität der Anonymous-Aktionen? Die gegenseitigen Anfeindungen und Fehlinformationen scheinen den Kritikern Recht zu geben. Einen negativen Effekt sieht auch Anonymous-Deutschland: „Zum negativen Einfluss sagen wir, die dezentrale Struktur hat negativen Einfluss auf die Effektivität einzelner Zellen, die sich intern behaupten müssen.“ Doch auch Positives lässt sich herleiten: „Auf der Makroebene sehen wir dies als Qualitätsprozess, der verhindert, das komplette Kollektiv allzu einfach für die eigene Zwecke zu instrumentalisieren.“  Da auf den Anonymous-Imageboards eine Vielzahl von Menschen unterwegs sind und einen breiten Spektrum an Idealen und politischen Ausrichtungen, ob links oder rechts, vertreten, hat das Kollektiv im Allgemeinen keine politische Ausrichtung. Vielmehr wird die Meinungsfreiheit geschätzt.

Dass jeder unter den Namen Anonymous seine Ideale und Ideen verbreiten kann, ist kein Problem für Anonymous-Deutschland: „Es ist für uns keine Schwäche, da es eine Grundeinstellung für Außenstehende sein sollte Anonymous nicht blind zu vertrauen.“ Denn egal welche Ideale ein Aktivist vertritt, im Internet ist jeder Anonymous.

 

Text: Tan Trung Le. Beitragsbild: We are Anonymous. We are Legion. We do not forgive. We do not forget. Expect us © Pierre (Rennes) unter CC BY 2.0. Bearbeitung: Markus Walter.