Fernsehen, so wie wir es bisher kennen, ist out und wird dem digitalen Zeitalter längst nicht mehr gerecht. Neue Produktionsformate sind notwendig. Das Zauberwort lautet „Crossmedialität“. medienMITTWEIDA sprach mit der Produzentin Katharina Rietz über das Potential crossmedialer Arbeiten und den Unterschied zwischen erwachsenen und jugendlichen Zuschauern.

Katharina Rietz studierte Germanistik, Theater- und Medienwissenschaften. Nach ersten Erfahrungen als Producer- und Regieassistentin betreute sie verschiedene Kinder- und Jugendserien. Als Produzentin verantwortete sie 150 Folgen der Jugendserie „Schloss Einstein“. Mit dieser Erfahrung ging sie in ihr nächstes Projekt: „Coffeeshop“, eine multimediale App-Serie, die auf vielfältigen Wegen Geschichten zum Lesen, Hören, Anschauen und Miterleben bietet.

Frau Rietz, Sie haben unter anderem Germanistik und Literatur studiert. Wie kamen Sie zur Filmproduktion und was reizt Sie an Filmen?

Wie so oft in diesem Bereich per Zufall. Durch ein Praktikum in einer Produktionsfirma hatte ich erste Berührungspunkte mit dem Bereich Filmproduktion. Ich stellte fest, wieviel ich von meiner Leidenschaft für Geschichten und dem, was ich im Studium verfolgte, dort ausleben konnte. Das macht auch den Reiz für mich am Medium „Film“ generell aus: Geschichten zu erzählen, Welten zu schaffen, Figuren zu erfinden, die die Zuschauer in irgendeiner Form berühren. Und das mit einem „Werk“, das sich aus so unterschiedlichen Gestaltungsebenen zusammensetzt − Dialog, Setting, Besetzung, Inszenierung, Musik, Bildaufbau, Rhythmus. Alle diese Ebenen in erzählerischen Einklang zu bringen, ist jedes Mal ein kreatives und inspirierendes Abenteuer.

Welchen Rat würden Sie einem Medienstudenten im Hinblick auf einen erfolgreichen Berufseinstieg in der Filmbranche unbedingt mitgeben?

1. Die eigenen Stärken und Wünsche herausfinden – und sich bei Entscheidungen an diesen orientieren.

2. Flexibel und neugierig bleiben − manchmal kommt man über Umwege viel schneller ans Ziel als gedacht. Dazu gehört auch, bereit zu sein, Pläne über den Haufen zu schmeißen und offen für Veränderungen zu sein. Klingt banal, aber die Branche ist alles andere als stetig.

3. Praxiserfahrung sammeln − soviel wie möglich − ist unersetzlich bei Bewerbungen und bringt Kontakte.

4. Netzwerke pflegen! Gute Kontakte helfen übrigens nicht nur am Anfang, sondern das gesamte Berufsleben lang. 😉

5. Darauf achten, dass es einem wirklich Spaß macht. Das Filmgeschäft ist nicht gerade bequem oder sicher. Mit echter Begeisterung für den Job lässt sich einiges an Anstrengung kompensieren.

Für 150 Folgen waren Sie Produzentin der Jugendserie „Schloss Einstein“, auch andere Jugendformate, wie „Ki.Ka.-Krimi“ haben Sie mitbetreut. Muss man für Kinder und Jugendliche anders erzählen als für Erwachsene und wenn ja, wie?

Die Zielgruppe von Kindern und Jugendlichen ist sehr viel heterogener und verändert sich schneller als andere Zuschauergruppen. Deswegen sollte man hier stets über aktuelle Trends, neue Formate und das generelle Mediennutzungsverhalten der Kids etc. gut informiert sein.

Was das Erzählen selbst angeht, sehe ich keine Unterschiede zur Zielgruppe der Erwachsenen − abgesehen davon, dass Kinder meines Erachtens ein sehr viel ehrlicheres und vor allem aufmerksameres Publikum sind. Der Spruch „das versendet sich“ funktioniert bei Kindern und Jugendlichen in der Regel nicht. Sie achten auf Details, erkennen Anschlussfehler, dramaturgische Unstimmigkeiten und verfügen über eine enorme Medienkompetenz.

Dass Kinder und Jugendliche ein Recht auf ebenso qualitativ hochwertiges Fernsehprogramm haben wie andere Zielgruppen auch, steht außer Frage. Angesichts der unterschiedlichen Budgets ist dies aber immer wieder eine besondere Herausforderung beim Produzieren.

Als Produzentin sind sie außerdem für die multimediale Serie „Coffeeshop“ verantwortlich, die sich transmediales Storytelling zu Eigen macht. Was macht für Sie den besonderen Reiz des „Coffeeshop“ aus?

Was mir besonders gut gefällt, ist das Erzählen aus unterschiedlichen Perspektiven. Während zum Beispiel der Roman aus der Ich-Perspektive der Hauptfigur geschrieben ist, bieten die Filmszenen dem Zuschauer, Leser oder User die Möglichkeit, das Geschehen aus der Perspektive der anderen Figuren zu erleben. So bekommt jede Figur in den Geschichten „ihre eigene Stimme“. Die Widersprüchlichkeiten, die dabei entstehen, schaffen Humor und Authentizität. Denn wie sagt man so schön, „es ist halt alles Ansichtssache“.

Wie würden Sie die Zielgruppe von „Coffeeshop“ beschreiben?

Die Kernzielgruppe liegt unserer Erfahrung nach vor allem bei Frauen zwischen Mitte 20 und Ende 40. Wir haben in unserem Konzept den Begriff der „Generation Suche“ etabliert, um sowohl die Protagonisten als auch die Zuschauergruppe zu beschreiben. Gemeint ist damit jedoch nicht nur eine Altersgruppe unentschiedener Endzwanziger, die noch nicht genau wissen, welche Richtung sie in ihrem im Leben einschlagen wollen.

Wir glauben, dass „Generation Suche“ mehr oder weniger uns alle meint. Wir leben in einer Gesellschaft, in der es um Leistung, Individualität, Veränderung und Schnelligkeit geht, und in der vor allem alles möglich scheint. Dem gegenüber steht eine große Sehnsucht der Menschen nach Orientierung, nach Stabilität und nach Verlässlichkeit. Wir sind alle auf der Suche nach dem richtigen Weg, dem richtigen Leben, dem richtigen Beruf oder dem richtigen Partner. Das spiegeln auch die Episoden in „Coffeeshop“ wider. Insofern sind die Geschichten aus unserer Sicht etwas für Jeden, der sich zur „Generation Suche“ zählt.

Die Figuren aus dem Coffeeshop sind auch in sozialen Netzwerken zu finden, sodass die Nutzer mit ihnen interagieren können. Wie stellen Sie sich die Interaktion der Zukunft vor: Werden bald Fan-Seiten von Personenprofilen abgelöst?

Soziale Netzwerke verleiten zwar zu Flucht in Traumwelten, aber ich glaube, die Sehnsucht der Menschen nach „echtem“ Kontakt zu „echten“ Menschen ist ein Bedürfnis, das sich deswegen nicht verändert. Möglicherweise nimmt es sogar zu. Zu jedem Trend entsteht ja immer eine Gegenbewegung.

Mehr zum Thema „Transmedia Storytelling“ am 11. und 12. November
auf dem Medienforum Mittweida. Jetzt Tickets sichern!

In welcher Branche sehen sie noch Potential, um in Zukunft noch crossmedialer zu agieren und das Publikum noch stärker mit einzubeziehen?

Die Frage ist, was „crossmedialer“ bedeutet und wie sich die Technik entwickeln wird. Ich denke, in den Bereichen, in denen crossmediales Erzählen bereits an der Tagesordnung ist − wie bei Games, Webserien und zum Beispiel auch Doku-Formaten − wird die Entwicklung auch am stärksten vorangehen. Sinn haben crossmediale Konzepte für mich unter anderem auch im Bereich „Education“ und in der journalistischen Arbeit. Mit beispielsweise Zeitungsgruppen, Hörfunksendern oder Schulbuchverlagen kann ich mir spannende Kooperationen vorstellen.

Ist eine Fortsetzung von „Coffeeshop“ oder anderen crossmedialen Projekten zukünftig geplant?

Ja, wir haben aus der App ein TV-Konzept für eine Sitcom entwickelt. Wir hoffen, diese im deutschen Fernsehen platzieren zu können. Wenn das gelingt, wird es auf jeden Fall auch eine zweite Staffel der App-Serie geben.

Daneben planen wir mehrere andere crossmediale Formate, sowohl für Erwachsene, als auch für Kinder. Die Zusammenarbeit mit dem „Bastei Lübbe Verlag“ spielt dabei eine große Rolle, da wir unterschiedliche Kräfte sinnvoll bündeln können.

Mehr von Katharina Rietz?

Sehr gern! Auf dem Medienforum Mittweida am 11. und 12. November 2013 spricht sie gemeinsam mit Georg Tschurtschenthaler und Michael Geidel zum Thema „Transmedia Storytelling“. Alle drei präsentieren Konzepte und Ansätze verschiedene Medien in die Umsetzung einer Geschichte mit einzubeziehen. Alle Informationen dazu finden Sie auf der Webseite des Medienforums.

Interview: Theres Grieger, Grafik: Hanna Frantz