Facebook und Co helfen Organisationen Aktivisten für sich zu gewinnen.

Facebook und Co helfen Organisationen Aktivisten für sich zu gewinnen.

Das Video „Kony 2012“ wird derzeit kritisch diskutiert. Auch andere Hilfsorganisationen nutzen die schnelle Reaktionsmöglichkeit und die hohen Reichweiten der sozialen Netzwerke.

Derzeit haben knapp 80 Millionen Menschen das „Kony 2012“-Video auf „Youtube“ gesehen. Die Kontroverse um den Kurzfilm wird auch auf der „Facebook“-Seite der Initiative kritisch diskutiert. Laut einem Bericht auf „Stern.de“ bezweifeln Kritiker, dass die Situation in Afrika durch einen solchen Medienhype verbessert werden kann. Das Video sei „überemotionalisiert“ und inhaltlich falsch. Sogar einheimische Blogger in Uganda kritisierten die Kampagne: „Wir brauchen keinen weiteren ausländischen Helden.“

Der Regisseur des „Kony 2012“ -Videos, Jason Russell, nutzt die Stärken sozialer Netzwerke für seine Zwecke. Sein Ziel ist es, möglichst  viele Menschen auf der Welt über den Kriegsverbrecher Joseph Kony zu informieren, damit viele Nutzer geschlossen gegen ihn vorgehen. Russels Konzept beruht auf Viralität, einer Art Kettenreaktion. Über soziale Portale sowie Videoplattformen wird auf das Projekt und Joseph Kony hingewiesen. Je mehr davon erfahren, desto mehr mögliche Aktivisten gewinnt das Projekt. Diese verschaffen sich durch ihre Masse Gehör bei Politikern, die dann wiederum helfende Maßnahmen einleiten.

Der Regisseur ist ebenfalls Mitgründer der Organisation „Invisible Children“, die hinter dem Video steht und mit Hilfe von Dokumentarfilmen gegen die Konflikte in Afrika mobil machen will. Das Projekt läuft bereits seit mehreren Jahren. In dieser Zeit veröffentlichte die Organisation einige kurze Aufklärungsvideos, die aber nur wenig Aufmerksamkeit erzielten. Erst durch das aktuelle „Kony 2012“-Video und die darauf folgende Kontroverse hat es das Projekt weltweit in die Nachrichten geschafft. „Ist eine Aktion und die Geschichte darum sehr interessant, dann springt sie von den sozialen Medien in die klassischen Medien wie Print und TV“, erklärt Volker Gaßner, Pressestellenleiter von „Greenpeace“.

Mit „Likes“ Politik unter Druck setzen

Auch andere Hilfsorganisationen haben sich die Stärken des Web 2.0 zu Nutze gemacht. „Amnesty International“ nutzt Plattformen wie „Facebook“ zur Steigerung ihrer Reichweite. Weltweit zählt die Vereinigung etwa drei Millionen aktive Mitglieder, die sich gegen Menschenrechtsverletzungen einsetzen. „Ein Großteil dieser Mitwirkenden verbringt inzwischen einen bedeutenden Teil ihres Berufs- und Privatlebens mit den sozialen Netzwerken. Es ist wichtig für uns, dort zu sein, wo die Menschen sind“, erklärt Mathias Wasik, Fachreferent Online bei „Amnesty International“. Auch Greenpeace-Sprecher Gaßner ist von den Möglichkeiten der sozialen Netzwerke überzeugt: „Hier können wir die Leute direkt ansprechen und mit unseren Aktionen emotional erreichen. Nur so beachten sie uns und leiten unsere Informationen, Ideen und ‚Mitmach‘-Angebote weiter.“

Auch die Generierung passiver Mitglieder wird über soziale Netzwerke erleichtert. „Ein ‚gefällt mir‘ ist schon viel wert, denn dadurch erfahren auch Menschen von unserer Arbeit, die bislang noch nicht viel über ‚Amnesty International‘ gehört haben“, erzählt Wasik. Die Informationsverbreitung mit Hilfe der „Likes“ rege die Menschen zum Diskutieren und zum Nachfragen an. „Das zeigt uns, dass ein großes Interesse daran besteht, selbst aktiv zu werden und sich mit dem Thema Menschenrechte zu beschäftigen“, sagt Wasik positiv gestimmt. Auch Gaßner hat eine ähnliche Beobachtung gemacht: „’Greenpeace‘ stellt die Mittel bereit, aber die Online-Aktivisten erzeugen den Druck zur Veränderung von Politik und Konzernen. Sie merken, dass sie etwas bewirken können.“ So auch im aktuellen Fall von „Greenpeace“-Aktivisten, die gegen die Überfischung vor der Küste Mauretaniens in Westafrika demonstrieren.

Schnelle Reaktion kann Leben retten

Für bestimmte Projekte ist die voranschreitende Zeit ein Gegenspieler, gerade wenn es um Menschenleben geht. Bei sogenannten „Urgent Actions“, also Eilaktionen, zählt oftmals jede Stunde um beispielsweise Folterungen oder Morde zu verhindern. „In diesen Fällen rufen wir weltweit auch über soziale Netzwerke dazu auf, E-Mails und Faxe an Verantwortliche zu schreiben um zum Beispiel eine Hinrichtung in letzter Minute zu verhindern“, erklärt Wasik die Wichtigkeit der schnellen Informationsverbreitung. Auf diesem Wege startete „Amnesty International“  im vergangenen Jahr eine Aktion für den jungen aserbaidschanischen Aktivisten Jabbar Savalan. „Daraufhin haben tausende Menschen per Brief seine Freilassung aus dem Gefängnis gefordert und dies erfolgreich“, berichtet Wasik. Der 20-jährige Student war im Mai 2011 zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden, weil er über Facebook zu Protesten gegen die Regierung aufgerufen hatte.

Text: Stephanie Knobus, Bild: sxc.hu, flickr.com, Fotograf: svilen001, Nokero, Bearbeitung: Florian Pfennig