„Liebe Mama, lieber Papa: Denkt nach, bevor ihr postet!“

von | 17. September 2018

Luise Meergans ist seit 2016 als Bereichsleiterin für Kinderrechte und Bildung für das Deutsche Kinderhilfswerk tätig. Quelle: Luise Meergans

Eine Welt ohne Internet ist heute für viele unvorstellbar. Die jetzige Generation ist die erste Generation, die von Geburt an mit einer digitalen Welt konfrontiert wird. Oftmals wird eine digitale Spur hinterlassen, bevor ein Individuum sprechen oder gehen kann. Was Eltern lustig, niedlich oder einfach mitteilungsdürftig finden, ist Kindern oftmals später peinlich. Neben dem Schamgefühl werden auch die Persönlichkeitsrechte von Kindern bei solch einer Veröffentlichung tangiert. Luise Meergans beschäftigt sich seit Jahren mit dieser Thematik und erklärt uns ihre Sichtweise.  

medienMITTWEIDA: Wenn man durch seinen Feed in den sozialen Netzwerken scrollt, sieht man vermehrt Bilder von Kindern, welche von deren Eltern oder von Bekannten ins Netz gestellt wurden. Was denken Sie denn, warum die Leute so etwas posten?

Luise Meergans: Wir, als Deutsches Kinderhilfswerk, haben die gleichen Beobachtungen gemacht. Wir beschäftigen uns schon eine ganze Weile damit und haben verschiedene Theorien. Erstmal muss man sich fragen, warum Leute das Bedürfnis haben, sich so selbst darzustellen. Ein Teil unserer Theorie geht vor allen Dingen dahingehend, dass wir es natürlich jetzt mit einer Elterngeneration zu tun haben, die selbst mit der intensiven Nutzung von digitalen Medien aufgewachsen ist. Das bedeutet nicht, dass sie Profis sind im Umgang mit digitalen Medien, sondern eher, dass sie sie selbstverständlicher nutzen als andere, sie integriert haben in ihr Leben und andersrum ihr Leben in die digitalen Netzwerke integriert haben. Soviel zum Thema Selbstinszenierung. Viel macht aber auch der soziale Druck aus. Es gibt Erwartungen, die auch an einen jungen Menschen innerhalb der Peergroup gestellt werden: Wenn alle meine Freunde Instagram haben und sich dort darstellen, mach ich das vielleicht irgendwann auch. Und das sind Leute, die haben früher ihr Essen fotografiert, und haben ihren Urlaub auf Instagram gestellt. Und plötzlich ist ein Kind da. Das Kind gehört einfach so mit dazu, dass es selbstverständlich in dieses erlernte Internetverhalten integriert wird. Das andere ist, und das ist noch viel nachvollziehbarer, der Stolz, den junge Eltern oder Großeltern empfinden, wenn das Kind da ist. Und wir haben auch die Theorie, aber das ist keine wissenschaftlich fundierte Theorie, dass es gerade auch in Bezug auf junge Mütter eine Rolle spielt, welche Ansprüche heutzutage an sie gestellt werden. Dass sie nach der Geburt relativ schnell wieder super schön aussehen, super schlank sind, super happy über das Kind, dass an sie der Anspruch erhoben wird, alles gut hinzukriegen, dass Kindererziehung irgendwie nebenbei läuft, man natürlich schnell wieder in den Job geht, viel Zeit zu Hause verbringt mit dem Kind, alles total super macht. Es geht um das Erfüllen eines Erwartungsdrucks.

Welche Einstellung vertritt denn das Deutsche Kinderhilfswerk zu Kinderfotos im Internet?

Ich sag jetzt schon mal eine ganz wichtige Sache für uns: Wir sprechen uns nicht gegen Kinderfotos im Internet aus. Das hat den Grund, dass wir uns als Kinderrechtsorganisation engagieren und uns für die Umsetzung von Kinderrechten engagieren und im Sinne von Kindern handeln. Das bedeutet aber auch vor allen Dingen dafür zu sorgen, dass wir eine kinderfreundliche Gesellschaft haben. Und eine kinderfreundliche Gesellschaft ist unserer Meinung nach dann kinderfreundlich, wenn Kinder sichtbar sind, wenn sie überall als Selbstverständlichkeit angenommen werden und wenn sie überall eine Daseinsberechtigung haben. In allen Räumen. Und das Internet muss inzwischen als eigener sozialer Raum begriffen werden. Da passiert Leben. Und entsprechend muss auch in diesem sozialen Raum eine Sichtbarkeit von Kindern stattfinden. Ein Internet ohne Kinderbilder ist völlig absurd. Wir dürfen bei der ganzen Zeit unseres Lebens, die wir im Internet verbringen, nicht vergessen, dass es Kinder gibt. Dass sie dazu gehören, dass sie sichtbar sind und dass wir auch Verantwortung gegenüber Kindern haben.

Welche Bilder sind denn okay und welche nicht?

 Es ist nichts dagegen zu sagen, dass Fotos von fröhlichen Kindern oder auch mal von einem Kind, was ein bisschen traurig ist, im Internet sind. Es ist auch nichts dagegen zu sagen, dass glückliche Eltern ihr Neugeborenes einmal reinstellen, um damit alle zu informieren und dann erstmal zwei Wochen Ruhe zu haben um sich an das neue Familienleben zu gewöhnen. Wogegen was zu sagen ist, sind Bilder, die missbräuchlich genutzt werden können oder auch jene, die Kinder diskreditieren, beziehungsweise Kindern später peinlich sein können.

Welche Rechte werden bei solch einer Veröffentlichung tangiert?

Wenn man das jetzt auch mal auf die Rechte runterbricht, gibt es ganz bestimmte Kinderrechte, die berührt werden, wenn solche Bilder online gestellt werden. Wir haben einmal den Artikel 16 der UN Kinderrechtskonvention. Dieser schreibt fest, dass Kinder ein Recht auf Privatsphäre und Ehre haben. In dem Moment, wo ich ein Foto von einem Kind online stelle, verstoße ich per se gegen Kinderrechte, weil in dem Moment die Privatsphäre gebrochen wird. Wenn wir dann über Ehre und Würde reden, sind wir ganz schnell beim Persönlichkeitsrecht. Persönlichkeitsrecht steht so als Wort nicht in den Kinderrechten, auch nicht im Grundgesetz, aber abgeleitet von den Artikeln eins und zwei des Grundgesetzes bildet sich das Recht auf Persönlichkeit eines jeden Menschen, für den das deutsche Grundgesetz gilt. So unsere Verfassung. Die gilt nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Kinder. Und ein Foto, was Kindern später peinlich sein könnte, greift das Persönlichkeitsrecht an und ist somit rechtswidrig. Theoretisch müsste man nach dem Artikel 12 der UN Kinderrechtskonvention die Kinder auch an der Entscheidung, ob Fotos von ihnen im Internet landen oder nicht, beteiligen. Sie müssten ein Mitspracherecht bekommen und das haben sie in den seltensten Fällen. Tatsächlich ist das der eigentliche Knackpunkt der ganzen Diskussion. Das Menschen für diese Kinder, die nicht immer Kinder sein werden, entscheiden, dass Daten im Internet landen und dort eben im Zweifelsfall auch erstmal eine sehr lange Zeit bleiben. Dann gibt es noch den Artikel 19 der UN Kinderrechtskonvention, wo festgeschrieben ist, dass die Staaten, die die Kinderrechtskonvention ratifiziert haben, dazu verpflichtet sind, Kinder vor Gewaltanwendungen, vor Schaden oder Misshandlungen zu schützen. Dies wird in Artikel 34 nochmal viel expliziter. Hier heißt es, dass Kinder vor allen Dingen geschützt werden müssen vor sexueller Ausbeutung und sexuellem Missbrauch. Bei Fotos von Kindern, auf denen sie nackt oder leicht bekleidet sind, ist der gesellschaftliche Konsens glücklicherweise so weit, dass wir diese verachten. Das wird in der Regel auch gemeldet. Es gibt aber tatsächlich Leute, die meinen ,es ist nicht schlimm, ein Kind nackig in der Badewanne zu zeigen, es ist ja nur ein Kind.

Welche Folgen kann denn solch ein Posting nach sich ziehen?

Viele, die Kinderbilder posten, verschließen sich einfach vor den Folgen, die ein Bild online haben kann. Sie setzen das dann einfach gleich mit analogem Fotoalbum. Das sind ganz oft auch Großeltern, die einfach nicht so richtig die Vorstellung haben, was das eigentlich reichweitentechnisch bedeuten kann, ein Foto auf Facebook zu stellen. Es kann passieren, dass später Fotos beispielsweise zu Zwecken von Cybermobbing genutzt werden, wenn Jugendliche irgendwie unbeliebt sind in der Schule oder wenn Klassenkameraden einen eh schon auf dem Kieker haben und so ein Kinderfoto im Netz finden. Das muss nicht mal ein peinliches Kinderfoto sein. Mit den einfachsten Methoden und ein paar Klicks in einer App kann man Fotos verstellen, missbrauchen, so dass es für den Jugendlichen auch wirklich zu Schaden kommen kann. Und überall im Internet werden unsere Daten gesammelt und gespeichert, wir wissen aber nicht was mit unseren Daten passiert. Plötzlich sind Datensammlungen über das ehemalige Kind im Internet abrufbar. Und das ist der Knackpunkt an dieser Sache. Dass Kinder, deren Fotos im Internet landen, nicht beteiligt werden an der Entscheidung, ob Daten von ihnen im Internet landen, ohne dass irgendjemand die Folgen kennt.

Welche anderen Möglichkeiten der Sensibilisierung für dieses Thema gibt es denn?

Also Eltern zu sensibilisieren ist natürlich ganz weit oben, aber das kann selbstverständlich nicht nur unsere Aufgabe sein. Fakt ist, dass wir uns nicht in Elternerziehung einmischen wollen. Ich sehe viel eher die Herausforderung darin, das wirklich breit aufzustellen und diese gesellschaftliche Herausforderung, die wir generell Kindern gegenüber haben auch ernst zu nehmen. Aber auch Anbieter wie zum Beispiel Instagram oder Facebook haben eine Verantwortung, dass gewisse Bilder eben nicht im Internet landen. Und dass sie auch Daten von Kindern schützen müssen und ihre Standards, ihre Meldemechanismen, anzupassen und ihre Verantwortung deutlich wahrzunehmen. Aber das kann nicht nur unsere Aufgabe sein, das ist auch politische Aufgabe. Auch die Politik muss hier deutlicher in die Verantwortung gehen und mit den Anbietern ins Gespräch gehen und dort Prozesse entwickeln und auch sanktionieren, wenn verstoßen wird.  Gleichzeitig muss es auch Aufgabe von Politik sein, Kinder zu schützen und ein sicheres Aufwachsen bei den Eltern zu ermöglichen. Da muss auch Politik viel mehr Programme fördern zur Sensibilisierung von Eltern und natürlich auch von Kindern. Das ist quasi das was wir heute tun können, aber wir können natürlich auch perspektivisch denken und sagen wir müssen viel mehr investieren in die Medienkompetenzförderung unserer Kinder und Jugendlichen. Die sind in ein paar Jahren im Zweifelsfall Eltern, die mit selbstverständlichen digitalen Tools aufgewachsen sind.

Ende 2017 habt ihr ja eine Kampagne mit dem Claim: „Liebe Mama, lieber Papa, denkt nach, bevor ihr etwas postet“ gestartet. Wie waren denn die Reaktionen darauf?

Diese waren sehr gemischt. Also erstmal mögen es Eltern generell nicht, wenn sie das Gefühl haben, jemand würde sich in ihre Erziehung einmischen. Das ist auch total nachvollziehbar. Deshalb haben wir uns ja eigentlich bemüht, auf diesen pädagogischen Zeigefinger zu verzichten und nicht zu sagen: Ihr dürft so etwas nicht posten, sondern denkt nach, bevor ihr es postet. Was sehr auffällig war, ist dieses fehlende Bewusstsein des Unterschiedes zwischen analoger Fotokommunikation wie z.B. Fotoalben und digitaler Kommunikation über Fotos, wenn ich es irgendwie online stelle. Dass es da einen extremen Unterschied gibt, ist den Leuten, glaube ich, noch nicht so bewusst. Also wir haben dann wirklich so Kommentare gehabt wie: ,,Früher haben wir auch alles in Fotoalben geklebt und dann wurde es allen gezeigt. “ Der Unterschied zwischen einem analogen Foto weiter zeigen oder ein Foto von einem Kind einem Netzwerk mehrerer Milliarden Leute zur Verfügung zu stellen ist vielen nicht bewusst. Das mag einerseits daran liegen, dass vielleicht auch die kinderrechtliche Perspektive fehlt, deshalb hatten wir ja so einen Stempel drauf mit: ,,Kinder haben auch Rechte“. Also das ist auch einfach rechtswidrig, was da passiert mit den Fotos. Eine andere Reaktion war aber durchaus auch, dass wir sehr viel Zustimmung bekommen haben. Es haben unfassbar viele Leute geteilt oder haben Leute darunter verlinkt. Uns haben sogar Eltern Fotos geschickt per Direktmessage und haben gesagt, dass sie unseren Beitrag gesehen haben und dass sie nachfragen wollten, ob ihr angehangenes Bild in Ordnung ist. Es war auch sehr rührend so zu sehen, dass wir dadurch auch sehr ernst genommen wurden. Gleichzeitig haben wir aber auch gemerkt, dass diese Kampagne extreme Presseresonanz gebracht hat. Das heißt, das ist ein Thema, das gesellschaftlich sehr relevant ist und wirklich viele Leute beschäftigt und worauf viele Leute eben keine Antwort haben. Weil die Antwort, wie so oft in der Kindererziehung, total widersprüchlich ist. Es ist immer ein Abwägen zwischen Kinderschutz und Kindeswohl und Kinder sichtbar machen und Kindern Freiheiten geben, an gesellschaftlichen Prozessen zu partizipieren. Das ist genauso, wie wenn ein Kind auf einen Baum klettert: Entweder fällt es runter oder es hat ein tolles Erlebnis. Dieser Widerspruch gehört natürlich dazu.

Das Deutsche Kinderhilfswerk startete am 09.November.2018 eine Kampagne mit sechs aussagekräftigen Bildern mit entsprechenden Claims. Quelle: Deutsches Kinderhilfswerk

Welche Möglichkeit gibt es denn, Kinder in solch einen Prozess miteinzubeziehen?

Das ist natürlich ein Teil eines Prozesses, der generell Aufgabe des Elternhauses sein muss und auch die des familiären und pädagogischen Umfeldes. Es ist ein Zusammenspiel aller Instanzen, die mit dem Kind zu tun haben. Das heißt, ich muss mein Kind so erziehen, dass es in einer mediengeprägten Welt klarkommt und dann kann ich ihm auch irgendwann klar machen, was es denn eigentlich bedeutet, wenn ein Foto im Internet landet. Und wenn es ein Bild ist, bei dem ich mir vorstelle, dass ihm das auch später zum Verhängnis werden könnte, dann sollte ich erst gar nicht auf die Idee kommen, mit dem Kind darüber zu reden, ob es ins Internet gehört oder nicht. Sondern es geht da wirklich eher um Bilder, wo man sagt: ,,Guck mal das find ich total lustig, hier hüpfst du hoch und lachst dabei. Findest du das auch schön? Und wollen wir das irgendwie online stellen, so dass das meine Freunde und deine Großeltern sehen können?“ Und dann sagt das Kind eben ja oder nein. Man kriegt auch bei kleinen Kindern überraschend konkrete Antworten. Man merkt, Kinder haben ein Gefühl dafür, was da denn eigentlich passiert. Und dass da Momente festgehalten werden, wo sie vielleicht gar nicht möchten, dass das festgehalten wird. Es geht da wirklich einfach darum, mit dem Kind von klein auf im Gespräch zu sein.

Interview: Maria Neubauer