Alltagsrassismus

Als Muslime in Deutschland

von | 1. Februar 2021

Drei Muslime sprechen über ihre Erfahrungen mit Rassismus.

Der Islam gehört zu Deutschland.” Diesen Satz sagte der ehemalige Bundespräsident Christian Wullf während seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2010. Vier Jahre zuvor tätigte der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble eine ähnliche Aussage. Der Islam ist ein Teil Deutschlands und Europas”, sagte er damals auf der ersten Islamkonferenz in Berlin. Doch auch über ein Jahrzehnt später stellt sich die Frage: Gehört der Islam wirklich zu Deutschland?”

Ein Blick auf die Zahlen der letzten Jahre zeigt: Bis November 2020 gab es 634 islamfeindliche Übergriffe, so das Bundeskriminalamt (BKA) auf eine Anfrage der Linken. Dazu zählen Volksverhetzung, Beleidigungen, Beschimpfungen, Störung der Religionsausübung und Sachbeschädigung. Im ersten Quartal gab es 275 islamfeindliche Übergriffe, im zweiten 214 und im dritten 144. Im Jahr 2019 hatte es insgesamt 871 islamfeindliche Angriffe gegeben. Trotz der sinkenden Zahlen gibt es im Durchschnitt jeden Tag mindestens einen Angriff, was verdeutlicht: Rassismus gegen Muslime ist noch allgegenwärtig.

Auch die Geschehnisse der letzten Jahre sprechen dafür. So begann das letzte Jahr mit einem islamfeindlichen Anschlag in Hanau. Am 19. Februar 2020 erschoss Tobias R. neun muslimische Mitbürger in und vor zwei Shishabars. Nur drei Tage später bestätigte der hessische Innenminister Peter Beuth, dass es sich dabei um ein fremdenfeindliches Motiv handele. Vor seiner Tat hatte Rathjen ein Pamphlet (auch Schmähschrift genannt) mit dem Titel „Botschaft an das gesamte deutsche Volk“ veröffentlicht.
Auch nicht vergessen sind die Geschehnisse in Chemnitz 2018. Nachdem ein Syrer und ein Iraker den 35-jährigen Daniel H. am 26. August 2018 am Rande des Stadtfestes erstachen, protestierten am nächsten Tag mehrere hundert Menschen in der Chemnitzer Innenstadt. Einige von ihnen griffen vermeintlich ausländische Mitbürger an.

Doch auch im ganz normalen Alltag haben Muslime mit Rassismus zu kämpfen. Drei Betroffene berichten von ihren Erfahrungen.

Keine Ruhe

Mein Name ist Fadel*, ich bin 60 Jahre alt und seit 1998 in Deutschland. Im Libanon habe ich einen Meister als KFZ-Mechatroniker gemacht. Hier wird mein Abschluss jedoch nicht anerkannt. Also habe ich mir ein Standbein als Autohändler aufgebaut. Es ist definitiv keine leichte Arbeit und die Angriffe gegen meine Person machen die Situation nicht leichter.

Ich kann mich noch gut an eine Situation in Döbeln erinnern. Ich war mit einem Interessenten verabredet, der sein Auto verkaufen wollte. Wir waren für 12:00 Uhr verabredet. Ich war kurz vorher da, er noch nicht. Also wartete ich an dem vereinbarten Ort – dort stand auch schon das Auto. Um mir ein bisschen die Zeit zu vertreiben, habe ich mir das Auto schon mal ein bisschen angeschaut. Plötzlich kam ein Mann schreiend auf mich zu, auf seinem T-Shirt stand „Security”. Er stellte die Theorie auf, ich wäre nur hier, um mir einen Plan zu machen, wo ich in der Nacht überall einbrechen könne. Die Gegend war voll mit Geschäften. Ich lachte nur, erklärte ihm die Situation und bat ihn zu gehen, da ich keinen Streit wollte. Aber statt zu gehen, rief er jemanden an. Der Angerufene solle bitte mal herunterkommen. Ich fragte, was das soll, denn ich hatte ihm alles erklärt. Da fing er an, mich zu beleidigen. Ich sei ein Schmarotzer, Vergewaltiger, Terrorist und hochkriminell. Sowohl das N-Wort als auch das Wort Kanake sind gefallen. Also wurde ich ebenfalls laut. In dem Moment kamen ein paar Leute aus verschieden Geschäften raus. Einige waren zum Glück auf meiner Seite. Doch auch die Person, die der Mann angerufen hatte, war nun draußen. Es stellte sich heraus, dass ihm das Geschäft von gegenüber gehört. Er rief sofort die Polizei. Anschuldigung: Vorbereiten eines Einbruchs. Als er auflegte, sagte er nur: „Diesmal hat es nicht geklappt, du elendes Affengesicht.” In dem Moment bin ich geplatzt und wurde ebenfalls beleidigend. Ich wäre auch handgreiflich geworden, wären da nicht Leute gewesen, die mir zu Seite standen. Irgendwann – nach 20 Minuten Verspätung – kam meine Verabredung, zeitgleich mit ihm die Polizei. Er dementierte alles, was der Security sagte und zeigte der Polizei unseren Chatverlauf. Diese gab uns recht und orderte alle an, in ihre Geschäfte zurückzugehen. Jeder ging der Aufforderung nach, sogar der Security. Eine Entschuldigung bekam ich nicht.
Ich verschob daraufhin das Treffen und nahm mir den restlichen Tag frei. Solche Situationen passieren zum Glück nicht häufig, dennoch macht mich sowas wütend. Beten hilft mir, all das zu verarbeiten.

Eine Situation, die doch häufiger vorkommt, ist, dass ich immer wieder die Polizei rufen muss, weil meine Autos oder der Container, in dem ich mein Büro habe, mit rassistischen Texten beschmiert werden. „Scheiß Musselmänner”, „Kanaken sind kacke”, „Ausländer raus” oder „Deutschland über alles”, sind nur einige Beispiele. Natürlich bleibt es nicht nur bei den Beschmierungen. Die Täter nehmen immer etwas mit – manchmal klauen sie die Autos. Ich fühle mich dann hilflos und traurig. Auf die Polizei kann ich mich nicht verlassen. Im Gegenteil: Es ist schon häufig vorgekommen, dass die Beamten mir zu verstehen gegeben haben, dass ihnen die Situation egal sei und sie den Aussagen zustimmen. Einer sagte mir mal: „Naja, wissen Sie was? Verpissen Sie sich einfach wieder in ihr Land. Da ersparen Sie sich das Geheule und uns die Arbeit.” Diesen Polizisten habe ich sofort des Platzes verwiesen.
Diese Momente sind die Schlimmsten, weil meist keiner da ist, um mir zu helfen. Und, weil meine Existenz betroffen ist. Ich komme damit zurecht, wenn ich als Person angefeindet werde, aber nicht, wenn meiner beruflichen Existenz etwas zustößt. Denn schließlich habe ich eine Familie zu ernähren. Jede Beschmierung, jeder Einbruch bedeutet extra Kosten. Geld, das ich für meine Familie brauche. Das sind die Momente, in denen mich der Rassismus zum Weinen bringt – mit 60 Jahren.

Wenn die Kopfbedeckung zur Gefahr wird

Mein Name ist Manal*. Ich bin 40 Jahre alt und seit 2004 in Deutschland. Gemeinsam mit meinem Mann habe ich vier Kinder. Er geht arbeiten und ich kümmere mich um die Kinder. In den letzten 17 Jahren ist mir oft Rassismus widerfahren. Der ausschlaggebende Punkt dabei war mein Kopftuch.

Beleidigungen muss ich mir wöchentlich anhören – beinahe schon täglich. Ganz schlimm war es in der Zeit, in der ich meine schulische Ausbildung absolvierte. Das meiste ging von nur einer Mitschülerin aus. Ich war ihr von Anfang an ein Dorn im Auge. Kämmte sie zum Beispiel ihre Haare, lief das kaum mal ohne einen Seitenhieb gegen meine Person ab. Es sei so toll, gepflegte Haare zu haben und sie frei gestalten zu können. Das waren nur ein paar von vielen Kommentaren. Natürlich hat sie das nur in den Pausen gemacht, sodass es einzig die Klasse mitbekommen hat. In solchen Situationen stand mir keiner zur Seite – ganz im Gegenteil. Sie hatte immer Freundinnen an ihrer Seite, die das lustig fanden und lachten. Dennoch habe ich es mir nicht gefallen lassen. Ich habe jedes Mal Kontra gegeben. Irgendwann ist mir dann der Kragen geplatzt. Es war früh am Morgen. Ich kam gerade ins Klassenzimmer rein, als sie anfing zu lachen. Ich fragte sie, was denn so lustig sei. Sie meinte nur, dass mein Kopftuch aussehe wie eine Mülltüte. Dann hat sie mir eine Bananenschale gegeben mit dem Kommentar: „Hier, damit die Mülltüte auf deinem Kopf auch Sinn ergibt.” Ich sagte nichts dazu und ging zum Direktor. Er war entsetzt und rief die Frau zu sich ins Rektorat. Er erteilte ihr einen Verweis. Ab da war sie wie ausgewechselt.

Neben den Beleidigungen gab es auch schon Situationen, in denen man mir körperlich zu nahe kam. Das letzte Mal war vor nicht allzu langer Zeit – vielleicht vor einem halben Jahr. Ich war gerade auf dem Weg vom Einkaufen nach Hause. Aus dem nichts kam ein Mann. Noch bevor ich realisieren konnte, was passierte, rieb er seinen Körper an mir und zog mir das Kopftuch runter. Er flüsterte in mein Ohr: „Zier dich doch nicht so. Deine Religion verbietet es dir, dich zu wehren.” Ich versuchte, ihn wegzuschubsen und schrie. Er hat mir darauf einen Kuss auf die Wange gegeben und rannte weg. Ich habe mir schnell mein Kopftuch wieder gerichtet und bin weinend nach Hause gerannt. Der Schock saß so tief. Es war das erste Mal, dass so etwas passiert ist und ich war auch noch alleine. So hilflos habe ich mich noch nie gefühlt.

Ein anderer Moment, in dem ich mir nicht nur Worte anhören musste, war, als man mich mit Eiern beworfen hat. Es waren zwei Damen – vielleicht um die 20. Sie riefen mir zu, dass ich eine verdammte Männer Sklavin sei. Mein Kopftuch wäre ein Schlag ins Gesicht für diejenigen, die für Gleichberechtigung kämpfen. Ich lief zu den beiden Damen und fing mit ihnen eine Diskussion an. Einige Eierreste schmierte ich an ihnen ab. So etwas ist eigentlich nicht meine Art, in diesem Moment war es mir aber egal. Ich lasse mir sowas nicht gefallen. Natürlich nehmen mich all die Situationen mit, aber ich sage mir dann immer wieder: „Diese Anfeindungen sagen nichts über deinen Wert aus. Sie zeigen eher, wie schwach solche Menschen sind.”

Kein geschützter Ort

Ich bin Mariam*, 13 Jahre alt. 2007 wurde ich in Chemnitz geboren. Ich selbst fühle ich mich nicht als Ausländerin. Deutsch spreche ich besser als meine Muttersprache Arabisch und ich habe viele deutsche Freunde. Würde man mir also nicht immer wieder das Gefühl geben, ich gehöre hier nicht dazu, würde ich völlig vergessen, dass ich ausländische Wurzeln habe.
Ganz schlimm war es auf meiner ehemaligen Schule. Es verging keine Woche ohne einen Vorfall.

Das größte Problem mit Ausländern, beziehungsweise Muslimen, hatte der Junge, der immer wieder erwähnen musste, dass seine Eltern die AfD wählen. Er hat mich wirklich immer provoziert. Eine absurde Situation spielte sich bei der Essensausgabe ab. Er stand in der Schlange vor mir – zwischen uns waren vier oder fünf Leute. Ich verhielt mich leise, damit er mich nicht bemerkte. Leider tat er es trotzdem und als er sein Essen bekam, lief er zu mir und sagte: „Schwein ist sooo lecker. Ich bin ja heilfroh, dass mir keine dumme Religion dieses köstliche Fleisch verwehrt. Willst du auch mal richtig gutes Fleisch essen?” Meine Freundinnen und ich lachten darauf bloß und ich antwortete: „Nein, danke. Sowas ungesundes esse ich nicht.”

Es gibt aber auch Situationen, die mich zum Weinen bringen. Ich war damals in einen Jungen verliebt. Das wusste niemand außer meiner damaligen besten Freundin. Eines Tages setzte er sich neben mich und sagte nur: „Ey, du Hakennase. Ich habe gehört, du liebst mich. Das wird aber nichts, da meine Eltern es mir verbieten, mit Terroristen gemeinsame Sache zu machen.” Ich bin daraufhin weinend weggelaufen, während alle anderen gelacht haben. Meine damalige beste Freundin lief mir nicht hinterher, um mich zu trösten.

Doch nicht nur die Schüler haben mir die Schulzeit erschwert. Manch Lehrer war kein Stück besser. Meine Deutschlehrerin zum Beispiel konnte sich selten einen Kommentar verkneifen. Ich kann mich noch gut an eine Situation erinnern, in der ich meine Hausaufgaben vergessen hatte. Sie meinte nur, würde ich nicht so viel Zeit damit verbringen, irgendeine Fantasiefigur anzubeten, hätte ich auch genug Zeit, um meine Hausaufgaben zu machen. Zudem war sie nie mit meiner Leseleistung zufrieden. Das zeigte sie mir mit entsprechenden Kommentaren: „Müsstest du nicht die Beste im Lesen sein? Schließlich müsst ihr doch jeden Tag aus eurem persönlichen Märchenbuch lesen.” Damit meinte sie den Koran. Einmal hatte sie aufgrund meiner „schlechten Leseleistung“ alle meine Gesamtnoten vorgelesen und meinte danach nur: „Na ja, ihr Muslime werdet nie in etwas die Besten sein. Außer natürlich im Töten.” Weder ich noch irgendjemand hat etwas dazu gesagt, da sie die stellvertretende Schuldirektorin war. Es hätte also nichts gebracht, eine Diskussion mit ihr anzufangen. Stattdessen verdrängte ich in solchen Momenten meine Tränen und versuchte, das Beste aus der Situation zu machen. Mittlerweile bin ich zum Glück nicht mehr auf dieser Schule.

* Namen geändert

Text: Fatima Maged; Titelbild: Fatima Maged
<h3>Fatima Maged</h3>

Fatima Maged

ist 25 Jahre alt und studiert im 3. Semester Medienmanagement an der Hochschule Mittweida. Seit dem Wintersemester 2020/21 ist sie Redakteurin bei medienMITTWEIDA.