Verpackungslos statt Plastikwahnsinn

von | 7. Januar 2020

In Unverpackt-Läden können Produkte verpackungslos eingekauft werden. Titelbild: Susan Jahnke

In vielen Großstädten gibt es sie schon: Die Idee der Unverpackt-Läden bietet eine Möglichkeit, die endlose Plastikwelle aufzuhalten. Bewusster einkaufen, Plastikmüll reduzieren und damit der Umwelt etwas Gutes tun – das ist die Intention des verpackungsfreien Einkaufens. Ina Hoyer ist Inhaberin eines Unverpackt-Ladens in Chemnitz und hat im Interview mit medienMITTWEIDA einen Einblick in dieses Konzept und die Idee dahinter gegeben.

Frau Hoyer, was war Ihre Motivation, ein Unverpackt-Geschäft in Chemnitz zu betreiben? 

Ina Hoyer: Ich habe den Laden relativ kurzfristig am 1. Januar 2018 übernommen. Eigentlich bin ich Ingenieurin und habe noch einen Bauernhof, komme also aus einem völlig anderen Bereich. Ich war ein Jahr lang arbeitslos und wollte mir ursprünglich in der Zeit etwas auf dem Bauernhof aufbauen, um noch eine extra Einnahmequelle zu haben. Als ich mich gerade für einen anderen Job beworben habe, wurde ich auf das Geschäft aufmerksam gemacht. Ich wusste, dass die Vorgängerin – das Geschäft gibt es ja schon länger –  den Laden aufgeben wollte.

Ich wusste erst nicht, was ich mit einem Laden anfangen soll. Dann habe ich aber mit der Vorgängerin gesprochen. Ich habe nur noch daran gedacht. Drei Wochen später habe ich gesagt: „Okay, ich mach das!“ Besonders als ich arbeitslos war, habe ich oft für alle Leute auf meinem Hof gekocht. Dort sind wir immer bis zu 15 Leute am Tisch. Ich habe schon da gemerkt, dass es nervt, fünf Spaghettitüten aufreißen zu müssen und dass es eigentlich cool wäre, wenn man einen Unverpackt-Laden hätte. Um die Idee aber auf dem Hof umzusetzen, hätte ich viel umbauen müssen. Plötzlich war das aber alles in diesem Geschäft machbar. 

Ina Hoyer ist seit 2018 die Inhaberin des Chemnitzer Unverpackt-Ladens „Peacefood”. Foto: Susan Jahnke

Wie funktioniert ein Einkauf im Unverpackt-Laden? 

Hoyer: Wir haben im Laden einen Korb, aus dem sich Kunden kostenlos ein Glas herausnehmen können, wenn sie keines dabeihaben. Ansonsten kommen sie mit ihrem eigenen Glas oder Becher und das wird dann gewogen. Die Lebensmittel füllen wir noch ab. Wir haben aber schon ein neues Verwiege-System geplant. Zukünftig soll alles  automatisiert funktionieren. Dafür haben wir dann ein Verwiege-System mit einer Waage und einem Transpondersystem. Du gehst dann mit deinen Gläsern und deinen Karten an die Kasse, wo wir das dann nur noch einlesen müssen. Momentan machen wir noch alles selber.

Vor dem Einkauf werden die leeren Behältnisse abgewogen. Nach dem Befüllen wird dann der Preis berechnet. Foto: Susan Jahnke

Funktioniert es problemlos bei allen Lebensmitteln, diese in Ihrem Laden unverpackt anzubieten?

Hoyer: Wir haben natürlich trotzdem auch ein paar verpackte Produkte, besonders gekühlte Produkte. Aufstriche machen wir jetzt selber, da haben wir eigentlich auch immer etwas da. Das können wir mittlerweile problemlos unverpackt anbieten. Wir wissen jetzt, wie viel wir zubereiten können, ohne dass es schlecht und trotzdem verkauft wird. Von veganem Käse verkaufen wir nicht so viel, dass wir ihn im großen Block anbieten können. Da sind wir einfach noch zu klein und zu speziell. Ich versuche aber bestimmte Sachen, gerade die Aufstriche im Glas, da zu haben. Schokoriegel bekommst du oft nur in Plastik verpackt. Es gibt Produkte, die sind nur schwierig ohne Plastikverpackung zu bekommen. Wir versuchen aber, weitestgehend Pfandgläser oder wiederverwendbare Gläser zu verwenden.

War es anfangs schwierig, dieses Konzept neben all den bekannten Discount-Märkten in der Stadt umzusetzen?

Hoyer: Ich hatte das Glück, dass ich viele Stammkunden übernommen habe. Wir haben dann auch ein bisschen Werbung gemacht. Ich kann jetzt nicht sagen, dass es super schwierig war. Wir hatten nie so viel Publikum, dass uns der Laden eingerannt wurde. Erst seit vergangenem September ist es unter anderem auch durch den Umzug noch mehr geworden. Es suchen mittlerweile mehr Leute nach Unverpackt-Läden. Nachdem Jenke von Wilmsdorff im September 2019 ein Plastikexperiment gestartet hat, gingen am nächsten Tag mehrere Anrufe bei uns ein und plötzlich kamen einige zu uns in den Laden, die meinten, sie hätten das gesehen. Er hat es vor allem so dargestellt, dass du selbst etwas machen musst und dein Einkaufs- und Essverhalten umstellen kannst. Seitdem sind wir hier bekannter geworden und haben auch noch mehr Kundschaft.

Wie kommt das Konzept bei den Chemnitzern an?

Hoyer: Insofern es bekannt ist, kommt es ganz gut bei den Chemnitzern an. Allerdings bleibt ein weiterhin hartnäckiges Urteil, dass wir wahnsinnig teuer seien. Ich weiß nicht, woran das liegt. Wir haben auch schon Preisvergleiche gemacht und die bei Instagram reingestellt und da sind wir wirklich zu zwei Dritteln preiswerter als vergleichbare verpackte Produkte bei Rewe, Kaufland oder Edeka. Wir haben jetzt angefangen, gerade bei teureren Produkten, wie zum Beispiel Nüssen, die Hundertgramm-Preise dranzuschreiben. Eigentlich bin ich kein Fan davon, aber Angaben wie „30 Euro pro Kilogramm” kommen beim Kunden einfach nicht gut an. In Discountern kann man sich das gar nicht so vorstellen. Dort hast du deine Tüte und dann siehst du, wie viel du hast und den entsprechenden Preis dazu.

Kann man von einer bestimmten Zielgruppe sprechen, die Ihren Laden regelmäßig besucht?

HoyerVom Altersdurchschnitt her ist meine Kundschaft breit aufgestellt, aber die jüngere Generation überwiegt. Trotzdem besuchen auch öfter ältere Menschen unser Geschäft. Natürlich ist es ein Thema, das besonders bei jungen Leuten und Familien auf Interesse stößt.

Welche Produkte müssen zwingend (auch in Ihrem Laden) in Plastik angeliefert werden und welche können problemlos in Pappe ankommen?

Hoyer: Manches wird in Plastik verpackt. Viele Nudeln zum Beispiel. Ich habe jetzt aber einen anderen Anbieter gefunden, der liefert auch Nudeln in Papiersäcken. Es gibt auch einige Großhändler, die sogar Pfandsysteme anbieten. Das Öl kommt bei uns in Plastik-Pfandeimern an. Vorher hatten wir hier Kanister, aber die wurden danach weggeschmissen. Die Pfandeimer bestehen zwar aus Plastik, aber diese können wieder zurückgeschickt werden. Da gibt es auch große Unterschiede. Einer unserer Großhändler schickt zum Beispiel neuerdings keine Papiertüten mehr, sondern verschließbare Folientüten, was wieder einiges an Plastik beinhaltet. Das ist für mich nicht immer leicht zu durchschauen. Die kommen dann an und plötzlich ist das nicht mehr in Papier verpackt. Da überlegen wir dann auch, ob wir es dort weiter bestellen sollen. Ansonsten bieten wir ja auch größtenteils Trockenprodukte an. 

Mittlerweile bieten auch einige Supermärkte unverpackte Produkte, besonders in der Gemüse- und Obstabteilung, an. Wie sehen Sie den aktuellen Stand?

Hoyer: Da besteht noch viel Luft nach oben. Wir brauchen auch gar nicht so weit zurückgehen. Den Plastikwahnsinn gibt es noch keine hundert Jahre. Kurz nach dem Krieg gab es ganz viele Tante-Emma-Läden, wo auch alles unverpackt war. Dort mussten dann die Produkte in ein Tuch oder ähnliches einfach eingewickelt werden. Jetzt kann man sich das gar nicht mehr vorstellen. Vieles ist heutzutage natürlich auch so viel einfacher und schneller. Es ist fertig. Es ist gewaschen. Du brauchst nur noch die Tüte nehmen, aufreißen, in den Topf kippen und fertig. Diesen Luxus wollen wir natürlich nicht mehr abgeben – das ist klar. 

Viele Produkte werden in den Supermärkten immer noch in Mehrfachverpackungen angeboten. So zum Beispiel Gummibärchen oder auch einige Kaffeekapseln. Laut Süddeutsche argumentieren einige Firmen bereits für den Einsatz dieser doppelten Plastikverpackung. Grund seien die Wünsche des Kunden und der Genuss. Was sagen Sie zu diesen Argumenten? 

Hoyer: Das ist nichts Neues. Für mich ist nur der Haltbarkeitsaspekt vereinzelter Produkte relevant. Manches hält frisch einfach nicht so lange und das bekomme ich nicht verkauft. Bei der veganen Käsemanufaktur kaufe ich dann aber so wenig, dass ich die Produkte meistens verkauft kriege. Das Verpacken in Plastik ist für den Hersteller garantiert einfacher, auch fürs Handling. Der verpackt das und ab da passiert nichts mehr. Jeder kann beim Transport das Produkt anfassen, ohne besondere Regeln einzuhalten. Es ist eben einfacher zu händeln und ich denke, das ist ein ganz großer Faktor. Solange die Leute es kaufen, können sie damit ja auch argumentieren. 

Ich denke die Verantwortung für den bewussteren Umgang in dieser Thematik liegt bei allen. Es ist einfach so: jeder will sie abgeben. Keiner will mehr Verantwortung übernehmen und das ist unser großes Problem. Jeder sollte nach bestem Wissen und Gewissen damit umgehen. 

Auf welche Verpackungen könnte problemlos im Verkauf verzichtet werden? 

Hoyer: Das kann ich jetzt gar nicht so richtig sagen. Durch die ganzen Plastikverpackungen sind natürlich auch die Hygienestandards so hoch gesetzt, dass manches aus unserem heutigen Verständnis nicht mehr ohne Verpackung funktioniert. Als wir früher Fisch gekauft haben, wurde der in Zeitung eingewickelt. Das würde heute ja gar keiner mehr machen mit der Druckerschwärze. Manchmal sind verpackte Produkte aber wirklich haltbarer.

Wir haben zum Beispiel veganen Käse, den wir unverpackt anbieten. Der hält sich eben nicht so lang. Die Herstellerin meinte zu mir, dass ich es auch eingeschweißt nehmen könnte, aber da habe ich nein gesagt. Ich habe einen Unverpackt-Laden, da nehme ich keine eingeschweißten Produkte. Für sie ist es natürlich einfacher. Die Produkte kann sie einzeln in eine Kiste sortieren und einzeln anfassen. Das ist eben auch so eine Sache. Viele bleiben bei dem, was besser funktioniert und einfacher erscheint. Man schaut nicht so sehr auf Alternativen, sondern bleibt beim Gewohnten. Entweder Konservierungsstoffe oder eben Verpackungen.

Inwieweit kann unverpacktes Einkaufen auch in herkömmlichen Supermärkten funktionieren?

Ina Hoyer: Obst und Gemüse kannst du meistens jetzt schon unverpackt kaufen. Mittlerweile bekommst du ja schon einiges unverpackt und unportioniert. Sonst ist es natürlich eher schwierig. Aber bei der Käse- und Fleischtheke ist das gut machbar. Für eine Person, die zum Beispiel gar nicht so viel Fleisch isst, wäre es viel besser, sich das hochwertige beim Fleischer zu holen.  

Besonders Trockenprodukte können problemlos ohne Verpackung angeboten werden. Foto: Susan Jahnke

Was sind Ihre Wünsche für die Zukunft in Bezug auf unsere
(Plastik-) Gesellschaft? 

Ina Hoyer: Ich möchte gern in jedem Stadtteil von Chemnitz einen Unverpackt-Laden haben, der für jeden fußläufig erreichbar ist. So wie früher eben. Du musst dich einfach, wie bei allem, ein bisschen organisieren und wenn du das machst und dich daran ein bisschen gewöhnst, dann geht das auch.   

Text und Bilder: Susan Jahnke

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Auch mein medienMITTWEIDA-Kollege Anton hat sich mit dem Thema Plastik auseinandergesetzt. Dort berichtet er über den Aspekt Plastikrecycling und deckt spannende Hintergrundinformationen auf.