Soundcheck

Das Campusfestival singt sich ein

von | 12. Juni 2018

Foto: Toni Hofmann

Alle hätten es verdient. Alle drei überzeugten, musikalisch in ihrer Richtung gut aufgehoben. Die Karten liegen verteilt an jedem Platz. Jeder sortiert sie für sich, denkt noch einmal nach. Viele tauschen ihre Meinungen aus. Manche wirken noch etwas hilflos, anderen aber ist sofort klar, für wen sie stimmen werden. Die kurze, angespannte Phase geht vorüber und die Moderatoren drängen, eine der drei Karten auszuwählen – jede steht für eine Band: Rot steht für Dote, grün für The Ladies Home Journal und blau für Klub Erika. Auf drei sollen alle Zuschauer ihre ausgewählte Karte hochheben. Hände fliegen in die Luft, ein Meer aus farbigen Karten im TV-Studio des Zentrums für Medien und Soziale Arbeit der Hochschule Mittweida. Der zweite Soundcheck „Pop“ steht kurz vor dem Höhepunkt. Die Spannung ist greifbar: Für wen wird es reichen? Für wen sind die Karten das Ticket auf die Bühne des Campusfestival 2018? 

Rhythmen, die zum Tanzen animieren 

BRKN und die Leoniden, die Headliner. Sie wecken Neugierde und Lust. Wie heißt es so schön? Festivalzeit, schönste Zeit (oder so ähnlich). Endlich ist wieder etwas los in Mittweida! Die Studierenden drücken auf Pause und der Alltag verstummt für zwei Tage. 

Gleich am Anfang der Show verkünden die Moderatoren Pauline Maier und Thore Brüggemann, dass wegen eines technischen Fehlers beim Voting des vorherigen Soundchecks Rock nun alle drei Bands beim Campusfestival am 11. und 12. Juni auftreten. das sorgt beim Publikum für eher gemischte Gefühle. Dennoch herrscht im Studio seit Beginn der Show volle Lautstärke.

Dote ist die erste Band des heutigen Abends. Die vier sympathischen Jungs sind aus Essen angereist. Sie spielen Indie-Pop mit elektrischen Gitarrenriffs und tanzbaren Rhythmen. Neben Jonah gehören Lukas, Niclas und Moritz zu Dote. Sänger Jonah kommt auf die Bühne, im Gespräch mit Pauline und Thore stellt Jonah das Gastgeschenk vor, was die vier Jungs mitgebracht haben. Ein Beutel mit Bier aus der Heimat und dazu gibt es noch einen Flaschenöffner. Definitiv passend ausgewählt für die trinkfeste Zielgruppe, die sie damit erreichen wollen.

Dann stürmt der Rest der Band die Bühne und die Show beginnt. Jonah beginnt in kleinen Schritten zu tänzeln. Ein leichtes Kribbeln durchfährt den Körper. Beflügelnd für alle die ein Herz für Indie-Musik haben. Später erzählen die vier von den Inspirationen britischer Bands und wie sie irgendwann einfach anfingen, gemeinsam Musik zu machen. Wenn man die Musik von Dote hört, erkennt man tatsächlich diese Einflüsse wieder. Ihre neue EP trägt den Namen „Centre Court“ – damit ist der berühmte Tennisplatz in Wimbledon gemeint. Thore entlockt Jonah das Versprechen: „Wenn wir beim Campusfestival Mittweida spielen, dann ziehen wir uns alle in Tennisklamotten an.“ Bleibt abzuwarten, ob es wirklich soweit kommen wird.

Pauline leitet das erste Studio-Spiel, was nun folgt. Lukas, der singt und Schlagzeug spielt, tritt an gegen Alexandra, die sich freiwillig aus dem Publikum gemeldet hat. Sie setzen sich auf Barhocker in die Mitte des Studios. Das Spiel heißt: Emoji-Battle. Lukas und Alexandra sollen einen Musiktitel herausfinden – nur mit Hilfe von Emojis, die auf ein Blatt Papier gedruckt sind. Die Titel sind relativ leicht herauszufinden. Alexandra gewinnt und kassiert das Gastgeschenk. 

Das erste Studio Spiel an diesem Abend. Mit Dote und Alexandra aus dem Publikum. Foto: Toni Hofmann

Und schon geht es weiter: Die nächste Band ist die fünfköpfige Klub Erika. Sie kommen aus Frankfurt am Main. Die „Spicegirls der Unterhaltungskunst, die Klugscheißer im Tal der Ahnungslosen und vor allem auch als die letzten Einhörner des Pop und die Brüder, die ihr nie hattet“, so beschreibt sich Klub Erika selbst. In ihrem Vorstellungsvideo heißt es weiter: „Unser Ritual, bevor wir auf die Bühne kommen: Eierlikör süffeln, Haare machen, Fingernägel, Pediküre, Maniküre, eins Marihuana rauchen und dann auf die Bühne. Wir machen Party, wir machen Stimmung und wir trinken Eierlikör“ – was für ein Versprechen. Aber können sie das auch einhalten?

Das Gastgeschenk der Band: eine Jacke mit besonderer Bedeutung für die Band. Lead-Sänger Mr. Gold trug sie bei ihrem ersten Auftritt, der Loveparade und im Musikvideo „Geld”. Er ist extrovertierter, knalliger als die Jungs vorher. Aufgedreht, gibt den Worten mitten im Satz einen musikalischen Klang. Mr. Gold hat richtig Bock auf den Auftritt, man spürt es, man sieht es ihm an: Er ist hibbelig, lächelt viel, immer schnellere Gesten folgen seinen Worten, er bewegt sich im Sessel hin und her, so als wolle er nicht sitzen, sondern jetzt endlich auf die Bühne gehen. Er sticht trotz des schlichten, schwarzen Outfits aus der Band hervor. Auch Mr. Gold hat seinen ganz eigenen Tanzstil, mit seinen Bewegungen erinnert er an musikalische, auffällige Größen wie beispielsweise Freddie Mercury. Sein Tanzstil steckt die Menschen im Studio an, denn einige beginnen nun ebenfalls ihre Hüften zur Musik kreisen zu lassen. Kleine Schweißtropfen perlen auf Mr. Golds Gesicht während des Auftritts.

Die Liedtexte prägen sich ein. Klub Erika verbreiten gute Laune mit ihrer Musik und sie stecken damit selbst die Moderatoren an. Pauline und Thore wirken selbstbewusster, sicherer und lockerer als in der ersten Show, wenn auch in manchen Momenten nervös oder leicht zerstreut. Aber die Zuschauer wissen natürlich, die beiden sind keine Profis. Thore und Pauline machen jedenfalls das, worauf es bei Moderatoren wirklich ankommt: Sie verbreiten gute Stimmung. Die beiden würzen die Show zudem mit einer Prise Selbstironie, was ihnen zusätzliche Sympathiepunkte beim Publikum einbringt.

Mr. Gold auf der Bühne. Foto: Johannes Christoph

Das Beste zum Schluss?

Schließlich ist die dritte Band an der Reihe. Sänger der sechsköpfigen Band The Ladies Home Journal Max gesellt sich zu Pauline und Thore. Er sieht wie der Junge von nebenan aus. Er ist beispielsweise bei weitem nicht so auffällig in seinem Verhalten oder in seiner Optik wie Mr. Gold. Aber genau das macht den Reiz der Soundchecks aus. Unterschiedliche Bands, unterschiedliche Charaktere, unterschiedliche Musik. Auch ihn hält es kaum auf dem Sessel, er möchte endlich loslegen. Die Musik ist eine Mischung aus Funk, etwas Pop und ein paar Elementen des Hip-Hop. Ein wenig erinnert es an den deutschen Musiker Gentleman, der in seiner Musik Pop-Elemente mit Reggae vereint. The Ladies Home Journal zaubert vielen Zuschauern ein Lächeln ins Gesicht. Max, der sympathische Leadsänger, singt nicht nur, er spielt auch auf elektrischen Bongos. Am Anfang des Auftritts funktionieren diese zwar nicht, während des ersten Songs korrigiert die Technik jedoch gleich den Fehler.

Max springt herum, reißt die Schultern hoch, wirft seine Arme und Hände nach vorn, während alle anderen in der Band sich eher zurückhaltend bewegen, einschließlich dem „Küken“ Sarah, die neben ihm an einem Mikro steht und nur leicht ihre Hüften hin- und herbewegt. Plötzlich wirkt Max gar nicht mehr so unauffällig. Pure Wohlfühl-Atmosphäre. Jetzt aufstehen und zu diesem Rhythmus tanzen, das wär’s. Da ist so viel Dynamik in der Musik, die einfach Lust auf Bewegung weckt. Aber nicht hier, viel lieber im Freien, unter vielen anderen tanzenden Menschen. Seine Stimme hat etwas Besonderes in ihrem Klang: Herzklopfen. Ein schönes Gefühl, der Musik zu lauschen. Unbeschwertheit. Die dritte Band bläst den Alltag einfach weg. Durchatmen, mitreißen lassen. Das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Dieser Soundcheck ist anders, lebendiger als der vorherige und intensiver was die Musik anbelangt. Für all jene, deren Lieblingsmusikrichtung nicht unbedingt Pop heißt, dürfte dieser Abend definitiv überraschend sein – im positiven Sinne. Das Highlight unter den drei Soundchecks. Die Band klingt nicht gewöhnlich, sie ist erfrischender. Die Atmosphäre im Publikum ist gelöst und fröhlich. 

The Ladies Home Journal im Fahrstuhl-Interview mit Sophie. 

Erst nach dem dritten Studio-Spiel werden die drei Bands des Abends auf die Bühne geholt. Sie singen und spielen mit verschiedenen Instrumenten den Song „I need a dollar” von Aloe Blacc. Es klingt harmonisch, alles passt zusammen, Instrumente und Stimmen. Jeder wird in den Song eingebunden.

Dann kommt der Moment der Wahrheit: die Abstimmung. Es ist ein knappes Rennen zwischen Klub Erika und The Ladies Home Journal. Es gibt 100 Likes Vorsprung in Facebook zu gewinnen. Der Moment, auf den alle gewartet haben. Die grünen Karten überwiegen – The Ladies Home Journal siegt. 

The Ladies Home Journal gewinnt den Soundcheck. Foto: Sophia Seifert

Der Soundcheck endet. Das Team des Campusfestivals wirkt gelöst, glücklich darüber, dass alles gut gelaufen ist. Viele liegen sich in den Armen. Die Bands beglückwünschen den Sieger. Die Freude, The Ladies Home Journal bald auf dem Campusfestival wiedersehen zu können, begleitet die entspannten Besucher hinaus in den warmen Abend. Bald wieder Gänsehaut.  

Rückblick auf die Soundchecks Rock und Urban

Beim Soundcheck Rock waren die Bands Miss Alice, Savanna Skean und Peak Inc. zu Gast. Peak Inc. holte den Sieg und die damit verbundenen 100 Likes Vorsprung in Facebook. Mit ihrer Musik erinnern sie an die 90er Jahre. Elemente des Rock, Nu-Metals und Hip-Hops sind hier wiederzufinden. Letztes Jahr traten sie beim Highfield-Festival neben Acts wie Casper, Die Toten Hosen oder The Offspring auf. Savanna Skean bewegen sich musikalisch in Richtung Blues, Rock’n’Roll und Alternative Rock. Seit drei Jahren macht das Trio schon Musik. Die Bandmitglieder von Miss Alice, Leo und Max, studieren an der Hochschule, daher kannten viele die beiden bereits. Ihre Musikrichtung: Dance-Rock. E-Bass, Schlagzeug und Gesang stellen die Komponenten der Musikgruppe dar. Die erste EP wurde bereits aufgenommen und wird derzeit gemischt.

Der Soundcheck Urban war laut und lebendig. Die Bands beziehungsweise Crews Ize, Rettungsteam Konstantin und Manic Mc mit Neuphie waren zu Gast. Ize geht mit ihrer Musik in Richtung Funk, Pop und R’n’B. Keine typische Urban-Band also. Die Band aus Mannheim stach musikalisch an diesem Abend deutlich hervor. Während ihres Auftritts breitete sich gute Laune unter dem Publikum aus, ein paar Mädchen aus dem Publikum tanzten. Ein Gefühl von Leichtigkeit schwebte durch das Studio. Die Texte waren nicht gesellschaftskritisch, nicht voller inhaltlicher Fülle wie bei anderen Bands, aber voller positiver Energie. Danach kam das Rap-Trio Rettungsteam Konstantin auf die Bühne, die einen ganz anderen Ton anschlugen. Erst im letzten Jahr gründete sich das Gespann, was unter anderem auch einen Song über Mittweida auf der Bühne performte. Sie sorgten für leichte Spannungen unter den Zuschauern, da sie es musikalisch nicht schafften, an die vorherige Band anzuknüpfen. Zuletzt traten Manic Mc und Neuphie auf, welche fast durchgängig und in erster Linie lautstark von ihrem Fanclub bejubelt wurden. Das Publikum war gespalten. Neben Zuschauern, die darüber hinwegächelten, wurden andere wiederum ernster und sahen nicht mehr so entspannt wie am Anfang der Show aus. Nervenaufreibend. Dieser Abend wird wohl einigen noch eine Weile im Gedächtnis bleiben, die Frage ist nur, ob positiv oder negativ. Der Sieger des Abends hieß Ize.

Text: Sarah Schulze, Titelbild: Toni Hofmann, Foto: Toni Hofmann, Johannes Christoph, Sophia Seifert