Und plötzlich macht es Klick

von | 17. Mai 2019

Voyeurismus: Wenn Frauen nicht nur heimlich unter den Rock fotografiert wird. Foto: Christin Post

Eine Frau betritt eine öffentliche Toilette und geht in eine der Kabinen. Nichts unterscheidet sie von all den anderen Frauen Südkoreas, bis auf den Metalldetektor in ihrer Hand. Damit sucht sie nach versteckten Kameras. Sie ist eine von Seouls 8000 städtischen Angestellten, die die Frauen Südkoreas vor Spannern schützen soll.

„You raped her, Lol“ (wörtl.: „Du hast sie vergewaltigt, lol“) – diese und weitere Nachrichten sind es, die zuletzt einen Skandal in Südkorea auslösten. Das Zitat stammt aus einem veröffentlichten Gruppenchat. Teilnehmer dort waren unter anderem Lee Seung-hyun, besser bekannt als Seungri von der K-Pop Band BigBang und Jung Joon Young, ebenfalls K-Popstar und Schauspieler. 

K-Pop

K-Pop steht für Korean Popular Music. Die Wurzeln des K-Pop gehen bis in die 1950er Jahre zurück. US-amerikanische Truppen veranstalteten Konzerte, die Südkorea die westliche Kultur näher bringen sollten. Davon inspiriert gründeten sich viele Gruppen nach amerikanischem Vorbild. Das Genre vereint dabei mehrere Musikstile – unter anderem Pop, Rock und Rap. Bekannte K-Pop Stars, auch Idols genannt, sind zum Beispiel der Künstler PSY und die Band BTS.

Erst kurz zuvor wurde gegen Seungri ermittelt, der Prostituierte als Bestechungsmittel für ausländische Investoren für den Club Burning Sun in Seoul anheuern lassen wollte, obwohl Prostitution in Südkorea illegal ist. Am 11. März 2019 berichtete SBS’s 8 O’Clock News, dass Young Videos in besagtem Gruppenchat teilte, in denen er mit zehn Frauen Sex hatte. Die Frauen wurden Opfer von illegalen Aufnahmen ohne deren Einverständnis. Nur zwei Tage später bestätigte Young die Vorwürfe, entschuldigte sich öffentlich und gab seinen Rücktritt aus dem Entertainment-Business bekannt. Mittlerweile hat auch Seungri seinen Rücktritt bekannt gegeben, der ebenfalls in illegale Videoaufnahmen verwickelt sein soll. Doch solche Aufnahmen sind nicht nur ein Problem in den obersten Schichten Südkoreas, sie betreffen die ganze Bevölkerung. Schon letztes Jahr kam es zu einem Aufstand in der koreanischen Bevölkerung, in der sich tausende Frauen gegen Molka und den Umgang mit den heimlichen Aufnahmen wehrten.

Molka

Molka (koranisch): Der Begriff “Molka” stammt aus einer beliebten Fernsehshow aus den 1990er Jahren, in der es um Streiche mit versteckten Kameras ging. Heute bezeichnet er das heimliche Anbringen von Minikameras im privaten Raum. Man spricht hauptsächlich von Molka, wenn es um heimliche Aufnahmen von Frauen, zum Beispiel auf der Toilette, geht.

Unser Leben ist nicht euer Porno

Unter diesem Motto, geschrieben auf hunderten von Schildern, protestierten tausende Koreanerinnen im Mai 2018 in der Hauptstadt Seoul. In Südkorea herrscht eine regelrechte Spycam-Epidemie – rund 90 Prozent der Opfer sind Frauen. Die Kameras sind meist nur einen Millimeter groß und überall. Sie befinden sich in öffentlichen Toiletten, Schwimmbädern, Motels und sogar in Wasserflaschen. Oftmals sind sie an Rolltreppen angebracht, da es dort besonders leicht ist, den Frauen unter den Rock zu filmen. Das gefilmte Material wird meist direkt ins Netz gestreamt und landet auf illegalen Pornoseiten. Rund 4000 soll es davon geben und die Betreiber zahlen viel für die Aufnahmen. 2015 hatten rund 25 Prozent aller Sexualdelikte mit Spycams zu tun. Molka ist in Südkorea nichts Neues, den Begriff gibt es seit den 1990er Jahren. Allein 2010 wurden 6300 Fälle strafrechtlich verfolgt. Das Filmen und Veröffentlichen des Materials kann eine Gefängnisstrafe von bis zu fünf Jahren oder eine Geldstrafe von umgerechnet 7.800 Euro nach sich ziehen, jedoch wurde in den vergangenen Jahren bei nur 5,3 Prozent überhaupt eine Gefängnisstrafe verhängt – eine vergleichsweise geringe Zahl in Anbetracht des Ausmaßes des Problems. Die Proteste der Frauen richteten sich nicht nur gegen die Aufnahmen per se, sondern auch gegen die ungerechte Behandlung der Geschlechter. Während die Polizei letztes Jahr beispielsweise eine junge Frau verhaftete, die eine Aufnahme ihres nackten Kollegen auf eine feministische Webseite gestellt hatte, blieben die üblichen Pornoseiten unbeachtet. Vorfälle dieser Art sind einer der größten Kritikpunkte der Demonstrantinnen: Die Taten von Männern würden verharmlost, die Polizei ermittle nicht genug, die Strafen seien zu lasch. Dadurch würden die Männer nicht abgeschreckt werden.

Voyeurismus, allgemein auch als Spannen bekannt, ist nicht nur ein großes Problem Südkoreas, es sei laut Präsident Moon Jae In: Teil des alltäglichen Lebens” geworden. Genau wie die Demonstrantinnen, fordert er nun härtere Strafen gegen die Täter.

Spycam

Das Wort Spycam setzt sich aus den englischen Wörtern “spy” – überwachen/spionieren und “cam” – Kamera zusammen. Eine Spycam ist ein (meist) sehr kleines Gerät, das Bilder und Videos aufnehmen kann. Auch Tonaufnahmen sind manchmal möglich. Sie werden zum heimlichen Filmen von Personen, zum Beispiel zur Überwachung von Babysittern eingesetzt. Einige Modelle ermöglichen es, sich mit dem W-Lan zu verbinden und so vom Smartphone aus von überall direkt auf die Live-Aufnahmen zuzugreifen. Werden die Aufnahmen nicht direkt übertragen, verbindet man die Kameras mittels eines Kabels mit einem Computer und hat so Zugriff auf den gefilmten Inhalt.

„Jägerinnen der versteckten Kamera

Aufgrund der Kritik von allen Seiten zieht die Regierung Konsequenzen: Im September letzten Jahres verkündete sie, dass 8000 städtische Mitarbeiter auf die Suche nach den gut versteckten Minikameras gehen würden. Drei Monate solle die Razzia dauern. Außerdem geht ein rein weibliches Team, die Jägerinnen, mit einem Metalldetektor bewaffnet im Auftrag der Stadt Seoul auf die Suche nach Minikameras in öffentliche Toiletten. Laut der Süddeutschen Zeitung soll die Korea Times jedoch berichtet haben, dass die Maßnahme kaum Erfolgschancen haben dürfte. Problematisch ist, dass die Geräte an sich nicht illegal seien und die winzigen Kameras an öffentlichen Plätzen oft nur für 15 Minuten angebracht würden. Außerdem würden sich die Kameras oft auch in Brillen, Kugelschreibern oder anderen alltäglichen Dingen verstecken. Sie seien also kaum bis gar nicht zu finden. Das sich die Vermutung der Korea Times bestätigt hat, zeigt ein Vorfall, der im März diesen Jahres bekannt wurde. Dabei wurden 800 Paare heimlich beim Sex in insgesamt 30 Motels gefilmt. Laut CNN seien die Kameras, die live und ununterbrochen ins Netz streamten, dabei unter anderem in Haartrockner-Halterungen, Steckdosen und Set-Top-Boxen versteckt worden. 5440 Euro hätten die vier Männer von einer Webseite mit zahlenden Mitgliedern eingenommen. Zwei der Männer konnten festgenommen werden.

Offensichtlich können Regierung und Polizei auch mit diesen Maßnahmen das Problem nicht bekämpfen. Seit Jahren gibt es in Südkorea beispielsweise ein Gesetz, das Smartphone-Herstellern vorschreibt, dass zu jeder Zeit ein Auslöser-Geräusch bei Aufnahmen mit den Telefonen zu hören sein muss, auch wenn sich diese im lautlosen Zustand befinden. Südkorea ist seit langem ein Vorreiter im Bereich Technologie. Sicherlich nicht zuletzt durch die Tatsache, dass 90 Prozent der Erwachsenen ein Smartphone besitzen. Was aber die Frauenrechte des Landes betrifft, liegt Südkorea vergleichsweise weit zurück, schaut man sich den Global Gender Gap Report an.

Die Vorschrift scheint im hochtechnisierten Südkorea allerdings überflüssig, da es den Tätern dank diversen Apps ein Leichtes ist, diese zu umgehen. Auch wenn nun ein Gesetz veröffentlicht werden soll, dass auch diese Apps bannt, dürfte es den technikaffinen Tätern leicht fallen, dieses zu umgehen. Doch der Ursprung des Problems scheint nicht allein die Technik zu sein, sondern die patriarchalische Kultur des Landes. Frauen würden immer noch als reine Sexobjekte betrachtet werden, so die Seouler Soziologin Lee Na-Young gegenüber der Augsburger Allgemeinen.

Voyeurismus – ein asiatisches Problem?

Der Voyeurismus ist nicht nur ein Problem in Südkorea, sondern zudem im benachbarten Japan. Auch hier besagt ein Gesetz, dass Smartphones zu jeder Zeit ein Auslöser-Geräusch von sich geben müssen. So sollen vor allem Schülerinnen vor dem sogenannten Upskirting (das Fotografieren vom Intimbereich unter dem Rock unwissentlicher Opfer) geschützt werden, die in Japan als Teil ihrer Schuluniform meist kurze Röcke tragen. Trotz strengerer Gesetze, besteht immer noch das Problem, so Liv Coleman eine Japan-Expertin in einem Interview mit der South China Morning Post. Frauen erhielten immer noch zu wenig Unterstützung, wenn es darum ginge, solche Fälle zu melden. Das Land brauche mehr weibliche Polizisten und mehr Hotlines an die sich Frauen wenden können. Auch ein umfassender Sexualkundeunterricht, der vor allem einvernehmlichen Sex thematisiert, müsse ein weiterer Schritt sein, so Coleman weiter.

Upskirting

Aus dem Englischen “up” – hinauf und “skirt” – Rock. Upskirting bezeichnet das heimliche Fotografieren unter den Rock einer Frau. Bislang ist Upskirting in Deutschland an sich nicht verboten, das Verbreiten der Aufnahme ohne Zustimmung allerdings schon.

Ein ständiges Auslöser-Geräusch – auch in Deutschland denkbar?

Eine Regierung, die ihrer Bevölkerung ein Smartphone vorschreibt, dass nie komplett lautlos ist? Was in asiatischen Ländern zum Alltag gehört, scheint in Deutschland undenkbar. Rechtsexperte Professor Markus Heinker meint dazu, dass das grundlegende Problem vermutlich erst einmal die unterschiedlichen Rechtslagen Deutschlands und Südkoreas seien. In Deutschland sei die Aufnahme von Fotos nicht unbedingt verboten – die Rechtsverletzung komme erst mit der Veröffentlichung. „Dennoch könnte eine  Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereiches in Betracht kommen, wodurch auch die Aufnahme rechtswidrig wäre.”

Genau gegen diese mögliche Gesetzeslücke gehen aktuell Ida Sassenberg und Hanna Seidel mit einer Petition vor, die Upskirting auch in Deutschland verbieten soll. Erst vor Kurzem schaffte es die Engländerin Gina Martin mit einer solchen Petition, dass Upskirting in England mit bis zu zwei Jahren Haft bestraft wird.

Sollte es in Deutschland je ein Gesetz geben, das stille Fotos verbiete, so gäbe es laut Heinker die Vermutung der Unverhältnismäßigkeit. Die Zahl normaler Fotos ist vermutlich deutlich höher, als die der Upskirting-Aufnahmen. „Es muss ein gewisser Zweck erreicht werden, der die Schwere des Eingriffes rechtfertigt. Eine weitere Frage ist, wo der Gesetzgeber ein solches Gesetz einfügen würde.”  Eine soziale Wirkung dürfte jedoch zu erwarten sein. Es wäre deutlich auffälliger, wenn es zum Beispiel unter einem plötzlich „Klick“ macht, und man feststellt das niemand gerade beispielsweise ein Selfie aufgenommen hat. Ein solcher Ton würde mögliche Täter wahrscheinlich abschrecken, da sie so auch von Umstehenden wahrgenommen werden würden, nicht nur vom potentiellen Opfer. Der Schaden wäre damit dennoch schon angerichtet, da die Aufnahme an sich nicht verhindert würde.

Die Frage, ob es also eine rechtliche Grundlage dafür gibt, dass man das Auslöser-Geräusch nicht ausschalten kann, ist somit zu verneinen. Mit der stetigen Entwicklung der Technologie und den immer dreister werdenden Tätern bleibt abzuwarten, wie die Regierungen Südkoreas und Japans weiter vorgehen werden, um Upskirting sowie andere heimliche Aufnahmen zu verhindern.

Text: Ariana Bešić, Titelbild: Christin Post