Wie Streamingdienste das Fernsehen revolutionieren wollen

Wie Streamingdienste das Fernsehen revolutionieren wollen

Der amerikanischen Streaming-Dienst „Netflix“ hat den Sprung vom reinen Content-Anbieter hin zum erfolgreichen Produktionsstudio geschafft. Jetzt versucht das deutsche Streaming-Unternehmen „Watchever“ mit Exklusivinhalten den deutschen TV-Markt zu erobern.

Es ist mitten in der Woche. Die Digitaluhr meines Laptops zeigt mir, dass es halb zwei ist. Seit nunmehr sechs Stunden schaue ich „Arrested Development”. Die Folgen sind brandneu – „Netflix“ hat am Vortag die gesamte vierte Staffel ins Netz gestellt. Während die ersten drei Seasons der Serie noch auf dem Free-TV-Sender FOX debütierten, sind die 15 neuen Folgen jetzt exklusiv auf „Netflix“ verfügbar. Ich will sie alle sehen – und vor der Mathevorlesung um 8 Uhr am besten noch etwas schlafen.

Video-on-Demand: Zukunft des Fernsehens?

Was ich hier tue, wird umgangssprachlich als „binge-watching“ bezeichnet, ein vom „binge-drinking“, dem Komasaufen, abgeleiteter Begriff, der ziemlich akkurat das Konsumverhalten junger Serienfans beschreibt. Die Nutzer von „Netflix“, „Watchever“ etc. stören sich an den Limitationen des klassischen Fernsehens; sie schauen, wann sie wollen, wo sie wollen und vor allem so viel sie wollen. Für einen Festpreis von unter 10 Euro im Monat haben sie in den Onlinevideotheken unbeschränkten Zugriff auf eine große Datenbank voller populärer Filme und Serien. Werbefrei und wahlweise auch in Originalsprache.

Netflix erkannte als erster Video-on-Demand-Service das Potential von Fernsehserien, die auf diesen Markt zugeschnitten sind. Im Februar 2012 stellte der Anbieter mit der Krimikomödie „Lilyhammer” seine erste eigene Serie in einem „binge-watching“-freundlichen Komplettpaket online. Dieses Jahr folgte dann die erste Staffel von „House of Cards”. Der Politthriller konnte mit Hollywoodgrößen wie Oscarpreisträger Kevin Spacey in der Hauptrolle und David Fincher (Fight Club) als Regisseur aufwarten und räumte im September gleich mehrere Emmys ab.

Mittlerweile hat Netflix ein halbes Dutzend eigener Serien im Repertoire. „Orange is the new Black” und das brilliante „Arrested Development” werden von Kritikern gefeiert –  ob die Serien jedoch auch finanziell erfolgreich sind, darüber schweigt das Unternehmen. Dass für die meisten der Eigenproduktionen weitere Staffeln angesetzt wurden, ist aber ein gutes Zeichen.

„House of Cards” kann man inzwischen auch in Deutschland sehen. Die Serie läuft jetzt auf Sat.1 und Prosieben MAXX im Free-TV und kann zudem auf MyVideo online abgerufen werden.

Auch Watchever plant eigene Serien

Watchever, Teil des französischen Vivendi-Konzerns, will sich nun in Deutschland mit Exklusivangeboten von der Konkurrenz abheben. Am Montag hatte mit „Les Revenants” – bei uns unter dem Namen „The Returned” angelaufen – die erste Serie ihre Deutschlandpremiere. Das Mysterydrama wurde vom französischen Pay-TV-Sender Canal Plus (ebenfalls Vivendi) realisiert und ist damit streng genommen keine Eigenproduktion. Doch auch in Deutschland will man produzieren: Stefan Schulz, Geschäftsführer von Watchever, sprach  gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Juni von einer Zusammenarbeit mit einem „führenden deutschen Produktionsstudio“. Das macht Hoffnung auf eine deutsche Serie vom Kaliber eines „House of Cards”, „Breaking Bad” oder „Boardwalk Empire”.

Qualitätsfernsehen Made in Germany?

Während die USA oder auch Großbritannien längst bewiesen haben, dass sie erstklassige Programme schaffen können, fehlt in Deutschland davon noch jede Spur. Die Quotenrankings werden nach wie vor von billigen Soaps und Scripted-Reality-Formaten dominiert. Einzig die Krimis der Privaten („Der Letzte Bulle”, „Alarm für Cobra 11”) und Öffentlich-Rechtlichen („Tatort”, „Polizeiruf 110”), sind vergleichbar mit amerikanischen Serien. Leider aber nur mit den schlechten.

Sollte Watchever tatsächlich ein hochwertiges Fiction-Format gelingen, könnte das auch Folgen für die Fernsehsender haben. Sie versuchen sich zwar bereits an eigenen Streamingdiensten; hohe Preise, Zeitbregrenzungen oder kleinere Kataloge schränken die Angebote aber ein. Lockt dann noch die geplante Exklusivproduktion, könnten viele Zuschauer die etablierten Anbieter hinter sich lassen.

Aus Piraten werden Kunden

Im September legte der Netflix-Chef Reed Hastings im Gespräch mit der niederländischen Webseite Tweakers eine beeindruckende Statistik offen. Seit Netflix vor drei Jahren in Kanada den Betrieb aufgenommen hat, sei der Torrent-Datenverkehr vor Ort um 50% gesunken. Ein Indiz dafür, dass durch Netflix viele Downloader den Schritt in die Legalität gewagt haben.

Auch in Deutschland erfreuen sich eher fragwürdige Anbieter großer Beliebtheit. Viele junge Menschen ignorieren das Fernsehen und beziehen ihre Serien stattdessen von dubiosen Webseiten, etwa den diversen kino.to-Klonen. Glaubt man der kanadischen Statistik, könnten der Komfort und das gute Gewissen bei der Nutzung von legalen Streamingdiensten auch bei deutschen Nutzer zu einem Umdenken führen.

Fazit

In den Vereinigten Staaten hat sich das neue Fernsehen bereits durchgesetzt. Netflix hat dort über 30 Millionen zahlende Abonnenten, mehr noch als der Kabelgigant HBO. Auch für das kommende Jahr hat das Unternehmen Großes vor. Geplant sind unter anderem mehrere eigene Shows im Marvel-Universum, eine Animationsserie der renommierten Dreamworks-Studios sowie ein Sci-Fi-Drama der „Matrix”-Regisseure Andy und Lana Wachowski.

Als Serienfan begrüße ich diese Entwicklung und hoffe, dass Watchever die Erfolgsgeschichte von Netflix hierzulande wiederholen kann. Den deutschen Fernsehsendern könnte die Konkurrenz guttun. Und vom Kampf um die Kunden profitiert am Ende auch der Zuschauer.

Text: Clemens Müller; Quelle: espensorvik (http://flic.kr/p/9JcZKt – CC BY), Andrew Taylor (http://flic.kr/p/7H14Mo – CC BY), Michael Randall (http://flic.kr/p/5vN521- CC BY-NC-SA), Ray Villalobos (http://flic.kr/p/a9ekAc – CC BY), Yutaka Tsutano (http://flic.kr/p/aa4ntS – CC BY); Bearbeitung: Clemens Müller (Lizenz: CC BY-SA)

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