Zwischen aussichtslos und hoffnungsvoll

von | 24. Februar 2019

Die Wohnungssuche ist gerade in Großstädten ein hart umgekämpfter Markt. Foto: Laura Fischer

Häuser, die aus dem Boden gestampft werden, Baukräne, die so hoch sind wie Wolkenkratzer und Baustellen, die in der Leipziger Innenstadt längst zum Stadtbild gehören. Schließlich muss man etwas unternehmen – gegen den Wohnungsmangel und steigende Mieten. Doch so einfach ist es dann nicht, wie im Gespräch mit Leipziger Mietern deutlich wird.

„Aussichtslos“ beschreibt Christoph Steinke seine Suche nach einer bezahlbaren Wohnung für sich und seine Familie. Er wohnt mit seinen drei Kindern und seiner Frau im Leipziger Stadtteil Grünau. Seit 2013 sind sie auf der Suche nach einer 5-Raumwohnung für 1000 Euro Warmmiete. Erfolglos.

Der 28-jährige macht derzeit eine Ausbildung zum KFZ – Mechatroniker, seine Frau arbeitet Vollzeit als Geschäftsführerin einer Pizzeria. Den Beruf und die drei Kinder unter einen Hut zu bekommen, sei schon schwer genug. Da möchte man sich nicht noch zusätzlich mit der Suche nach einer größeren Wohnung belasten müssen, erzählt Christoph.

350 000 bis 400 000 neue Wohnungen müssten jährlich gebaut werden

Christophs Geschichte ist kein Einzelfall und zeigt die verfahrene Lage auf dem deutschen Wohnungsmarkt. Laut Handelsblatt berichtete eine neue Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln (IW) für Deutsche Invest Immobilien, dass  deutschlandweit aktuell etwa eine bis 1,2 Millionen Wohnungen fehlen. 2016 wurden in Deutschland knapp 278 000 Wohnungen fertig gestellt. Trotzdem wird damit die Nachfrage nicht gedeckt. Dafür müssten nach Schätzungen des Bundesbauministeriums und des Mieterbunds jährlich 350 000 bis 400 000 neue Wohnungen entstehen.

Angebot und Nachfrage sind aus der Balance geraten. Dazu kommt, dass auf dem Land fast zwei Millionen Wohnungen leer stehen, so das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, doch in den Städten ein großer Mangel herrscht. Und wo Wohnraum knapp ist, steigen Mieten und Preise.

Über 40.000 Wohnungen fehlen in Leipzig inzwischen im preiswerten Segment. Foto: Sophie Wallstabe

Fehlende Privatsphäre

„Das merkt man natürlich auch in Leipzig sehr stark“, so Christoph. Seit 2013 wohnen sie als 5-köpfige Familie in einer 90 qm großen Vierraumwohnung. „Ein Zimmer mehr wäre ideal“, schildert Christoph seinen Wunsch. „Jedes Kind hätte dann endlich ein eigenes Zimmer und somit einen eigenen Rückzugsort. Das würde das Familienleben auch deutlich entspannter gestalten.“

Seine drei Kinder sind vier, sechs und elf Jahre alt. Da sammelt sich über die Jahre auch einiges an Spielzeug oder Kinderausstattung an. Aber auch die Zweisamkeit des Paares leidet unter der zu kleinen Wohnung. „Ich würde mir manchmal mehr Privatsphäre wünschen. Wenn ich abends von der Arbeit komme, dann wäre es schön, wenn man sich mal kurz allein ins Wohnzimmer setzen und den Tag Revue passieren lassen könnte. Oftmals sind dort aber die Kids, weil sie selbst zu wenig Rückzugsmöglichkeiten haben.“

Christoph und seine Frau versuchen sich mit der Situation seit nun mehr fünf Jahren zu arrangieren. Sie stehen in sämtlichen Maklerbüros auf Wartelisten, werden auf diversen Immobilienportalen im Internet immer sofort benachrichtigt, sobald eine neue Wohnung hinzugefügt wird. „Dann rufe ich an, um einen Besichtigungstermin auszumachen und man erklärt mir, dass die Wohnung schon wieder vergeben sei. Ich weiß nicht, wie viele solcher Telefonate ich in den letzten Jahren geführt habe. Da weiß man einfach nicht mehr, was man noch tun soll. Ich bin ja auch bereit in die Randgebiete zu ziehen, solange die Anwohner einen vernünftigen Eindruck machen.“ Aber selbst dort, erzählt er weiter, sind die Chancen aussichtslos.

Vergangenheit trifft auf Zukunft

Leipzig gilt als Boomtown Nummer Eins in Deutschland. Jedes Jahr lassen sich hier über 10.000 Menschen neu nieder. Die Stadt platzt damit aus allen Nähten. Dieter Rink, Stadtsoziologe und Wissenschaftler, sieht die Gründe für die Leipziger Wohnungsknappheit in der jüngsten deutschen Geschichte. „Das heutige Wohnungsproblem in den boomenden Städten der ostdeutschen Bundesländer ist eine Folge der Wohnungsbaupolitik der DDR, in der chronischer Wohnungsmangel herrschte, die Mietpreise aber bis zum Schluss spottbillig waren“, so Rink im Interview mit dem MDR.

Die Lösung sah man darin neue Großsiedlungen in industrieller Plattenbauweise hoch zu ziehen. Im Gegenzug wurde jedoch die Altbausubstanz völlig vernachlässigt. Nach Einschätzungen von Rink waren von 100.000 Altbauwohnungen drei Viertel in Leipzig sanierungsbedürftig. Nach der friedlichen Revolution 1989 versuchten die Eigentümer der Häuser die Altbausubstanz zu erhalten. Gleichzeitig verließen aber auch tausende Menschen die Stadt, wodurch Wohnungen, egal in welchem Zustand, in dieser Größenordnung nicht mehr benötigt wurden, so Rink. Dadurch musste die Stadt Leipzig einen enormen Leerstand verzeichnen.

„Man schätzt, dass um das Jahr 2000 mehr als 60.000 Wohnungen in Leipzig leer gestanden haben, also etwas mehr als ein Fünftel“, so Rink nach Medienberichten des MDR. In Folge dessen wurden viele Häuserzeilen abgerissen. Ein fataler Fehler, wie sich herausstellte, denn da wurden schon wieder bezahlbare Wohnungen gesucht. Dorothee Dubrau, Baubürgermeisterin der Stadt Leipzig, sieht das Problem der gegenwärtigen Wohnungsnot im Interview mit der Leipziger Volkszeitung zusätzlich darin, dass die meisten neuen Häuser im hochpreisigen Segment liegen. Nach ihrer Einschätzung liegt das Problem in den erheblich gestiegenen Baukosten und gesetzlichen Rahmenbedingungen, die die Mieten der Neubauten in die Höhe treiben würden.

Auf der anderen Seite warnt Robert Habeck, Vorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, vor Spekulationen mit Wohnraum und fordert die Bundesregierung auf, etwas dagegen zu unternehmen. „Immobilienfirmen verkaufen Wohnungen hin und her und treiben so die Preise hoch“, so Habeck gegenüber der Leipziger Volkszeitung. Tatsache ist, dass jeder, der Bauland erwerben möchte, eine Grunderwerbssteuer zahlen muss, ausgenommen Immobilienfirmen. Sie können diese Steuer umgehen, indem Investoren über Gesellschaften Anteile kaufen. „Diese Deals muss der Bund verbieten“, so Habeck weiter. Nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) gibt es deutschlandweit insgesamt zu wenig Zwei- bis Dreiraumwohnungen für jüngere oder ältere Menschen, stattdessen zu viele Ein- Zimmer Appartements oder Immobilien im Luxussegment. „Wir bauen am Bedarf vorbei“, sagt IW- Experte Michael Voigtländer gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

„30 Mitbewerber auf ein WG- Zimmer sind eigentlich normal“

Auch Lisa Krause, Studentin an der Universität Leipzig, hat ihre Erfahrungen mit dem Leipziger Wohnungsmarkt gemacht. 2013 kam sie in die Stadt, um ein Studium für Mathematik zu beginnen. Schnell stellte sie fest, dass ihr Budget von 350 Euro Warmmiete nur für eine eigene Wohnung im Problemviertel der Leipziger Eisenbahnstraße reichte. Sie entschied sich dagegen.

Mittlerweile wohnt sie mit einer Freundin in einer Wohngemeinschaft. Für sie war es damals der einzige Weg mit ihrem Budget komfortabel und zentrumsnah wohnen zu können. „Wenn man ein Zimmer in einer bereits bestehenden WG ergattern möchte, dann muss man damit rechnen, dass die Konkurrenz nicht schläft. 30 Mitbewerber auf ein WG-Zimmer sind eigentlich normal“, so die 25-jährige.

Rückschläge kennt auch Christoph Steinke, der mit seiner Frau schon zahlreiche Wohnungen besucht hat. „Ein Angebot ist beispielsweise geplatzt, weil wir 3500 Euro Kaution zahlen sollten. Das konnten und wollten wir uns einfach nicht leisten.“

Große Reden und mögliche Lösungsansätze

Immerhin, das Problem scheint mittlerweile auch auf Bundesebene Gehör gefunden zu haben. So versprach Horst Seehofer (CSU) bei seinem Besuch in Leipzig im Mai dieses Jahres, dass man in der neuen Legislaturperiode 1,5 Millionen Wohnungen in Deutschland bauen werde.

„Ich kann Ihnen heute versprechen, dass wir die Wohnungsfrage engagiert angehen und genug bezahlbaren Wohnraum schaffen werden“, so der Minister in der Leipziger Volkszeitung. Um das Problem von schnell steigenden Mieten zu bekämpfen, stelle der Bund in den kommenden vier Jahren insgesamt zwei Milliarden Euro für den sozialen Wohnungsbau bereit. Zudem sollen Landwirte Steuererleichterungen erhalten, wenn sie nicht mehr benötigte Flächen für den Mietwohnungsbau zur Verfügung stellen, berichtet Seehofer.

Eine andere Möglichkeit sieht er darin, dass sogenannte Baukindergeld zu starten. Hierbei ist ein Zuschuss von 1200 Euro pro Kind und Jahr für bauwillige Eltern vorgesehen und das zehn Jahre lang. Robert Habeck, Bundesvorsitzender der Grünen, bringt unterdessen im Gespräch mit der Leipziger Volkszeitung noch weitere Lösungsansätze ins Spiel.

Er setzt darauf, dass die Mietpreisbremse neu überarbeitet werden muss. Diese wurde 2015 eingeführt, um den Mietanstieg zu bremsen. Bundesländer und Regionen mit angespanntem Wohnungsmarkt können so festlegen, dass die Miete bei Abschluss eines neuen Mietvertrages in einer Bestandswohnung demnach nicht mehr als zehn Prozent der ortsüblichen Vergleichsmiete betragen darf. Wie hoch die Vergleichsmiete ist, kann dem einfachen oder dem qualifizierten Mietspiegel vor Ort entnommen werden.

Leider bleibt der erhoffte Erfolg aus, die Mieten steigen weiter. 2017 haben die Bundesländer Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen sogar ihren Ausstieg erklärt. Nach Berichten von Spiegel Online möchte Justizministerin Katarina Barley (SPD) die Mietpreisbremse dennoch verschärfen. Wenn ein Vermieter eine deutlich höhere Miete verlangt als vor Ort üblich, dann soll er einen Neumieter künftig von sich aus informieren. Zum anderen möchte Barley die Modernisierungsumlage herabsetzen. Damit soll verhindert werden, dass die Kosten für Luxussanierungen auf dem Rücken der Mieter abgewälzt werden.

Im Februar nächsten Jahres wird Christoph seine Ausbildung zum KFZ-Mechatroniker abschließen. „Hoffnungsvoll blicke ich in die Zukunft und bin mir sicher, dass wir nächstes Jahr auch eine größere Wohnung finden“, sagt er mit einem Schmunzeln auf den Lippen. Er hofft inständig, dass sein Plan in Erfüllung geht und er mit seiner Frau und den drei Kindern in die Nachbarschaft seiner Eltern ziehen kann. „Das wird schon alles“ sagt er und verabschiedet sich, denn jetzt muss er erstmal seinen Sohn vom Fußballtraining abholen.

Text: Sophie Wallstabe, Fotos: Laura Fischer, Sophie Wallstabe