Und täglich grüßt der Zuckerschock

von | 8. November 2019

Süßkram: Der ständige Begleiter des Studierenden. Titelbild: Christin Post

Typisch studentisch – nach der Faszination der Prokrastination folgt kurz vor der Prüfung doch noch die Einsicht. Gelernt werden müsste auch noch. Also ran ans Vorlesungsmaterial und den Süßigkeitenvorrat: Gummibärchen, Bonbons, Schokolade. Das lässt nicht nur das Herz höherschlagen, sondern den Insulingehalt in der Blutbahn gleich mit.

„Zucker“ klingt doch erstmal harmlos. Er muss auch per se nichts Schlechtes bedeuten. Der süße Geschmack wird uns schon im wahrsten Sinne mit der Muttermilch verabreicht. Zucker ist zunächst einmal ein Kohlenhydrat, also ein Energieträger. Energie braucht bekanntlich jeder Körper zum Arbeiten. Allerdings unterscheidet sich Zucker in seiner Komplexität. Wer hätte gedacht, dass der unbeliebte Chemieunterricht an dieser Stelle nützlich sein kann.

Einfach- und Zweifachzucker werden als kurzkettiger Zucker bezeichnet. Dazu zählen vor allem Glucose und Fructose. Haushaltszucker besteht genau aus diesen Komponenten. Auf molekularer Ebene betrachtet ist kurzkettiger Zucker recht simpel aufgebaut, wohingegen langkettiger Zucker, der Mehrfachzucker, komplexer aufgebaut ist. Damit der Zucker ins Blut gelangt, muss er gespalten werden. Kurze Ketten können einfacher gespalten werden als lange. Deshalb gelangt Einfachzucker viel schneller ins Blut. Langkettiger Zucker wird viel langsamer aufgespalten und tritt nur schrittweise ins Blut über.

Schneller heißt nicht besser

Im Blut angekommen, muss der Zucker erst noch verteilt werden. Der Schlüssel zum Glück: Insulin. Befindet sich viel Zucker im Blut, wird auch viel Insulin ausgeschüttet, um den Zucker schnell zu verteilen. Doch eben weil kurzkettiger Zucker so schnell verdaut ist, setzt schnell die Lust auf mehr ein. Der Energieschub ist also nicht von Dauer. So auch beim Traubenzucker. Dieses Problem äußert sich auch bei der Konzentration, wie die Ernährungswissenschaftlerin Astrid Laimighofer gegenüber medienMITTWEIDA sagt: „Kurze Kohlenhydrate, wie Zucker aus Süßigkeiten oder süßen Getränken, lassen den Zuckerspiegel kurz und rasant ansteigen. Genauso schnell wie er aber oben war, fällt der Zuckerspiegel auch wieder nach unten und die Konzentration mit ihm. Für eine kontinuierliche Versorgung des Gehirns mit den obligatorischen Kohlenhydraten sind langkettige Zucker in Form von Brot, Müsli und ähnliches von Vorteil.“

Den Studierenden treibt also die Aussicht auf einen schnellen Energieschub, wenn er zur Schokolade greift. Zucker wird im wahrsten Sinne zur Droge, denn „Zucker triggert das Belohnungszentrum unseres Gehirns an. Durch viel Prüfungsstress, wenig Bewegung, wenig Schlaf und unregelmäßige Mahlzeiten können Studenten eher gefährdet sein, bei zu viel Zucker nicht ‚Nein‘ sagen zu können“, so Laimighofer weiter.

Von den Befragten der aktuellen „Fachkraft 2030“-Studie konsumieren 49,3 Prozent der Studenten und sogar 64,8 Prozent der Studentinnen mehrmals pro Woche oder sogar täglich Süßigkeiten und Süßgebäck. Insgesamt geben 40,5 Prozent der Befragten an, in Prüfungsphasen mehr Süßigkeiten zu essen. Auch hier sind die Studentinnen anfälliger. 

Zucker macht krank

Sind wir doch mal ehrlich: Auch wenn wir die Gefahren durch hohen Zuckerkonsum kennen, begeben wir uns doch nur allzu gern wieder in das Hochgefühl, dass das süße Gift uns beschert. Doch die Liste der hinterhältigen Gesichter des Zuckers ist schier unendlich. Laut brain-effect.com führt der regelmäßige Konsum von Süßigkeiten besonders in Stresssituationen, wie etwa einer Prüfung, zum Leistungsabfall in Form von Konzentrations- und Erinnerungsschwierigkeiten. Auch Stimmungsschwankungen sind an der Tagesordnung. Klingt alles nicht so optimal, um ein gutes Prüfungsergebnis abzuliefern.

Zucker macht es uns alles andere als leicht, ihm zu widerstehen. Was am besten hilft? Das Wissen um seine Wirkung und ein starker Wille, den eigenen Schweinehund zu besiegen. Zucker ist längst Bestandteil unseres Alltags. Ihn lediglich als Genussmittel anzusehen, wäre reines Wunschdenken. Doch wäre es nicht wünschenswert, uns unsere Mündigkeit bezüglich einer bewussten Entscheidung zurückzuholen? Viel zu oft fallen wir noch auf den Trick mit dem Belohnungssystem rein. Man könnte den Eindruck bekommen, der Zucker hat uns dressiert. Oder anders gesagt: Der mit der kürzeren Kette sitzt am längeren Hebel.

Um zur Ausgangssituation zurückzukehren: Neben einer länger- statt kurzfristigen Vorbereitung sollten Studierende auch zu lang- statt kurzkettigem Zucker greifen. Im Zusammenspiel mit einer guten thematischen Vorbereitung bleibt die Pleite bei der nächsten Prüfung höchstwahrscheinlich aus.

Text: Kim Lu Kutschbach, Titelbild: Christin Post