Wie das Programm von RTL und Co. meinen Garten der Kreativität, des Wissen und der Eigenständigkeit mit Bulldozern überrollt. Was an RTL mein Herz erwärmt und was mich langsam aber sicher verblöden lässt, erfahrt ihr nur hier.

Ein Kommentar von Rebekka Kundt.

Was als Alternative zu den öffentlich-rechtlichen Sendern anfing, entwickelte sich im Laufe der letzten 30 Jahre zur eigenständigen Marke. „Willkommen Zuhause“ ist der derzeitige Slogan von RTL. Welche Taktik damit verfolgt wird, ist schnell erklärt. Nach eigenen Angaben möchte die Mediengruppe RTL Deutschland emotionale Nähe zu den Zuschauern aufbauen. Ein Programm für jede Altersgruppe und für die Familie soll geschaffen werden. Doch was bewirkt das tägliche Programm wirklich bei mir? Ist es vielleicht gerechtfertigt, dass viele Experten und Medienwissenschaftler die Meinung vertreten, das Privatfernsehen mache dumm?

Ein Tag zwischen sozialem Brennpunkt und der High Society

Starten wir also ein kleines Experiment. Nehmen wir an, ich liege mit einer Erkältung im Bett. Zu schwach, um einer ordentlichen Tätigkeit nachzugehen, aber zu gesund, um den ganzen Tag zu schlafen. Aus irgendeinem Grund ist jedoch nur noch RTL zu empfangen und auch kein anderes Medium in Reichweite.

So startet mein Versuch mit einer Mischung aus Nachrichten und „Wen interessiert‘s“-Infos über C-Prominente. Wolfram Kons und Jennifer Knäble präsentieren mir die neuesten Katzenvideos und Dschungelcamp-Highlights, aber auch wichtige Nachrichten. Eine Mischung aus Hintergundbericht der letzten widerlichen Dschungelprüfung reiht sich an die neuen Trends für den Winter. Allerdings liefert das Programm auch das Wichtigste vom Wichtigsten an aktuellen Nachrichten. Welche neuen Schritte in der Asylpolitik verfolgt werden oder welche fürchterlichen Unglücke die Welt heute vorzuweisen hat. Das Magazin „Guten Morgen Deutschland“ ist vermutlich neben den Abendnachrichten meine einzige Informationsquelle des Tages.

Scripted Reality – mein Freund in der Not

Weiter geht es mit einem Block von aneinander gereihten Dokusoaps. Das Konzept ist simpel. Geben wir dem Zuschauer etwas, was sie bereits im wahren Leben erlebt haben und versehen es mit einem Riesenlöffel voller Dramatik. Von schwangeren Teenies, über verschuldete Paare bis hin zur klein-kriminellen Rentnerin. Für jeden ist etwas dabei. Das wird dann mit günstigen Schauspielern und wenig unterschiedlichen Drehorten verwirklicht. Dass man bei einer überwiegenden Darstellung von ungebildeten Charakteren nur sehr wenig vernünftigen Content für das Gehirn verlangen kann, ist klar. Daher dann auch die Folge: Schleichende Verblödung der Zuschauer. Aber keine Sorge, maßgebliche Verschlechterung der Hirnfunktionen treten erst nach einem enormen Konsum solch anspruchsloser Sendungen auf. Hierbei gilt das Rezept: Desto weniger mich der Inhalt zum Denken anregt, desto mehr stellt mein Gehirn auf Sparflamme. Die Verblödung setzt hierbei zwangsweise ein. Durch wenig Anspruch an das Gehirn wird der Drang zu denken von Sendeminute zu Sendeminute weniger. Und eines ist wissenschaftlich bewiesen. Je weniger der Mensch denkt, hinterfragt und analysiert, desto blöder wird er.

Doch warum ist das so? Sollte man nicht meinen, dass heutzutage Errungenschaften wie das Internet den Weg zum Wissen vereinfachen? Was aber, wenn dies genau das Problem ist. Dadurch, dass das Wissen der Welt jederzeit erreichbar ist, kommt der Einzelne gar nicht auf die Idee, sich diesem Wissen zu bedienen. So ähnlich erklärt der Philosoph Michael Salomon-Schmidt in seinem Buch „Keine Macht den Doofen“  die Verblödung der Massen.

Ich selbst merke nach nur wenigen Folgen, dass ich zwar angesichts der Ungerechtigkeit gegenüber der schwangeren Chantal mitfiebere, aber das Interesse an relevanten Themen der Welt verliere. Die Flucht vor der bösen grauen Welt könnte man es auch nennen. Andererseits muss ich gestehen, dass die sogenannten Dokusoaps mir ein Gefühl der Überlegenheit verschaffen. Ich ertappe mich selbst bei Gedanken wie: „So blöd kann man doch nicht sein.“ Oder „Da habe ich es ja noch gut mit meinen Problemen.“ Die Verzweiflung Anderer lässt mich entspannen. Ein schrecklicher Satz, wenn man darüber nachdenkt. Aber so ist die Realität anscheinend. Dies ist natürlich ein wesentlicher Grund, warum das Konzept der Dokusoaps überhaupt bestehen kann. Die Bevölkerung vergöttert die Vielfalt. Erst wenn es einen Überfluss an allem gibt, ist es Luxus. Wir geben uns nicht mehr mit dem Kulturprogramm der Öffentlich-Rechtlichen zufrieden, wir wollen die Chance haben, „leichte Kost“ an Unterhaltung zu genießen.

Die Faszination an der Sensation

Nachdem mein Kopf nun die nächsten Stunden mit verschiedenen dramatischen realitätsähnlichen Geschichten gefüllt wird, werden erneut „Nachrichten“ des Tages gezeigt. Die Trendsetter, Vorbilder und Talente der Massen erfreuen uns täglich mit neuen Sensationen. Jeder möchte ein Leben wie die Reichen und Schönen. Da liegt es natürlich nicht fern, dass die stetige Flut an exklusiven Infos über das Leben der Promis ein lukratives Geschäft ist.

Abgeschlossen wird mein Experiment mit einer schönen Portion Fremdschämen in Form von DSDS-Castings und anschließender Dschungelcamp-Ausstrahlung. Ein gutes Beispiel dafür, dass die Verblödung der Massen in Übersee anfing. Denn wo kommen quasi alle Konzepte für neue Serien, Soaps und Shows her? Richtig, von Uncle Sam persönlich, aus dem weit entfernten Amerika. Besonders Casting Shows sind der Kassenschlager im TV. Egal ob DER neue und einzigartige Superstar Deutschlands oder der neue Dschungelkönig. Die Einschaltquoten beweisen, dass altbekannte C-Promis, aber auch zukünftige C-Prominente den Zuschauer begeistern.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Entwicklung des Fernsehens natürlich ein riesiger Meilenstein unserer Kultur ist. Allerdings gibt es auch hier Schwarz und Weiß. Durch das große Angebot an Sendern und Inhalten sollte für wirklich jeden etwas dabei sein. Ob das Fernsehen verblödet, wird sich dann wohl mit der Zeit zeigen. Spätestens, wenn der zukünftige Bundeskanzler auf Tinder zum DSDS-Casting aufruft.

Nach diesem Experiment ist eines ganz sicher: Nämlich, dass ich wieder kerngesund bin und mich auf einen Tag in der echten Welt enorm freue.

Text: Rebekka Kundt. Bearbeitung des Beitragsbildes: Christin Sperling.