Interview

„Wir sind es dem Leben schuldig“

von | 13. Januar 2023

Wenn der Job mit dem Tod endet – Leben, Tod und Alltag aus der Sicht einer Sterbebegleiterin.

Jeder Mensch wird früher oder später mit dem Tod konfrontiert. Egal ob es der eigene Tod, der Tod eines Angehörigen oder einer berühmten Persönlichkeit ist. Doch nur wenige Menschen machen den Sterbeprozess zu ihrem Beruf. medienMITTWEIDA hat mit einer Sterbebegleiterin gesprochen, die in einem ambulanten Brückenteam tätig ist. Aus datenschutztechnischen Gründen wurde ihr Name redaktionell geändert.  

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus? 

Susann: Meine Tätigkeiten sind in erster Linie Patienten, die sich am Lebensende befinden, in der Häuslichkeit oder in Pflegeheimen zu begleiten, ihnen zur Seite zu stehen, um die letzte Zeit so gut, leicht und symptomarm wie möglich zu gestalten. Genau dort, wo sie sich aufhalten, auch bei größeren Beschwerden bleiben zu können. Und nicht ins Krankenhaus zu müssen.

Im Detail heißt das eben auch, dass ich in einem Team arbeite, das 24 Stunden erreichbar ist, auch im Notfall und medizinisch medikamentös Leiden lindert, Beschwerden lindert. Beschwerden in Form von Schmerzen, Luftnot, Übelkeit, Erbrechen. Vielleicht auch Angst, Panikattacken, Unruhe. Alles, was unter Umständen in einem Sterbeprozess auftreten könnte.

Es sind nicht nur explizit körperliche Leiden, sondern ebenso psychische Leiden.
In psychisch schweren Situationen der Patienten, aber auch der Angehörigen, wenn sich die Patienten zu Hause befinden und nicht im Pflegeheim. Es ist also ein ganz großer Part unserer Arbeit, auch die Familien zu unterstützen, damit sie in der Lage sind, ihre kranken, sterbenden Angehörigen bis zuletzt zu versorgen.

Warum ist der Job so wichtig und verdient mehr Aufmerksamkeit?

Susann: Zum einen aus Respekt gegenüber dem Leben. Zum anderen ist der Job wichtig, um das Sterben, den Tod zu kultivieren und es ertragbar und leichter zu machen, sowohl für den Sterbenden als auch für die Familie.
Wir sind es eigentlich dem Leben schuldig. Die Würde des Menschen verlangt das einfach, dass er bis in den Tod respektvoll, würdevoll behandelt, begleitet wird.

Warum hast du dich denn für diesen Job entschieden?

Susann:  Ich fand eigentlich immer schon das Thema Tod und Sterben interessant. Weil ich damit gut umgehen konnte. Weil ich keine Berührungsängste mit Verstorbenen habe. Weil mir das auch ein Herzensanliegen ist, den Leuten auch so den Schrecken zu nehmen vor Tod und Sterben. Weil ich sowohl die Kranken und Sterbenden als auch die Familien so gut wie irgend möglich durch diesen Prozess begleiten möchte. Weil ich schon von früh an mit dem Tod und Sterben zu tun hatte. Weil ich viel im Privaten damit immer schon konfrontiert wurde.

Was würdest du sagen, braucht man, um diesen Beruf auszuüben?

Susann: Also auf alle Fälle braucht man Empathie und generell auch, ich sag‘ mal Liebe zu den Menschen, Wertschätzung den Menschen gegenüber. Und schon auch ein bisschen, was viele in unserem Job generell haben, so ein leichtes Helfersyndrom vielleicht. Und Liebe zum Beruf, definitiv.

Glaubst du, dass man abgehärteter sein muss, um im Berufsfeld der Sterbebegleitung zu arbeiten?

Susann: Ich glaube, man sollte nicht abgehärtet sein. Es darf einen berühren. Aber du darfst das nicht zu nah an dich heranlassen, sodass du mit jedem mit stirbst. Ich wurde auch schon gefragt: „Stumpft das nicht irgendwie ab?“
Ganz im Gegenteil, das stumpft so gar nicht ab. Aber man bekommt einen anderen Blick auf das Leben, auf das Sterben. Es ist für mich keine Verzweiflung, oder tragisch, sondern einmal mehr ein Grund für mich zu sagen: „Hey, lebe dein Leben heute, du weißt nicht, was morgen ist.“ Und zusätzlich jeden Tag einmal mehr dankbar zu sein für die Gesundheit, die mich heute noch nicht verlassen hat, weil ich nicht weiß, ob ich morgen zum Beispiel schon die Diagnose kriege.

Würdest du sagen, dass es schwerfällt, in der Freizeit abzuschalten, wenn man beruflich sehr viel mit doch belastenden Situationen zu tun hat?

Susann: Mir fällt es nicht so schwer. Zum einen, weil ich in meiner Freizeit viel unternehme, sehr abwechslungsreich unterwegs bin, sehr gefordert bin. Und zum anderen, weil wir in unserem Team auch sehr gut darüber reden können, wir also schon vor Ort im Prinzip unsere Gedanken, Probleme austauschen und ein Stück auch da ablegen können.
Es gibt natürlich ein paar Ausnahmen, die einem arg an die Nieren gehen. Aber dennoch mit so einem Blick darauf als Normalität und zum Leben gehörend.

Was sind solche Situationen, die einem da schwerer fallen?

Susann: Tatsächlich, wenn wir junge Menschen betreuen. Wir hatten schon 18-jährige, 20-jährige, also wirklich junge Menschen. Und junge Menschen sterben nicht so einfach, weil der Körper so viel mehr Kraft hat und das Herz noch so, so stark ist. Da gibt es zum Teil ganz schlimme Familienschicksale. In den Familien, die wir betreuen, sind wir psychisch manchmal so miteinbezogen in Konflikte.
Das ist ein ganz anderes Ballungsgebiet, was sich da eröffnet und da ist so viel Tragik und gleichzeitig manchmal auch so viel Schönes zu erleben, da nimmt man beides doch manchmal mit nach Hause. Aber nicht als Verzweiflung oder nicht als „Es ist alles so scheiße.“ Ja, doch, manchmal sagen wir auch, dass das einfach so eine Scheiße ist. Aber nicht so, dass einen das lähmt oder belastet. Ganz im Gegenteil, weil ich weiß, meine Aufgabe ist es zu helfen, mit der Situation irgendwie klarzukommen und nicht die Situation zu ändern. Das ist einfach nicht möglich.

Wie gehst du damit um, wenn ein Patient stirbt?

Susann: Wir auf Arbeit haben tatsächlich ein Ritual. Wir entzünden eine Kerze für denjenigen und wir haben ein Totenbuch, in das wir den Patienten hineinschreiben.
Wenn ich Rufbereitschaft habe und unmittelbar in meinem Dienst jemand gestorben ist und ich direkt wieder nach Hause fahre, kann es schon sein, dass ich zu Hause eine Kerze anzünde und kurz innehalte, aber das kommt drauf an.
Wenn jetzt ein alter Mensch gestorben ist und ich einfach nur dankbar bin, dass er es geschafft hat, dann ist das gar nichts Außergewöhnliches. Dann ist man einfach froh, dass man sagt „Jetzt hat er seinen Frieden.“ Und das ist einfach schön.

Welchen Mehrwert hat die Sterbebegleitung für die Sterbenden?

Susann: Also, zum einen zu wissen, sie sind nicht allein. Egal, ob wir sie allein betreuen oder ob wir auch die Familie mit betreuen. Auf alle Fälle auch Linderung der Beschwerden zu erfahren und entsprechend an dem Ort sein zu dürfen, wo sie sterben möchten. Das mag zu Hause sein. Das mag vielleicht in einem Hospiz sein, je nachdem. Es ist schon ein großer Mehrwert, sowohl für die Sterbenden als auch für die Angehörigen. Dafür zu sorgen, dass sie da sterben dürfen, wo sie sterben möchten und das mit so wenig Beschwerden wie möglich.

Was ist deiner Erfahrung nach das, was den Sterbenden am meisten zusetzt?

Susann: Die Leute haben unter Umständen vor dem Prozess als solches Angst, nicht zu wissen, wie sie sterben und weniger vor dem Tod. Wie wird das Sterben sein? Qualvoll, leicht? Davor haben sie Angst. Denn natürlich weiß keiner, wie unser eigener Tod sein wird. Das ist aber noch im Vorfeld. Und wenn sie dann schon so weit sind, dass sie wissen, jetzt sterbe ich unter Umständen, dann ist ganz häufig deren Angst, was verpasst zu haben oder noch irgendwas nicht geklärt zu haben, sich von irgendjemandem verabschieden zu wollen. Und das lässt manche Leute auch scheinbar schwerer loslassen.

Herrscht deiner Ansicht nach genug Bewusstsein innerhalb der Gesellschaft für das Sterben und den Tod?

Susann: Definitiv nicht. Also es ist schon deutlich besser geworden und es hat auch schon Zugang zu den Medien bekommen dieses Thema. Aber es ist definitiv immer noch ein Tabu für viele. Also da ist noch lange, lange nicht genug getan. Das gehört einfach noch nicht in den Alltag oder in die Gesellschaft. Da ist noch viel mehr möglich.

Was wären Möglichkeiten, innerhalb der Gesellschaft ein größeres Bewusstsein zu schaffen?

Susann: Es gibt ja Erste-Hilfe-Kurse und es gibt jetzt tatsächlich auch Kurse in letzter Hilfe, sowas sollte zum Beispiel mehr publik gemacht werden.

Letzte-Hilfe-Kurse

Letzte Hilfe Kurse richten sich, wie auch Erste-Hilfe-Kurse an die breite Bevölkerung und bieten Interessierten die Chance, zu lernen, wie sie Sterbenden beistehen und helfen können. Das Ziel des Kurses ist es, den Teilnehmern zu vermitteln, wie sie Leiden lindern können und die Lebensqualität der Betroffenen so gut es geht erhalten. In nur wenige Stunden werden wichtige Themenkomplexe behandelt, Handgriffe vermittelt und ethische Fragen rund um den Sterbeprozess erörtert.


Über das Thema sollte auch viel größer berichtet werden, beziehungsweise sollte es nicht so negativ belastet sein, also, dass der Tod Bestandteil unseres Lebens sein darf.

Außerdem könnte das schon in den Schulen Thema sein, damit man damit aufwächst und keine Berührungsängste zu dem Thema hat, denn zum Glück ist ja nicht jedes Kind schon zu Hause mit dem Tod konfrontiert.

Für viele ist der Tod negativ behaftet, etwas Beängstigendes, worüber man nicht spricht. Wie würdest du den Tod beschreiben?

Susann: Tod ist für mich eine Pforte, ein Übergang vom Leben in ein anderes Bewusstsein, in eine andere Bewusstseinsform, ohne wirklich zu wissen, was danach kommt. Doch mit dem Glauben, dass das dann nicht einfach so zu Ende ist. Dass es da irgendwie noch was gibt. Dass meine Seele noch übrig bleibt und sich wieder einen Weg sucht und findet, weiterzuwachsen. Also entweder ich bin dann schon am Ende angekommen und erleuchtet oder meine Seele sucht möglicherweise den nächsten Körper und er wird weiterwachsen.

Es ist kein Ende.

Findest du, dass Leute, die weniger tagtäglich mit dem Tod konfrontiert werden, sich mehr damit auseinandersetzen sollten oder gar könnten?

Susann: Ja, durchaus. Ich finde, das ist ein wichtiges Thema für uns alle, weil es uns alle betrifft, weil jeder von uns stirbt. In Form von „Was ist der Sinn meines Lebens?“ oder unbewusst „Wie achtsam lebe ich?“ „Wie dankbar lebe ich?“
Aber wer sich mit dem Tod im Gesunden auseinandersetzt, dem wird bewusster, dass man nur eine begrenzte Zeit hat und wir gar nicht wissen. Demzufolge, nutzt man unter Umständen seine Tage ein Stückchen effektiver, intensiver und überlegt, was ist wirklich wichtig? Für meine Mitmenschen, für die Welt. Das trägt ganz sicher dazu bei, wenn man sich mit der Sterblichkeit, mit der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzt. Und vielleicht wird dann auch das Miteinander, der gegenseitige Respekt, der Respekt gegenüber Kranken, Alten oder Sterbenden in der Gesellschaft anders wahrgenommen.

Text: Carlotta Sieber, Titelbild Foto: Melissa Berthold, Carlotta Sieber

<h3>Carlotta Sieber</h3>

Carlotta Sieber

Carlotta Sieber ist 21 Jahre alt und studiert derzeit im 5. Semester Medienmanagement an der Hochschule Mittweida. Bei medienMITTWEIDA engagiert sie sich als Leitende Redakteurin des Gesellschaft-Ressorts seit dem Wintersemester 2022.