Akademisches Ghostwriting

Durch Unsummen zum erschlichenen Abschluss

von | 23. November 2018

Anrüchig, riskant und kostspielig - trotzdem lassen immer mehr Studenten fremde Autoren für sich schreiben.

800 Euro für eine Hausarbeit in Philosophie, um die 5.000 Euro  für eine 40-seitige Bachelorarbeit in Betriebswirtschaftslehre oder bis zu 10.000 Euro für eine Dissertation in Medizin – mit Geld kann man sich laut verschiedensten Anbietern akademischen Ghostwritings eine Menge Stress ersparen. Und obwohl das Geschäft anrüchig und die Preise horrend sind, nutzen Studenten immer wieder diese Dienstleistung. Der Markt boomt und die Hochschulen sind hilflos.

Unterschiedlichste Gründe, einen Ghostwriter zu beauftragen

Wahrscheinlich war jeder Studierende schon einmal an dem Punkt, an dem er dachte, dass er niemals alles schaffen würde. Der Leistungsdruck, die eigenen Erwartungen, Überforderung und ein völlig verkalkulierter Zeitplan sorgen oft für Verzweiflung. Doch es ist nicht immer die fehlende Struktur bei der Arbeit. Manchmal ist ein einmaliges Jobangebot für die Zukunft gewinnbringender oder es fehlt schlichtweg das Talent zum Schreiben. Das kann Autorin87, die nicht erkannt werden möchte und seit mehreren Jahren unter anderem für die Ghostwriting-Agentur Smartwriters schreibt, bestätigen: „Schreiben muss einem liegen, anderenfalls hat man damit riesige Schwierigkeiten. Hinzu kommt, dass das Schreiben in den meisten Studiengängen vollkommen untergeht. Das wird bei der Abschlussarbeit für viele zum Problem.“ Und genau hier ist der Punkt, an dem sich vermutlich viele Studenten dazu entscheiden würden, einen Ghostwriter zu beauftragen.

Modernes Business statt zwielichtige Geschäfte

Unter dem Begriff akademisches Ghostwriting versteht man in der Regel, dass Studierende sich gegen Geld wissenschaftliche Arbeiten beziehungsweise laut AGBs Vorlagen und Musterlösungen von einem anderen Autor anfertigen lassen und diese als ihre eigene Leistung einreichen. Was für viele dubios klingt, hat sich schon lange zu einem eigenen Marktzweig entwickelt, der sich vor der Öffentlichkeit nicht scheut. Privatpersonen bieten ihre Dienstleistungen für Kommilitonen am schwarzen Brett der Hochschulen an und zahlreiche Agenturen, die Ghostwriter vermitteln, werben im Netz mit jahrelanger Erfahrung und professionellen Autoren. Auch deren Social Media-Profile werden stets aktuell gehalten und von tausenden Menschen gelikt. „Ghostwriting ist so alt, wie das Schreiben selbst. Ich habe daraus ein modernes und zeitgemäßes Business gemacht“, meint Thomas Nemet, Geschäftsführer der Agentur ACAD Write, die als eine der größten Anbieter für akademisches Ghostwriting in Deutschland gilt. Laut eigenen Angaben realisierten sie durch erfahrene Akademiker bisher über 15.000 Projekte für Kunden jedes akademischen Niveaus. Am meisten gefragt seien wissenschaftliche Texte wie Haus-, Bachelor- oder Masterarbeiten in den Studienbereichen BWL, Jura und Medizin. Dissertationen würden im Vergleich dazu sehr wenig in Auftrag gegeben.

Keine Gefahr für Ghostwriter

Tatsächlich haben Agenturen und Ghostwriter derzeit nichts zu befürchten. Auch Markus Heinker, Jurist und Professor der Hochschule Mittweida, kann dies bestätigen: „Einen Straftatbestand zum Ghostwriting gibt es nicht.“ Nur wenn der Ghostwriter nachweislich Kenntnis davon hat, dass der Auftraggeber die Arbeit als seine eigene eingereicht hat, kann dieser wegen Beihilfe zum Betrug belangt werden. Die meisten Agenturen sichern sich dagegen aber geschickt in den AGB ab. Offiziell bieten Ghostwriting-Agenturen laut diesen nur Coaching oder Vorlagen für wissenschaftliche Arbeiten an, die nicht zum unveränderten Einreichen bestimmt sind. Melanie Ronde, Geschäftsführerin der Ghostwriting-Agentur smartghostwriters.com sagt: „Unsere Agentur bietet in erster Linie Hilfe an und unterstützt bei der Erstellung der Texte, wobei der Autor mit dem Kunden eng zusammenarbeitet. Wir können nur schreiben, was der Kunde uns mitgibt. Zum Schluss muss er prüfen, ob der Text sich für ihn eignet. Letztendlich übernehmen wir das Schreiben, aber nicht das ‚Denken‘.“  Ob der Kunde die Arbeit tatsächlich als seine eigene Leistung einreicht, liegt somit in seiner Eigenverantwortung. Wie viele Menschen das erhaltene Dokument allerdings bei den Kosten noch einmal überarbeiten, kann wohl jeder selbst abschätzen.

Sanktionen der Hochschule für Studenten

Die reine Nutzung dieser Dienstleistung ist für Studierende keineswegs verwerflich. Das Problem beginnt dann, wenn jemand die Arbeit unter Ablegen einer eidesstattlichen Erklärung als seine eigene ausgibt und damit eine vorsätzliche Täuschung begeht. „Schließlich kommt der Straftatbestand der falschen eidesstattlichen Versicherung in Betracht“, meint auch Markus Heinker. Denn damit macht der Studierende sich strafbar und verstößt vor allem gegen die geltende Prüfungsordnung der Hochschule. Abhängig von dieser hat er bei nachweislichem Verstoß entsprechende Sanktionen zu erwarten. Diese reichen von Bußgeldstrafen und Prüfungsausschluss bis hin zur Exmatrikulation.

Machtlos gegen Täuschungen

Das große Problem der Bildungseinrichtungen besteht darin, dass der Nachweis fast unmöglich ist. Ein Plagiat aufzudecken ist durch zahlreiche Software-Tools einfacher denn je. Um einen Fall akademischen Ghostwritings zu beweisen, müssten Professoren jedoch mit außergewöhnlichen Inhalten und abweichendem Schreibstil des Studierenden argumentieren. Besonders in Massenstudiengängen, in denen viele Hausarbeiten pro Semester geschrieben werden und der Professor nicht einmal alle Studierenden kennt, geschweige denn alle Arbeiten selbst kontrolliert, ist das undenkbar. Der Deutsche Hochschulverband setzt sich daher seit 2012 für die Einführung des Straftatbestandes „Wissenschaftsbetrug“ ein. Erfolg ist dabei aber genauso wenig in Sicht, wie eine flächendeckend verbesserte Betreuungssituation der Studierenden – zum Vorteil der Anbieter, wie Thomas Nehmet in der Welt meint: „Würde das Bildungssystem funktionieren, wäre Ghostwriting eine brotlose Kunst.“

Kleine Hilfestellung oder moralischer Verstoß

Unabhängig von allen rechtlichen Rahmenbedingungen muss derjenige, der sich auf einen Betrug dieser Art einlässt und auch der Ghostwriter als Unterstützer, das Ganze mit seinem eigenen Gewissen vereinbaren und moralisch vertreten können. Autorin87 zum Beispiel meint:

„Mir ist bewusst, dass meine Arbeit aus moralischer Sicht fragwürdig ist. Dennoch sehe ich sie als Hilfestellung an. Ein Studium besteht schließlich nicht nur aus einer Abschlussarbeit. Wenn für diesen kleinen Teil des Studiums Hilfe angenommen wird, wo ist das Problem? Bei Prüfungen wird geschummelt und bei der Erstellung von Abschlussarbeiten eben auch.“

Autorin87

Ghostwriterin der Agentur Smartwriting

Melanie Ronde sieht das ähnlich: „Der Mensch ist verantwortlich für sein Tun und Handeln. Was der Kunde inhaltlich nutzt, muss immer von ihm kommen. Wir verfassen es nur in Worte.“ Zudem versteht sie ihre Kunden und gönnt ihnen, trotz der Inanspruchnahme solcher Leistungen, ihre Abschlüsse von Herzen und kritisiert vor allem das Bildungssystem:

„Die meisten Kunden leiden unter hohem Druck, nicht nur zeitlich, auch familiär oder im Job. Nicht selten sind sie nervlich stark angespannt, weinen oder berichten davon, dass wir ihre einzige und letzte Chance sind. Das gibt uns schon zu denken und wirft einen schrägen Blick auf das Bildungssystem.“

Melanie Ronde

Geschäftsführerin der Agentur smartghostwriters.com

Doch geht es wirklich allen Studierenden so? An der Hochschule Mittweida sind einige nicht vollkommen abgeneigt, aber offensichtlich doch nicht überzeugt genug, akademisches Ghostwriting ernsthaft in Betracht zu ziehen:

Findest du akademisches Ghostwriting moralisch gerechtfertigt?

Studierende der Hochschule Mittweida

Hast du eine solche Leistung schon einmal in Anspruch genommen?

Studierende der Hochschule Mittweida

Kannst du dir vorstellen, in Zukunft auf einen Ghostwriter für wissenschaftliche Arbeiten zurückzugreifen?

Studierende der Hochschule Mittweida

Markus Heinker ist letztendlich absolut dagegen und kann seine Meinung kurz und knapp auf den Punkt bringen. Damit spricht er womöglich vielen Professoren deutscher Hochschulen aus der Seele:

„Ich wüsste nicht wie man das Erschleichen von Abschlüssen unter Täuschung moralisch rechtfertigen wollte.“

Prof. Dr. Markus Heinker LL.M.

Jurist und Professor der Hochschule Mittweida

Im Grunde genommen, muss wie immer jeder seine persönliche Antwort auf die Frage nach der Moral finden. Aber egal wie diese ausfällt, lohnt es sich laut Herrn Heinker zu bedenken, dass jedem Studierenden, der auf diese Weise betrügt und dabei erwischt wird, ein Leben lang die Aberkennung des akademischen Abschlusses droht.

Text und Titelbild: Sophie Bertog

<h3>Sophie Bertog</h3>

Sophie Bertog

ist 20 Jahre alt und hat durch die Vertiefungsrichtung Journalismus innerhalb ihres Medienmanagement-Studiums zum Schreiben gefunden und es mehr schätzen gelernt, als sie anfangs dachte. Sie hofft, dass sie durch medienMITTWEIDA noch einigen interessanten Menschen begegnen wird, da es vor allem das ist, was sie am Journalismus bereichernd findet.