Heimat, aber kein Leben

von | 10. Mai 2020

Menschenleere Straßen zeichnen das Bild der meisten Städte. Keine Seltenheit auf dem Balkan. Titelbild: pixabay/jwvein

Vögel zwitschern, der Fluss strömt leise dahin, die Sonne scheint. Es ist ein friedlicher Tag in Sanski Most. Die kleine Stadt im Nordosten Bosniens scheint perfekt. Doch in den Straßen der Stadt herrscht oft Stille. Denn: Hier leben kaum noch Menschen. Sanski Most ist halb verlassen – wie so viele Städte auf dem Balkan. Es stellt sich die Frage nach dem Warum. Drei Menschen mit drei Geschichten, die versuchen, diese Frage zu beantworten.

Wie leer gefegt

Seit dem Jugoslawienkrieg vor etwas mehr als 20 Jahren haben fast eine halbe Millionen Menschen Bosnien und Herzegowina verlassen. Laut einer Erhebung durch IMF wohnten 1996 noch etwa 3,78 Millionen Menschen in dem kleinen Land mitten auf dem Balkan, wohingegen es 2019 nur noch 3,5 Millionen waren. Die Prognose für die nächsten Jahre: weiter sinkende Einwohnerzahlen. Doch dieses Schicksal betrifft nicht nur Bosnien. Auch die Nachbarländer Kroatien und Serbien sind betroffen. Allein 3,2 Prozent der Einwanderer in Deutschland im Jahr 2018 kamen aus Kroatien. Dass der Wunsch auszuwandern keine Seltenheit auf dem Balkan ist, bestätigt auch Radio Slobodna Evropa, die eine Grafik anhand einer Studie von FES, CeSID erstellten. 30 bis 75 Prozent der jungen Menschen hätten den Wunsch, auszuwandern. Die Zahlen des Auswärtigen Amtes passen dazu: 2019 wurden für Serbien 13.467 Visa verteilt, allein 10.624 für Erwerbstätigkeit – also etwa 79 Prozent. Für Bosnien und Herzegowina insgesamt sogar 17.254. Was bewegt all diese Leute, ihre Heimat zu verlassen?

Die Zahlen sprechen für sich: die Grafik zeigt deutlich, mehr Menschen möchten gehen als bleiben. Quelle: Grafik frei nach Radio Slobodna Europa; Studija o mladima u Jugoistočnoj Evropi 2018/2019. FES, CeSID

Tarik B.* sitzt in seiner kleinen Einzimmerwohnung und telefoniert mit seinen Eltern. Vor einem halben Jahr noch hätte er, um mit ihnen zu sprechen, einfach aus seinem Zimmer ins Wohnzimmer gehen müssen. Jetzt wohnt er mehr als 1000 Kilometer weit weg. 20 Monate lang musste er auf sein Arbeitsvisum warten, dann endlich konnte er nach Deutschland. Jetzt arbeitet er als Krankenpfleger in einem Krankenhaus in Ludwigshafen. „Auch wenn es das Schwerste für mich war, meine Eltern zurückzulassen, würde ich mich jederzeit wieder so entscheiden.“ In Bosnien konnte er keine Arbeit finden, habe für sich und die Kinder, die er mal haben will, keine Zukunft gesehen. Deutschland hingegen versprach ihm ein stabiles Einkommen, politische Sicherheit, ein besseres Gesundheitssystem. Wie so viele verließ er seine Heimat – in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Braindrain – wenn ein Land ohne Arbeiter bleibt

Tarik ist nur einer von vielen jungen Menschen, die trotz des Wunschs nach Arbeit und zumeist abgeschlossener Ausbildung arbeitslos bleiben. Bosnien und Herzegowina belegt 2019 laut ILO Platz zehn der Länder mit der höchsten Arbeitslosenquote: Ganze 18,4 Prozent der Bevölkerung sind arbeitslos. Die Zahl der Jugendarbeitslosigkeit in Bosnien ist ebenfalls erschreckend hoch.

Doch mit der Abwanderung junger Menschen kommen nicht nur demographische Probleme. Der sogenannte „Braindrain“, also das Abwandern (hoch-)qualifizierter Arbeitskräfte, betrifft den gesamten Balkan. Seit dem Eintritt in die EU 2013 seien aus Kroatien massenhaft qualifizierte Arbeitskräfte ausgewandert, so die Hans Seidel Stiftung. Der Reiz nach Deutschland zu kommen liege vor allem darin, mehr Geld zu verdienen. Das bestätigt auch Herbert Brücker, Forschungsleiter am Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung und Experte für Integration, Migration und internationale Arbeitsmarktforschung. „Das Einkommensgefälle ist relativ hoch und die Einkommensunterschiede bieten natürlich einen großen Anreiz, das Land zu verlassen.“ Nicht nur für die Migranten, auch für die Zielländer biete die Migration Vorteile: auch für Deutschland. Hier herrscht das Fachkräfteeinwanderungsgesetz. Gerade im Gesundheitssektor, in dem in Deutschland seit Jahren Mangel herrscht, kämen die Arbeitskräfte vom Balkan gerade recht. „Was für die Zielländer einen Gewinn bedeutet, bedeutet für die Herkunftsländer der Arbeiter jedoch gleichzeitig einen Verlust qualifizierter Arbeitskräfte“, sagt Brücker. Es seien nicht nur Gehirne, sondern auch Hände, die man verlieren würde, so auch Amela Sacic aus dem Institut für Jugendentwicklung “Kult”,  gegenüber Radio Slobdona Evropa.

 

In Bosnien herrscht eine erschreckend hohe Jugendarbeitslosigkeit. Der Rückgang lässt sich durch die sinkende Bevölkerungszahl erklären. Quelle: World Bank; ILO

Eine Generation ohne Zukunft

Admir, 40, gelernter CNC-Fräser, kam Dezember 2017 nach Deutschland. Seine Frau Narcisa und ihre gemeinsamen Kinder sind nun seit fast einem Jahr auch bei ihm. „Wir haben uns entschlossen, unsere Heimat zu verlassen, weil wir für unsere Kinder in Bosnien keine Zukunft gesehen haben“, erzählt sie. Ihr Mann habe in Bosnien gearbeitet, sie nur während der Sommersaison. Trotz beider Einkommen, habe es zum Leben nicht gereicht. „Es gab Situationen, da hat Admir 1100 KM (umgerechnet etwa 550 Euro) verdient. 450 KM mussten wir für den Kredit für unser Haus zahlen, mit dem restlichen Geld unter anderem die Nebenkosten. Für uns blieb im Endeffekt also nichts übrig.“ Nicht nur die finanzielle Situation sei schwierig gewesen. Kein ordentliches Gesundheitssystem, vom schulischen System ganz zu schweigen. Beide wollten gehen, erzählt sie. „Vielleicht ich auch mehr als er“, gibt sie zu. „Es gab sogar einen Punkt, an dem Ado sich umentschieden hatte. Ich habe ihn überzeugen können, dennoch zu gehen.“ Sehr zu ihrem Glück, wie sie heute sagt. Sie wollten nicht, dass es ihren Kindern an etwas fehlt. Nachdem ihr Mann eine Stelle in Deutschland gefunden hatte, musste er ein Jahr lang auf seinen Termin für das Visum warten. Admirs Vorteil: Er spricht Deutsch, war als Kind während des Kriegs in Deutschland. Er musste also keinen Sprachkurs belegen. Ein halbes Jahr nachdem Admir in Deutschland ankam, konnten Narcisa und die Kinder nachziehen. „Wir hatten großes Glück, dass wir nicht lange getrennt waren. Das ist selten der Fall“.

Im Schnitt wartet man laut der Deutschen Botschaft in Sarajevo sechs bis sieben Monate auf einen Termin für ein Visum für den Nachzug von Familienmitgliedern. In der Facebook- Gruppe IUSNJ-Spajanje Porodice (zu dt. „Familienzusammenführung“) tauscht man sich tagtäglich aus: Fragen zu Visa und Wartezeiten, Hilfe bei Übersetzungen und persönliche Erfahrungen schweißen diese Menschen zusammen. Die Gründe auszuwandern sind fast immer dieselben. Vor allem die jungen Menschen sähen für sich selbst keine Zukunft in ihrer Heimat. So auch Katarina Vučković, aus dem Institut für die Entwicklung von jungen Menschen „KULT“, gegenüber Kosmo. Unzufriedenheit mit der politischen Situation, die hohe Arbeitslosigkeit und Korruption, all das seien Gründe. In Serbien zeichnet sich ein ähnliches Bild. Laut einer Umfrage des ThinkTankSrbija 21 wollen rund ein Fünftel der Bevölkerung das Land verlassen. 41 Prozent der sogenannten Diaspora (im Ausland lebende Serben) gaben zudem an, dass sie nicht vorhätten, zurückzukehren, beziehungsweise erst nach ihrer Pensionierung (35 Prozent).

„In Bosnien findet man trotz Studium nur sehr schwer einen Job“

Neira Sabic, 35, hat Germanistik studiert und gibt derzeit Deutschkurse. Hauptsächlich für diejenigen, die auswandern wollen. Einen Job als Lehrerin, wie sie ihn immer wollte, findet sie derzeit nicht. Besonders als Lehrkraft sei es schwierig. Die Schulen seien alle voller junger Lehrer, gleichzeitig gäbe es aber auch immer weniger Schüler. Auswandern möchte Neira dennoch nicht. „Uns geht es momentan gut, sowohl finanziell als auch seelisch.“, erzählt sie. Ihr Sohn Eman soll in seiner Heimat aufwachsen: „Ich möchte, dass er hier zur Schule geht, unsere Kultur und Religion lebt“. Ihre Eltern zurückzulassen, würde ihr schwerfallen. Das ihr bekannte Leben in Bosnien, ihre Freunde, alles was sie und ihr Mann sich aufgebaut haben, möchte sie nicht aufgeben. Für ihren Sohn jedoch würde sie keine Sekunde zögern und auswandern, wenn nötig. „Wenn er je unter der Situation leiden sollte oder müsste, würden wir gehen“, sagt sie. Die größten Probleme des Landes seien die Politik und die Arbeitslosigkeit. Neiras Ansporn das Land zu verlassen sei ihr Sohn, aber auch die Menschen seien nicht mehr wie früher: „Viele sind ständig gereizt und unzufrieden, keiner gönnt dem anderen mehr etwas.“ Es scheint, als wären die Menschen das Spiegelbild der gesellschaftlichen Situation.

Neira ist in Bosnien (noch) glücklich. Tarik, sowie Admir und seine Familie haben ihr Glück in Deutschland gefunden. Auszuwandern war für sie die richtige Entscheidung. Wenn sich die politische Situation auf dem Balkan nicht ändert, werden sie jedoch sicherlich nicht die Letzten sein, die ihre Heimat verlassen. Alle mit der Hoffnung auf ein besseres Leben.

*Name geändert

Text: Ariana Bešić, Titelbild: pixabay/jwvein, Grafiken: Radio Slobodna Evropa; Studija o mladima u Jugoistočnoj Evropi 2018/2019. FES, CeSID; World-Bank; ILO