Wenn die Furcht dein Leben bestimmt

9. Dezember 2018

Angststörungen sind mit körperlichen und seelischen Symptomen verbunden. Sehr oft entsteht ein Teufelskreis der Angst. Foto: Elisa Raßmus

Das Herz klopft, der Schweiß steht auf der Stirn, Thomas* ist völlig gereizt und hat sogar Angst zu sterben. Eine der häufigsten psychischen Erkrankungen: die Angststörung. Verbunden mit einem erheblichen Leidensdruck und einem gefangenem Selbst.

Unter einer Angststörung litt auch Thomas, ein erwachsener junger Mann Mitte 20. Er lebt glücklich in einer Beziehung, auch beruflich läuft es gut. Von außen ein perfektes Leben, wie es sich die meisten Menschen wünschen. Doch in Thomas sieht es anders aus. Seit mehreren Monaten beschäftigen ihn viele Dinge. „Ich hoffe, das klappt alles weiterhin mit der Arbeit und ich muss mir einfach keine Gedanken mehr machen. Freundin. Job. Mein Leben ist einfach nur kompliziert.“, sagt sich Thomas gedanklich. Eigentlich ist er zufrieden. Doch plötzlich kippt seine Stimmung und er fängt an zu grübeln, ohne das irgendetwas passiert ist. „Warum mach ich mir immer nur solche Gedanken?“, fragt sich Thomas immer wieder.

Gedanken, die er einfach nicht abstellen kann. Der Schweiß fließt ihm von der Stirn, ihm wird übel, seine Hände fangen wieder an zu zittern. Er möchte einfach nur wegrennen. Rennen, rennen, rennen, so weit wie möglich. Einfach nur hinaus aus dieser Situation. Eine Generalisierte Angststörung ist das Leid von welchem Thomas betroffen ist.

Immer mehr Berufstätige von psychischen Erkrankungen betroffen

So, wie Thomas geht es auch vielen anderen Menschen. Laut Statista hat das Thema psychische Erkrankungen in den letzten Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen. Zu sehen ist dies anhand der Zahl der Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen von der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK), welche um knapp 80 Prozent zugenommen hat. In der Vergangenheit waren Beschäftigungslose überproportional von psychischen Diagnosen betroffen. Krankenkassen zeigten unter anderem in ihren Gesundheitsberichten, dass häufiger Krankschreibungen aufgrund von psychischen Diagnosen anfallen. Beispielsweise nach dem DAK- Gesundheitsreport 2018 hat sich das Arbeitsunfähigkeitsvolumen in den letzten 20 Jahren mehr als verdreifacht, auf 209 Prozent. Frauen sind in diesem Fall häufiger betroffen als Männer.

Angst, eigentlich etwas ganz Normales

Jeder Mensch ist manchmal ängstlich oder hat wirklich Angst. Ein ganz normaler Schutzmechanismus des Körpers, ein „Urinstinkt“. Diese Angst kann jedoch auch zu einem Krankheitsbild werden, wenn sie sich zu einer Bedrohung oder auch Belastung entwickelt, die der Mensch nicht mehr kontrollieren kann, erklärte die Verhaltenstherapeutin Arlette Kolenda. Oft wissen die Erkrankten auch nicht, was genau ihnen fehlt.

Thomas kann nicht nachvollziehen, was mit ihm los ist. Ständig treten diese Symptome auf. Er weiß nur, wenn er es weiter ignoriert und geheim hält, wird es seinen Leidensdruck nur erhöhen. Er weiß einfach nicht mehr weiter und ruft seinen besten Kumpel Andreas aus der Schulzeit an. Er schildert ihm sein Problem und fragt um Rat. Sein Freund Andreas rät ihm, zu einer Psychologin zu gehen. Thomas bekam schnell einen Termin bei einer Psychologin. In dem Gespräch stellte die Psychologin fest: „Sie haben wahrscheinlich eine Generalisierte Angststörung. In den nächsten Sitzungen werden wir einfach daran weiter anknüpfen.“

Betroffene der Angststörungen können das Nachdenken über ihre Ängste nicht aufhalten. Foto: Luisa Kolenda

Diagnose: Generalisierte Angststörung

„Betroffene machen sich über einen längeren Zeitraum hinweg immer wieder Sorgen über unterschiedliche Dinge. Menschen mit Generalisierter Angststörung sind übertrieben ängstlich, nervös und angespannt“, erklärte Arlette Kolenda, Verhaltenstherapeutin. Diese unterschiedlichen Dinge sind meist Alltagssituationen, zum Beispiel die Angst vor dem Verlieren eines geliebten Menschen oder das Versagen im Beruf, welche von ausgeprägten körperlichen als auch psychischen Angstsymptomen begleitet werden.

Die Betroffenen stehen unter einer ständigen Anspannung und Ruhelosigkeit, sind rasch ermüdbar und haben ein Leeregefühl im Kopf. Es gibt keine verlässlichen Statistiken darüber, wie häufig eine Generalisierte Angststörung ist. Jedoch entwickeln schätzungsweise sieben bis acht von 100 Menschen im Laufe ihres Lebens solch eine Angststörung. Frauen sind doppelt so häufig davon betroffen wie Männer. Sie beginnt meist im mittleren Erwachsenenalter, kann sich aber auch früher oder später entwickeln, zum Beispiel bei Kindern, wie aus dem Gesundheitsportal Onmeda zu entnehmen. Wenn Ängste alles überschatten und gar nicht mehr verschwinden, hat sich möglicherweise eine Generalisierte Angststörung entwickelt, kurz GAS genannt, erklärte Dr. Norbert Preetz auf seiner Internetseite. Überschreitende Ängste, die man selbst nicht mehr kontrollieren kann. Sie äußern sich durch verschiedene körperliche und psychische Symptome, welche unter anderem auch von der Schön Klinik, größte Klinikgruppe Deutschlands erfasst wurde, wie zum Beispiel Herzklopfen, Schweißausbrüche, Kribbeln im Magen, Konzentrationsschwierigkeiten, Nervosität, Einschlafstörungen, vor allem aber auch Befürchtungen über das Verunglücken von Angehörigen, Geldsorgen, die Ausbildung nicht zu schaffen oder Probleme in der Partnerschaft zu bekommen.

In der Therapiestunde gibt die Psychologin Thomas Tipps, wie er sich vorab selbst helfen kann, wodurch möglichweise auch diese Angst zurückgehen könnte. Sie gibt ihm auch die Möglichkeit weiter in Behandlung zu bleiben, wenn die Hinweise nicht helfen.

„Viele helfen sich auch mit Entspannungstechniken“

In einem Interview erklärt der Psychologische Psychotherapeut und Verhaltenstherapeut Steffen Pawelczak: „In leichten Fällen kann es helfen, sich mit der Frage zu beschäftigen, wie wahrscheinlich es ist, dass das befürchtete Ereignis wirklich eintritt. Bereits das kann dazu führen, dass die Sorge nachlässt.“ Betroffene helfen sich auch mit Entspannungstechniken, wie Autogenes Training oder Meditation beziehungsweise greifen zu pflanzlichen Behandlungsmitteln, wie Baldrian, Passionsblumenblättern oder Lavendel. Lässt die Besorgnis nicht nach, „wäre es hilfreich, sich in psychotherapeutische Behandlung zu begeben,“ erklärt Pawelczak.

Thomas geht nach der Arbeit nach Hause, um zu meditieren. Er setzt sich auf sein Sofa und macht sich seine Musik an. Seit mehreren Wochen meditiert Thomas nun regelmäßig. Er verspürt die Ruhe und merkt, dass die Konzentrationsfähigkeit auf der Arbeit zugenommen hat. Nach einigen Wochen meldet sich sein Kumpel Andreas bei ihm und erkundigt sich. „Wie geht es dir? Hat es etwas gebracht sich bei der Psychologin vorzustellen?“ „Naja, ja schon, seitdem ich meditiere geht es mir deutlich besser, jedoch habe ich trotzdem noch ab und zu diese komischen Ängste und Gedanken, dass ich mein Job verlieren werde, obwohl ja aber alles super läuft . Das raubt einem einfach so viel Kraft.“ „Das klingt nicht gut. Na, dann geh doch nochmal zu ihr und erzähle ihr davon. Vielleicht kann sie dir weiterhelfen. Du allein wirst es wahrscheinlich nicht schaffen.“ „Ja, ich denke auch. Danke, dass du für mich da bist!“ Thomas geht erneut zu seiner Psychologin und versucht mit ihr nun die Ursachen zu ergründen.

„Jedoch liegen die Ursachen meist im Lebensweg“

„Einflüsse die man geerbt hat, können unter anderem bei der Entwicklung einer GAS eine Rolle spielen. Jedoch liegen die Ursachen meist im Lebensweg. In welcher Gegend und Zeit man hineingeboren wurde, wie sind oder waren die Umstände der Familie oder welche Lehrer und Freunde haben den Betroffenen geprägt und so weiter“, erklärte Pschologe Eberhard Belitz-Weihmann.
Mit dem Älterwerden gewinnt der Mensch zunehmende Freiheitsgrade, derartige Entscheidungen selbst zu beeinflussen. Die Kindheit, besonders die ersten drei Jahre, sind die prägendsten, welche aber nicht immer eine Ursache für eine GAS darstellt. „Manchmal ist es auch das Verlieren des Anschlusses in der Jugend, manchmal die knechtende erste Ehe oder die herrschsüchtige Mutter, vieles ist möglich. Die Therapie besteht immer darin, den Kreislauf des Sich-Sorgen-Machens zu unterbrechen, weil dieser Zirkel niemandem hilft, aber der betroffenen Person schadet“, erklärte der Psychologe.
Thomas fühlt sich nun gut bei seiner Therapeutin aufgehoben und schöpft Vertrauen. Von Sitzung zu Sitzung fühlt er sich zuversichtlicher, seinen Leidensdruck zu beenden.

Wie findet man für sich den richtigen Lösungsweg?

Laut dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) ist die kognitive Verhaltenstherapie eine Möglichkeit, welche auch am besten untersucht ist. Sie ist nicht nur hilfreich, sondern kann auch Depressionen lindern, die vor allem mit einer Angststörung einhergehen. Sie besteht aus wöchentlichen Sitzungen über mehrere Wochen und Monaten und beinhaltet zwei Teile, zum einen die Gedanken und Gefühle und zum anderen das Verhalten. Ziel ist es, die Ursachen der Ängste zu finden, unrealistische Ängste und Sorgen zu erkennen und zu hinterfragen, die tatsächlichen Wahrscheinlichkeiten und Folgen von Angstauslösern einzuschätzen und Lernen, mit Unsicherheiten umzugehen, wie es die Techniker Krankenkasse (TK) beschreibt. Vor allem aber auch die Angst in bestimmten Situationen abzubauen und das Verhalten zu ändern, sich der Angst stellen.

Rückmeldungen naher Bezugspersonen können helfen

Nach einem halben Jahr, zweiwöchentlicher Sitzungen steht nun der Tag der letzten Sitzung an. Thomas geht vorerst das letzte Mal zu seiner Therapeutin. Ihm geht es nun viel besser, denn er hat gelernt mit seinen Ängsten umzugehen. Seine Ursachen für diese Erkrankungen hat er nun endlich herausgefunden, was ihm in vielerlei Hinsichten hilft, aufzuklären.
„Das Wichtigste in einer Therapie ist es, sich mit dem Psychologen zu verstehen. Vor allem muss die Chemie stimmen, da sich sonst kein Vertrauen entwickeln kann, welches für eine Behandlung notwendig ist“, stellte Thomas in der Therapiezeit fest. Ist man von einer Generalisierten Angst, aber auch anderen psychischen Problemen betroffen, erfährt man dies „häufig an den Rückmeldungen naher Bezugspersonen“. Diese fühlen sich durch die übertriebene Sorge der Betroffenen häufig in Ihrer persönlichen Freiheit eingeengt und es kommt zu Konflikten, weil die Betroffenen ihr besorgtes Verhalten nicht „abstellen“ können, beschrieb der Psychologe Steffen Pawelczak. Es ist hilfreich, wenn Angehörige gut über die generalisierte Angststörung Bescheid wissen. Psychenet, dass Hamburger Netz für psychische Gesundheit erklärt, dass man jedoch vermeiden sollte, den Betroffenen immer wieder beruhigen zu wollen, da dies zwar oft kurzfristig sehr hilfreich ist, aber langfristig die Sorgen aufrechterhält. Die Beteiligten dürfen sich dabei nicht zu sehr einschränken, zum Beispiel auf Aktivitäten zu verzichten. Wird die Angsterkrankung des Partners, Familienmitglieds oder Freundes zu belastend, können sich auch Angehörige Hilfe bei Selbsthilfegruppen, Beratungsstellen, Ärzten und Psychotherapeuten holen.

*Name von der Redaktion geändert

Text: Luisa Kolenda; Foto: Luisa Kolenda und Elisa Raßmus