Fußball

Ein Verein zwischen Kicken und Kultur

von | 19. Januar 2024

Athletic Sonnenberg: eine junge Fußballmannschaft die auch außerhalb des Spielfelds Aufsehen erregt

Athletic Sonnenberg ist ein Fußballverein in Chemnitz, der auch weit über den Platz für sein Engagement in den Bereichen Kultur und Sozialwesen bekannt ist. Jetzt gewann der Verein gemeinsam mit dem ASA-FF e.V. den Julius Hirsch Preis des DFB für das Projekt Heimspiel.

Avanti Athletic!

Der Name „Athletic“ trägt nicht nur den Verein, sondern auch den Stadtteil Sonnenberg selbst im Herzen. Gegründet wurde der Verein Athletic Sonnenberg 2020 von und für Sympathisanten des Fußballs, den „Sonnenberger Jungs”, wie sie sich selbst nennen. Dies unterstreicht ihre starke lokale Verbundenheit. Sie wollen zeigen, dass sportlicher Ehrgeiz, soziokultureller Wandel und Engagement neben dem Platz auch wirklich gelebt werden könnten.

Unter dem Motto „Avanti Athletic!” startete der Verein mit einer Fußballabteilung und wächst seitdem stetig. Die Vereinsvielfalt, die von Jungkickern bis zu Veteranen der Landesklasse reicht, bilde eine Quelle enormen Potenzials, das durch gemeinsames Engagement entfaltet werde, begründet der Verein auf seiner Website.  „Jeder findet bei Athletic Sonnenberg seinen Platz“, betont Musti im Interview gegenüber medienMittweida. Er selbst ist Mitbegründer, Vorstand und Spieler der ersten Männermannschaft im Verein. Weiter sagt er: „Uns war von Anfang an klar, dass wir nicht nur einen Verein wollen, in dem es zwei Mal die Woche Sport gibt, sondern auch die soziale Komponente eine große Rolle spielen muss.”

Seit dem Winter 2020 sind auch Volleyballer*innen Teil des Vereins. Ab der Saison 23/24 kamen dann die „Sunnies”, die U11 und U13 Mannschaften  sowie eine Laufabteilung zum Vereinsportfolio hinzu. Musti berichtet, dass auch eine FLINTA-Fußballmannschaft in Planung sei. Er erzählt, dass der Verein bereits über 200 Mitglieder zähle. Aktuell gebe es jedoch einen Aufnahmestopp, Grund sei der noch fehlende Platz für Athletic Sonnenberg. Spätestens seit dem Erhalt des Julius Hirsch Preises gewinnt der junge Verein auch über die Stadtgrenzen hinaus an Aufmerksamkeit. Den Erfolg erklärt Musti mit der Diversität von Athletic: „Sowohl unser Verein als auch unsere Fans sind sehr divers. Fußball sollte für alle da sein und das merkt man bei uns. Das Miteinander und dass keiner ausgegrenzt wird, das macht unseren Verein aus.”

Schulter an Schulter

Athletic Sonnenberg strebt eine umfassende Verbindung zwischen Sport, Gemeinschaft und persönlichem Wachstum an, von kulturellen Aktivitäten bis zu sozialen Initiativen. Toleranz gegenüber Menschen jeder Herkunft, Kultur, Religion, sexuellen Orientierung und politischen Ansichten ist fest in ihrem Selbstverständnis verankert. Im Verein wird Toleranz nicht als Werbezweck betrachtet, sondern ist integraler Bestandteil ihres Projekts, bei dem das Miteinander immer wieder neu gedacht wird, heißt es auf der Website von Athletic. Auch aktive Solidarität ist ein wichtiger Teil des Vereinslebens. Für die Mitglieder*innen bedeutet das, „nicht nur, Schulter an Schulter in der Freistoßmauer zu stehen, (…) sondern konkret da anzupacken, wo Hilfe gebraucht und Menschen vorangebracht werden” heißt es weiter.  „Wir haben schon viele soziale Projekte unterstützt und ins Leben gerufen“, sagt Musti. Der Verein strebt zudem an, mit stetigem Wachstum an sportlicher und sozialer Jugendarbeit teilzunehmen, erklärt das Statement auf Athletics Website.

Von & für die „Sonnenberger Jungs“

Als konkretes Zeichen ihres Engagements hat Athletic Sonnenberg einen eigenen Raum, den „Social Club“ auf dem Sonnenberg, erworben. Dieser bietet ihnen die Möglichkeiten, ihre Ideen und Projekte umzusetzen, sowie in ihrem Viertel präsent zu sein. Der Verein solle als ein Spiegelbild des Bezirks Sonnenberg fungieren und stehe somit für Vielfalt, Solidarität und Wandel. „Sport bewegt, ist emotional und verbindet den Fuß mit dem Herz, Kopf, Ball und uns als Menschen. Das ist unser Antrieb, der es uns ermöglicht, unser Viertel zu repräsentieren”, heißt es in einem Statement des Vereins. In ihrer Bewerbung für den Julius Hirsch Preis betonen sie: „Unser aller Herz schlägt für unseren Stadtteil, wir kennen die Vorzüge wie auch die Herausforderungen des Sonnenbergs und wollen Veränderungsprozesse nur gemeinsam mit den hier lebenden Menschen gestalten.“ Diversität wird nicht nur betont, sondern aktiv gestaltet und von den Mitgliedern wird ein Verständnis für Antidiskriminierung erwartet. In den Worten des Vereins: „Ein Verein, der für Werte steht, die eigentlich normal sein sollten.“ Musti erzählt, Athletic wolle ein Vorbild für andere Sportvereine sein und aufzeigen, dass es nicht nur um Sport geht.

#Heimspiel

Athletic Sonnenberg, gemeinsam mit dem ASA-FF e.V., realisierte das Projekt „#Heimspiel“, welches Ende 2023 mit dem Julius Hirsch Preis ausgezeichnet wurde. „Dem größten außersportlichen Preis, der vom DFB verliehen wird“, erzählt Musti stolz. Dieses beinhaltete mehrere betont weltoffene Fußballturniere und ein umfangreiches Kulturprogramm in Chemnitz, gefolgt von einem großen Event im Stadion, welches im August 2023 stattfand. Ziel war die Verbindung von Fußballkultur und weltoffener Gesellschaft, unabhängig von Hintergrund oder Identität.

Mit dem #Heimspiel-Projekt wäre so ein sichtbares und wirkungsvolles Narrativ gegen Rechtsradikalismus und für die Vielfalt und Offenheit in Europas Kulturhauptstadt 2025 gesetzt, erklärte der DFB in einer Mitteilung. Unter dem Motto „Fair Play“ betone #Heimspiel Teamgeist, Respekt, Toleranz und Vielfalt im Fußball. „Eigentlich genau die Werte, für die unser Verein steht“, kommentiert Musti. Frauke Wetzel von ASA-FF sagte nach der Bekanntgabe der Auszeichnung: „Wir freuen uns über den Preis. Und noch mehr darüber, dass wir ihn gemeinsam mit Athletic Sonnenberg gewonnen haben. Das Projekt wird auf jeden Fall weitergehen.“

Zwischen Fußball und Politik

„Chemnitz ist für uns eine Stadt, in der Fußball und Vielfalt zusammengehören, auch wenn das in den letzten Jahren im Stadion undenkbar war”, heißt es auf der Website zum Projekt #Heimspiel. Die Stadt Chemnitz kämpft seit langem mit einer Historie des Rechtsradikalismus, die sich auch in der Fußballfankultur widerspiegelt. Insbesondere der Chemnitzer FC, als bekanntester Fußballverein der Region, sieht sich mit dieser Problematik konfrontiert. Die rechtsradikale Präsenz in der Fankurve des CFC zeigt sich durch Transparente, Symbole und Gesänge mit extrem rechten Bezügen, die regelmäßig auf den Rängen präsentiert werden.

Die Ausrichtung einzelner Gruppen auf rechtsextreme Ideologien hat den Verein und die Stadt in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Im Jahr 2018 eskalierte die Situation, als nach dem gewaltsamen Tod eines Deutsch-Kubaners in der Stadt rechtsextreme Gruppen, darunter große Teile aus dem Umfeld des CFC, ungestört durch die Straßen zogen und Migrant*innen jagten. Dies führte zu bundesweiten Diskussionen über die Verbindung zwischen Fußballkultur und rechtsextremen Tendenzen in Chemnitz. Selbst in unteren Ligen und Kreisliga-Vereinen in Chemnitz zeigen sich rechte Elemente, erzählt Lourdes, die Fanbeauftragte der Gruppe Proletik Sonnenberg, im Interview mit medienMITTWEIDA. Vereine wie Athletic Sonnenberg versuchen, durch ihre klare Haltung gegen Rechts und ihre Bemühungen um eine inklusive Fußballkultur ein Gegenmodell zu etablieren.

Proletik Sonnenberg

Proletik Sonnenberg, eine Fußballfangruppe aus Chemnitz, unterstützt seit April 2022 aktiv die Spiele von Athletic Sonnenberg. Lourdes erklärt im Interview gegenüber medienMITTWEIDA: „Unser Ziel ist es, Informationen aus der Fanperspektive zu teilen und zum Erfolg des Vereins beizutragen.“ Die Gruppe setzt sich dabei entschieden gegen Rechtsextremismus in der Fußballkultur ein, um eine tolerante Atmosphäre zu fördern.

Die Entscheidung, Athletic Sonnenberg zu unterstützen, begründet sich in den Worten von Lourdes: „Athletic Sonnenberg betont als einziger Verein in Chemnitz explizit die Werte Diversität, Offenheit und Solidarität, was wir besonders unterstützenswert finden.“ Die Gruppe, die seit ihrer Gründung als kleine Fußballinteressierten-Gemeinschaft begann, hat sich im Laufe der Zeit organisiert und ist zu einer aktiven Unterstützungsgruppe für den Verein gewachsen.

Pokalspiel Athletic Sonnenberg gegen SV Viktoria Einsiedel 03. Bild: Proletik

Die Gruppe engagiert sich durch Mobilisierung, Fanchoreographien und Dokumentationen bei Spielen sowie für politische Themen. Lourdes erzählt stolz von ihrer ersten bedeutenden Aktion: „Am 16. November 2023 beim Pokalspiel gegen SV Viktoria Einsiedel 03 konnten wir eine beeindruckende Fanchoreographie mit Transparenten, Pyrotechnik und lauten Fangesängen realisieren.“

In einem Fußballkontext, der in Chemnitz mit Rechtsextremismus-Problemen konfrontiert ist, hebe Proletik Sonnenberg die besondere Bedeutung von Athletic Sonnenberg hervor. Lourdes erklärt: „Angesichts des wachsenden Gegenwinds, insbesondere von Fans anderer Vereine aufgrund unserer politischen Ausrichtung, erkennen wir die Notwendigkeit, diese Unterstützung zu verstärken.“ Der Verein setze sich aktiv für Menschen ein, die oft wenig Akzeptanz erfahren, und schaffe ein inklusives Umfeld im und um das Spielfeld. Lourdes betont: „Trotz Widerständen setzt sich Athletic Sonnenberg besonders für Menschen ein, die sonst wenig Zugang zum Fußball hätten, insbesondere in den Kinder- und Jugendmannschaften.“ Die Unterstützung erstrecke sich über den Spielfeldrand hinaus, um ein Gefühl der Akzeptanz zu vermitteln, das in der Gesellschaft und bei anderen Vereinen oft fehle.

Text: Paula Schwendel, Bilder: Proletik
<h3>Paula Schwendel</h3>

Paula Schwendel

Paula Schwendel ist 22 Jahre alt und studiert derzeit Medienmanagement an der Hochschule Mittweida. Seit dem Wintersemester 2023/2024 engagiert sie sich im Ressort Gesellschaft bei medienMITTWEIDA.