Rezension

Bild TV – Zwischen Emotion, Hektik und Polarisierung

von | 23. Dezember 2021

Gelockt wird vor allem mit Sport und „Viertel nach Acht“, doch sieht so neutrales Nachrichtenfernsehen aus?

Am 22. August diesen Jahres war es soweit: die auflagenstärkste deutsche Tageszeitung ging mit Bild TV an den Start. Nach vielen vorangegangenen Livestreams über die Bild App, Facebook oder ihre Homepage, wollte Bild nun im linearen Fernsehen durchstarten. Der vom Verlag selbst als „spannendstes TV-Projekt Deutschlands“ bezeichnete Sender bewegt sich in den ersten Monaten jedoch nur haarscharf über der Wahrnehmungsgrenze. Im November 2021 lag der Marktanteil bei den 14 bis 49-Jährigen bei 0,1 %. Bild TV sendet 24 Stunden 7 Tage die Woche, der Fokus liegt dabei vor allem auf Nachrichten und Sport, die Zeit zwischen den Live Sendungen wird dann mit zahlreichen Dokus überbrückt.

Was läuft eigentlich bei Bild TV?

Ein klassischer wochentäglicher Sendetag beginnt um 9 Uhr mit Bild Live, einem „Nachrichtenformat“, in dem bis 14 Uhr die aktuellen Geschehnisse des Tages aufgearbeitet werden. Zwischen 14:00 Uhr und 19:15 Uhr werden dann Dokus gezeigt. Bevor 20:15 Uhr das Hauptformat „Viertel nach Acht“ ausgestrahlt wird, ist die Stunde dazwischen für Fußball reserviert. Dort wechseln sich zwei Formate ab. Zum einen „Reif ist Live“, eine Sendung in der Sportmoderator Marcel Reif seine Meinung zu allen möglichen Themen rund um den Fußball teilt, zum anderen „englische Woche“, ein Highlight-Format zur englischen Premier League. Am Wochenende werden samstags kaum Livesendungen ausgestrahlt, die gibt es dann am Sonntagvormittag. In Formaten wie „Die Lage der Liga“, dem „Bayern-Insider“ oder „InTORnational“ dreht sich dann wieder alles um Fußball.

Online stimmen die Zahlen

Anders als im linearen Fernsehen erfreut sich Bild TV vor allem online einer großen Zuschauerschaft. Dort werden die Szenen aus den Livesendungen, sehr stark auf Kernargumente reduziert, ins Netz hochgeladen. Einige der erfolgreichsten Videos haben bereits am ersten Tag die 250.000 Aufrufe geknackt. Die typische Bild-Art mit reißerischen Titeln und aufmerksamkeitsheischenden Titelbildern ist wie gemacht für eine Plattform wie YouTube. Für den Axel Springer Verlag hat diese Bespielung aller Kanäle den Vorteil, dass man dort mit geringem Aufwand bereits gesendete Inhalte nochmal zu Geld machen kann, ein klassisches Beispiel für Cross-Media Management.

Viertel nach Acht

Das Hauptformat des neuen Senders ist „Viertel nach Acht“, von Bild-Vize Paul Ronzheimer. Zu Beginn der Sendung angekündigt als „Der Talk der live Schlagzeilen macht“, zu dem jedes Mal vier Gäste geladen werden. Die Aufmachung der Talkshow ist immer gleich, die Diskussion wird entweder von Paul Ronzheimer oder von Nena Schink moderiert. Jeder der fünf Teilnehmer bringt ein eigenes Thema ein, welche dann diskutiert werden und im Kern verschiedener kaum sein könnten. Die Zusammensetzung der Runden erfolgt dabei immer nach demselben Schema. Meistens haben vier der fünf Teilnehmer eine Axel Springer Zugehörigkeit oder zumindest eine Vergangenheit beim Verlag. So wie beispielsweise die Runde vom 26. November 2021, moderiert von Paul Ronzheimer. Seine Gäste waren zum einen Robin Alexander, Journalist für die Welt, einem Medium aus dem Springer-Kosmos. Dazu Nena Schink, vorgestellt als Bestseller-Autorin, aber auch eines der Gesichter von Bild TV. Dazu gesellt sich Roger Köppel, Mitglied des Schweizer Nationalrats und Journalist der Weltwoche, der von 2004 bis 2006 für Springer gearbeitet hat. Als konträre Position wurde Ulrike Hermann, Wirtschaftsexpertin bei der TAZ eingeladen. Sie beginnt ihren eingehenden Monolog mit den Worten „Ich bin diejenige, die dagegensprechen soll“. Ein meinungsstarkes Auftreten sieht anders aus. Im weiteren Verlauf der Sendung wirft sie dann den Bild-Vertretern vor, dass sie mit einer von ihnen verbreiteten „latenten Impfskepsis“ selbst dazu beigetragen haben, dass man jetzt vielleicht zurück in einen Lockdown müsse. Eine Diskussionsgrundlage, direkt an der Wurzel im Keim erstickt von Paul Ronzheimer, der zwar die Vorwürfe zurückweist, aber nach einem kurzen Statement von Roger Köppel direkt zum nächsten Thema überleitet.

Die Sendung vom 01. Dezember 2021 ist wieder gleich aufgebaut, diesmal geleitet von Nena Schink. Sie spricht mit Carsten Linnemann (CDU), Johannes Boie (neuer Bild Chefredakteur), Jan Schäfer (Bild Politik Chef) und Bela Anda, vorgestellt als Kommunikationsprofi, welcher aber auch von August 2012 bis November 2015 stellvertretender Chefredakteur der Bild war. Allein die Auswahl der Gäste zeigt, dass man bei Bild nicht auf Meinungsvielfalt setzt, sondern lieber mit ähnlichen Positionen zur großen Meinungsmache auffährt. Auch in vorangegangenen Sendungen ist die Auswahl der Gäste durchaus ungewöhnlich. Moderator Thomas Gottschalk, Sportfunktionär Rainer Calmund, Influencer Chris Krömer oder auch Bild-Sport Vize Carli Underberg debattierten schon über politische Fragen. Das dabei keine echte Diskussion entstehen kann, die der Zuschauer mit einem Mehrwert nach Sendeschluss verlässt, ist klar. Mit einer Redezeit von 10 Minuten pro Thema, kann von quellenbasierten Statements nur in den seltensten Fällen die Rede sein. Das Wichtigste ist, dass im Talk genügend Schlagzeilen fallen, die dann Online oder in den Print-Produkten ausgeschlachtet werden können. Beim Schauen fühlt man sich eher an einen Stammtisch versetzt, mit einer qualitativen Talkshow hat „Viertel nach Acht“ jedenfalls nur wenig zu tun.

Brauchen wir Bild-TV?

Das Konzept hinter Bild TV ist aus einer Medienmanagement-Perspektive durchaus interessant: Die größte Tageszeitung Deutschlands bricht in einen neuen Markt vor, mit einem großen Ziel: die Maximierung ihrer Reichweite. Der Sender setzt vor allem auf meinungsstarke Formate, mit sehr allgemeinen Themen, die einen Großteil der Bevölkerung direkt adressiert. Eine Zusammenarbeit mit Marcel Reif ist dabei ein cleverer Schachzug. Er ist bekannt für sehr kontroverse Statements, welche natürlich von anderen Sportnachrichtensendern aufgegriffen werden und so Reichweite bringen. Auch sichert man sich immer mehr Rechte für andere Sportarten, die Bild-Box Nacht am 3. Dezember war dabei sicher nur ein Anfang. Der nachrichtliche Inhalt kommt für einen eigentlichen „Nachrichtensender“ jedoch zu kurz. Es geht nicht darum Menschen zu informieren. Vielmehr ist das Ziel eine bestimmte Stimmung zu entfachen. Immer wieder wird gezielt die Lunte gelegt, bei Bild weiß man ja bekanntlich ganz genau wie so etwas funktioniert. Vor allem in „Viertel nach Acht“ werden viele politische Themen angesprochen, die aus der Mitte der Gesellschaft kommen. Diese bringen Reichweite. Das sieht man vor allem auf den Social Media Plattformen, natürlich darf auch dort Kontroverse nicht fehlen. Um nur ein typisches Beispiel zu nennen: ein Ausschnitt aus „Viertel nach Acht“ vom 8. Dezember von Hans-Ulrich Jörges, einer der Stammgäste am Stammtisch Bild TV. Auf YouTube ausgespielt mit dem Titel „2G-Regel: Ausschluss Ungeimpfter ist völlig unmöglich“, dazu ein Titelbild mit dem Zitat „Ich finde das erbarmungslos und schäbig“. In den ersten 15 Stunden bereits 250.000-mal geklickt. Ein kurzer Blick in die Kommentare zeigt bei welchem Publikum diese Statements gut ankommen. ”Bei den Worten des Herrn Jörges habe ich angefangen zu weinen. Tagtäglich bin ich als GESUNDER Mensch diesen Schikanen und Anfeindungen ausgesetzt” oder “Danke, dass ihr eure Reichweite nutzt und der „Minderheit“ eine Stimme gebt! Macht bitte weiter so”, diese zwei Beispiele sind nur ein kleiner Ausschnitt aus dem vielen Zuspruch den Bild nicht nur unter diesem Video erhält. Es zeigt genau welche  Nische Bild im deutschen Fernsehen einnehmen will und wie gut ihnen das bereits gelingt.

Für wen ist Bild TV?

Der ehemalige stellvertretende Sprecher der Bundesregierung und ehemalige Bild-Redakteur Georg Streiter spricht in seinem Blog von Bild als „neues Zentralorgan AfD-wählender Wutbürger“, auch der Spiegel bezeichnet das neue Format als „Sprachrohr der Abgehängten“. Auch wenn Ex-Bild Chef Julian Reichelt „nie der AfD eine große Bühne gegeben hat spricht die Bild doch die Sprache der Partei“. Harte Worte, schaut man sich jedoch die Aufmachung genauer an, kann man Georg Streiter in vielen Punkten zustimmen. Wirft man z.B. einen Blick in die Archive. So hat Bild in der Zeit der Flüchtlingskrise immer wieder gezielt Hass und Angst geschürt und damit ein Anti-Islam Klima geschaffen, welches noch heute problematisch ist und der AfD mit zu ihren Wahlerfolgen verholfen hat. Ein weiteres Beispiel ist ein Blick auf das Ankündigungsvideo zu Bild TV: „Wir zeigen die Wahrheit, egal wem sie wehtut.“ Eine unterschwellige Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk. So versucht man also auch ganz klar diejenigen anzusprechen, die sich von jeglichem klassischen Journalismus abgewandt haben. Problematisch ist vor allem, dass in jeder im ersten Moment sachlich wirkenden Meldung immer eine Anschauung von Bild mitschwingt. Eine Unterscheidung zwischen Fakt oder Meinung ist selbst mit gewisser Medienkompetenz kaum möglich, was Bild immer mehr Macht und Einfluss gibt und somit auch zur Spaltung der Bevölkerung beiträgt.

 

Bild TV reiht sich mit krassen Bildern der gewohnt reißerischen Aufmachung und über emotionaler Berichterstattung nahtlos in die Bild Familie ein. Ein neutraler Nachrichtensender ist Bild TV nicht, vielmehr ein weiteres starkes Meinungsmegaphone des Verlags. Zwielichtige Gäste, einseitige Berichterstattung und immer eine Prise mehr Alarm als nötig – wer darauf steht, für den ist Bild TV die perfekte Adresse. Wer sich jedoch wirklich informieren will, der sollte sich lieber den klassischen Nachrichten- und Talkformaten bedienen.

Text, Titelbild: Dennis Hambeck

<h3>Dennis Hambeck</h3>

Dennis Hambeck

ist 20 Jahre alt und studiert im vierten Semester Medienmanagement an der Hochschule Mittweida. Bei medienMittweida engagiert er sich als Leitung des Social-Media Team.