Pro und Contra

Draufhalten, wo es schmerzt

von | 13. Mai 2022

Bilder sind das Fenster zu einer ungerechten Welt, die wir sehen müssen – doch gibt es Grenzen des Zeigbaren?

Es ist wieder passiert. Der Ukrainekrieg hat als humanitäre und politische Krise eine Welle grausamer Bilder voller Schmerz und Brutalität in die internationalen Nachrichtenmedien geschwemmt: abgetrennte Körperteile, schwer verletzte Kinder und Bilder der abscheulichen Massaker der russischen Armee in den Vororten von Kiew. Diese Art der Bildberichterstattung aus Krisen ist umstritten, da Opfer von Gewaltverbrechen ohne Rücksicht auf deren Persönlichkeitsrechte und das psychische Wohlergehen ihrer Angehörigen abgebildet werden. Ein schwerwiegender Einwand, denn Persönlichkeitsrechte sind nicht umsonst im deutschen Pressekodex verankert.

Die Macht der Bilder

von Clara Stein

Globale Krisen und humanitäre Katastrophen wie die aktuelle in der Ukraine betreffen eine Vielzahl von Menschen, die unmittelbar unter deren Auswirkungen leiden. Dennoch bleibt das Leid dieser Vielen oft von einem Großteil insbesondere der westlichen Welt unbeachtet, solange keine öffentliche Konfrontation der Gesellschaft mit den jeweiligen Themen stattfindet. Die Berichterstattung über diese Ereignisse ist deshalb zwingend erforderlich. Das öffentliche Interesse für die Gesamtzahl der Opfer humanitärer Katastrophen wiegt schwerer, als Persönlichkeitsrechte einer einzelnen Person, die auf Bildern in den internationalen Nachrichtenmedien zu sehen ist. Außerdem zeigt sich immer wieder, dass Berichte über tragische Einzelschicksale viel mehr Empathie für das Leid der Menschen in Krisenregionen erzielen als nüchterne Fakten zu einem Konflikt. Bilder sind für Nachrichtenmedien daher essentiell, um das Publikum für schwierige Themen emotional zu sensibilisieren.

Nicht umsonst gibt es die Redewendung „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“ Forscher haben gezeigt, dass das menschliche Gehirn Bilder besser abspeichern kann als Texte. Aus diesem Grund sind Bilder besonders relevant, um die Realität und das Ausmaß von Krisen auf der Welt für alle Menschen greifbar zu machen. Bilder halten uns vor Augen, was wir nicht sehen wollen und verhindern das Verdrängen unbequemer Wahrheiten. Auch wenn es schmerzt, sollte sich niemand diesen Eindrücken entziehen können. Somit versteht sich von selbst, dass diese Bilder und Nachrichten für jeden frei und öffentlich zugänglich sein müssen, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Folglich werden natürlich auch Personen damit erreicht, die psychisch nicht oder nicht vollumfänglich in der Lage sind, diese Bilder zu verarbeiten. Das ist jedoch kein alleiniges Problem des Nachrichtenjournalismus – auch in anderen Lebensbereichen können Menschen mit Bildern oder Erlebnissen konfrontiert werden, die psychisch belastend sind. Scheuklappen sind nicht die Lösung des Problems. Es wäre völlig realitätsfremd, zu glauben, man könne Menschen vor jeglichen Reizen, die in irgendeiner Form verstörend oder verunsichernd sind, schützen. Vielmehr braucht es Aufklärung, Coaching und Offenheit im Umgang mit emotional herausfordernden Erfahrungen und psychischen Erkrankungen. Uns aufgrund emotionaler Befindlichkeiten vom Rest der Welt abzuschotten, ist ignorant und egoistisch, denn wir sehen immer nur eine Momentaufnahme und nie das ganze Panorama der Katastrophe. 

Für die unmittelbar von der Krise betroffenen Menschen kann die Visualisierung ihres Leidens in den internationalen Medien Grund für eine Verbesserung ihrer Situation oder sogar lebensrettend sein. Publizierte fotografische Dokumentationen von humanitären Krisen und Kriegsverbrechen machen oft überhaupt erst eine gesamtgesellschaftliche Reflexion und Aufarbeitung dieser Ereignisse möglich und erhöhen den Druck auf politische Entscheidungsträger, Veränderungen anzustoßen. Eines der bekanntesten Beispiele hierfür ist wohl das Foto des „Napalm-Mädchens“ aus dem Vietnamkrieg. Das 1972 von der New York Times veröffentlichte Bild führte zu einem Umbruch in der Bewertung des Krieges durch die amerikanische Öffentlichkeit und einer politischen Wende in dem Konflikt. Fotos wie diese sind außerdem damals wie heute die Voraussetzung für die juristische Aufarbeitung von Kriegsverbrechen. Einerseits zur Beweissicherung, andererseits, um durch den öffentlichen Druck ihrer Publikation eine juristische Aufarbeitung überhaupt erst zu ermöglichen. Auch im Ukrainekrieg ist dies von großer Bedeutung, da Kriegsverbrechen von russischer Seite, wie beispielsweise der Luftangriff auf eine Entbindungsklinik in Mariupol, meist vehement abgestritten und geleugnet werden, sofern sie nicht journalistisch dokumentiert sind.

Ja, diese Bilder können Angst machen, schockieren und sogar traumatisieren, doch das tun sie zu Recht. Denn die Realität in Krisen- und Kriegsgebieten sollte uns Angst machen, anstatt uns kaltschnäuzig nur um die Benzinpreise zu sorgen. „I want you to panic!“ hat einst Greta Thunberg angesichts der sich immer mehr zuspitzenden globalen Klimakrise gesagt und ihre Worte sind schnell wieder verhallt. Doch die Bilder der Flutkatstrophe im Ahrtal gingen um die Welt. Es entstand ein zuvor nie dagewesener Druck auf die Regierung in Nordrhein-Westfalen und insbesondere Ministerpräsident Armin Laschet. Plötzlich wurde die fragwürdige Umweltpolitik seiner Regierung neu aufgerollt und bewertet, was seinem Image und dem seiner Partei im Bundestagswahlkampf spürbar den Wind aus den Segeln nahm. So mächtig können Bilder sein.

Die Blase muss platzen

Wir leben in einer Gesellschaft, die gerne wegschaut. Der Bürgerkrieg im Jemen oder die Flüchtlingskrise an der polnisch-belarussischen Grenze sind nur zwei von zahllosen Beispielen, die man nennen könnte. Doch es braucht noch nicht einmal internationale Katastrophen – nein, dieses Dilemma beginnt schon direkt vor der eigenen Haustür. Wenn überhaupt, dann entfernt sich der Blick auch nur selten von diesem Ort. Frei nach dem Motto „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.“ möchten sich insbesondere in der westlichen Wohlstandsgesellschaft viele Menschen nicht mit dem Leid der Restwelt beschäftigen. Die Leute sind überfordert, sobald unvorhergesehen etwas Weltschmerz in ihre streng limitierte Wohlfühloase schwappt. Selfcare first versteht sich: mindestens zweimal im Jahr nach Malle in den Urlaub fliegen, denn man hat ja hart gearbeitet. Neue Klamotten? Gönnt man sich selbstverständlich einmal im Monat. Primark machts möglich. Und das soll uns hier bitteschön keiner in den Dreck ziehen mit ein paar hässlichen Fotos von der eingestürzten Fabrik in Bangladesch! Deutschland ist eine kleine Insel der Privilegierten. Privilegiert deswegen, weil wir es uns leisten können, die Augen vor dem Elend der Welt zu verschließen. Niemand zwingt uns, den Fernseher einzuschalten oder Zeitung zu lesen. Wir genießen die Freiheit, uns ausschließlich mit uns selbst zu beschäftigen. Sobald man TikTok oder Instagram öffnet, sieht man, in welches ichbezogene Paralleluniversum das führt. Die einzige Möglichkeit, diesem egozentrischen Weltbild zu entkommen ist, das Fenster zu öffnen und einen schonungslosen Blick nach draußen in die Realität der vielen anderen Menschen zu werfen. Menschen, vor deren Augen der Krieg tobt, die ihren Kindern beim Verhungern zusehen müssen und die für ihre politische, religiöse oder sexuelle Einstellung verfolgt und umgebracht werden – jeden Tag.

Wenn Kriegsopfer erneut zu Opfern werden

von Mikayla Weiland

Auf den Straßen liegen Leichen. Blutbefleckte Tücher und der Dreck eingestürzter Gebäude bedecken ihre bleichen Körper: Der Krieg macht vor Unschuldigen nicht Halt, Journalisten jedoch auch nicht. Die Opfer starben durch Schüsse oder Bombeneinschläge in der Ukraine. Während einige so wirken, als würden sie nur schlafen, sind andere auf grausame Weise entstellt. Es sind Bilder, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen — und nicht nur das. Viele Journalisten unterschätzen die weitreichenden Folgen, welche die Verbreitung dieser Aufnahmen haben können. Vor allem sind es rechtliche, moralische und inhaltliche Aspekte, die verbieten sollten, gewalthaltige Bilder unzensiert zu veröffentlichen.

Warnhinweise sind sinnlos

Im Gegensatz zu den Anfängen der Fotografie sind heute, dank Spiegelreflexkameras und Co., Bilder mit hoher Auflösung Alltag. So können auch Szenen von Vergewaltigungen, Folter und Mord realitätsnäher denn je abgebildet werden. Als zentrale Vermittler von Unglücken, Konflikten, Katastrophen und Kriegen tragen Journalisten die Verantwortung, was das Publikum davon zu sehen bekommt. Unzensierte Schockbilder zu verwenden, hat dabei wenig mit Verantwortungsbewusstsein zu tun. Vielmehr geht es hier um den Wunsch nach Aufmerksamkeit und möglichst vielen Klicks. Durchaus verlockend für den einen oder anderen Journalisten. Trotz Warnhinweisen wie Triggerwarnungen können diese die Betrachter jedoch zutiefst verängstigen, verunsichern und verstören.

Der Trend, vor potenziell brutalen Inhalten im Internet zu warnen, kommt aus den USA. „Trigger“ bedeutet im Deutschen „Auslöser”. Eine Triggerwarnung vor Bildern und Videos benutzt man für sensible Inhalte, da diese Erinnerungen an traumatische Erlebnisse auslösen könnten. Doch schützen diese und andere Warnhinweise wirklich? Sicherlich gibt es Betroffene, die über diese Warnungen dankbar sind und sich bewusst gegen das Ansehen entscheiden. Dies ist aber nicht immer der Fall. Auf Gewaltdarstellungen in den Medien sind Kinder besonders neugierig — mit Folgen. Vor allem Gewalthandlungen aus dem realen Alltag wie Kriegsfolgen, Verwundete und Tote können junge Menschen stark belasten und sie ihren Gerechtigkeitssinn infrage stellen lassen.

Und nicht nur Kinder und Jugendliche bekommen die Wirkungen dieser Bilder knallhart zu spüren: Auch ältere Menschen leiden darunter. Insbesondere bei denen, die selbst schon Krieg und Flucht erleben mussten, werden wieder schmerzliche Erinnerungen an das Erlebte geweckt. Die Folgen der Reaktivierung ihres Kriegstraumas können von Depressionen, Alpträumen und Phobien bis hin zu Panikattacken sowie Belastungsstörungen reichen. Diese Menschen permanent mit Bildern von entstellten Kriegsopfern zu quälen, ist mehr als ungerecht.

Jugend schutzlos ausgeliefert

Das Jugendschutzgesetz will Heranwachsende schützen und bestimmte Medieninhalte, die die Entwicklung beeinträchtigen können, für diese nicht zugänglich machen. Dazu zählen „insbesondere übermäßig ängstigende, Gewalt befürwortende oder das sozialethische Wertebild beeinträchtigende Medien.“ Auf der anderen Seite steht die Pressefreiheit, die im Grundgesetz verankert ist und die zensurfreie Freiheit der Berichterstattung gewährleistet, jedoch unter Berücksichtigung des Jugendschutzgesetzes und dem Recht der persönlichen Ehre. So dürfen in den Nachrichten zum politischen Zeitgeschehen entwicklungsbeeinträchtigende Inhalte enthalten sein, wenn hier ein erwachsenes, mündiges Publikum vorausgesetzt wird. Es wird also davon ausgegangen, dass Kinder und Jugendliche der betroffenen Altersstufe diese Inhalte normalerweise nicht konsumieren. Nur leider ist es heutzutage doch so, dass Horrorbilder im Netz – besonders auf Social Media – viral gehen und für fast jeden sichtbar sind. So bekommen auch junge Menschen, deren Smartphone längst ein treuer Begleiter ist, diese verstörende Bilder zu sehen – ob sie wollen oder nicht.

Auch gesetzlich vorgeschriebene Altersfreigaben für Rundfunk und bestimmte Internetseiten sollen die Jugend schützen. Doch was taugen diese überhaupt? Man kann schließlich schlecht nachprüfen, ob der Betrachter wahrheitsgemäß die Volljährigkeit bestätigt. Dadurch haben Kinder und Jugendliche im Internet uneingeschränkten Zugang zu sensiblen Inhalten – und die Schutzfunktion hat erfolgreich versagt. Wirklich wirkungsvolle Schutzmaßnahmen hingegen bestehen darin, verstörende Inhalte zu zensieren oder erst gar nicht zu zeigen.

Opfer ohne Mitspracherecht

Leichen, deren Körper halb aus der Erde schauen und erschossene Kriegsopfer in zerbombten Städten. Im Pressekodex des deutschen Presserates würden solche Bilder unter Ziffer 11 fallen. Dort ist festgelegt, dass die Presse „auf eine unangemessene sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid verzichtet.” Vom Unglück Betroffene dürfen nicht ein zweites Mal zu Opfern werden und auch der Respekt vor Angehörigen sollte bewahrt werden. Wenn die Opfer von Kriegsverbrechen fotografiert und die Bilder ins Netz gestellt werden, hat sie niemand um Erlaubnis gefragt. Die Einverständniserklärung von Schwerverletzten und Toten kann man schließlich nicht einholen. Journalisten machen dies, um das Interesse an dem Artikel zu wecken und Verlage schlagen aus diesen Opfern Profit

Die Vorstellung aber, dass nach dem eigenen Tod Bilder der Leiche ins Netz gestellt werden, gefällt sicherlich nur wenigen. Nicht nur den Verstorbenen und Schwerverletzten ist dies respektlos gegenüber, sondern auch deren Angehörigen. Hier wird eindeutig die Grenze zwischen Berichterstattungspflicht und Rücksichtnahme auf die Opfer und Betrachter überschritten. Man will sich gar nicht ausmalen, wie sich beispielsweise eine geflüchtete Mutter fühlen muss, wenn sie Bilder ihrer getöteten Familienmitglieder im Internet entdecken würde.

Natürlich ist es wichtig, dass Journalisten über die Realität wahrheitsgetreu berichten. Verharmlosen und Vermeiden ist schließlich keine Lösung. Gerade durch die Berichterstattung über Kriegsereignisse und Katastrophen entstehen öffentliche Debatten, die unter anderem Druck auf die Politik ausüben und zum Handeln anregen. Jedoch muss auch die Bildberichterstattung ihre Grenzen haben. Journalisten sollten daher mit Sorgfalt einschätzen, welche unzensierten Bilder sie für das Publikum bereitstellen wollen — und welche womöglich mehr Schaden anrichten, als nur Aufsehen erregen.

Text: Mikayla Weiland, Clara Stein    Titelbild: Clara Stein

<h3>Clara Stein</h3>

Clara Stein

Redakteurin und Leiterin der Bildredaktion bei medienMITTWEIDA