Cannabiskonsum

Highter bis wolkig: Sind die Klischees wahr oder nur heiße Luft?

von | 4. Februar 2026

Cannabis: politisch umstritten, gesellschaftlich präsent. Doch was steckt dahinter?

Rote Augen, überfüllte Aschenbecher oder dichte Rauchwolken. Viele assoziieren Cannabis mit genau solchen Klischees. Doch die Wirklichkeit sieht für manch einen ganz anders aus: Verantwortung, Planung, Zeitmanagement und eine strukturierte Anbaurotine. Aber wie passt all das zusammen?

Karl (Name zum Schutz der Privatsphäre geändert) kommt von der Uni nach Hause und schließt die Haustür auf. Vor ihm liegt seine Wohnung – in vollkommener Dunkelheit. Alles ist ruhig. Nichts deutet von außen darauf hin, was sich in seinen vier Wänden verbirgt. Da ist beim näheren Betrachten nur dieser graue rechteckige Kasten neben seinem Schreibtisch: ein Zelt – zwei Meter hoch und 80 Zentimeter breit. Was sich darin befindet, ist nicht ersichtlich. Erst als Karl den Reißverschluss des Zeltes öffnet, kommen seine „Babys”, wie er sie immer nennt, zum Vorschein.

kleine Pflanze

Eines von Karls „Babys“: ein Keimling, Bild: Karl

Legal oder nicht legal — Das ist hier die Frage

Bei Karls sogenannten „Babys“ handelt es sich um Cannabis-Pflanzen — sein ganzer Stolz. Das neue Cannabisgesetz (CanG) ermöglicht es ihm seit dem 1. April 2024 als Erwachsener privat anzubauen. Dabei muss Karl folgendes beachten: Er darf maximal drei Pflanzen halten, unterwegs höchstens 25 Gramm Cannabis bei sich tragen und den Ertrag nur selbst nutzen, also nicht an Dritte weitergeben oder gar verkaufen. Zudem muss er aufpassen, dass keine Minderjährigen durch seinen Anbau mit Cannabis in Berührung kommen. 

Karl hält sich an die Vorschriften: Er hat drei Samen gepflanzt, ist bereits erwachsen und konsumiert seinen Ertrag ausschließlich selbst. Außerdem baut er seine Pflanzen in seiner eigenen Wohnung an, die er abschließt, sobald er sie verlässt. Damit andere sich auch nicht durch den Geruch belästigt fühlen, hat er für sein Zelt einen Aktivkohlefilter gekauft. Bisher sei er mit seinem privaten Anbau auch zufrieden: „Ich kann anbauen, was und wann ich will. Ich muss mich nach niemandem richten und kann die Sorten testen, auf die ich Lust habe.“ Dennoch fehle ihm manchmal der Austausch.

Dieser lässt sich in sogenannten Anbauvereinigungen finden, die seit dem 1. Juli 2024 möglich sind. Eingetragene Vereine oder Genossenschaften, die auch als Social Clubs bekannt sind, bauen gemeinschaftlich an. Sie verfolgen dabei keine Erwirtschaftung von Gewinnen, sondern finanzieren sich durch Mitgliedsbeiträge. Zwar wird unter anderem gemeinsam angebaut, geerntet und getrocknet, aber das Konsumieren ist in Anbauvereinigungen verboten. Auch haben Minderjährige hier keinen Zugang und Mitglieder zwischen 18 und 21 Jahren bekommen pro Monat maximal 30 Gramm Cannabis.

Ergebnisse der Drogenaffinitätsstudie, Diagramm: Jörn Schröder, Quelle: Drogenaffinitätsstudie

Dabei ist die Generation zwischen 18 und 25 Jahren diejenige, bei der sich der Konsum seit der Legalisierung erhöht. Dies geht aus einer Drogenaffinitätsstudie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) aus dem Jahr 2025 hervor. Der Anteil der Konsumenten, die regelmäßig Cannabis zu sich nehmen, stieg von 8 auf 8,9 Prozent. Der männliche Anteil betrug 12,4 Prozent – 1,8 Prozent mehr als 2023.

Rote Augen, grüner Daumen

Mit großen Augen betrachtet Karl seine Sprösslinge. Bereits zum dritten Mal baut er an. Die Gebrauchsspuren in seiner Ausrüstung sind mittlerweile sichtbar, kleine Löcher sind vereinzelt im Material des Zeltes zu erkennen, die Klettverschlüsse, die den Reißverschluss verdecken, verlieren an Kraft und die Stofftöpfe werden höchstwahrscheinlich keinen weiteren Anbau überstehen. Während die Ausrüstung schwächelt, ist die Cannabis-Pflanze genau das Gegenteil: robust. Sie kann daher sowohl drinnen als auch draußen angebaut werden. Dennoch bedarf es einer gewissen Planung. Karl müsse sich vor dem Beginn unter anderem folgende Gedanken machen: Welche gewünschte Wirkung die Pflanze später haben soll, wann und wie viel geerntet wird und wie viel Zeit eingeplant werden muss. Zudem seien Geschmack und Anbauweise für den Studenten wichtig. Es beginnt bereits beim Samen.

Augen auf bei der Samenwahl

Reguläre Samen

…, aus denen sowohl männliche als auch weibliche Pflanzen entstehen können, sind natürlich, sprich nicht genetisch verändert. Blüten werden jedoch nur von weiblichen Cannabispflanzen erzeugt.

Feminisierte Samen

… bilden nur weibliche Nachkommen, weshalb sie häufig bevorzugt werden.

Photoperiodische Samen

… können sowohl feminisiert als auch regulär sein. Sie haben die Besonderheit, dass sie vom Licht abhängig sind. Das Verhältnis von Tag und Nacht wirkt sich demnach auf die Wachstums- und Blütenphase aus.

Autoflowing-Samen

… gibt es ebenfalls in feminisierter und regulärer Variante. Sie blühen nach einer bestimmten Zeit automatisch – unabhängig vom Licht. Sie sind aber zeitabhängig.

Die Alternative

… ist ein Steckling, sprich eine Jungpflanze. Durch diese wird die Keimung des Samens übersprungen.

Während des Anbaus kann es aber auch zu Problemen kommen. Karl berichtet von Parasiten in der Erde, schimmelnden Blüten aufgrund von zu hoher Luftfeuchtigkeit oder Samen, die nicht gekeimt hätten. Der Eigenanbau sei somit trotz Planung immer mit einem gewissen Risiko verbunden. Dennoch würde der Student weiter in seinem Zelt anbauen. 

Anders als Karl hat sich Freddy (Namen zum Schutz der Privatsphäre geändert) bewusst gegen ein Zelt entschieden und stellt die Pflanzen stattdessen auf das Fensterbrett seiner Wohnung. Jedoch ist er somit vom Wetter abhängig, denn Cannabis-Pflanzen sind nicht frosthart und können daher draußen nur von Frühling bis Herbst angebaut werden. Karl hingegen kann in seinem Zelt ganzjährig anbauen. Allerdings ist das mit höheren Kosten verbunden.

Gärtnern geht ans Geld

Beim genaueren Hinsehen erkennt Karl, dass eine seiner Pflanzen schwächelt. Sie ist kleiner als die anderen, die Blätter hängen nach unten. Er seufzt. Bei seinem aktuellen Anbau ist von den ersten drei Samen, die er gepflanzt hat, gerade einmal aus einem eine Pflanze geworden – eine enttäuschende Zwischenbilanz für Karl. Beim zweiten Versuch hätte er deshalb auch Bedenken gehabt, ob die Samen keimen. Er habe schon fast die Hoffnung aufgegeben, als er dann doch etwas Grünes in der Erde entdeckte. Dennoch habe er insgesamt fünf Samen gebraucht, damit er am Ende drei Pflanzen hat. „Es ist natürlich ärgerlich“, berichtet Karl. „Man bezahlt so viel Geld und dann wird es nichts.”

Samen sind teuer. Karl muss durchschnittlich fünf bis zehn Euro pro Samen einplanen. Er kaufe sie zwar immer im Angebot und es gebe Mengenrabatte, aber wenn er drei Pflanzen anbaut und immer mindestens drei Samen von jeder Sorte bestellt, kommt am Ende eine ordentliche Summe zusammen. Es gibt auch die Option, Stecklinge zu erwerben. Einer kostet ungefähr so viel wie drei Samen. 

Neben den Saatgut kommen aber noch weitere Ausgaben hinzu: unter anderem Lampen, ein Growzelt und Klimaregeltechnik. „Ich habe etwa 800 Euro ausgegeben“, berichtet Karl, während er seine Zeltausrüstung, die Gärtnerutensilien und den Dünger betrachtet. „Dafür kann ich fast alles mehrmals nutzen. Wenn ich noch einmal anbaue, dann bräuchte ich nur neue Erde, Stofftöpfe und eventuell Samen, was mich vielleicht zusammen circa 50 Euro kostet.“ Zusammenfassend erklärt Karl, dass man zwischen circa 30 und 1000 Euro ausgeben könne – je nachdem, wie und wo angebaut werde.

Konsum kostet — und zwar nicht nur Geld

Karl schließt das Zelt wieder und sucht den notwendigen Dünger. Mithilfe einer Pipette dosiert er diesen und mischt ihn mit etwas Wasser in einem Gefäß. Anschließend verteilt er den Dünger gleichmäßig auf seine drei Pflanzen. In der Regel sind sie pflegeleicht. Dennoch fällt immer wieder etwas an: regelmäßiges Entfernen von abgestorbenen oder verwelkten Blättern, Gießen oder Düngen. Dabei ist zu beachten, dass die Pflanzen nicht zu viel Dünger bekommen und immer gut belüftet werden, um Schimmel zu vermeiden. Für die Pflege plane Karl während der Anbauphase täglich eine halbe Stunde ein. Sein Studium habe er jedoch wegen seiner Pflanzen nie vernachlässigt.

Laut Freddy wird erst die Ernte richtig zeitintensiv. Dabei werden die Blüten abgeschnitten, die Blätter entfernt und dann zum Trocknen aufgehängt. Freddy erklärt, dass eine Pflanze dabei bis zu einer Stunde in Anspruch nehmen könne. Bei mehreren auch schnell ein halber Tag daraus, je nachdem wie der Ertrag ausfalle.

Gevaped — nicht geraucht

Nach der Pflege seiner Pflanzen räumt Karl auf, er verstaut den Dünger und säubert die benutzten Utensilien. Nun ist Zeit für ein wenig Entspannung. Cannabis kann auf verschiedenen Wegen konsumiert werden. Neben dem bekannten Joint kann der Konsum auch noch per Vaporizer – auch Vape genannt – oder Bongs erfolgen. Karl hat alle genannten Optionen schon einmal getestet und favorisiert den Vaporizer. Er finde es gut, dass er damit direkt aufhören könne, wenn es zu viel werde und es keinen unangenehmen Geruch verursache. Zudem sei es auch nicht so ungesund wie das Rauchen von Cannabis. Laut einer Studie zum Cannabiskonsum raucht über die Hälfte der Teilnehmenden ihr Cannabis – nur etwa ein fünftel verdampfte es.

%

rauchen

%

verdampfen

%

essen

Die beliebtesten Konsumarten, Diagramm: Sina Rothe und Jörn Schröder, Quelle: Sage Journals

Es kann aber auch verzehrt werden. In Deutschland sind Edibles — Lebensmittel mit Cannabis — jedoch weiterhin verboten. Von ihnen gehe eine zu große Gefahr aus, insbesondere für Minderjährige, heißt es laut Gesetzgeber. Die harmlose Optik und die falsche Dosierung können zu einer ungewollten Überdosis führen. Kinder und Jugendliche seien davon besonders betroffen.  

Im Hinblick auf den Konsum ist auch der Ort entscheidend. Karl konsumiert ausschließlich in seinen eigenen vier Wänden, um niemanden mit dem Geruch zu belästigen. Wenn er unterwegs Cannabis zu sich nehmen möchte, nutzt er eine App, die ihm zeigt, wo es ihm in der Nähe seines Aufenthaltsortes gestattet ist. Denn nicht gestattet ist es: in der Nähe Minderjähriger, in Anbauvereinigungen, in Fußgängerzonen zwischen sieben und zwanzig Uhr, in der Nähe von Schulen, Kinder- und Jugendeinrichtungen, Kinderspielplätzen sowie in öffentlich zugänglichen Sportstätten zu konsumieren. 

Cannabis ist nicht gleich Cannabis

Karl setzt sich auf sein Sofa. Vor ihm auf dem Couchtisch steht sein Grinder – ein Werkzeug, um Cannabisblüten zu zerkleinern. In diesem wartet bereits etwas Cannabis aus seinem vorherigen Anbau auf ihn, dass er nur noch durch Drehen in eine konsumierbare Menge verwandeln braucht: die Sorte Northern Lights. Laut Beschreibung eines Verkäufers soll ihre Wirkung klar und ausgeglichen sein. Da Karl sie eher geerntet hat als vorgesehen, wirke sie milder. Er betont, die Wirkung von Cannabis sei immer individuell und von verschiedenen Faktoren abhängig: etwa wie man konsumiert, wie hoch die Dosis oder der Anteil der verschiedenen Wirkstoffe sei. Für Karl sei es auch immer unterschiedlich: von Sorte zu Sorte, von Konsum zu Konsum, von Konsumart zu Konsumart, von Menge zu Menge. 

Bevor Karl anbaut, informiere er sich immer über die Sorten und welche Wirkung sie hätten. Dabei kann unter anderem online ein Seedfinder helfen, indem er durch Fragen die passende Sorte ermittelt.

Viele Wege führen zur richtigen Sorte Hier ist einer:

Zuerst muss Karl sich zwischen photoperiodischen und Autoflowering-Pflanzen entscheiden, wobei er ersteres wählt.

Anschließend ist anzugeben, in welcher Umgebung die Samen wachsen werden. Da er ein Zelt besitzt, ist indoor seine Option.

Danach wird er gefragt, ob seine Pflanzen eher hoch und groß oder kurz und kompakt sein sollen.

Zudem muss er angeben, ob er schnelle Ergebnisse haben will.

Die fünfte Frage umfasst den THC-Gehalt. Tetrahydrocannabinol (THC) ist der psychoaktive Wirkstoff in Cannabis und kann Schäden im Gehirn bewirken. Besonders bei Heranwachsenden, zu denen auch Studierende zählen, ist es gefährlich, da das Gehirn bis zum 25. Lebensjahr noch reift. Karl entscheidet sich bewusst für wenig THC.

Es folgt die Frage nach der gewünschten Wirkung: Soll das Cannabis schläfrig, ausgleichend, motivierend oder Kreativität fördernd wirken? Da er Probleme beim Einschlafen habe und einfach nach einem stressigen Unitag zur Ruhe kommen möchte, entscheidet er sich für schläfrig und ausgleichend.

Zuletzt kommt der Geschmack. Karl kann zwischen „süß”, „erdig“, „säuerlich“ und „geil” wählen. Letztendlich klickt er süß und erdig an.

Es folgt eine abstufende Auflistung mit Sorten, die die gewünschten Kriterien am ehesten erfüllen: Painkiller XL – hundertprozentige Übereinstimmung – gefolgt von Tatanka Pure CBD und Euphoria, welche beide keinen erdigen Geschmack besitzen.

Zwischen Panik und Paranoia: Wo liegen die Risiken?

Karl nimmt den ersten Zug von seinem Vaporizer. Zufrieden schließt er die Augen und merkt, wie er mit jedem weiteren Zug entspannter werde. Ihm sei dabei bewusst, dass der Konsum von Cannabis auch Risiken mit sich bringe. „Ich hatte bei einer Sorte Herzrasen bekommen”, erinnert sich Karl. Er habe Angst gehabt, dass sein Puls steigt und daher immer wieder auf seine Smartwatch geschaut. Durch sein Reinsteigern wäre der Puls dann tatsächlich gestiegen. Auch Freddy habe bereits Negatives im Zusammenhang mit Cannabis erlebt, beispielsweise eine Panikattacke. „Mein Herz fing stark an zu rasen, mir wurde übel und ich musste mich übergeben“, lässt er seinen zweiten Cannabiskonsum Revue passieren. Hinzu wären heftige Angstgefühle gekommen. Cannabis kann also sowohl psychische als auch körperliche Schäden verursachen,ebenso psychotische. Letztere können sich beispielsweise durch folgende Symptome bemerkbar machen: Desorientiertheit, Halluzinationen, Depersonalisierung – gestörtes Ich-Gefühl – und paranoide Symptome. 

Freddy sehe das größte Risiko in der Abhängigkeit. Cannabis könne dazu führen, dass andere Dinge wie die Uni, Freunde oder Alltag vernachlässigt würden. In seinem Bekanntenkreis gäbe es Leute, die ohne Cannabis nicht mehr klarkämen und mehrmals am Tag konsumieren. Seiner Meinung nach gelte dies aber im Grunde für jede Droge. Karl finde unreflektierten und gedankenlosen Konsum ebenso gefährlich. Laut ihm könne letzteres zu einer Antriebslosigkeit und eventuell in Richtung Depression führen.

Gegenüberstellung von positiven Empfindungen, Risiken und Langzeitfolgen, Quelle: Deutscher Hanfverband

Nur noch ein Zug — Hilfe naht

Nach ein paar Zügen legt Karl den Vaporizer zur Seite. Er weiß, wo seine Grenzen sind und übertreibt seinen Konsum nicht. Für Menschen, die jedoch nicht wissen, wann sie aufhören sollen, gibt es Hilfsangebote. Erste Anzeichen für eine Abhängigkeit können Entzugssymptome wie Schlafstörungen, Kopfschmerzen, gestörtes Hungergefühl, Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall sein. Aber auch das Vernachlässigen von Interessen oder Verpflichtungen, ein sozialer Rückzug und der starke Drang, unbedingt konsumieren zu müssen, können Hinweise auf eine Abhängigkeit sein. Die Webseite drugcom.de bietet einen Selbsttest an – anonym und kostenlos.

Heilung oder Horror: Cannabis als Chance?

Cannabis zählt zu den ältesten Heil- und Nutzpflanzen weltweit und wurde als solche bereits 3000 vor Christus verwendet. Auch heutzutage wird sie zu medizinischen Zwecken eingesetzt. So kann ein Arzt in Deutschland Cannabis für alle Krankheiten verschreiben, sofern er es als sinnvoll erachtet. Karl ist der Meinung, dass es ein breites medizinisches Spektrum habe, das aktuell noch nicht vollständig ausgeschöpft sei. Er warnt aber auch, nie selbstständig zu experimentieren, sondern immer mit einem Arzt zu reden. Auch Freddy sieht eine Chance im medizinischen Bereich, besonders für Menschen mit chronischen Schmerzen. Es müssen aber immer die Möglichkeit der Abhängigkeit und die Nebenwirkungen beachtet werden. Etwa berichteten Patienten dem Deutschen Hanfverband über Halluzinationen oder Kontrollverlust.

An der Fachhochschule Erfurt gibt es die Möglichkeit, im Studiengang Gärtnerischer Pflanzenbau ab dem dritten Semester die Wahlpflicht-Module mit dem Schwerpunkt Cannabisanbau zu wählen, wo unter anderem die Züchtung oder der Anbau behandelt werden. Das Cannabis enthält kein THC.

Die Realität zwischen kiffenden Klischees und vapenden Vorurteilen

Karl lehnt sich auf dem Sofa zurück, vor ihm läuft auf dem Fernseher Workaholics“, eine Comedy-Serie über drei Männer, die regelmäßig Cannabis konsumieren und infolge dessen Mist bauen. Sie bedienen dabei gängige Klischee über Cannabiskonsumenten wie etwa Unzuverlässigkeit, Faulheit oder Dummheit. Dass es viele Vorurteile gebe, findet auch Freddy. Für ihn seien es beispielsweise Vergesslichkeit oder die Schlussfolgerung, dass alle Hippies wären, die Cannabis konsumieren. Es gibt jedoch Studien, die diese Klischees widerlegen. So gaben Probanden in einem Forschungsartikel vom Sage Journals aus dem Jahr 2024 an, dass der Konsum ihre Kreativität fördere oder die Konzentration verbessere. Ebenso konnte kaum eine Verbindung zwischen der berauschenden Wirkung von Cannabis und mangelnder Motivation festgestellt werden.

Karl habe manchmal das Gefühl, dass Cannabis zur Darstellung eines Tiefpunktes im Leben genutzt werde, etwa zum Vergessen oder Verdrängen von schlimmen Ereignissen. In der Anwaltsserie „Suits“ konsumiert der junge Protagonist, Mike Ross, gelegentlich, bevor er schließlich Anwalt wird. Durch den Tod seiner Großmutter gerät er in eine Abwärtsspirale, in der er immer mehr zu Cannabis greift. Auch in Büchern kiffen Charaktere, um zu vergessen, wie beispielsweise in Hanna Berganns Roman „Night of Lies“. Die Hauptfigur Leah zieht an einem Joint, um sich von ihren negativen Gedanken abzulenken.

Hightere Aussichten?

Freddy und Karl sind sich einig: Sie bereuen es nicht, anzubauen und haben das Geld gern investiert. Beide appellieren aber, verantwortungsvoll mit Cannabis umzugehen sowie die Risiken und Chancen abzuwägen. Zudem sei es wichtig, sich selbst stets zu hinterfragen, ob man die richtige Person für den Konsum ist oder sich in der Verfassung befindet, Cannabis zu sich zu nehmen. 

Karl finde es gut, dass er privat anbauen darf. Er wünsche sich aber für die Zukunft eine offene Cannabiskultur und mehr Akzeptanz in der Öffentlichkeit. Zudem hätte er gerne Fachgeschäfte für Cannabis oder den Konsum in Social Clubs, wie er beispielsweise in Spanien erlaubt ist. „Ich möchte einfach verschiedene Sorten probieren und testen, ob sie mir schmecken oder wie sie wirken, bevor ich sie selber anbaue. Zudem möchte ich auch in Gesellschaft konsumieren, mich austauschen und beraten lassen”, berichtet Karl. Er denke, dass es auch gerade für Anfänger:innen gut und wichtig sei, nicht allein Cannabis zu sich zu nehmen.

Karl beendet die Folge Workaholics“, ehe er sich die Zähne putzt und sicherheitshalber noch einen letzten Blick in sein Zelt wirft. Dieser prophezeit ihm eine grüne Zukunft. Ruhigen Gewissens kuschelt er sich in sein Bett und ist sich sicher: Gleich träume er von seinem nächsten Anbau.

Text: Sina Rothe, Titelbild und Bilder: Karl, Grafiken: Sina Rothe und Jörn Schröder

<h3>Sina Rothe</h3>

Sina Rothe

ist 2003 geboren und studiert Medienmanagement mit wirtschaftlicher Vertiefung an der Hochschule Mittweida. Bei medienMITTWEIDA ist sie seit 2025 als Redakteurin tätig. Sie beschäftigt sich gern mit dem Schreiben und Lesen von Büchern.