Die Begriffe „Clean-Girl-Aesthetic“ und „Health Culture” stehen auf Plattformen wie TikTok und Instagram heute häufig für dasselbe Feld: einen kuratierten Gesundheits- und Lifestyle Trend. Das Clean-Girl hat eine ausgiebige Skin-Care Routine, trinkt Matcha und geht regelmäßig zu Pilates. Alles ist minimalistisch und ästhetisch für Social Media aufbereitet, egal ob Essen, Kleidung oder Sport. Oftmals ist alles mit Konsum verbunden: Die neuesten Supplements, Gesichtsmasken oder ein weiteres Workout-Set.
Auf Social-Media-Plattformen wird die „Clean-Girl-Aesthetic“ durch wiederkehrende ästhetische Muster sichtbar: neutrale Farben, exzessive Beauty-Routinen mit den neusten Produkten und ein strukturierter Tagesablauf. Violet Nguyen beschreibt diese Darstellung als „performance of orderliness sowie quiet femininity“ und betont, dass damit ein bestimmtes, kontrolliertes Selbstbild erzeugt wird.
Beiträge weisen darauf hin, dass diese Form der Gesundheitsästhetik bestimmte Körperbilder bevorzugt und dadurch andere unsichtbar macht. Es wird deutlich, dass die Ästhetik nicht nur individuelle Gesundheitsentscheidungen abbildet, sondern auch gesellschaftliche Normen und Erwartungen transportiert.
Konkret zeigen Analysen, dass diese Ästhetik ein gewisses Bild von Körper- und Hautbildern bevorzugt. PureWow argumentiert, der Trend vermittle, dass eine „saubere“ Erscheinung mit glatter Haut und minimalem Make-up besser sei als ein Erscheinungsbild mit Unreinheiten und aufwendigen Make-Up-Routinen. The Phoenix hebt hervor, dass die Clean-Girl-Aesthetic Schlankheitsideale, Klassismus und bestimmte Konsummuster verstärke, indem sie Produkte und Services voraussetze, die sich nicht alle leisten könnten – sowohl aufgrund des Geldes als auch der Zeit.
Es wird deutlich, dass eine ästhetisierte Darstellung von Gesundheit auf Social Media auch Ausschlüsse erzeugt und das Selbstbild von Nutzer:innen beeinflussen kann.
"Clean Girl"
Unter „Clean Girl“ versteht man eine vor allem auf TikTok populäre ästhetische Figur, die einen betont natürlichen, minimalistischen Mode‑ und Beauty‑Look mit einer stark kuratierten Wellness‑Lifestyle verbindet. Charakteristisch sind „No‑Make‑up‑Make‑up“, eine glowy bzw. „glassy“ Haut, streng zurückgebundenes Haar, neutrale Kleidung sowie die Inszenierung eines strukturierten, gesunden Alltags mit Fitness‑ und Selfcare‑Routinen. Stark erinnert dieser Trend auch an das „That Girl„
Der Begriff „clean“ verweist dabei auf einen idealisierten Zustand von Makellosigkeit sowie bürgerlicher Ordnung und grenzt implizit andere als „unordentlich“ ab.
Gesund um jeden Preis
Wie spiegelt sich die Idee „gesund für jeden Preis“ in Produkt- und Sprachwelt wider? Ein zentrales Beispiel ist der Matcha-Hype. Ein Artikel beschreibt, dass die globale Matcha-Produktion in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen ist und insbesondere Gen Z als wichtige Konsumentengruppe gilt. Gleichzeitig sind aktuelle Konsumformen deutlich von traditionellen Praktiken aus Japan zu unterscheiden: Statt Teezeremonien dominieren süße, stark individualisierte Getränke und Pulverprodukte, die in verschiedensten Lebensmitteln eingesetzt werden.
Beiträge wie „The Rise of Matcha” betonen, dass Matcha in Social Media Beiträgen und im Café-Marketing vor allem als gesundes und modernes Produkt inszeniert wird.
Iced Strawberry Matcha Latte, Foto: Lara Daßler
Pilateskurs, Foto Pexels, Lê Đức
Neben Matcha sind Protein-Produkte und Detox-Sprache zentrale Bestandteile der aktuellen Gesundheitskommunikation in sozialen Medien. In Posts werden „High-Protein-Snacks“, Shakes oder Riegel häufig mit Versprechen von Leistungsfähigkeit und Sättigung verknüpft. Begriffe wie „Detox“ oder „Clean Eating“ suggerieren die Reinigung und Optimierung des Körpers. Kritische Analysen hingegen weisen darauf hin, dass diese Begriffe meist unscharf definiert sind und wissenschaftliche Daten nur selektiv zitiert werden.
Selina Meister, Studentin des Gesundheitsmanagements, betont gegenüber medienMITTWEIDA, dass „der Großteil der Personen, die solche Trends in sozialen Medien promoten, gar nicht so wirklich Ahnung davon haben, was es bedeutet, den Körper langfristig gesund zu halten.“ Ihrer Einschätzung nach stehen hinter vielen Inhalten werbliche Interessen und eine persönliche Markenbindung, nicht aber die primäre Gesundheitsförderung. Gleichzeitig verweist sie auf andere Faktoren: Matchaprodukte, Proteinsnacks und spezielle Fitnessangebote seien häufig kostspielig und erforderten zusätzliches Leistungsmanagement, was im Studienalltag nicht immer umzusetzen sei.
Sie weist darauf hin, dass „jeder Körper, jeder Mensch“ unterschiedliche Bedürfnisse habe und dass die direkte Übernahme von Trends nicht immer zur eigenen Situation passe.
Für Studierende ist fraglich, ob der Clean-Girl-Lifestyle unter Berücksichtigung des Einkommens, Stundenplans und psychischer Belastung realistisch und sinnvoll ist.
Machtverhältnisse in Werbung und Medienkommunikation
Wer steckt hinter dem Trend und welche Akteure prägen Gesundheitsbilder im Kontext der Clean-Girl-Culture? Nguyen weist darauf hin, dass solcher Content besonders gut mit Empfehlungsalgorithmen harmoniert, weil er visuell eindeutig, leicht wiedererkennbar und in kurzer Form konsumierbar ist. Diese Eigenschaften erleichtern es TikTok oder Instagram, ähnliche Inhalte zu empfehlen und hohe Reichweiten für bestimmte Darstellungsweisen zu erzeugen. Influencer:innen nutzen diese Logik, indem sie Produkte – bezahlt oder unbezahlt – in ihre Routinen und Videos einbetten. Ob Hautpflege, Kleidung oder Nahrungsergänzungsmittel, sie alle erscheinen als fester Teil des Lifestyles.
@oliviamaebarness productive morning as a girl trying to stick to routine ⋆。°✩ #productivemorningroutine #morningmotivation #healthandwellness #morningroutineaesthetic #gymmotivation
Morgen Routine einer Influencering, Video: Olivia Barnes via TikTok
Der Matcha-Boom illustriert dieses Zusammenspiel aus Ästhetik, Marketing und Plattformlogik besonders deutlich. „The mismatch with Matcha consumption & Gen Z“ zeigt, dass die wachsende Nachfrage wirtschaftliche Chancen eröffnet, gleichzeitig aber auch Spannungen zu traditionellen Produktionsweisen und Ressourcen schaffen. Marken positionieren den feinen Tee als vielseitiges, trendiges Produkt und nutzen Social-Media-Kanäle gezielt, um entsprechende Bilder zu verbreiten.
Meister beobachtet, dass soziale Medien dadurch zunehmend als Werbe- und Präsentationsfläche für Gesundheitsprodukte fungieren. Sie sagt, dass viele Inhalte zwar wie persönliche und echte Empfehlungen erscheinen, in Struktur aber eher an Marketing erinnern und es teilweise auch sind. Aus ihrer Sicht profitieren daraus vor allem Unternehmen und Einzelpersonen, die Produkte anbieten und dadurch Geld bekommen, während Nutzerinnen und Nutzer mit einem teils widersprüchlichen Informationsangebot konfrontiert sind.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach Machtverhältnissen: Wer legt fest, was als „gesund“ und „clean“ gilt und wer zieht aus der Verbreitung dieser Bilder und Produkte Vorteile? Studierende sind insbesondere mit Kosten, Zeitaufwand und psychologischem Druck konfrontiert, sich an idealisierte Routinen zu halten und das zu konsumieren, was auch Influencerinnen und Influencer anpreisen.
Aktuelle Preise von Supplements und Proteinprodukten, Foto: Lara Daßler
Gesundheitskommunikation als medial geprägte Kultur
Ist der Clean-Girl-Lifestyle umsetzbar für Studierende? Gesundheitskommunikation im Kontext der Culture zeigt, dass viele visuelle Muster, Produkte und Routinen in Feeds kursieren, die nicht immer wissenschaftlich belegt sind. Ästhetik, Konsum und Selbstoptimierung sind dabei eng miteinander verknüpft, während individuelle und strukturelle Unterschiede sowie die Wissenschaft in den Hintergrund geraten.
Meister betont in ihrem Interview, dass aus gesundheitlicher Sicht vor allem „Durchziehen“ und individuelle Passung entscheidend sind. Sie beschreibt gesunde Ernährung als „Grundbaustein eines gesunden Lebens“ und hebt hervor, dass sie nicht zwangsläufig teuer sein muss. Die Studentin verweist auf regelmäßige, alltagstaugliche Bewegung und auf die Bedeutung von Selbstreflexion und wissenschaftlich fundierten Informationen. Ein weniger ästhetischer, aber dafür langfristiger, praktikabler Lebensstil sei wirksamer als kurzzeitige Phasen intensiver Optimierung und Konsum.
Für Studierende ergibt sich daraus die Möglichkeit, Trendinhalte zwar als Anregung zu nutzen, aber Entscheidungen zur Gesundheit an den eigenen Bedürfnissen, Ressourcen und Zielen auszurichten.