In der Krise steckt die Chance

von | 24. April 2020

Das Grau zieht weg, das Grün blüht auf. Titelbild: Anton Baranenko

26. März 2020, Neuseeland: Die 18 Räder einer Lufthansa-Maschine vom Typ 747-400 setzen auf der Landebahn vom Flughafen Auckland auf und bringen das Flugzeug nach mehr als 16 Stunden in der Luft sicher zu Boden. Was nach einer alltäglichen Landung klingt, ist für die Besatzung etwas Besonderes: Eine Flugverbindung von Frankfurt nach Neuseeland mit Lufthansa gibt es normalerweise nicht. Zwei Tage später startet die Maschine ihren Rückflug mit fast zwei Stunden Verspätung um 10:44 Uhr Ortszeit. Mit an Bord: Zahlreiche, aufgrund der Corona-Krise in Neuseeland gestrandete, deutsche Touristen.

Bis auf die weltweiten Rückholaktionen, bei denen Regierungen aus aller Welt sämtliche Staatsbürger schnellstmöglich nach Hause bringen wollen, gibt es nur wenige Flugverbindungen, die der Corona-Krise standgehalten haben und weiterhin von den Airlines aufrechterhalten werden. Auf den Landebahnen, wo sonst minütlich Flugzeuge starten und landen, werden die Maschinen nun geparkt – vorerst auf unbestimmte Zeit.

Der Tourismussektor ist einer der vielen Branchen, die durch die aktuellen Bestimmungen und Einschränkungen weltweit nahezu zum Erliegen kommen. Eine kleine Fledermaus, die einen noch unbekannten Virus in sich trägt, schafft es also, eine zivilisierte, so schnelllebige Welt in den Stillstand zu versetzen. Wenn Tausende Flugzeuge nicht mehr fliegen, Millionen Autos nicht mehr fahren und Hunderttausende Betriebe nicht mehr produzieren, kann es – makaber gesagt – jedoch einen glücklichen Gewinner geben: unsere Umwelt.

Hongkong

Die 7,5 Millionen Einwohner starke Sonderverwaltungszone Chinas am Ausgang des Perlflussdeltas gehört zu den größten Finanzplätzen der Welt. Wo sich sonst tagtäglich Unternehmer, Banker, Einwohner und schließlich auch Touristen aus aller Welt tummeln, steht die Stadt nun still. Eine noch nie dagewesene Menschenleere breitet sich von Tag zu Tag stärker aus. Eine Stille, die die ohnehin gering ausfallende Natur der sonst so lebendigen Metropole aufatmen lässt. Durch Quarantäne-Maßnahmen sowie temporäre Schließungen von Betrieben verzeichnen ESA-Satelliten mithilfe von speziellen Troposphäre-Überwachungsinstrumenten einen Rückgang der Konzentration des schädlichen Stickstoffdioxids (NO₂) in der Luft. In einem gefährlich aussehenden Gelb-Rot erleuchten normalerweise die ESA-Karten über Hongkong. Das helle Himmelblau der jetzigen Messwerte präsentiert förmlich die bessere Luft in den Sphären über China. Zahlen des Centre for Research on Energy and Clean Air bestätigen dies, denn im vergangenen Februar wurden 200 Millionen Tonnen CO₂ eingespart. Doch nicht nur in der Luft genießt die uns umgebende Natur eine positive Veränderung: Aufgrund von geschlossenen Tierparks und den dadurch fehlenden Menschenmassen erfreuen sich die Tiere einer ungewohnten Privatsphäre. Zwei seit 2007 zusammenlebende Pandas werden erstmals intim miteinander. Der Zoo Ocean Park Hongkong erhofft sich voller Freude endlich Nachwuchs. 

Die NO-Belastung über China hat im Vergleich zum Januar bereits im Februar enorm abgenommen. Foto: Joshua Stevens, NASA Earth Observatory 

Indien

In der rund 3900 km von Hongkong entfernten indischen Region Punjab begeistert ein – eigentlich natürlicher – Ausblick die Einwohner, den es so seit 30 Jahren nicht mehr gab: Die Giganten des Himalaya-Gebirges in 200 Kilometer Entfernung sind mit bloßem Auge zu sehen. Der Smog, der normalerweise die Luft über Indien beherrscht, hat sich aufgrund der für die örtliche Industrie geltenden Beschränkungen gelegt. Auch im restlichen Teil des Landes klart der Himmel förmlich auf: In über 85 indischen Städten ist die Luftverschmutzung als Folge des Lockdowns innerhalb der ersten sieben Tage zurückgegangen – in Delhi sogar um 44 Prozent. Die Sphären der Luft über uns, die seit Jahrzehnten über Indien durch Schmutz und Dreck der Menschheit ersticken, können wieder aufatmen.

Kolumbien

Auch in Südamerika zeigt sich die Natur erholt: Die beliebte Hafenstadt Cartagena ist normalerweise ein viel befahrener Ort für Handels- und Kreuzfahrtschiffe. Am 11. März hat der Bürgermeister, William Dau, jedoch alle Schiffsaktivitäten eingestellt und die für den Tourismus so wichtige Reisesaison unterbrochen. Nur wenige Wochen dauerte es, bis sich die Natur zurückholte, was ihr zusteht: Türkisblaues Wasser statt stark verschmutzen Gewässern, zahlreiche Fischschwärme statt lauten Bootsmotoren. Das alles wurde beobachtet von Einheimischen und Wissenschaftlern des Ozeanografischen Forschungszentrums der Karibik, der CIOH.

Deutschland

„Made in Germany“ – so das Gütesiegel, das Deutschland als wahre Industrienation kennzeichnet. Wie in den meisten von der Pandemie betroffenen Ländern steht die Industrie aber auch hier aufgrund der aktuellen Beschränkungen weitestgehend still, was der Umwelt nur zugute kommt. Die sonst so gewichtige Autoindustrie, ihre dazugehörigen Zulieferbetriebe aber auch alle anderen Industriebranchen können vorerst nicht im gewohnten Umfang produzieren. Wodurch Milliarden Euro verloren gehen, werden Millionen Tonnen allerdings gar nicht erst produziert. Die Rede ist von Kohlenstoffdioxid: Das von der Bundesregierung für 2020 angestrebte Ziel von maximal 750 Millionen Tonnen CO₂ wird höchstwahrscheinlich, entgegen allen bisherigen Prognosen, doch erreicht. „Nach unseren Abschätzungen werden in Deutschland unter anderem durch den warmen Winter und durch die Corona-Krise die Treibhausgasemissionen 2020 im Vergleich zu 2019 um gut 50 Millionen Tonnen CO₂ mindestens sinken. Je nach weiterem Verlauf der Corona-Krise, kann der Rückgang auch bei bis zu 135 Millionen Tonnen CO₂ liegen“, so Patrick Graichen von Agora Industriewende, einer Denkfabrik, welche die deutsche Energiewende begleitet.

Eine Verschnaufpause

Tiefblaue Gewässer, saubere Luft, erholte Tierarten – Es ist sehr beeindruckend, wie sich die Natur in all ihrer Vielfalt aufgrund der weltweiten Reglementierungen wieder ihren „Lebensraum“ zurückholen kann. Das werde allerdings nicht so bleiben. Experten gehen davon aus, dass sich momentan nur eine Verschnaufpause für die Natur ergibt. Sobald sich die Krise legt und die Weltwirtschaft durch Konjunkturpakete und neue Gesetze die verlorenen Umsätze wieder aufbessern kann, wird sich die Natur in ihrer Vielfalt zurückziehen müssen, um wieder Platz für den Menschen zu schaffen. Doch vielleicht ist das Virus ein kleiner, an uns gerichteter Ruf nach mehr Achtsamkeit für die Natur. Die Politik hat gelernt, wie wichtig es ist, auf Wissenschaftler zu hören und die Menschen weltweit merken, wie schnell sich Gewohnheiten ändern können. Einen Moment, um darüber nachzudenken, wie viel wir uns von der Natur nehmen, sollte derzeit jeder übrig haben.

Text, Titelbild: Anton Baranenko. Fotos: Joshua Stephens, NASA