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Corona, Kommerz, Katar: Die Fassade des Fußballs bröckelt

von | 28. Januar 2022

„Früher war der wöchentliche Stadionbesuch mein Highlight, mittlerweile weiß ich nicht einmal mehr wann sie spielen!“ – immer mehr Fans wenden sich vom Fußball ab, ein stetiger Prozess, der mit der Pandemie rasant an Fahrt aufgenommen hat. Doch was stößt den Fans so sauer auf?

Es ist der 29. Februar 2020: Eine Gruppe von Teenagern, damals zwischen 17 und 18 Jahren alt und glühende Anhänger des FC Erzgebirge Aue, sind, sowie zu jedem Heimspiel, gemeinsam im Stadion. Gefesselt von einem spektakulären 3:0-Erfolg des FC Erzgebirge Aue gegen den Hamburger SV, ahnt keiner der vier Teenager, dass es ihr vorerst letztes Spiel im Erzgebirgsstadion sein sollte. Corona ist an diesem Tag noch „irgendwas in China“, über das sich keiner von ihnen wirklich Gedanken macht. Zwei Wochen später kennt es jeder. Die Bundesligen befinden sich plötzlich, wie die gesamte Nation, im Lockdown, doch dass diese Pandemie ihre komplette Wahrnehmung zu ihrem bis dato „größten Hobby“ ändert, hätten sie auch da noch nicht für möglich gehalten.

„Es ist einfach zu viel“

„Eigentlich kann man ja jeden Tag ein Spiel schauen, irgendwann setzt dann auch mal die Übersättigung ein. Mehr als ein bis zwei Spiele die Woche kann ich mir nicht mehr geben, nicht mal alle Spiele meines Vereins schaue ich noch über die volle Distanz. Es ist einfach zu viel“. So beschreibt Franz, mittlerweile 20 Jahre alt, sein aktuelles Verhältnis zum Fußball. Dieser Trend zu immer mehr Spielen hat sich in den letzten Jahren rapide entwickelt. Von Supercup über die UEFA Conference League bis hin zur UEFA Nations-League– Es gibt kaum noch Tage im Jahr, an denen es keinen europäischen Spitzenfußball gibt.

Diese exponentielle Zunahme stört nicht nur die Fans. Auch Thibaut Courtois, belgischer Nationaltorhüter, äußerte sich nach dem Nations-League Spiel um Platz drei kritisch zum immer enger getakteten Spielplan: „Wir sind keine Roboter! Es gibt immer mehr Spiele und immer weniger Ruhe für uns und niemand kümmert sich um uns.“ Mit der anschließenden Prophezeiung verdeutlicht er: „Wir werden uns verletzen!“

Ein prominentes Beispiel für seine These ist Barcelonas Top Talent Pedri, der mit gerade einmal 18 Jahren in der letzten Saison 72 Mal mit dem FC Barcelona und der spanischen Nationalmannschaft auf dem Platz stand. Zum Vergleich: Ein „normaler“ Bundesliga-Stammspieler, dessen Team nicht international vertreten ist, kommt in dieser Zeit auf 34 Einsätze. Während andere Spieler ihren Urlaub zur Entspannung nutzen, musste Pedri im Sommer sowohl bei der Europameisterschaft, als auch bei den olympischen Spielen ran. Den Tribut dafür zahlt er in dieser Saison, seit Ende August 2021 konnte er aufgrund einer Muskelverletzung nicht eingesetzt werden.

Diese Unzufriedenheit der Spieler teilen auch viele Fans. Das zeigt ebenfalls die Studie von Fan-Q, die sich mit dem Stadionbesuch während der Corona-Pandemie und der Kommerzialisierung beschäftigt hat. Für diese Studie wurden 4190 Fußballfans aus ganz Deutschland befragt, davon gaben ca. ein Drittel an, dass ihr Interesse zum Fußball im letzten Jahr abgenommen hat. Circa 63 Prozent nannten dafür als Begründung die Corona-Pandemie.

„Wieso sollte ich das gleiche Geld für ein minderwertiges Stadionerlebnis bezahlen?“

„Die Corona-Maßnahmen töten die Stimmung“, ereifern sich die Vier. Früher war der Stehplatz, das Epizentrum des „Stadionfeelings“, ihr Zuhause, doch vor allem Franz, Lucas und Niklas fehlt dieses Gefühl. Obwohl sie kein Problem mit einer Testung unter 3G-Bedingungen haben, war keiner der Drei seit Beginn der Pandemie im Stadion. Anders ist das bei Colin, er findet die Maßnahmen angebracht, könnte sich sogar eine Verschärfung der Maßnahmen für eine höhere Sicherheit der Zuschauer vorstellen. Er vermisst das Gefühl voller Stadien, dabei fehlen ihm vor allem auch die Gästefans, die für die richtige Würze eines Spiels sorgen. Die drei anderen sind sich einig, unter Corona-Einschränkungen wollen sie kein Stadion mehr betreten.

Viele Ultragruppierungen, die als die größten organisierten Fangruppierungen in den Stadien für Stimmung sorgen, sehen das ähnlich und bleiben den Arenen wegen dieser Beschränkungen fern. Vor allem diese verbale Unterstützung fehlt Niklas. Für ihn ist die Stimmung das wichtigste am Fußball und wenn diese fehlt, dann fühlt es sich nicht nach „echtem Fußball“ an. Einig sind sich allerdings alle, sobald die Pandemie endet, wollen sie wieder gemeinsam im Fanblock stehen. Ob das schließlich auch für die Gesamtheit der Fußballfans zutrifft, bleibt abzuwarten. Die alleinige Schuld für diesen Interessenverlust kann man ihrer Meinung nach jedenfalls nicht nur der Pandemie in die Schuhe schieben. Diese unterschiedlichen Sichtweisen der vier Freunde zeigt die Kontroverse des Themas. 

Auch in der Studie von Fan-Q gaben 34 Prozent an, dass sie seit Corona weniger Lust empfinden ins Stadion zu gehen. Davon gaben ca. 40 Prozent an, dass sie sich an einer 2G-Regel stören würden, ca. 30 Prozent haben ein Problem mit einer Einlassbeschränkung nach 3G. Dieses Fernbleiben der Zuschauer stellt vor allem die Vereine vor finanzielle Probleme. 

Bevor im Dezember 2021 in Sachsen wieder Geisterspiele beschlossen wurden, durfte der FC Erzgebirge unter 3G-Bedingungen vor bis zu 7.750 Zuschauern spielen. Eine Zuschauerzahl, die nur im Heimspiel gegen den HSV erreicht werden konnte, ansonsten bewegte man sich immer knapp um die 6.500 Besucher. Währenddessen lag der Schnitt in der letzten Saison vor Corona (18/19) noch bei ca. 10.200 Zuschauern pro Spiel. Gerechnet mit den preisgünstigsten Tickets, macht diese Diskrepanz von fast 4000 Zuschauern einen Verlust von mindestens 55.000 Euro pro Spiel, in dem überhaupt Zuschauer erlaubt waren, aus.

„Ich kann mir auch einfach keine vier Abos im Monat nur für Fußball leisten”

In der oben bereits genannten Studie von Fan Q gaben circa 75 Prozent an, dass sie die Kommerzialisierung im Fußball, also die “Unterordnung des Sports unter wirtschaftliche Interessen”, als völlig überzogen empfinden. Eine Meinung, die vor allem Niklas teilt. Für ihn als 19-jährigen FSJ-ler ist es unmöglich so viel Geld im Monat für Fußball auszugeben. Die Spiele seines Vereins kann er nur noch im Steigerfunk, dem frei empfangbaren Fanradio des FC Erzgebirge oder im Liveticker verfolgen. Franz, der auch Fan des FC Bayern München ist, benötigt drei Abos, um jedes Spiel der Münchener sehen zu können. Die Bundesliga läuft am Samstag auf Sky, Freitag und Sonntag auf DAZN. Unter der Woche spielen sie dann die Champions League: Gezeigt wird das Topspiel am Dienstag bei Amazon Prime, der Rest der Königsklasse dann wieder bei DAZN. Das alles kostet ihn 52,97 Euro im Monat (Amazon Prime 7,99 Euro, DAZN 14,99 Euro, Sky Ticket 29,99 Euro). Wer dazu am Donnerstag noch die Conference und die Europa League sehen will, der muss nochmal 4,99 Euro für RTL + hinlegen. Um alle seine gewünschten Spiele sehen zu können, muss man also monatlich fast 60 Euro zahlen. 

Auch Lucas sieht diese Entwicklung kritisch, vor allem Kinder könne man so schwierig vom Sport begeistern. Er selbst konnte früher noch seinen Idolen wie Messi oder Ronaldinho im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ohne zahlungspflichtiges Abo zu sehen. Das hat seine Liebe zum Fußball entfacht und sei der Grund, weshalb er noch heute Fußball spielt. Diesen Rückgang zeigt auch die aktuelle Mitgliederstatistik des DFBs, denn im Jahr 2021 haben circa 10 Prozent der aktiven Amateurfußballer ihre Schuhe an den Nagel gehängt. Außerdem waren im Jugendbereich kaum Neuanmeldungen zu verzeichnen. Eine ganze Generation potentiell talentierter Spieler geht also so verloren, weil sie gar nicht erst für den Fußball begeistert werden. 

Am eigenen Leib spürt das auch Colin. Er selbst engagiert sich ehrenamtlich als Trainer der U11 seines Ortsvereins. Problematisch sieht er vor allem den durch Corona ausbleibenden Wettbewerb: „Wenn nur trainiert wird, dann verlieren einige die Lust und hängen dann lieber vor der Konsole.“ Auch der Amateursport leidet unter der Pandemie. Man steht wahrscheinlich vor der dritten Saison in Folge, die nicht zu Ende gebracht werden kann. Auch deshalb hoffen Colin und Lucas, beide Amateurfußballer, so schnell wie möglich auf den Platz zurückkehren zu können.

„Die Premier League oder die Champions League sind für mich keine fairen Wettbewerbe“

Vor allem in Bezug auf die Champions League haben kleinere Klubs kaum noch eine Chance. Oftmals ist der Marktwert eines einzelnen Spielers eines Topteams dort größer als der des gesamten gegnerischen Teams. Verantwortlich dafür macht Colin den englischen Fußball, da dort „jenseits jeder Relation mit Geld um sich geworfen wird.“ Manchester City, der frühere Arbeiterklub Manchesters, wurde 2008 von einem Scheich übernommen, seitdem weist der Verein eine negative Transferbilanz, also die Einnahmen von Spielerverkäufen gegengerechnet mit den Ausgaben für Neuverpflichtungen, von fast 1,4 Milliarden Euro auf. Zum Vergleich: Borussia Dortmund erwirtschaftete im selben Zeitraum eine positive Transferbilanz von 120 Millionen Euro. Der FC Bayern erreichte, trotz einer negativen Transferbilanz von „nur“ 460 Millionen Euro in diesem Zeitraum vier mal das Champions League Finale und konnte sowohl 2013 und 2020 die Trophäe für sich gewinnen. Manchester City hingegen steht bei nur einer Finalteilnahme, in der sie 2021 gegen den FC Chelsea den Kürzeren zogen. Der Durchschnitt bei den Transferausgaben aller Vereine der jeweiligen Ligen zeigt die riesigen Unterschiede. Während in den letzten fünf Jahren in der Bundesliga ein Minus von 132,5 Millionen Euro bei den Ausgaben für Transfers zu verzeichnen ist, sind in derselben Zeit in der englischen Premier League 3,68 Milliarden Euro mehr für Transfers ausgegeben wurden, als man eingenommen hat. Doch was ist der Grund für diese Diskrepanz?

In der Bundesliga herrscht die 50+1 Regel, das heißt, dass einer Person oder Firma niemals mehr als 50 Prozent von einem Verein gehören dürfen. Diese Regel schreckt Investoren ab, welche daraufhin lieber in englische Vereine investieren. Neuestes Beispiel dafür ist Newcastle United, ein Klub, der immer wieder gegen den Abstieg in die Zweitklassigkeit kämpft und im November 2021 aufgekauft vom saudischen Staatsfond. Die Übernahme wurde von den Fans des Klubs gefeiert, als hätte man bereits die großen Titel des Weltfußballs gewonnen. Vor allem die „Leichtigkeit mit der man an so zwielichtige Fonds“ verkauft, macht Colin wütend. Die Premier League schaut er deshalb nicht mehr, obwohl dort viele der besten Spieler der Welt unter Vertrag sind. Diese Chancenungleichheit stößt allen Vieren sauer auf, da die Vereine damit dem Wettbewerb die Spannung entziehen.

„Die Personen, die beim Bau der Stadien gestorben sind, werden nicht wieder lebendig. Für einen Boykott ist es zu spät“

Einen weiteren Höhepunkt erreicht die Kommerzialisierung am Ende dieses Jahres mit der WM in Katar, die erstmals im Winter stattfinden wird. Die Freunde sind der Meinung, dass keine richtige Vorfreude auf diese WM aufkommen wird, da diese mitten in der Saison gespielt wird. Auf die Frage hin, ob sie einen Boykott der Spieler für möglich halten, antwortet Colin: „Der eigentliche Fehler der WM in Katar ist die Vergabe. Man kann von den Spielern nicht erwarten, dass sie eine WM, für die sie ihr ganzes Leben trainiert haben, boykottieren. Einen aktiven Boykott können nur die Fans ausüben.“ Ob das am Ende wirklich so kommt und ob sie selber die WM schauen werden, wissen sie noch nicht. Es zeigt aber den Konflikt, den viele Fußballfans mit sich selbst austragen müssen. Auf der einen Seite ist eine WM „das größte Event im Fußball”, auf der anderen Seite „sind Menschenrechtsverletzungen wie in Katar nicht zu tolerieren”, spiegelt Colin seine innere Hin- und Hergerissenheit wieder.

„Eigentlich habe ich schon wieder Bock ins Stadion zu gehen.“

Die Corona-Pandemie hat vielen Fußball-Fans einen anderen Blickwinkel auf ihren Sport eröffnet. Corona, die immer größer werdende Kommerzialisierung und dazu die WM in Katar – Es scheint als würde der Fußball seinen Zauber der Massen verlieren. Wie sich das Interesse der Allgemeinheit nach Ende der Pandemie entwickelt, bleibt abzuwarten. Für die vier Jungs ist aber klar: Sobald die Stadien wieder unter normalen Bedingungen öffnen, wollen sie in ihren Stehplatzblock zurückkehren.

Text, Titelbild: Dennis Hambeck
<h3>Dennis Hambeck</h3>

Dennis Hambeck

ist 20 Jahre alt und studiert im vierten Semester Medienmanagement an der Hochschule Mittweida. Bei medienMittweida engagiert er sich als Leitung des Social-Media Team.