Couchkritik im April

„Europa ist kein Ort, sondern eine Idee.“

von | 23. April 2021

Hollywood war gestern. Europäische Serien sind auf dem Vormarsch. Was hat die fiktionale Seele unseres Kontinents zu bieten?

Momentan laufen immer mehr europäische Serien über die Bildschirme. Insbesondere bei einem Blick auf das Programm von Netflix zeigt sich zunehmend die Entwicklung. Grund hierfür ist wahrscheinlich eine EU-Richtlinie, nach der Streaming-Dienste eine Quote von 30 Prozent für europäische Inhalte erfüllen sollen. Doch wie gut sind Serienproduktionen aus Europa tatsächlich?

Dänemark: Equinox (2020)

Ostern ist dieses Jahr zwar schon wieder vorbei, doch mit diesem Netflix-Original taucht der Zuschauer erneut auf etwas andere Art und Weise in das Frühlingsfest ein. Aber Achtung – die neue Interpretation des Osterhasen könnte den ein oder anderen möglicherweise verstören.

Die Mystery-Serie„Equinox“ basiert auf einer Podcast-Reihe von Tea Lindeburg. Sie handelt von der Radiomoderatorin Astrid (Danica Curcic), die mit neun Jahren einen schweren Schicksalsschlag erleiden musste, als ihre Schwester Ida mitsamt der Abiturklasse auf unerklärliche Weise verschwand. Seltsamerweise blieben drei enge Freunde von Ida verschont. Das Erlebnis löste bei Astrid befremdliche Halluzinationen aus. Zwanzig Jahre später erhält sie während ihrer Sendung einen Anruf von dem Überlebenden Jakob, der behauptet, dass die Verschwundenen in einer alternativen Realität seien. Da die schrecklichen Erinnerungen wieder aufgerüttelt werden und sie sich nie ganz von dem familiären Trauma lösen konnte, beschließt sie, selbst nach Antworten zu suchen.

 

„Dark“ 2.0?

Schon nachdem der erste Trailer veröffentlicht wurde, brachen massenhaft Vergleiche zu dem deutschen Netflix-Hit „Dark“ los. Tatsächlich ähnelt „Equinox“ der Mystery-Serie hinsichtlich kühler Atmosphäre, der Schriftart des Logos sowie in gewissen inhaltlichen Punkten wie vermissten Personen oder Paralleluniversen. Allerdings entwickelt sich die Geschichte in eine ganz andere Richtung. Bereits nach kurzer Zeit manifestiert sich der okkulte Stil der Story. Wer genau beobachtet, kann die Thematik schon in dem ästhetisch animierten Vorspann erahnen. Der Titel, welcher für den Zeitpunkt der Tag-Nacht-Gleiche steht, spielt im Verlauf ebenfalls eine große Rolle. „Equinox“ erinnert stark an „Black Spot“ – eine weniger bekannte französisch-belgische Serie aus dem Jahr 2017, in welcher eine Polizistin ihrem eigenen Entführungs-Fall nachgeht und dabei auf keltische Sagen stößt.

Begriffserklärung Okkultismus

Als Überbegriff für mehrere Strömungen wie Spiritismus, Esoterik oder Satanismus beschäftigt sich der Okkultismus mit paranormalen Ereignissen. Der Sammelbegriff umfasst Anschauungen, Praktiken und Phänomene, die nicht mit physischen Sinnen wahrnehmbar sind. Dazu zählen mystische und übernatürliche Erlebnisse, welche sich nicht erklären lassen. Typische Beispiele sind das Rufen von Geistern, das Vorhersagen der Zukunft oder Telepathie. Im Mittelalter verwendete man die Bezeichnung, wenn etwas mit dem damaligen Stand der Wissenschaft nicht erfahrbar war, so zum Beispiel Magnetismus oder Heilpflanzen.

 

Die Zuschauer begleiten Astrid bei ihrer Recherche, dem Ermitteln und Aufsuchen von Verdächtigen. Wie stark die Erlebnisse alle Beteiligten geprägt haben, kommt schauspielerisch gut hervor. Erzählt wird über sechs Folgen eher ruhig, ohne übermäßige Action. Von Folge zu Folge erhält man in Form von Zeitsprüngen mehr Informationen zu den Geschehnissen in der Vergangenheit. Dabei wird neben Astrids Perspektive ebenso die Sichtweise von Ida eingenommen, die in skurrile, perverse Kultszenarien involviert wird. Bis kurz vor Schluss ist nicht klar, ob es sich um einen realistischen Krimi-Vorfall handelt oder doch paranormale Mächte am Werk sind – ein Punkt, der die Meinungen zur Serie letztlich spaltet, denn das Genre ist nicht eindeutig. Zum Schluss bleiben zudem äußerst viele Fragen offen. Dennoch überzeugt „Equinox“ mit einem gelungenen und besonders einprägsamen Plot, rätselhaften Mythen und spannender Detektivarbeit. Rückblickend wurden sogar einzelne Hinweise und Symbole für den Zuschauer so clever eingepflegt, dass wir neun von zehn Sternen vergeben.

Spanien: La Valla – Überleben an der Grenze (2020)

Polizeigewalt, Korruption und Intrigen – wie schon beim Vorgänger „Haus des Geldes“ machen die Spanier mit „La Valla“ keine halben Sachen. Die Dystopie spielt im Jahr 2045 in Madrid. Nach dem dritten Weltkrieg beherrscht ein diktatorisches Regime das Land und die Stadt ist durch einen immensen Zaun in arm und reich geteilt. Zudem sucht ein tödliches Virus die Menschen heim. Die Serie beginnt mit einem Prolog, in dem ein Vater vor seiner Verhaftung seinen Töchtern, den Zwillingen Julia und Sara, etwas in den Nacken einsetzt. Jahrzehnte später verstirbt Sara trotzdem an der Virusinfektion. Auf ihren letzten Wunsch hin reisen ihr Mann Hugo, dessen Bruder sowie Tochter Marta von Asturien nach Madrid ein. Dabei werden sie getrennt und Marta von der Regierung angeblich in eine Kolonie geschickt. Als die Familie versucht, sie zurück zu bekommen, decken sie geheime, politische Machenschaften auf.

 

Eine Projektion der Vergangenheit in die Zukunft

Von Beginn an steht die gesellschaftliche Teilung im Mittelpunkt. Zwei Familien in gegensätzlichen Sektoren bilden hierfür den Rahmen: Familie Novel, die sich ein freies Leben wünscht und die wohlhabende, regierende Familie Covarrubias. Schnell ist klar, dass beide früher oder später aufeinandertreffen und gleichzeitig für die Zukunft Spaniens eine zentrale Rolle spielen werden. Unterstrichen wird dies durch das animierte Intro, welches abwechselnd ein graues und buntes Madrid zeigt. Die unterlegte Musik ist jedoch eher gewöhnungsbedürftig und das Sounddesign innerhalb der Folgen manchmal fehlerhaft. Neben dem unheilbaren Virus und Ressourcenknappheit hat die Serie unterschiedlichste Elemente einer dystopischen Geschichte. Es sind fast so viele, dass es den Anschein hat, als konnten sich die Produzenten nicht für eine Thematik entscheiden. Manche Aspekte sind historisch angelehnt. So spioniert Blockwärtin Begona ihre Nachbarn aus und ist gewillt, sie bei kleinsten Verstößen an das Militär zu verraten – eine Anspielung auf den totalitären Überwachungsapparat im Dritten Reich.

„Es una serie que intenta hablar de la memoria, de no perderla. Es algo que me inquieta, el no parar y recordar y tratar de no repetir errores. Me da pánico que podamos olvidar.“

„Es ist eine Serie, die versucht, von einer Erinnerung zu sprechen, die man nicht verlieren sollte. Es ist etwas, das mich beunruhigt. Nicht anzuhalten, sich nicht zu erinnern und so zu handeln, dass Fehler wiederholt werden. Ich habe Angst, dass wir vergessen könnten.“ – Autor Daniel Écjia im Interview mit El Español

Einerseits wirkt die familiäre Bindung und Vertrautheit der Figuren sehr glaubwürdig. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass auch im wahren Leben Verwandtschaften unter den Schauspielern bestehen. So ist Emilia (Ángela Molina) tatsächlich die Mutter von Julia beziehungsweise Sara (Olivia Molina). Andererseits agieren die Charaktere zum Teil stark melodramatisch. Hugo (Unax Ugalde) verkörpert ganz den spanischen Stereotypen: impulsiv, laut und temperamentvoll. Er handelt emotionsgesteuert und trifft deshalb ungünstige Entscheidungen. Das lässt den Zuschauer ab und zu die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Manchen Figuren werden spezielle Rollen zuteil. So gibt es zum Beispiel einen liebenswürdigen Tollpatsch oder Machthungrige, die schlechte Taten unter dem Vorwand des Wohls der Allgemeinheit begehen.

Mit einem höchstwahrscheinlich abgeschlossenen Ende, das zum Nachdenken anregt, ist „La Valla“ eine herzerwärmende Serie für Zwischendurch. Wir vergeben sechs von zehn Sternen.

Deutschland: Tribes of Europa (2021)

Eine apokalyptische Zukunft, in der eine Katastrophe die Welt in mittelalterliche Zustände zurückversetzt und junge Helden in einen Krieg um Macht ziehen – kann so eine Geschichte, wie man sie mittlerweile tausendmal gehört hat, immer noch die Zuschauer begeistern? Die Produzenten von „Dark“ versuchen es mit der aktuellen Netflix-Serie „Tribes of Europa“ jedenfalls. Die Science-Fiction-Serie ist nicht nur eine europäische Produktion, sondern thematisiert ebenfalls die europäische Idee.

Im Jahr 2074 ist der Kontinent von den Folgen eines allumfassenden Blackouts geprägt – eines Technologieversagens, in der Serie „Schwarzer Dezember“ genannt. Im Zuge dessen bilden sich miteinander verfeindete Stämme, die Tribes. In der ersten Staffel, die nur aus sechs Folgen besteht, lernt man drei zentrale Tribes kennen: Origenes, Crows und Crimsons. Die technologieskeptischen Origenes leben abgeschottet und friedlich im Wald. Zu diesem Stamm gehören die drei Hauptcharaktere, die Geschwister Liv (Henriette Confurius), Elja (David Ali Rashed) und Kiano (Emilio Sakraya), die im Laufe der Staffel jeweils eigene Erzählstränge haben. Eines Tages stürzt ein Flugobjekt ab und landet in den Wäldern nahe ihres Dorfes. Daraufhin beginnt ein Kampf um ein futuristisches Artefakt, das darin transportiert wurde – dem Cube.

 

Heda kom Trikru, is that you?

Die drei wichtigsten Kleinstämme könnten unterschiedlicher nicht sein. Ganz im Gegensatz zu den naturverbundenen Origenes leben die erbarmungslosen Crows in einem dunklen Fabrikgebäude, kleiden sich wie Goths, töten in blutigen Kämpfen und feiern Drogen-Partys. Die Crimsons sind ein Militär-Tribe aus Soldaten, die aus den Resten europäischer Streitkräfte hervorgegangen sind. Die Vielfalt der Stämme und deren Werte sind also sehr komplex. Allerdings haben sich die Macher wahrscheinlich von bereits bestehenden Erfolgsserien inspirieren lassen. Dass die Crows eine Nachbildung der von Heda angeführten Grounder aus „The 100“ sind, ist nicht zu übersehen. Auch die Figur der Lord Varvara (Melika Foroutan), einer Offizierin der Crows, weist Ähnlichkeiten mit Königin Kane aus der Serie „See – Das Reich der Blinden“ auf. Trotz der Parallelen fasziniert die Zivilisation des zersplitterten Europas sehr. Schließlich hatte der Brexit die Idee der Story ausgelöst:

„Ich habe mir das Ende von Europa ausgemalt, wovor ich große Angst habe, und wollte diesen Schock in eine kreative Aufarbeitung sublimieren.“, so Regisseur und Drehbuchautor Philip Koch.

Die schauspielerischen Leistungen sind durchwachsen. Leider wirken Szenen mit emotionalen Ausbrüchen manchmal nicht ganz glaubwürdig und stellenweise nuscheln die Darsteller. In der Serie wird sowohl Deutsch als auch Englisch gesprochen, um vermutlich das internationale Publikum zu erreichen und das Setting authentischer zu gestalten. Ob außereuropäische Fans das historische Vorwissen zu der Struktur des Kontinents haben und sich nicht an dem Akzent stören, ist aber fraglich. Besonders hervorzuheben ist jedoch, dass neben der ernsthaften Handlung ein Hauch Humor eingebracht wurde. Oliver Masucci spielt hier die Rolle eines gerissenen Diebes namens Moses. Mit seiner verrückten, leicht albernen Art könnte er auch als Jack Sparrow aus „Fluch der Karibik“ durchgehen. Ebenso sind die Drehorte beeindruckend. Was in der Serie als „in und um Berlin“ beschrieben wird, ist eigentlich größtenteils in Tschechien und Kroatien entstanden.

Die spannende Dystopie mit aufkeimenden, utopischen Elementen der europäischen Wiedervereinigung hat trotz kleinerer Schwächen großes Potenzial. Es wirkt so, als wäre die erste Staffel mit offenem Ende nur eine Einleitung für die hoffentlich noch eindrucksvollere Fortsetzung. Nicht umsonst könne die Story laut Koch acht bis neun Staffeln umspannen. Wir vergeben sieben von zehn Sternen.

Text: Lena Maria Friedrich, Titelbild: Luzie Carola Rietschel, Videos: YouTube/ Netflix Deutschland, Österreich und Schweiz, YouTube/ MVSRS, YouTube/ Netflix, Titelzitat: Bernhard-Henri Lévy

 

<h3>Lena Maria Friedrich</h3>

Lena Maria Friedrich

ist 19 Jahre alt, kommt aus dem Süden Brandenburgs und studiert derzeit im vierten Semester Medienmanagement an der Hochschule Mittweida. Verantwortungsbereich: Social Media Management