Dark Romance: Überall begegnet man diesem Genre. Auf Messen hat es seine eigenen Stände mit langen Warteschlangen. In Buchhandlungen eigene Tische und Regale. Auf Instagram und TikTok zahlreiche Reels und Beiträge, in denen die Bücher voller Entzücken in die Kamera gehalten werden. Jedoch steht dieses Genre auch in der Kritik. Somit stellt sich mir die Frage, was eigentlich dahintersteckt. Um mir eine eigene Meinung zu bilden, habe ich eine Dark-Romance-Geschichte gelesen.
Es ist 22 Uhr. Der Tag ist längst der Nacht gewichen. Eine alte Stehlampe hüllt mein kleines Zimmer in sanftes Licht. Meine Zeit zum Lesen. Vor mir liegt das iPad, Penelope Douglas‘ Corrupt – Dunkle Versuchung starrt mich in Form eines eBooks düster vom Bildschirm an. Sehnsüchtig warten Rika und Michael darauf, mir ihre Geschichte zu erzählen. Im Hintergrund läuft passend zur Stimmung der Song „Dark Romance Upbeat“ von TfamilyRocky. Es wird meine erste Dark Romance, denn bisher habe ich fast ausschließlich rosarote Liebesgeschichten gelesen. Aufgeregt wische ich mit dem Zeigefinger über die ersten Seiten und stocke bei der Contentwarnung.
Ich muss schwer schlucken und stelle mir zum wiederholten Male die Frage, ob ich wirklich bereit für Dark Romance bin. Schließlich siegt meine Neugier und ich blättere zum ersten Kapitel. Rika erwartet mich bereits. Es kann losgehen. Ich bin bereit, dem Hype um Dark Romance auf den Grund zu gehen.
Düsterer Lesespaß
Allgemein ist Dark Romance ein Subgenre der Liebesromane. Es ist eine Kombination aus Romantik und Thriller. Neben klassischer Dark Romance gibt es auch noch Dark Romantasy – eine Variante, die in einer Fantasywelt spielt. Die Geschichten beider Genres sind bedrohlich, eindringlich und aufwühlend. Meistens stehen sich in den Büchern auch zwei Kontraste gegenüber: Leidenschaft und Gefahr oder Liebe und Machtspiele. Ebenso handeln die Charaktere oft moralisch verwerflich. So ist der Inhalt alles andere als leicht zu verkraften. Unter anderem kann folgendes thematisiert werden: Stalking, Obsession, Manipulation, toxische Beziehungen, Entführung, Gewalt und Mord.
Gespannt beginnen meine Augen von Satz zu Satz zu wandern — von Seite zu Seite. Rika nimmt mich an die Hand und zeigt mir ihre Welt. Wie so oft beim Lesen, verliere ich jegliches Zeitgefühl. Deshalb bin ich umso überraschter, als das erste Kapitel sich dem Ende neigt.
„Drei Männer standen vor dem Haus, Seite an Seite, und blickten durch das Fenster zu mir hinauf…“
Vor Schreck weiten sich meine Augen und ich erinnere mich, dass eine Dark Romance auch Aspekte des Thrillers enthält. Aufgeregt lese ich weiter, denn ich muss einfach wissen, wie es weitergeht.
Gefangen zwischen Hass und Leidenschaft

Ein beliebtes Buch aus diesem Genre: Corrupt. Quelle: Sina Rothe
„Du gehörst uns, Rika.”
Rika führt in Corrupt ein beschütztes und reiches Leben. Ihr fehlt es an nichts, mit Ausnahme der Aufmerksamkeit von Michael Crist – ältester Sohn einer befreundeten Familie, Bruder ihres Ex-Freundes und, seit sie denken kann, ihr Inbegriff von Begierde, Sehnsucht und Verlangen. Um zu testen, wie sie ohne den ganzen Luxus und die Sicherheit auskommt, verlässt sie ihren Heimatort und zieht nach Meridian City. Zufälligerweise wohnt dort auch Michael, der seit drei Jahren auf den Tag wartet, um sich an ihr zu rächen. Für das, was sie ihm und seinen Freunden angetan hat. Doch widerwillig fühlt er sich zu ihr hingezogen.
„Ich hasste sie. Ich musste sie hassen.”
Die Contentwarnung hält, was sie verspricht. Immer wieder erwische ich mich dabei, wie ich erst langsam das iPad weglege und dann kurz meine Augen schließe, tief durchatme und mich frage, was zur Hölle ich hier gerade lese. Wie es scheint, ist Corrupt eine Vorzeige-Dark-Romance, denn es enthält all das, was charakteristisch für dieses Genre ist. Michael spielt seine Spielchen mit Rika, die freudig in diese einsteigt, während sich unter anderem zwischen Gewalt, geplanter Vergewaltigung und sexueller Belästigung Gefühle zwischen den beiden entwickeln. Für mich ist es unbegreiflich, was Rika an Michael findet und ich würde daher an ihrer Stelle zügig das Weite suchen, statt wie sie immer wieder seine gefährliche Nähe. Aber es ist ja glücklicherweise nicht meine Geschichte, sondern ihre.
Dunkel, mysteriös, beliebt
Ein Grund, wieso Dark Romance so bekannt und beliebt ist, ist BookTok. Auf der Plattform TikTok gibt es über 43,5 Millionen Beiträge mit diesem Hashtag.
BookTok

Für dieses Genre gibt es auch passenden Merch. Quelle: Sina Rothe
Doch der Hype hat teilweise auch inhaltliche Gründe. Die BookTokerin JulisLibrary erklärt in einem Interview mit Jonas Ems zusammengefasst folgendes: Normale Liebesgeschichten mit dem klassischen Held seien ihr zu langweilig geworden, die Charakterentwicklung sei bei Dark Romance einfach krasser, weil bei den Charakteren viel mehr Geschichte dahinterstecken würde, und zu guter Letzt der Spannungsfaktor. „Ich bin eine sehr selbstbewusste Frau. Aber ich stelle mir gerne vor, mich an eine starke Schulter anzulehnen. Und mit Dark Romance kann ich genau in diese Fantasie eintauchen”, meint JulisLibrary in einer Folge des ZDFkultur-Formats 13 Fragen.

Die Bücher aus diesem Genre sind eine optische Verführung. Quelle: Sina Rothe
Zudem bietet Dark Romance auch eine gewisse Vielfalt, was die behandelnden Themen betrifft. Von einer Beziehung mit einem Mafiaboss über eine Liebe zum eigenen Stalker bis hin zum Verlieben in den Mobber. Dieses Genre hat für jede Vorliebe passende Lektüre. Hilfreich sind dabei die sogenannten Tropes, die wie Wegweiser agieren. Sie sind Motive, die immer wieder in Büchern auftauchen, einen bestimmten Handlungsablauf versprechen und den Leser:innen somit bei der Entscheidung helfen, das richtige Buch zu wählen.
Relevante Tropes für Dark Romance
Ein flüchtiger Blick auf die Uhr sagt mir, dass ich bereits seit fast zwei Stunden in die Geschichte rund um Rika und Michael vertieft bin. Ich betrachte daraufhin genauer mein iPad und stelle erstaunt fest, dass ich bereits über die Hälfte des Buches geschafft habe. Doch langsam habe ich keine Motivation mehr, weiterzulesen. Die behandelnden Themen sind nach wie vor keine leichte Kost und ich starre hin und wieder entgeistert auf die digitalen Buchseiten, weil ich einfach nicht glauben kann, was ich dort gerade lese.
„ Michael, nein!“
Auch erwische mich immer öfter dabei, wie ich bei Michaels Taten oder Worten angewidert das Gesicht verziehe.
„Nein?… Ich weiß, was dir gefällt und das wirst du auch bekommen.“
Ich kann weder für seinen, noch für einen anderen Charakter in diesem Buch Sympathie entwickeln, was für mich eigentlich essenziell ist, damit ich eine Geschichte gerne lese. Dass ich Michael und seine Freunde nicht mag, liegt vor allem daran, dass sie — aber besonders er — für mich Grenzen überschreiten und das kann und werde ich nicht gutheißen. Dennoch klicke ich seufzend auf die nächste Seite. Ich werde dieses Buch durchziehen, auch wenn ich mich nicht mit ihm anfreunden kann.
Dark Romance im Kreuzverhör
Dark Romance steht in vielerlei Hinsicht in der Kritik: Romantisierung von Gewalt, Widerspruch zum Feminismus oder das Alter der Leser:innen. Ebenso werden auch die behandelnden Themen kritisiert, denn sie sind harte Kost und nicht für jede:n gedacht. Stalking. Entführung. Vergewaltigung. Mord. „Es gibt Fantasien, die zu weit gehen”, ist Domina Witzschy der Meinung, als sie in einer Folge des ZDFkultur-Format 13 Fragen zu Gast ist. Ebenso wird auch über das Ausmaß von Dark Romance diskutiert. Wie extrem können die Geschichten werden? Während vor über zehn Jahren Fifthy Shades of Grey für Empörung oder errötete Wangen gesorgt hat, wird die Protagonistin nun etwa durch die Feder von H. D. Carlton mit einer geladenen Pistolen befriedigt oder mit zwei Männern gleichzeitig intim wie in Penelope Douglas‘ Corrupt — in einem öffentlichen Dampfbad eines Herrenclubs.
Ein weiteres Problem ist die junge Leserschaft. Manche von ihnen sind erst 14 Jahre alt oder jünger, wie unter anderem die Profile hinter etlichen Kommentaren auf Instagram oder TikTok zeigen. Zwar hat Dark Romance keine Altersbeschränkung, ist daher für jeden frei zugänglich, aber es wird empfohlen, das 18. Lebensjahr zu erreichen, um die Bücher aus diesem Genre zu konsumieren.

Diese Sticker sollte man ernst nehmen. Quelle: Sina Rothe
Die Zeiger der Uhr bewegen sich mittlerweile ungeduldig Richtung zwei Uhr und der Akku meines iPads gibt sich die größte Mühe, die 20 Prozent nicht zu unterbieten. Ich habe die letzten beiden Stunden viele für mich verstörende Sachen gelesen, mehrmals schockiert pausiert und ungläubig den Kopf geschüttelt, weil ich immer noch nicht glauben kann, was ich da lese. Ebenso habe ich einen gelungenen Plot Twist gelesen, der mich wirklich etwas überrascht hat, und umso mehr vor Augen gehalten bekommen, wieso empfohlen wird, Dark Romance erst ab 18 zu lesen. Es war teilweise wirklich heftig und ich weiß, dass ich eine Weile brauchen werde, um bestimmte Szenen zu verdauen. Andere hingegen werde ich scheinbar nie vergessen können — leider. Doch gleich ist es so weit. Das lang ersehnte Ende naht.
„Meine Mundwinkel zucken, ich kann die heutige Nacht kaum mehr erwarten. Sie hat mich verdorben.”
Endlich. Das Buch ist geschafft und ich bin es auch. Zwar hat es mich nicht verdorben, aber definitiv verstört.
Bei Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie bitte die Triggerwarnungen
Dark-Romance-Autor:innen versuchen beispielsweise mit ihren Vorworten und Triggerwarnungen aufzuklären und den Konsument:innen aufzuzeigen, dass die Bücher nicht für jede:n geeignet sind. Viele Verlage haben inzwischen Sticker auf den Buchcovern platziert, auf denen eine Altersempfehlung ab 18 Jahren abgebildet ist. Dies soll vor allem den Eltern der Minderjährigen zeigen, dass die Bücher nichts für ihre Kinder sind. Sie befassen sich eventuell gar nicht mit den Produkten, die die Teenager lesen, und kaufen ihnen unterbewusst die falsche Lektüre.
„Schaut euch an, um was es geht. Lest euch die Triggerwarnungen durch.” — Thomas Sachsenmaier bei 13 Fragen
Die Dark Romance-Autorin Katelyn Erikson gibt ihren Leser:innen stets zu bedenken, dass ihre Bücher ab 18 Jahren seien, damit sie diese reflektieren können. Denn diese Reflexion sei wichtig, um zu erkennen, „dass das nicht die Norm ist und auch nicht sein soll.” Auch die BookTokerin Julislibery rät die Finger von Dark Romance zu lassen, wenn ihr Elf- oder Zwölfjährige schreiben, dass sie Bücher aus diesem Genre lesen.
13 Fragen- Folge, Quelle: YouTube
Endgegner Dark Romance
Auch wenn ich nur ein Buch aus diesem Genre gelesen habe, kann ich mir fester Überzeugung sagen, dass es meine erste und vorerst einzige Dark Romance bleiben wird. Zwar finde ich die Cover von Dark-Romance-Büchern atemberaubend schön und den Schreibstil der Autorin von Corrupt angenehm. Dennoch ist der Inhalt für mich ein Problem, genauer gesagt der toxische Protagonist — hier in Corrupt Michael. Sein Verhalten ist in meinen Augen durchweg unangenehm und scheinbar typisch für dieses Genre. Schließlich kommt dieses Machtgefälle auch in Geschichten wie beispielsweise der Very-Bad-Kings-Reihe vor, wo die sogenannten Kings die Protagonistin mobben, oder in Twisted von Emily McIntire, wo Julian, die rechte Hand von Yasmins Vater, versucht dieser über die Jahre hinweg so wenig wie möglich Beachtung zu schenken.

Meine Meinung zu diesem Buch: einmal und nie wieder. Quelle: Sina Rothe
Michael demonstriert in Corrupt auf eine in meinen Augen grausame Art und Weise seine Macht Rika gegenüber, beispielsweise indem er sie von ihren Liebsten isoliert oder ihr Konto leert, damit er die Kontrolle über sie hat. Zum Glück lässt sie sich aber nicht alles gefallen, aber dennoch für meinen Geschmack zu viel. Eine Sache, die mich während des Lesens wütend gemacht hat, ist die Tatsache, dass er sich nicht entschuldigt hat, nachdem er erfahren hat, dass er falsch lag und sie all die Jahre zu Unrecht gehasst hat. Ebenso bin ich nach wie vor der Meinung, dass er gewisse Grenzen — zumindest meine Grenzen — überschreitet, indem er beispielsweise ihr Nein nicht akzeptiert — er wisse, was ihr gefällt. Für mich ist ein Nein ein Nein. Ganz gleich, ob ihr letzlich das gefällt, was er mit ihr anstellt.
Lächelnd markiere ich Corrupt auf meinem iPad als gelesen. Es ist vorbei, ich bin müde. Zufrieden schalte ich meine Lampe aus und gönne ihr und auch mir selbst etwas Ruhe. Gute Nacht.
Text und Bilder: Sina Rothe, YouTube: PilotJuli