Digitale Übersättigung

Zwischen Kreativität und Burnout

von | 23. Januar 2026

Im Schatten der Content-Flut: Warum Produzenten heute öfter ausbrennen als aufblühen.

Dossier zum Thema Social Media

Soziale Medien stehen zunehmend in der Kritik. Die Beiträge „Digital Detox“, „Social Media Tod“ und „Digitale Übersättigung“ thematisieren den bewussten Rückzug aus digitalen Netzwerken, einen möglichen Bedeutungsverlust sozialer Medien sowie die Folgen permanenter Reizüberflutung in der digitalen Welt.
Autor:innen:

Loreen Pohl

Alexander Kalin

Felix Zahm

Mit über 5,2 Milliarden aktiven Nutzern weltweit – rund 64 % der Weltbevölkerung – und einer täglichen Social-Media-Nutzung von etwa 150 Minuten ist die digitale Vernetzung allgegenwärtig. Gleichzeitig wächst die Menge an Inhalten rasant: Täglich werden Millionen von Beiträgen, Videos und Stories hochgeladen. Die schiere Masse an Inhalten ist längst der Normalzustand, was den Druck auf Produzenten, kontinuierlich sichtbar zu sein und neue Inhalte zu liefern, enorm erhöht. Für viele Content-Creator ist Sichtbarkeit längst nicht mehr nur ein Ziel, sie ist Arbeitszeit, Einnahmequelle und psychische Belastung in einem. Der stetige Druck, Inhalte zu produzieren, zu optimieren und sichtbar zu bleiben, verändert die Arbeitsbedingungen grundlegend – eine Entwicklung, die durch die Überflutung des Marktes zusätzlich verschärft wird.

In der heutigen digitalen Welt sind der Kreativität einerseits kaum Grenzen gesetzt, andererseits setzt die schiere Masse an Inhalten die Produzenten zunehmend unter Druck. Diese Widersprüchlichkeit prägt den Alltag der Kreativen. Um die Auswirkungen dieser Marktdynamik besser zu verstehen, stellt sich daher eine grundlegende Frage: Was bedeutet diese Übersättigung für die Menschen, die Inhalte schaffen?

Digitale Übersättigung, was ist das eigentlich?

Aspekt Definition Produzentenseite Allgemeine Definition (Konsumentenseite)
Herausforderungen

Es besteht ein ständiger Zwang zur kontinuierlichen Produktion und Sichtbarkeit, um in der globalen Content-Flut nicht unterzugehen.

Die Belastung resultiert aus dem Druck zur Optimierung und der Sorge, dass algorithmische Bewertungskriterien negative Konsequenzen nach sich ziehen.

Es handelt sich um einen Zustand, in dem Menschen von digitalen Informationen, Kommunikationsanfragen und Inhalten überflutet werden.

Dies führt zu emotionaler Erschöpfung, kognitiver Überlastung und der Unfähigkeit, Relevantes von Irrelevantem zu trennen.

Folgen Die Produzenten leiden unter Burnout, Entfremdung von der kreativen Arbeit, der erhöhten Unsicherheit und dem intensiven Konkurrenzdruck um begrenzte Plattformaufträge. Ergebnisse sind Entscheidungsermüdung (Decision Fatigue), Informationsüberlastung, Rückzug von der digitalen Welt (Digital Detox) und eine steigende Anzahl an Abo-Kündigungen.
Kernproblem Der Algorithmus als Kontrollinstanz erzwingt eine kontinuierliche und anpassungsfähige Arbeitsleistung, unabhängig von den menschlichen Ressourcen. Zu viele Inhalte, aber zu wenig Zeit – die Menge digitaler Informationen übersteigt die menschliche Verarbeitungskapazität.

Der Streaming-Druck: die Jagd nach dem Hit

Große Streaminganbieter wie Netflix, Amazon Prime und Disney+ haben durch ihre massiven Investitionen in exklusive Inhalte, Eigenproduktionen und aggressive Marketingstrategien die Menge an verfügbaren Serien, Filmen und Shows enorm gesteigert. Ziel war es, Konsumenten stärker zu binden und neue Abonnenten zu gewinnen. Das Resultat ist jedoch eine digitale Übersättigung: Nutzer stehen vor einer schier unendlichen Auswahl, fühlen sich überfordert und können Inhalte kaum mehr vollständig konsumieren. Diese Überfülle führt dazu, dass neue Abos seltener abgeschlossen und bestehende häufiger gekündigt werden. Infolgedessen wächst der Markt deutlich langsamer als noch zuvor, da das Angebot weiter steigt, die Nachfrage jedoch an natürlich Grenzen stößt. Für die Plattformen bedeutet das eine strategische Neuausrichtung. Der Fokus liegt nun nicht mehr ausschließlich auf der schieren Quantität an Originalproduktionen, sondern vielmehr auf der Qualität und Nachhaltigkeit jedes einzelnen Titels.

Laut einer Auswertung von Ampere Analysis (2025) sank die Zahl der bestellten Scripted Originals bei den sechs größten Streamingplattformen weltweit um 24 % im Vergleich zum Vorjahr 2024. Scripted Originals sind von den Plattformen selbst produzierte, fiktionale Inhalte wie Serien oder Filme mit Drehbuch. Dieser Rückgang ist für Produktionsfirmen und Kreativteams nicht nur ein finanzielles Problem, sondern verschärft auch den Konkurrenzdruck. Die deutliche Reduktion an neuen Aufträgen führt zu einer spürbaren Verschärfung des Wettbewerbs. Da weniger Projekte in Produktion gehen, müssen sich Produktionsgruppen intensiver denn je um die verbleibenden Chancen bemühen.

Gleichzeitig richten die Plattformen ihren Blick zunehmend auf Inhalte mit globalem Hit-Potenzial, was die Anforderungen an Originalität und strategische Planbarkeit weiter erhöht. Produktionen werden zudem unter strengeren Zeit- und Budgetvorgaben realisiert. Kreative Freiräume schrumpfen dadurch und der Produktionsprozess wird stärker an den wirtschaftlichen Erfolg gekoppelt. Unter diesen Bedingungen wird jede Entscheidung – vom Casting bis zur visuellen Gestaltung – zu einem kalkulierten Risiko, das über die Zukunft eines gesamten Teams entscheiden kann.

Vom Funken zur Pflicht – warum die kreative Freiheit schrumpft

Auch jenseits der Film- und Serienproduktion zeigt sich der Druck des digitalen Überangebots in ganz unterschiedlichen Bereichen der Kreativwirtschaft. Podcaster beispielsweise tragen häufig die gesamte Produktionskette selbst. Der gesamte Ablauf, von der Ideenentwicklung über Produktion bis hin zur Vermarktung, ist sehr arbeitsaufwendig und steht meist in keinem angemessenem Verhältnis zur finanziellen Sicherheit. Besonders Indie-Game-Studios kämpfen zusätzlich mit der technischen Komplexität ihrer Projekte, während sie parallel Community-Aufbau, Tests und Launch-Strategien stemmen müssen. Dabei sind sie stark von Plattformen wie Steam oder AppStores abhängig. Kleinere Creator und Freelancer stehen unter besonders hohem Druck. Sie müssen Beiträge, Kooperationen und die Pflege ihrer Anhängerschaft gleichzeitig bewältigen und das Ganze unter starken Einkommensschwankungen. Selbst Journalisten spüren diese Veränderung, da sie Nachrichten nicht mehr nur schnell, sondern zunehmend auch für den Algorithmus optimiert aufbereiten müssen. Allen Gruppen ist gemeinsam, dass sie zusätzlich zu ihrer kreativen Tätigkeit eine stetig wachsende operative Belastung tragen müssen. Dadurch wirken sich die Folgen der digitalen Übersättigung direkt auf ihre tägliche Arbeit aus.

Die Macht der Plattformökonomie

Außerdem tritt ein Faktor stärker hervor: die zunehmende Abhängigkeit kreativer Akteure von den durch Algorithmen bestimmten Rahmenbedingungen der Plattformen. Sichtbarkeit entsteht heute nicht allein durch Kreativität, sondern wird zunehmend durch intransparente algorithmische Mechanismen bestimmt. Hinzu kommt, dass selbst geringfügige Updates dieser Systeme die Reichweite eines Projekts schlagartig verändern können. Diese strukturelle Unsicherheit zwingt Creator dazu, nicht nur Inhalte, sondern auch ihre Arbeitsweisen regelmäßig anzupassen. Ein solcher strukturelle Druck wirkt sich direkt auf die wirtschaftliche Lage der Kreativen aus. Um relevant zu bleiben, müssen immer mehr Inhalte erstellt werden, während die Vergütungen schwankend und leistungsunabhängig sind. Studien von OECD und ILO zeigen, dass genau diese Intransparenz zu erhöhtem Leistungsdruck, mangelnder Planbarkeit und einem wachsenden Abhängigkeitsgefühl gegenüber digitalen Plattformen führt. Damit wird die digitale Übersättigung nicht nur zu einer kreativen und psychischen Belastung, sondern zu einem systematischen Faktor, der den gesamten Produktionsalltag prägt.

Immer online, immer erreichbar und irgendwann leer

In der Folge greift diese strukturelle Belastung weit über die kreative Ebene hinaus und beeinflusst zunehmend auch die wirtschaftlichen, psychischen und sozialen Bedingungen der Produzierenden. Die Notwendigkeit, kontinuierlich sichtbar zu sein, kombiniert mit kreativen Deadlines führt bei vielen Menschen zu Burnout und Stress. Sie bemühen sich häufig außerhalb regulärer Arbeitszeiten, was die Erholung einschränkt und zu einer Verschmelzung von beruflichem und privatem Alltag führt. Hinzu kommt die Angst vor dem Wegfall von Aufträgen bei einem Misserfolg. Ursache für das sogenannte „Creator Burnout“ ist selten zu hohe Zielsetzung oder Professionalisierung. Das Problem liegt vielmehr in der fehlenden Erholung und der mentalen Belastung, die entsteht, wenn man dauerhaft in einem Modus reiner Funktionalität arbeitet. Eine Vielzahl an Studien bestätigt diese Eindrücke. So zeigt eine EBS-Studie, dass die Künstler unter erheblichem psychischen Stress und Identitätskonflikten leiden.

Ein recht aktuelles Beispiel hierfür liefert die deutsche YouTuberin Dagi Bee, die in einem Interview über ihre Erschöpfung berichtet. Sie produzierte jahrelang täglich Videos, folgte Trends und versuchte sich eine Marke aufzubauen. Sie beschreibt Gefühle von Stress, Leistungsdruck und mentaler Erschöpfung – alles typische Symptome des sogenannten Creator- Burnouts. Auch in anderen Branchen wie der Spieleentwicklung sind Kreative von ähnlichem Druck betroffen. Sebastian Drews, Kreativdirektor des Indie-Spiels „Constance“, berichtet gegenüber indie games devel offen über Angstzustände und Panikattacken. Er half bei der Spielentwicklung, während er parallel seinen Vollzeitjob verfolgte. Die Kombination aus engen Deadlines, hoher Eigenverantwortung und Erwartungshaltung führte bei ihm zu großer psychischer Belastung.

Im Video redet VoaTutorials über den Creator-Burnout, Quelle: YouTube | @VoaTutorials

Kreativität entschleunigt: Wege zu einer nachhaltigeren Arbeitsweise

Viele Kreative nutzen genau diese Erfahrungen als Motivation, ihre Arbeitsweise bewusst zu verändern und nachhaltige Produktionsmodelle zu entwickeln. Ein zentraler Ansatz ist die Planung von Inhalten mit langfristigem Potenzial. So erzeugen Formate nicht nur tieferes Engagement, sondern sichern häufig auch stabilere Abonnentenbindungen. Um kreative Ressourcen zu schonen, lagern Teams Routinetätigkeiten (zum Beispiel Schnitt oder Social-Media) an spezialisierte Kollegen aus. Sie arbeiten zunehmend kollaborativ, sodass Risiken, Budgets und Fachwissen auf mehrere Schultern verteilt werden. BatchProduktionen, bei denen mehrere Videos, Podcast-Folgen oder Szenen an einem Tag erstellt werden, schaffen zusätzliche Flexibilität. Auch klare Grenzen im Arbeitsalltag, regelmäßige Ruhepausen und gezielte Offline-Phasen können helfen, Burnout zu reduzieren.

Diese Strategien spiegeln sich auch bei der YouTuberin Emma Chamberlain wider. Sie spricht offen über ihre Ängste, Burnout und Perfektionismus. Um dem Druck entgegenzuwirken, nehme sie sich bewusst Auszeiten, treibe Sport, koche und verbringe Zeit mit Freunden. Ihre persönlichen Einblicke in die mentale Gesundheit zeigen, wie wichtig Pausen und Selbstfürsorge auch für Creator sind. In der Spieleproduktion zeigt das Indie-Studio Jo-Mei Games, wie kreative Arbeit zugleich therapeutisch wirken kann. Kreativdirektorin Cornelia Geppert lässt ihre persönlichen Erfahrungen mit Einsamkeit und psychischer Belastung in die Gestaltung des Spiels „Sea of Solitude“ einfließen.

Wie verändert das Publikum die Regeln des digitalen Marktes?

Die Nutzungsgewohnheiten im digitalen Raum ändern sich rasant und das wirkt sich direkt auf die Medienmacher aus. Die Rezipienten verbringen immer mehr Zeit online, nutzen verschiedene Plattformen und Medienformate und sind gleichzeitig einer Vielzahl von Inhalten ausgesetzt. Laut dem Ofcom Online Nation Report 2024 steigt die durchschnittliche tägliche Online-Aktivität, während traditionelle Medien wie lineares Fernsehen bei jüngeren Zielgruppen an Reichweite verlieren. Für Produzenten bedeutet dies, dass ihre Inhalte sich in einem zunehmend umkämpften Umfeld behaupten müssen. Selbst qualitativ hochwertige Produktionen erreichen nicht automatisch ein breites Publikum. Der Druck, relevante Inhalte zu liefern und Nutzer zu binden, steigt dadurch deutlich.

Die folgende Statistik zeigt die wöchentliche Nutzung verschiedener Bewegtbildkanäle in unterschiedlichen Altersgruppen in Deutschland. Dabei wird deutlich, dass das laufende TV-Programm vor allem bei älteren Zielgruppen dominiert. 97 % der über 70-Jährigen und auch der Großteil der 50- bis 69-Jährigen nutzen es mindestens einmal wöchentlich. In den jüngeren Altersgruppen verschiebt sich das Nutzungsverhalten jedoch deutlich hin zu digitalen Angeboten. Streamingdienste sowie Kurzvideoformate auf Social Media werden hier wesentlich häufiger konsumiert, während die Relevanz des linearen Fernsehens spürbar abnimmt.

Anteile der deutschen Befragten, die mindesten 1 Mal pro Woche folgende Bewegtbildkanäle genutzt haben (in %)

Grafik: medienMITTWEIDA, Quelle: ARD/ZDF Medienstudie 2025

Ein Blick nach vorn – Wo Kreativität wieder Raum zum Atmen findet

Digitale Übersättigung ist nicht nur ein Problem, sondern ein komplexes Phänomen, das zugleich Last und Möglichkeit für Produzenten darstellt. Der Druck zur ständigen Sichtbarkeit und zur wirtschaftlichen Absicherung ist real, doch genau hier entstehen Potenziale für neue Formen der Kreativität, für Kooperationen, für nachhaltige Geschäftsmodelle. Wichtig sind dabei nicht nur individuelle Strategien, sondern auch strukturelle Veränderungen. Gelingt den Produzenten ein solcher Wandel, dann könnte die digitale Produktionsökonomie nicht nur leistungsfähiger, sondern auch menschlicher werden, wo die Sichtbarkeit nicht zu einer Bürde, sondern zu einer Chance wird.

Dossier im Überblick

Social Media

 

Text, Titelbild und Grafik: Felix Zahm, Video: VoaTutorials

<h3>Felix Zahm</h3>

Felix Zahm

ist 2002 geboren und studiert Medienmanagement an der Hochschule Mittweida. Bei medienMITTWEIDA übernimmt er seit 2025 die Rolle des Chefs vom Dienst. In seiner Freizeit spielen Themen wie E-Sport und Anime eine zentrale Rolle.