„Es war einmal – nein, es war zweimal“

von | 8. November 2019

Disneys Klassiker in neuem Gewand noch einmal auf der großen Leinwand. Titelbild: Christin Post

Die Lichter gehen aus, Popcorn raschelt leise und auch das letzte Gemurmel verstummt. Zugleich ertönt eine allseits bekannte Melodie, während auf der Leinwand ein buntes Feuerwerk den nächtlichen Himmel über Schloss Neuschwanstein erhellt. Spätestens jetzt weiß jeder, was darauf folgt: Ein neues Werk aus dem Hause Walt Disney. Doch in letzter Zeit scheint neu nicht unbedingt der richtige Begriff zu sein, denn das Unternehmen rund um Micky Maus & Co hat allein in diesem Jahr drei seiner Klassiker wiederverwertet und neu aufgelegt. Wieso setzt Disney auf altbekannten Content? Sind den Entwicklern etwa die Ideen ausgegangen?  Ein Kommentar.

Es war nicht einmal, sondern es war zweimal – so ähnlich beginnt auch die Erzählerin in Disneys neuestem Werk „Maleficent – Mächte der Finsternis.“ Die Fortsetzung des 2014 erschienenen Remakes, das auf dem Zeichentrickklassiker „Dornröschen“ basiert, ist damit das 15. bisher erschienene Remake,  nachdem der Regisseur Tim Burton einige Jahre zuvor „Alice im Wunderland“ erneut auf die große Leinwand brachte. Schon fast 20 Jahre zuvor hatte Disney den Versuch einer solchen Neuverfilmung mit echten Schauspielern gewagt: damals produzierte der Konzern das „Dschungelbuch“ nach dem Zeichentrickerfolg erneut. 

Es stellt sich die Frage, wieso der in den 1920er Jahren gegründete Konzern, immer mehr Altbekanntes wiederverwertet, statt den Zuschauern neue Inhalte zu bieten. Noch dieses Jahr soll ein weiterer Klassiker in neuem Gewand erscheinen: „Susi & Strolch“. Der für den kommenden Streamingdienst Disney+ produzierte Film, bietet den Zuschauern echte Hunde, anstelle bloßer Zeichenstriche. Und das ist nur einer von mehr als zwölf bestätigten Neuverfilmungen des internationalen Maus-Konzerns. Allein für das Marvel-Universum, das Disney 2009 übernahm, wurden dieses Jahr mehr als sieben neue Filme bestätigt. 21st Century Fox, was der Konzern für 71,3 Milliarden Dollar gekauft hatgehört seit diesem Jahr ebenfalls zu Disney. Unter den zehn meistverkauften Blu-rays im zweiten Quartal 2018 waren in Deutschland laut Chartermittler Media Control allein fünf Produktionen von Disney. An Geld scheint es dem milliardenschweren Konzern also nicht zu mangeln. Doch gerade Geld scheint einer der wichtigsten Beweggründe der Macher für die Neuverfilmungen zu sein. Nicht nur mit der neuen Version von „Alice im Wunderland“ (2010), sondern auch mit „Die Schöne und das Biest“ (2017) hat Disney insgesamt mehr als eine Milliarde Dollar Umsatz gemacht. Die Neuauflage von Dornröschen „Maleficent – die dunkle Fee“ habe sich 2014 ebenfalls überraschend als Kassenschlager herausgestellt, so die Neue Züricher Zeitung (NZZ). Laut NZZ sei der Film damit auf Platz 13 der Disneyfilme mit den weltweit höchsten Einspielergebnissen. Disney scheint sich damit zu einem milliardenschweren Konzern zu entwickeln, der lieber alte Filme wiederverwertet, anstatt die eigene Kreativität zu nutzen. Selbstverständlich ist jedes Unternehmen darauf aus, Geld zu verdienen. Kann man bei Disney also schon von unersättlicher Geldgier sprechen?

Wieso etwas Neues, wenn das Alte so gut funktioniert?

Fans scheint die vermeintliche Geldgier jedoch nicht abzuhalten, denn auch „Aladdin“ knackte dieses Jahr fast die magische Milliarden-Grenze. Folglich ist klar: Altbekanntes wird gern gesehen. Dramaturgieexperte Jörn Precht stützt diese Aussage. Gegenüber deWelt sagte er, dass man gerade im Family-Entertainment gerne auf bekannte Stoffe zurückgreife. Der amerikanische Autor und Professor der USC School of Cinematic, Arts Jason E. Squire, bestätigte gegenüber marketplace, dass die Attraktivität für die ganze Familie ein Grund sei, warum alte Filme neu produziert werden. Disney selbst sei für seine Tradition, Familien anzulocken und zu unterhalten, bekannt. 

Nostalgie ist einer der wichtigsten Faktoren, der die Neuverfilmungen beziehungsweise -interpretationen so erfolgreich macht. Durch die Live-Action Verfilmungen gelingt es Disney, gleich zwei Zielgruppen abzuholen: die Kinder, die die Geschichten von Cinderella und Co gerade erst für sich entdecken und zugleich modernen Standard wie fantastische visuelle Effekte gewohnt sind, sowie deren Eltern, die ihre eigenen Kindheitshelden in neuem Gewand erleben können. 

Viele Fans mögen die ganzen neuen „alten“ Filme kritisieren, dennoch sprechen die Zahlen für sich. Miteinander verglichen ist „Dumbo“, neben „Alice im Wunderland“ und „Maleficent“, der Film mit den größten Unterschieden zu seinem Original, stellt sich dieses Jahr zugleich aber eher als Flop für den Konzern dar. Mit einem Budget von 170 Millionen Dollar spielte der Film gerade einmal 220 Millionen Dollar weltweit ein und brachte dem Konzern im Vergleich zu den anderen Neuverfilmungen wenig ein. Der Zeichentrickklassiker aus dem Jahr 1941 dauert lediglich 64 Minuten, bietet dem Zuschauer aber für Disney typische musikalische Einlagen und sprechende Tiere. Die sprechende Maus Timothy, Dumbos bester Freund, verschwindet in Tim Burtons neuer Version des Films fast gänzlich von der Bildfläche und wird von den Farrier-Kindern und deren Vater ersetzt. Im ersten Drittel des 112 minütigen Films bleibt Burton geschichtlich noch nah am Original, weicht dann aber mit neuen Elementen, wie dem von Michael Keeton verkörperten Bösewicht, gänzlich ab. Originale wie „Tomorrowland“ und „Der Nussknacker und die 4 Reiche“ verzeichneten ebenfalls deutlich weniger Umsatz  als die altbekannten Klassiker. Neben bekannten Marken werben die Neuauflagen der Klassiker zugleich mit bekannten Schauspielern, zu denen unter anderem Will Smith (Aladdin), Emma Watson (Die Schöne und das Biest) oder gar Beyoncé zählen, die in diesem Jahr beispielsweise Nala in „König der Löwen“ ihre Stimme lieh. Diese Werbung dürfte sicherlich seinen Teil zu Disneys Erfolgsstrategie beitragen.

Angelina Jolie in der Hauptrolle in „Maleficent – Mächte der Finsternis“. Quelle: YouTube/KinoCheck

Enttäuschte Fans und moderne Änderungen

Aber nicht alles überzeugt in den Neuauflagen: Schon die Bezeichnung „Live-Action“ stößt gerade im Fall von „König der Löwen“ auf Unmut. Denn beim Löwenjungen Simba und seinen Freunden handelt es sich keineswegs um reale Löwen, sondern um sogenannte CGI, also computergenerierte Tiere. Gleichzeitig zeigten sich Fans zunächst enttäuscht,  als die ersten Bilder zu „Aladdin“ veröffentlicht wurden, in denen Dschinni (gespielt von Will Smith) eben wie Will Smith aussah und nicht blau wie sein Original. Und auch als verkündet wurde, dass Halle Bailey die Hauptrolle der Ariel in gleichnamigem Film übernehmen wird, gab es Proteste seitens der Fans. Diese konnten sich die kleine Meerjungfrau mit feuerroten Haaren, nicht als dunkelhäutige Ariel vorstellen und waren empört, dass man die Heldin ihrer Kindheit so drastisch ändert. Diese sogenannten Fans scheinen dabei allerdings zu vergessen, dass es sich bei Ariel um eine mythologische Kreatur handelt, die grob auf dem Märchen „Die kleine Meerjungfrau” von Hans Christian Andersen basiert. Ihr Aussehen ist dabei die nebensächlichste Sache, denn primär sollte es darum gehen, dass Kinder auf der ganzen Welt in Ariel eine Heldin sehen, mit der sie sich identifizieren können  ungeachtet ihrer Hautfarbe.

Disney reagierte unmittelbar auf die Proteste und verteidigte die junge Schauspielerin. Insgesamt hat Disney in den letzten Jahren viele Veränderungen in seine Neuauflagen gebracht, wodurch der Konzern sich gleichzeitig an den aktuellen Zeitgeist anpasst. Nicht nur schwule Charaktere, wie Lefou in „Die Schöne und das Biest”,  sondern auch starke Frauenrollen zeichnen Disneys neue Filme aus. Anstelle einer gelangweilten in ihrem Palast gefangenen Prinzessin, wird Jasmin („Aladdin“) zum Beispiel zur starken jungen Frau, die für ihre Träume kämpft und sich nicht zum Schweigen bringen lässt. Die Charaktere,  die jede Feministin stolz machen würden, scheinen fast schon etwas zu gezwungen, jedoch geht Disney mit ihnen einen modernen Weg. Weg vom altbackenen “Hausfrauchen”, hin zur starken, unabhängigen Frau zum Vorbild für alle jungen Mädchen weltweit.

Team Bad? In Disneys modernen Neuverfilmungen verwischen die Grenzen zwischen Gut und Böse.
Foto: Christin Post

„Maleficent 2“ bietet den Zuschauern ebenfalls gleich drei starke Frauen, allesamt mit ihrer eigenen Handlungslinie. Männliche Charaktere werden hier eher in den Hintergrund gedrängt. „Maleficent 2” gleicht als Fortsetzung des ersten Teils zwar mehr einem Original, als einem Remake, doch Disney schafft es auch hier, Kernelemente des Zeichentrickklassikers mit einzubinden.

Disney setzt in seinen Neuverfilmungen schon seit längerer Zeit auf faszinierende Spezialeffekte. Sicherlich auch, um sich optisch mehr von den Zeichentrickversionen zu lösen.  Gerade in den 3D-Versionen der Filme können diese schnell übertrieben und zu gewollt wirken. Gleichzeitig gelingt es dem Konzern jedoch, neben optischen Änderungen auch deutlich erwachsenere Themen wie zum Beispiel Rasse und dazugehörende Vorurteile in „Maleficent 2” aufzugreifen. Mit diesen Elementen dürften sich die meisten Kinder zwar nicht sonderlich tief auseinandersetzen, aber sie sollten das erwachsene Publikum definitiv zum Nachdenken anregen. 

Disney richtet sich mit tiefgründigeren Themen klar an ein erwachsenes Publikum. Damit wird erneut deutlich, wie Disney einen Mehrwert für alle Generationen bietet.   Durch die Vermischung von Schwarz-Weiß-Motiven auch auf inhaltlicher Ebene, lässt sich die Frage nach Gut und Böse nicht mehr pauschal beantworten. Dabei wird vor allem Kindern vermittelt, dass jeder seine ganz eigenen Beweggründe hat und klassisches „Schubladendenken”  schlichtweg nicht funktioniert. Es wäre zu leicht zu sagen: „Der ist böse und der ist gut.” Schwarz-Weiß-Denken ist ein mittelalterliches Konzept, das sich nicht mehr auf unsere moderne Welt anwenden lässt – aber vor allem viele Erwachsene scheinen dies heutzutage oft zu vergessen.

Werden Walt Disneys Wünsche ignoriert?

Geht man zu den Anfängen Disneys zurück, wird deutlich, dass gerade diese Fülle an Neuverfilmungen nicht zwingend im Sinne von Gründer Walt Disney selbst gewesen sei. Laut eonline habe dieser auf die zahlreichen Anfragen nach Fortsetzungen zu seinem Erfolg „Die drei kleinen Schweinchen“ mit den Worten geantwortet, dass man Schweine nicht mit Schweinen toppen könne. Jeffrey Katzenberg, damaliger Vorsitzender Disneys, habe sich 1991 ebenfalls deutlich gegen Neuauflagen ausgesprochen. „Die Menschen wollen nicht sehen, was sie schon gesehen haben“, heiße es in einer 28-seitigen Notiz an seine Kollegen. „Unsere Aufgabe ist es nicht, uns an recycelte Formeln zu halten, sondern neue und frische Geschichten zu kreieren und zu entwickeln.“

Dennoch gelingt es Disney mit seinen Remakes, den Klassikern nicht nur optisch eine neue Dimension zu verleihen, sondern zugleich neue kreative Elemente einzubauen, die in den Zeichentrickversionen ursprünglich vielleicht verworfen worden wären. So wird jedem wiederverwertetem Film seinen ganz eigener Zauber verliehen, mit dem sich sicher auch Walt Disney hätte arrangieren können. Nicht abzustreiten ist, dass Disney seit  Jahren ganze Generationen verzaubert. Manch einem mögen die vielen Remakes sauer aufstoßen, das Unternehmen wird mit dieser Strategie aber sicherlich weiterhin Erfolg haben. Es scheint zunächst nur der Versuch Disneys zu sein, das immense Vermögen noch mehr zu vergrößern. Dennoch gelingt es dem Konzern zugleich alle Generationen zusammenzubringen, damit sie den altbekannten Zauber teilen können.

Denn wie sagte schon Walt Disney? „Du bist tot, wenn du dich nur an Kinder richtest. Erwachsene sind sowieso nur großgewordene Kinder.“

Text: Ariana Bešić, Titelbild und Foto: Christin Post