Clubszene

„Es wird immer Männer geben, die denken, sie können es besser“

von | 12. Juni 2026

Wie sich Chemnitzerin DJ Izzy als FLINTA*-Person ihren Platz hinter dem Pult erkämpft.

In der Chemnitzer Clubszene steht Izzy regelmäßig hinter dem Pult und somit auch im Zentrum von Vorurteilen und Übergriffen. Als FLINTA*-Person erlebt sie alltäglich wie schwer es sein kann, in einem von männlichen Strukturen geprägten Umfeld ernst genommen zu werden. Neben täglichen Erfahrungen, Kritik und Unterstützung, erzählt sie von ihrem Weg ins DJing und dem Kampf um Anerkennung hinter den Decks.

Blaue und rote Lichter flackern durch den Raum, der Bass drückt gegen die Brust, der Club ist voll. Die Menschen tanzen dicht zusammen vor dem DJ-Pult, irgendwo klirren Gläser und hinter den Decks steht Izzy, 23 Jahre alt, konzentriert über den Controllern. Mit einer Hand sucht sie den nächsten Song, mit der anderen hält sie sauber den Übergang. Neben ihr lehnt plötzlich ein Mann am Pult. Er redet ungefragt auf sie ein, kommentiert ihre Songauswahl und erklärt, wie man es „besser machen“ könnte.

Diese Situationen gehören für die Chemnitzer DJ inzwischen fast zum Alltag. Seit drei Jahren legt Izzy in Clubs, Bars und unterschiedlichsten Veranstaltungsorten auf. Zunächst begann alles als spontane Neugier, wurde jedoch schnell zu einem festen Bestandteil ihres Lebens.

Izzy im Club Atomino in Chemnitz. Foto: Nane Marla Neukirchner

Izzy im Club Atomino in Chemnitz. // Credits: Nane Marla Neukirchner

Von der Bar zum Pult

Angefangen hat alles eher zufällig. Während ihrer Arbeit im Chemnitzer Kulturzentrum Weltecho hörte Izzy von einem DJ-Workshop. Ich hatte eigentlich gar nicht vor hinzugehen, erzählt sie. Aber dann hatte ich spontan Zeit und dachte mir: Wieso eigentlich nicht?

Zu Beginn sei sie von der Technik komplett überfordert gewesen. Nach außen wirkt auflegen oft wie eine komplizierte Welt aus Knöpfen, Kabeln und technischem Wissen. Ich dachte wirklich, man braucht dafür eine Art Ausbildung, sagt sie lachend. Vor allem fehlte ihr damals ein wichtiges Vorbild: Frauen oder FLINTA*-Personen hinter dem Pult.

Du siehst gefühlt immer nur Typen auflegen, sagt sie. Dadurch denkst du gar nicht erst, dass du das selbst machen könntest.

Schon nach anderthalb Monaten spielte sie ihren ersten Gig. Ein kurzer Abend mit entspannter Hintergrundmusik, gemeinsam mit anderen Teilnehmenden des Workshops. Für Izzy damals trotzdem eine riesige Sache. Ich habe wirklich jeden Übergang vorher komplett geplant und hatte übel Angst, erinnert sie sich. Heute müsse sie darüber schmunzeln. „Niemand hätte gemerkt, wenn mal ein Übergang schiefgeht.

Was bedeutet FLINTA*?

FLINTA* ist ein Akronym, das eine Reihe von Geschlechtsidentitäten und Geschlechtergruppen zusammenfasst und in feministischen und queeren Kontexten verwendet wird. Es steht für: Frauen, Lesben, Intergeschlechtliche Menschen, Nicht-binäre Menschen, Trans Menschen und Agender Personen.

Das Sternchen am Ende des Akronyms dient als Platzhalter für weitere Geschlechtsidentitäten, die nicht explizit in der Aufzählung genannt werden, aber ebenfalls ein Teil der Gemeinschaft sind. 

Der Begriff wird benutzt, um auf die spezifischen Diskriminierungs- und Gewaltformen aufmerksam zu machen, die diese Gruppen erleben. Der Fokus liegt besonders auf dem geschlechtsspezifischen Aspekt und den damit verbundenen Erfahrungen von Marginalisierung und Exklusion.

In feministischen und queeren Räumen wird FLINTA* genutzt, um eine inklusive und solidarische Gemeinschaft zu fördern, die die vielfältigen Identitäten und Lebensrealitäten anerkennt und respektiert. Das Ziel ist es, strukturelle Ungleichheiten zu bekämpfen und die Sichtbarkeit sowie die Rechte von FLINTA*-Personen zu stärken.

„Das hast du gut gemacht“, aber nur zum Mann neben ihr

Dass sich die Szene für FLINTA-DJs anders anfühlt, bemerkte Izzy erst mit der Zeit. Besonders eine Situation blieb ihr im Kopf. Gemeinsam mit einem männlichen DJ spielte sie ein Back-to-back-Set, beide standen den gesamten Abend gemeinsam am Pult. Nach dem Gig kam eine Person auf die beiden zu und sagte ausschließlich zu ihrem Kollegen: Das hast du gut gemacht.“ Izzy wurde keine Beachtung geschenkt.

r sie zeigt das ein grundlegendes Problem der Szene: FLINTA-Personen wird einfach weniger zugetraut, sagt sie. Vor allem technische Fähigkeiten würden Frauen häufig abgesprochen. Mansplaining gehöre fast automatisch dazu. Irgendwelche Typen kommen ans Pult und sagen ungefragt: „Ich bin übrigens auch DJ.“

Besonders deutlich werde das bei Musikwünschen. Während Frauen meist akzeptieren würden, wenn ein Song gerade nicht passe, diskutierten Männer häufig weiter. Die erklären dir dann, warum ihr Song jetzt besser wäre, erzählt Izzy. Oder sie gehen einfach nicht weg.

Ein Erlebnis habe sich dabei besonders eingebrannt: Während eines Hip-Hop Sets stellte sich ein Mann direkt neben sie ans Pult und kommentierte jeden Songwechsel. Wenn ich nicht den Artist gespielt habe, den er wollte, hat er demonstrativ gestöhnt, erzählt sie. Gleichzeitig gab es keine Awareness-Person und keine Security in der Nähe. Du kannst von diesem Pult ja nicht weg.

Was bedeutet Mansplaining?

Mansplaining ist ein teils herablassendes Erklärungsmuster von Männern, meist gegenüber Frauen. Das betrifft oft Situationen, in denen Männer (ungefragt) Frauen etwas erklären und dabei aufgrund von sexistischem Denken davon ausgehen, dass das weibliche Gegenüber kein oder nur wenig Verständnis für den Sachverhalt hat. Dabei steht meist im Vordergrund, das eigene Wissen unter Beweis zu stellen.

Das betrifft nicht jede Situation, in der Männer Dinge erklären. Viele Frauen erleben allerdings Situationen, in denen ihre eigenen Kenntnisse und Urteile völlig ignoriert und übergangen werden. Ein drastisches Beispiel ist, wenn Frauen ihre eigenen Forschungsergebnisse von fachfremden Männern erörtert werden. Dem liegt die Vorstellung zugrunde, Frauen müsse grundlegend die Welt erklärt werden, da sie selbst nicht zu intelligenten Schlüssen fähig seien. Dabei ist nebensächlich, ob das so ausgesprochen wird oder unbewusst geschieht.

Respekt muss erst erspielt werden

Viele FLINTA*-DJs sprechen davon, sich Respekt erst verdienen zu müssen. Ein Gefühl, das Izzy gut kennt. „Selbst nach drei Jahren auflegen, hat man ständig das Gefühl, sich doppelt beweisen zu müssen.“

Wie tief das Bild vom männlichen DJ noch immer verankert ist, wurde ihr neulich bei einer Kunstveranstaltung bewusst, bei der sie tagsüber auflegte. Während Izzy hinter dem Pult stand, wartete draußen ihre Freundin, die ebenfalls DJ ist. Dort sprach sie ein Mann an und fragte: „Wer ist denn der Izzy?“ Als sie antwortete, dass Izzy eine Frau sei, reagierte er überrascht und skeptisch.

Besonders verletzend war für sie ein Kommentar aus ihrem Umfeld in einer Phase, in der sie viele Bookings bekam. Diese Person sagte: „Naja, du wirst halt für die FLINTA*-Quote gebucht.“

Dieser Moment machte Izzy bewusst, wie schnell ihre Kompetenz infrage gestellt wird. „Das spricht dir komplett ab, dass du überhaupt gut in dem bist, was du machst“, sagt sie.

Durch den Druck arbeitete sie anfangs perfektionistisch: Übergänge wurden bis ins Detail geplant, Sets komplett vorbereitet. „Ich dachte immer: Wenn ich einen Fehler mache, werde ich nie wieder gebucht.“ Erst mit der Zeit lernte sie entspannter damit umzugehen, da unter anderem Gespräche und Austausch mit anderen DJs halfen. „Irgendwann merkt man, dass wirklich alle mal Fehler machen.“ Trotzdem beobachtet sie Unterschiede im Selbstverständnis vieler männlicher Kollegen. „Die haben oft ein riesiges Ego auf der Bühne“, sagt sie. „Ich frage mich manchmal wirklich, woher das kommt.“

Izzy im Club Transit in Chemnitz. // Credits: Nane Marla Neukirchner

Izzy im Club Atomino Chemnitz. // Credits: Nane Marla Neukirchner

Aufmerksamkeit und Übergriffigkeit

Mit zunehmender Bekanntheit veränderte sich auch die Art, wie Menschen ihr begegnen. Personen, die früher nie mit ihr gesprochen hätten, kämen plötzlich direkt ans Pult oder begrüßten sie überschwänglich. „Man wird auf einmal ganz anders angeschaut“, erzählt sie. Doch die große Aufmerksamkeit bedeutet nicht automatisch Respekt. Immer wieder erlebt Izzy übergriffiges Verhalten: im Club, Backstage oder Online. Besonders erschütternd sei ein Vorfall während eines Gigs in einem Club gewesen. Nachdem sie auf rassistische Kommentare reagiert hatte, wurde sie von Männern beleidigt. „Die haben runtergerufen: ‚Du Hure, stürz dich doch vom Dach‘“, erzählt sie. Andere Situationen seien subtiler, aber nicht weniger belastend. Fremde Menschen umarmen sie ungefragt, legen Hände an Stellen, an denen sie niemand haben möchte, oder nehmen Raum ein während des Auflegens. Oft werde so etwas ignoriert oder heruntergespielt. „Man denkt halt irgendwann: Es bringt eh nichts, etwas zu sagen.“

Besonders problematisch findet sie dabei fehlende Awareness-Strukturen. Gerade FLINTA*-DJs bräuchten Ansprechpartner*innen und Schutzräume, sagt sie. „Wenn du auflegst, bist du ausgeliefert.“

Eine Szene im Wandel

Trotz allem sieht Izzy Veränderungen. Vor allem in linken oder progressiveren Clubstrukturen würden FLINTA*-Line-ups inzwischen bewusster gefördert. Es gebe Workshops, Kollektive und Veranstalter*innen, welche Wert auf Sichtbarkeit legen.

Gleichzeitig existieren weiterhin Szenen, in denen kaum FLINTA*-Personen gebucht werden. Besonders im Hip-Hop bemerke Izzy noch starke Unterschiede. Gerade dieses Genre würde sie gern häufiger spielen, doch dort sei der Druck besonders groß. Das Publikum bestehe oft überwiegend aus Männern, wodurch sie sich noch stärker beobachtet und bewertet fühle. „Da musst du dich nochmal mehr beweisen“, erzählt sie.

Für sie liegt deshalb viel Verantwortung bei Veranstalter*innen und Clubs. „Die haben den Hebel in der Hand“, betont sie. Wer das Nachtleben gestalte, müsse sich auch mit Awareness, Gleichberechtigung und Sicherheit beschäftigen.

Dass sich die Szene verändert, merkt sie trotzdem auch im Kleinen. An Gesprächen mit anderen DJs, an gegenseitiger Unterstützung und daran, dass heute mehr Frauen überhaupt den Schritt ans Pult wagen. „Allein zu sehen, dass andere FLINTA*-Personen auflegen, gibt Kraft“, sagt sie.

Kommentar der Autorin

„Für Izzy und viele weitere FLINTA*-DJs ist auflegen längst mehr als Musik abspielen. Es ist ihr Job, bedeutet Kreativität, Präsenz und Gemeinschaft. Aber eben auch permanente Wachsamkeit. Es ist ein Zwischenspiel von Euphorie und Anspannung, kraftgebenden Nächten und sexistischen Kommentaren. Sie bewegt sich in einer Szene, die sich verändert, aber noch lange nicht frei von Ungleichheit ist. Jedes Set, jeder Gig und jede FLINTA*-Person hinter dem Pult macht sichtbar, dass Clubkultur nicht nur männlich ist. Und dass Respekt und Miteinander keine Frage des Geschlechts sein sollte.“

Nane Marla Neukirchner

Autorin, medienMittweida

Text, Fotos, Video: Nane Marla Neukirchner

<h3>Nane Marla Neukirchner</h3>

Nane Marla Neukirchner

Nane Marla Neukirchner ist 23 Jahre alt und studiert im vierten Semester Medienmanagement an der Hochschule in Mittweida. Bei medienMITTWEIDA engagiert sie sich als Redakteurin und Ressortleitung für Medien, seit dem Sommersemester 2026.