Studienfinanzierung

Wird ein Studium nun zum noch größeren Luxusgut?

von | 18. November 2022

Viele Preise steigen seit einem halben Jahr massiv an. Doch wie geht es den Studierenden damit?

„Ich habe das Glück, dass ich mit meinem Freund zusammen wohne und wir Kosten für Miete und Lebensmittel aufteilen können. Schwierig ist es trotzdem, weil einfach so viele Fixkosten wie Versicherungen, Fahrtkosten, Handyvertrag und so weiter anfallen, dass am Monatsende nicht viel Geld übrig bleibt. Ich muss mir meine Ausgaben also genau überlegen.“  Das sind die Worte der 25-jährigen Isabella in einem Interview mit medienMITTWEIDA. Sie sorgt sich um ihre finanzielle Lage während ihres Studiums an der Hochschule Mittweida. 

Krisenstimmung statt Wiedersehensfreude

Viele Studierende sind glücklich und erleichtert: Nach der langanhaltenden Corona-Pandemie kehrt wieder Leben an den Universitäten und Hochschulen ein. Zum Beginn des neuen Semesters folgt jedoch direkt die nächste Krise. Die stark ansteigenden Strom-, Energie- und Lebensmittelpreise führen zu immer stärkeren finanziellen Schwierigkeiten bei Studierenden.

Ein Drittel aller Studierenden lebt unter der Armutsgrenze. Durch die Inflation und die Energiekrise droht sich die Lage vieler Studierender zunehmend zu verschärfen.
Ohne einen Nebenjob und die finanzielle Unterstützung durch das Elternhaus oder das Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) ist ein Studium für viele überhaupt nicht mehr zu realisieren. Doch immer mehr Studis wurden in den letzten Jahren vom BAföG ausgeschlossen. Im Wintersemester 2021/2022 waren rund 2,95 Millionen Studierende an deutschen Hochschulen immatrikuliert. Zum Vergleich haben im Jahr 2022 in Deutschland lediglich 468.000 Studierende Leistungen nach dem BAföG erhalten. Während die Anzahl der Studierenden in den letzten Jahren deutlich zulegte, fiel die Zahl der, mit BAföG geförderten Studierenden, jedoch bis 2020 immer weiter ab. Dadurch kommt es zu einer hohen Armutsquote. 

Matthias Anbuhl, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks verdeutlicht in einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland die Lage mit folgenden Worten: „Das monatliche Budget vieler Studentinnen und Studenten ist ohnehin auf Kante genäht. Die Lage ist dramatisch. Wir brauchen in diesem Winter dringend weitere Hilfen – nicht nur für Bafög-Empfänger, sondern für alle Studierenden.“

Allein gelassen

Isabella* studiert im fünften Semester und hat sich nach den Semesterferien sehr gefreut, endlich all ihre Freunde an der Hochschule wiederzusehen und mit ihnen das Studentenleben zu genießen. Die steigenden Kosten lassen das aber kaum zu. Auch Isabella ist von der staatlichen Hilfe BAföG ausgeschlossen und auch sonst bekommt sie keinerlei finanzielle Unterstützung. Sie finanziert ihren Lebensunterhalt durch einen Nebenjob im Kundenservice und arbeitet neben dem Studium mindestens zwölf Stunden in der Woche im Home-Office. Zusätzlich hilft sie mehrmals im Jahr bei diversen Märkten und Ausstellungen aus, um sich etwas Geld dazuzuverdienen. Trotzdem reicht ihr Geld gerade so, um ihre Fixkosten zu decken. Derzeit wirken sich die Preissteigerungen besonders auf ihre Freizeitgestaltung aus. Viele ihrer Freunde stehen schon fest im Berufsleben und unternehmen gern Ausflüge miteinander. Oftmals ist sie dann diejenige, die absagen muss, weil sie sich so etwas im Moment nicht leisten kann.  „Auch Urlaub war finanziell dieses Jahr nicht drin, auch wenn ich das mental wirklich mal gebraucht hätte. Einige meiner Freunde und Verwandten wohnen allerdings im Ausland, sodass ich sie leider derzeit nicht oft sehen kann, weil ich mir die Reise dahin gerade nicht leisten kann.“

Mehr Geld, mehr Empfänger und eine einfachere Antragstellung

Am 21. Juli 2022 wurde das 27. BAföG-Änderungsgesetz im Bundesgesetzblatt verkündet. Seit dem 1. August 2022 hat sich nun einiges zum Vorteil von BAföG-Empfängern und Empfängerinnen geändert. Genauer gesagt gehört die Erhöhung des Förderungshöchstsatzes von 861 Euro auf 913 Euro im Monat und die um 20,75 Prozent angehobene Einkommensgrenze zu den Maßnahmen. Ebenfalls wurden die Altersgrenze und die Vermögensfreiheitsgrenze erweitert. Durch die neue Reform soll die Zahl der BAföG-Empfangenden nun wieder deutlich gesteigert werden und die finanzielle Lage vieler Studierenden somit hoffentlich deutlich entlastet. Nach Matthias Anbuhl reicht das für viele angehende Akademiker aber immer noch nicht aus. „Die Erhöhung wird komplett von der Inflation aufgefressen.“  In seinen Augen ist ein erneutes Aufstocken dringend erforderlich. „Sonst besteht die Gefahr, dass es zum Leben hinten und vorne nicht reicht.“

Für Isabella kommt eine erneute Antragstellung nicht infrage. Bereits zu Beginn des Studiums hat sie versucht, BAföG zu beantragen. Es war sehr schwer für sie, die vielen Informationen zum Einkommen ihrer Eltern zu erhalten. Da ihr die Situation sehr unangenehm war und sie auch denkt, dass es wieder nicht zu einem ausschlaggebenden Ergebnis kommt, verzichtet sie nun lieber gleich darauf. 

Abgelehnte BAföG-Anträge und Wohngeldbescheide gehören zum Alltag vieler Studierender. Bild: Franziska Pfoh

Weitere finanzielle Unterstützung geplant

Im September 2022 fiel die Entscheidung für weitere finanzielle Unterstützung. Die Koalitionsspitzen haben sich auf das bisher umfangreichste von insgesamt drei Entlastungspaketen geeinigt. In diesem nimmt der Staat erneut Geld für die Studenten und Studentinnen in die Hand. Um die hohen Energiekosten zu decken, sollen Studierende von einer Einmalzahlung profitieren. Immatrikulierte Hochschüler sollen 200 Euro vom Staat erhalten. Auch Werkstudenten und allen anderen erwerbstätigen Studierenden steht eine Einmalzahlung in Höhe von 300 Euro über den Arbeitgeber zu. Selbstverständlich sollen auch die BAföG-Empfänger mit einer zusätzlichen Zahlung von 230 Euro unterstützt werden. Wie die Auszahlung aber geregelt werden soll, ist noch unklar. Somit ist bei vielen Studierenden die dringend erforderliche Zahlung noch nicht angekommen. Isabella gehört zu den Studierenden, denen die Summe bisher noch nicht ausgezahlt wurde. Sie greift derzeit wie viele andere Studierende auf Ersparnisse zurück, die sie vor ihrem Studium bei Seite gelegt hat. 
„Mittlerweile sind diese aber zu 80 Prozent aufgebraucht. Problematisch wird es aber auch, falls ich krankheitsbedingt Schichten nicht übernehmen kann. Bei Minijobs oder kurzfristigen Beschäftigungen bekommt man in dem Fall keine Lohnfortzahlung. Da ich auf das Geld meiner Jobs angewiesen bin, ist dann der Druck immer sehr groß, die Stunden möglichst bald wieder nachzuholen, auch wenn ich noch gar nicht wieder fit bin. Manchmal muss ich das Studium dann hinten anstellen, denn sonst hätte ich am Ende des Monats nicht genug Geld, um alle Kosten zu decken.“ (Anmerkung der Redaktion: Auch bei Minijobs und kurzfristigen Beschäftigungen besteht ein Recht auf Lohnfortzahlung.) Doch der Winter beginnt gerade erst. Somit steht auch vielen weiteren Studierenden noch die schwerste Zeit des Jahres bevor. 

Angst vor der dunklen Jahreszeit

In diesem Jahr hat Isabella noch größere Sorgen vor unvorhersehbaren Kosten, wie zum Beispiel der Nebenkostenabrechnung. In den Wintermonaten sinken die Temperaturen und die Tage werden kürzer. Damit steigen natürlich die Energiekosten deutlich an. Somit steigt auch der finanzielle Druck bei den meisten nochmals. Aus Angst, ihren Lebensunterhalt nicht mehr finanzieren zu können, arbeiten viele Studierende nun deutlich mehr neben dem Studium. Dabei kommt bei den meisten das Studium aber zu kurz und somit verlängert sich dann die Studienzeit. Mit der längeren Studienzeit verlängert sich auch die Zeit, in der die finanziellen Mittel knapp sind. Die finanziellen Sorgen und der starke Leistungsdruck durch das Studium und den Nebenjob können sich dann auch schnell auf die Psyche vieler Studierenden auswirken.

Krisenmodus löst psychische Probleme aus

Bereits durch die Corona-Pandemie ist die Zahl der Studierenden mit psychischer Beeinträchtigung angestiegen. Durch die aktuelle Situation droht diese weiter zu steigen. Dies beobachtet auch Matthias Anbuhl  „Die psychosozialen Beratungsstellen der Studierendenwerke werden förmlich überrannt, an vielen Standorten hat sich die Wartezeit vervielfacht. Auch die Gründe, warum die Studierenden die Beratungsstellen aufsuchen, haben sich verändert. Vor der Pandemie waren es zumeist ‚klassische Probleme, wie Arbeitsstörungen, Prüfungsängste und Schwierigkeiten beim Studienabschluss. Inzwischen ist die Situation deutlich gravierender.“  Daher hat er eine klare Forderung: „Die Bundesregierung muss bei den Entlastungen für die Studierenden noch einmal nachlegen, damit sie einigermaßen gut durch den Winter kommen.“

Das Studium und der finanzielle Druck haben sich auch auf die Psyche von Isabella ausgewirkt. Der Spagat zwischen dem Studium und der Arbeit wurde ihr zu groß und hat sie zunehmend gestresst. Nun hat auch sie sich dafür entschieden, ihr Studium zu verlängern. Das verbessert ihre finanzielle Lage zwar nicht unbedingt, aber nimmt ihr den starken Druck und konnte auch ihr Stresslevel senken. Somit hat sich ihre psychische Situation erst mal verbessert.

Professionelle Hilfe in schwierigen Zeiten

Leider gibt es keine universelle Lösung für finanzielle Schwierigkeiten während des Studiums. Bei vielen Finanzierungsmöglichkeiten handelt es sich um Einzelfälle, die pauschal nicht angewendet werden können. Eins ist jedoch klar: Die meisten Studierenden sind nicht allein mit diesem Problem. Öffentliche Stellen wie zum Beispiel die Studentenwerke von Hochschulen oder Organisationen wie die DGB-Jugend können Studierenden helfen, die beste Finanzierungsmöglichkeit für ihr Studium zu finden. Neben dem BAföG gibt es noch viele weitere Möglichkeiten, die für sie infrage kommen könnten, dazu gehören unter anderem Stipendien und Wohngeld. Bei Fragen sollten die Studierenden keine Ängste haben, sich Hilfe zu holen. Dasselbe gilt natürlich auch für psychische Probleme. Bei diesen können sich die Studierende an die Sozialkontaktstellen von Hochschulen und Universitäten wenden. Zusammen können für alle Arten von Schwierigkeiten Lösungen gefunden werden.

 

*Name geändert

Text und Bild: Franziska Pfoh

<h3>Franziska Pfoh</h3>

Franziska Pfoh

ist 25 Jahre alt und studiert im fünften Semester Medienmanagement an der Hochschule Mittweida. Bei medienMittweida ist sie als Redakteurin tätig und engagiert sich ebenfalls im Ressort Gesellschaft.