Games-Industrie in Sachsen

Gaming made in Saxony – Wie Sachsen zum Gaming-Standort werden will

von | 29. Mai 2026

Sachsens Ansatz, sich als Gaming-Standort in Deutschland zu etablieren. Funktioniert er?

Mit dem R42 hat in Leipzig das deutschlandweit erste „Ökosystem der Games- und Medienbranche“ geöffnet. Ziel ist es, die klassische Wirtschaft mit der Gaming-Branche zu verknüpfen und so Innovation und Wissensaustausch zu fördern. Mit dem gleichen Plan will auch der Freistaat Sachsen die Branche fördern und sich als Standort der Games-Industrie etablieren.

 

„Sachsen ist das Gaming-Powerhouse in Mitteldeutschland und baut diese Position weiter aus.“ Mit diesen Worten äußert sich Ministerpräsident Michael Kretschmer in einem Post zur Eröffnung des R42 in Leipzig und deutet auf die anwachsende Relevanz des Freistaats in der Games-Industrie hin. Auch Markus Bonk, Head of Operations beim R42 und Prof. Dr. Alexander Marbach, Verantwortlicher für den Bereich Creative Content Design an der Hochschule Mittweida stimmen dieser Ansicht zu. Beide haben ihre Einschätzungen zur aktuellen Situation und möglichen Entwicklung der Branche vor Ort in Einzelinterviews mit medienMITTWEIDA geteilt.

Im Bild sind Markus Bonk (l.) und Nova Hoffmann (r.) beim Inteview zu sehen

Ausschnitt aus dem Interview von Nova Hoffmann (r.) und Markus Bonk (l.), Quelle: Nova Hoffmann, R42

„Aufbruchsstimmung“

Mit diesem Wort beschreiben beide Interviewpartner die aktuelle Situation der Games-Industrie in Sachsen. Das Klima beschreibt Markus Bonk als: „man baut etwas Eigenes gemeinsam auf und will zeigen, was man kann.“ Dies sei auch positiv von außerhalb wahrnehmbar, schildert er und führt als Beispiele die Zusammenarbeit beim gemeinsamen Auftreten bei Veranstaltungen, wie der Gamescom oder dem Interesse von Unternehmen außerhalb der Games-Industrie auf. Der Gemeinschaftsstand SACHSEN! beziehungsweise SAXONY! wurde 2024 von der Wirtschaftsförderung Sachsen initiiert, um der regionalen Games- und XR-Branche eine Plattform zu bieten. Im Jahr 2026 wird Sachsen im dritten Jahr in Folge mit dem Stand auf der Gamescom vertreten sein.

Alexander Marbach äußert, dass die „Aufbruchsstimmung“ besonders auf das Umfeld der Kleinunternehmen zutrifft, zu dem auch viele der ansässigen Spielestudios und Start-ups mitzählen. Diese würden von einem stabilen Klima und zahlreichen Förderungen profitieren können. Ein professionelles Umfeld mit größeren Studios oder Publishern müsse sich aber erst noch aufbauen.

Vom Schlusslicht ins Mittelfeld

Noch im Jahr 2021 belegt Sachsen, zusammen mit Thüringen, den vorletzten Platz im game Branchenbarometer 2021, einer Umfrage des game – Verband der deutschen Games-Branche unter seinen rund 350 Mitgliedern. 2025 holt Sachsen auf und rückt ins Mittelfeld im Branchenbarometer. Ähnliche Zahlen zeigt auch die Studie Die Games-Branche in Deutschland 2025, die im Januar 2026 veröffentlicht wurde, auf. Mit 36 Hauptstandorten und circa 183 Beschäftigten belegt Sachsen die Plätze acht und neun im deutschlandweiten Vergleich der Unternehmen im erweiterten Kernmarkt der Games-Industrie. Diese Zahlen seien laut Markus Bonk aber mit etwas Vorsicht zu bewerten, da hierbei besonders wichtig sei, welche Bewertungskriterien bei den Umfragen, als auch in der Analyse angewendet wurden. Unternehmen, die nicht der klassischen Spieleentwicklung angehören, könnten möglicherweise ausgeschlossen worden sein, da der hauptsächliche Fokuspunkt in Sachsen nicht auf der Spieleentwicklung liegt.

Auch die vor Ort stattfindenden Projekte und Veranstaltungen „zeigen, dass die Branche in Sachsen sich eigene Dinge vornimmt und diese konsequent und kontinuierlich durchzieht”, äußern sich Bonk und Marbach mit ähnlichen Worten. Solche Vorhaben, würden daher einen maßgeblichen Einfluss auf das Wachstum des Industriezweigs in der Region haben und das Ansehen und die Anziehungskraft für etablierte Unternehmen sich in Sachsen niederzulassen fördern. Zu diesen Vorhaben zählen unter anderem die CAGGTUS Leipzig, welche 2023 erstmals von der Messe Leipzig durchgeführt wurde, der Games Innovation Award Saxony und das R42, welches im April 2026 eröffnet wurde und unter anderem Ministerpräsident Michael Kretschmer zu Besuch hatte. Markus Bonk bedauert hierbei jedoch, dass es noch eine zu geringe Sichtbarkeit gebe. Zudem sei das Selbstvertrauen dahingehend noch zu wenig, um zu zeigen, was bereits da sei.

auf dem Bild sind die Bundesländer zu sehen und auf welchem Platz diese beim Branchenbarometer 2021 gefallen sind

Die Bilder zeigen den Aufstieg Sachsens bei der Platzierung im game Branchenbarometer im Vergleich von 2021 zu 2025, Quelle: game

„Gaming goes Industry“

Der sächsische Umgang mit der Games-Industrie ist in Deutschland einzigartig, sagt Marbach. Die Ideen gebe es schon, seien aber in der Kombination neu. Anstatt sich auf die klassische Spieleentwicklung zu fokussieren, bemüht sich Sachsen darum, die Games-Industrie mit anderen Wirtschaftszweigen zu verknüpfen und so den Wissens- und Innovationsaustausch zu fördern. Hierbei sind Interaktivität und Gamification besonders interessant, als Anknüpfungspunkte, Innovationspotenziale, sowie Digitalisierungselemente, um regionale Unternehmen wettbewerbsfähiger zu machen. Markus Bonk und Alexander Marbach teilen diesen Ansatz: Menschen müsse bewusst gemacht werden, was mit Gaming geschaffen werden könne, außerhalb der Spieleentwicklung, äußern sie sinngemäß. Markus Bonk beschreibt ebenfalls, wie Vertreter unterschiedlicher Wirtschaftszweige auf das R42 zukommen, um zu erfahren, welche Ansätze aus der Games-Industrie sie für ihre Vorhaben verwenden können. Für Alexander Marbach sei diese Verknüpfung aber noch zu selten bzw. zu sehr auf den Raum Leipzig fokussiert. Sachsen könne sich da ein Beispiel an Leipzig nehmen, meint er.

„Die Fähigkeit Sachen interaktiv ansprechend zu gestalten, mit ’ner emotionalen Reise zu versehen, das sind Dinge die heut‘ ständig gebraucht werden“

Alexander Marbach

Professor für Creative Content Design, Hochschule Mittweida

 

Neben der Gamification seien für Bonk und Marbach noch weitere Aspekte aus der Games-Industrie interessant für die Anwendung in anderen Branchen. Bei der Gamification werden Inhalte möglichst interessant vermittelt und Produkte und Webseiten interaktiv gestaltet, um eine möglichst junge Zielgruppe zu erreichen. Für Markus Bonk seien Game-Engines ein Bereich, der noch zu unbeachtet sei. „Engines als Baukästen bringen schon viele Funktionen und Lösungen mit sich, die man bereits in den Alltag übersetzen kann”, sagt er. Diese können, gerade in Kombination mit KI, gut für Automationsprozesse genutzt werden. Alexander Marbach sehe vor allem die gelernten Fähigkeiten von Personen aus der Games-Industrie als interessante Möglichkeit zur Verknüpfung mit anderen Wirtschaftszweigen. Darunter fielen beispielsweise das Game-Desgin, als auch weiteres technisches Know-how. Dies hätte auch den Nebeneffekt für junge Menschen, mit ihrer Ausbildung in anderen Bereich Anschluss und Nachfrage zu finden.

Ohne Förderung keine Industrie

„Diese Branche hat enormes Zukunftspotential, gerade hier in Sachsen“, meint Martin Dulig, ehemaliger Wirtschaftsminister von Sachsen bis 2024. Diese Branche, sei aber auch sehr von Fördergeldern abhängig, merken Bonk und Marbach an. „Wir stehen auf wackeligen Förderfüßen”, äußert Alexander Marbach auf die Frage, wie stabil das Fundament der Games-Industrie in Sachsen sei. Auch von Markus Bonk wird betont, dass besonders Unternehmen in der Gründungsphase stark von Fördergeldern abhängig sind. Diese Gelder stammen fast ausschließlich aus staatlichen Haushalten, wie der Games-Förderung des Bundes, der sächsischen Wirtschaftsförderung, der Mitteldeutschen Medienförderung oder verschiedenen städtischen Förderprogrammen. Dass es keine Förderung aus der Wirtschaft heraus gebe, liege daran, dass die „sächsische Wirtschaft zu konservativ ist, um Spiele als förderwürdig zu erachten“, meint Alexander Marbach.

Wer in Sachsen gefördert werden will, hat verschiedene Möglichkeiten dafür. „Es ist nicht immer ersichtlich, dass Games-Förderung dahintersteht“, äußert Markus Bonk zum Thema. Er deutet darauf hin, dass das Angebot bisher mit Aufwand, Interesse und Durchhaltevermögen verbunden war und die Möglichkeiten verstreut und oftmals implizit ausfielen. Um das Angebot zu bündeln und das Bewerben auf Förderung zu vereinfachen, wurde daher im August 2025 die Initiative „Next Level Saxony!“ vom Games & XR Mitteldeutschland e.V. und durch das Amt für Wirtschaftsförderung der Stadt Leipzig ins Leben gerufen. Förder- und Kooperationspartner sind ebenfalls die Wirtschaftsförderung Sachsen, die Mitteldeutsche Medienförderung und der R42-Games-Accelerator. Auf der gleichnamigen Plattform kann man per „Förderungs-Matchmaking“ die passenden Förderungsangebote und entsprechende Kontaktpersonen finden.

Die Art der Förderung habe sich in den letzten Jahren ebenfalls verbessert, sagen Bonk und Marbach. Die Prozesse hätten sich auf beiden Seiten professionalisiert, was es mehr Menschen ermögliche, diese zu nutzen. Dies könne die Aufmerksamkeit dementsprechend weiter stärken, sagen sie. Doch endlose Förderung sehen beide als nicht lösungsorientiert an. „Man kann fördern, sollte das aber mit Bedacht tun“, so ihre Meinung. Für beide ist wichtig, dass Förderung in der Games-Industrie sich an der Wirtschaftlichkeit orientiert und nicht an der Kreativität. Zudem sehen beide eine gewisse Diskrepanz zwischen dem, was gefördert werden soll und dem, was schon geleistet werden kann. „Ich glaub’, zwischen dem können wir das schon passend und wir kriegen mehr, ist noch eine Lücke, die wir schließen müssen“, äußert sich Markus Bonk.

Gut ausgebildet, aber wenig erfahren

Das Personalangebot in Sachsen sei für die Games-Industrie sehr gut. Dies merken Bonk und Marbach an, erwidern jedoch, dass diese Qualität mit einem Preis kommt. „Da kommt dann eher die Frage: Kann ich mir tatsache so einen Senior-Developer/-Artist/-Game-Designer, was auch immer, leisten und will das auch versus was mach ich davon irgendwie selbst“, meint Markus Bonk. Die Kosten für eine gut ausgebildete Fachkraft seien oftmals zu hoch für die Spielestudios, die ohnehin schon mit engen Budgets arbeiten müssen, erklärt er. Alexander Marbach zufolge sei das Personal jung, motiviert und gut ausgebildet. Es würde ihnen jedoch an notwendiger Erfahrung fehlen und die Menschen mit den nötigen Kenntnissen stammen oft aus anderen Branchen. Erfahrenes Personal aus der Games-Industrie sei, laut Marbach zu wenig vorhanden bzw. zu wertvoll für die Unternehmen, dieses zu verlieren. Diese Lücke zwischen unerfahrenem Angebot und der Nachfrage nach erfahrenem Personal, müsse noch geschlossen werden.

Im Vergleich zu anderen Bundesländern stehe Sachsen gut da, könne aber noch nicht mit den Vorreitern mithalten, so Bonk und Marbach. Dies liege daran, dass es in Sachsen weniger Menschen gebe, die in der Branche arbeiten könnten, meint Markus Bonk. Für Alexander Marbach sei der Grund, dass es in der Region noch an prestigefähigen Firmen oder Sitzen ausländischer Studios fehle. Diese könnten Erfahrung und Kapital nach Sachsen bringen.

Beide sind sich einig, dass die ansässigen Hochschulen einen großen Einfluss auf die Qualität haben, aber auch darüber hinaus einen wichtigen Pfeiler der sächsischen Games-Industrie darstellen. Neben dem Anreiz für Unternehmen sich in Sachsen niederzulassen, um das Personalangebot auszuschöpfen, seien die Hochschulen ein wichtiger Ort bei der Studiogründung. Alexander Marbach erklärt, viele der Studios in Sachsen würden während beziehungsweise nach dem Studium gegründet. Oftmals von Studierenden, die sich mit ihren Kenntnissen beweisen wollen. Dies würde auch durch die bestehenden Studierendenprojekte bekräftigt werden. Angesprochen auf die beta, dem Spieleentwicklungsprojekt der Hochschule Mittweida, erklärt Alexander Marbach folgendes: Die beta solle es den Studierenden ermöglichen, Abläufe in der Spieleentwicklung kennenzulernen und die Zusammenarbeit in größeren Teams, mit gleichzeitig ablaufenden Prozessen zu üben. Hierbei solle besonders viel Wert auf die Fehlerkultur gelegt werden, bei der man Fehler machen darf bzw. soll, um aus diesen zu lernen. Zudem würde dieser Ansatz es ermöglichen, die Defizite des Einzelnen aufzuzeigen, führt er fort.

Was Sachsen noch fehlt

In Sachsen steht die Games-Industrie vor mehreren Hürden, die überwunden werden müssen, um weiteres Wachstum und Fortbestand zu gewährleisten. Als Hauptpunkt nennen Markus Bonk und Alexander Marbach das Fehlen von Publishern und etablierten Entwicklerstudios. Ein Publisher könnte die ansässigen Studios beim Vertrieb, beim Vermarkten und bei der Finanzierung unterstützen und etablierte Studios würden die Möglichkeit für junge Entwickler bieten, Erfahrung zu sammeln. Zudem würde das Netzwerken innerhalb der Branche noch zu wenig und in zu geringem Umfang stattfinden, äußert Markus Bonk.

Um die Situation zu verbessern, fordern Bonk und Marbach ein größeres Zusammenarbeiten und Teilnehmen bei regionalen Organisationen wie dem Games & XR Mitteldeutschland e.V., damit mehr Sichtbarkeit und Ansehen für den Standort Sachsen entstehen können. Auch Martin Dulig betonte bereits 2024 die Notwendigkeit, „Akteure miteinander und branchenübergreifend zu vernetzen.“ Zudem fordert Markus Bonk mehr Aktivität beim Austausch von Erfahrung und Fähigkeiten, beispielsweise durch GameDevs oder GameJams, bei denen Entwickler ihre Fähigkeiten anhand von kleinen Spieleprojekten testen und verbessern können.

Die Zukunft in Sachsen

Der Wandel der globalen Games-Industrie zeigt, prominente und große Studios verlieren ihren Einfluss und Indie-Studios rücken immer mehr ins Rampenlicht. Für Sachsen bleibt abzuwarten, in welche Richtung sich die Branche entwickeln wird. Markus Bonk sieht den Wandel als klare Chance für Sachsen, sich zu etablieren und so zu Ansehen zu gelangen. Alexander Marbach ist hingegen unsicher und sagt, dass es für ihn darauf ankomme, wie sich KI entwickle und in die Branche integriert werde. Zudem würde eine Professionalisierung der Branche helfen, um die Attraktivität für den Standort zu erhöhen. Alexander Marbach meint, dass sich Sachsen hierbei an anderen Bundesländern, sowie international orientieren könne. Trotz der unterschiedlichen Ausblicke sind beide sich einig: Das Fundament für weiteres Wachstum ist vorhanden, auch wenn es noch sehr wackelig ist. Die nächsten Schritte bestünden darin, das Vorhandene weiter auszubauen und die regionale Zusammenarbeit zu stärken.

Text und Titelbild: Nova Hoffmann; Bilder: Nova Hoffmann, R42; Grafiken: game

<h3>Nova Hoffmann</h3>

Nova Hoffmann

Nova studiert Medienmanagement an der Hochschule Mittweida und ist aktuell in der Rolle der Chefredaktion bei medienMITTWEIDA tätig. Nova interessiert sich für Themen, die sich mit Gaming bzw. der Games-Industrie im allgemeinen befassen.