Biodiversitätskrise

Das sechste Massensterben

von | 8. Dezember 2023

„Das Artensterben zu ignorieren, ist der vielleicht größte Fehler der Menschheit."

Die Artenvielfalt auf der Erde ist die Grundlage für die Existenz des Lebens. Derzeit sterben weltweit ungewöhnlich viele Arten in einer hohen Geschwindigkeit. Forscher:innen warnen vor einem massiven Massensterben, durch das auch die physische und ökonomische Existenz von Milliarden Menschen gefährdet sei.

Vorboten einer Katastrophe

In den vergangenen 500 Millionen Jahren der Erdgeschichte wurde das Leben in fünf großen Massensterben jeweils fast vollständig ausgelöscht. Verursacht durch Phänomene wie extreme Eiszeiten, Vulkanausbrüche oder das jüngste Ereignis dieser Art: Der Einschlag eines riesigen Asteroiden vor 66 Millionen Jahren, der etwa 76 Prozent aller Arten, inklusive Dinosaurier, auslöschte. Forscher:innen kamen zum Ergebnis: Das sechste sogenannte Massensterben hat begonnen, für das die Menschheit zum ersten Mal selbst verantwortlich ist. Die Forscher:innen warnen davor, dass ein massiver Rückgang der Artenvielfalt auch für uns Menschen gefährlich werden könnte.

Noch bekommt das Artensterben wenig Aufmerksamkeit. Doch von den aktuell geschätzten acht Millionen Pflanzen- und Tierarten auf der Erde sind ein Zehntel bereits vom Aussterben bedroht. „In den kommenden Jahrzehnten könnten eine Million Arten von der Erde verschwinden.”, sagt BUND-Landesvorsitzende Sylvia Pilarsky-Grosch aus Baden-Württemberg zum Internationalen Tag der biologischen Vielfalt. Auch in Baden-Württemberg bedrohe der rasante Verlust der Artenvielfalt bereits die Lebensgrundlage: „Wir stehen vor dem Kollaps.“

Biodiversität

Biodiversität ist die biologische Vielfalt von Arten, Lebensräumen und Genen. Je größer die biologische Vielfalt, desto stabiler und gesünder sind Ökosysteme. Die Biodiversität ist also ein Ausdruck des Gesundheitszustandes der Erde.

Artenvielfalt

Artenvielfalt wird oft synonym zu „Biodiversität“ verwendet, wobei die Artenvielfalt ein Teilaspekt der Biodiversität ist. Sie beschreibt, wie viele verschiedene Arten in einem bestimmten Lebensraum existieren.

Artensterben

Artensterben ist die unwiderrufliche Auslöschung von Pflanzen- und Tierarten, also das evolutionäre Ende einer Stammlinie, bei der keine Nachkommen folgen. Eine Art stirbt aus, wenn das letzte Individuum dieser Art stirbt. Damit geht ihre genetische Information im Ökosystem für immer verloren.

Stilles Verschwinden

Jeden Tag verschwinden bis zu 150 Tier- und Pflanzenarten unwiderruflich von der Erde. Einer Studie zufolge könnte die aktuelle Aussterberate mehr als hundertmal höher sein als normal – und diese Einschätzung bezieht sich ausschließlich auf Arten, über die wir wissen. In den Ozeanen und Wäldern der Erde existiert vermutlich eine unermessliche Zahl an Arten, von denen viele aussterben werden, bevor sie Menschen überhaupt entdecken können. Normalerweise gehört das Aussterben von Arten zur natürlichen Evolution, jedoch wird es unter dem Einfluss des Menschen in beträchtlichem Maße beschleunigt. „Gäbe es nur das Hintergrundsterben, hätte es 800 bis 10.000 Jahre gedauert, bis die gleiche Anzahl an Arten verschwunden wäre“, berechneten Forscher:innen der Universität in Mexiko. 

Journalistin Elisabeth Kolbert, Autorin von „The Sixth Extinction“, ist überzeugt, dass wir Menschen ohne Zweifel für die hohen Aussterberaten verantwortlich sind. „Uns sind kaum, vielleicht sogar überhaupt keine Artentode aus den letzten 100 Jahren bekannt, die auch ohne menschliches Zutun stattgefunden hätten.“ Bis sich die ursprüngliche Artenvielfalt wiederhergestellt hat, dauert es mehrere Millionen Jahre. Vergleichsweise geht man bei Wirbeltieren, wozu die Menschheit gehört, von einer durchschnittlichen Lebenszeit von einer Million Jahren aus – die Menschen existieren bereits seit 200.000 Jahren. „Man kann nicht davon ausgehen, dass unsere Art noch vertreten ist, wenn sich der Planet von einem Massensterben erholt“, so Kolbert.

Gestörtes Gleichgewicht

Stabile und reichhaltige Ökosysteme erbringen lebenswichtige Leistungen, von denen die Menschheit abhängig ist. Doch durch das sogenannte Shifting-Baseline-Syndrom nehmen wir das Artensterben nur schleichend wahr: Wenn sich Umweltbedingungen langsam verschlechtern, werden diese Veränderungen von den nachfolgenden Generationen als normal wahrgenommen, da sie keine Erfahrung mit den vorherigen, gesünderen Zuständen haben. Professor Röbbe Wünschiers, Sprecher der Fachgruppe Biotechnologie und Chemie der Hochschule Mittweida, sagt gegenüber medienMITTWEIDA, dass die eigene Betroffenheit sogar das größte Problem sein könne, um die Dringlichkeit zu verstehen. „Als Mensch fühlt man sich scheinbar nicht unmittelbar betroffen. Es ist sehr abstrakt und schwierig zu fassen, welche Auswirkungen es auf einen persönlich haben wird.“ Weiter betont er: „Naturwissenschaftlich gesehen haben wir es wirklich mit einer essentiellen Krise zu tun.“ 

Die Vielfalt von Arten ist für die menschliche Existenz also eine der wichtigsten Lebens- und Überlebensgrundlagen. Weltweit werden rund 50.000 verschiedene Pflanzen- und Tierarten, sowie Pilze und andere Organismen vom Menschen genutzt und gelten als überlebenswichtig. Ein Massensterben könnte durch die Zerstörung von Meeren, Wäldern und anderen Lebensräumen unmittelbar die Ernährung und Gesundheit des Menschen bedrohen. Die Biodiversität versorgt uns zudem mit sauberer Luft, frischen Trinkwasser oder Grundstoffen für lebenswichtige Medikamente. Die US-Biologin Rachel Carson schrieb in ihrem Buch „Der stumme Frühling“:

„Der Mensch ist Teil der Natur, und sein Krieg gegen die Natur
ist zwangsläufig ein Krieg gegen sich selbst.“

Rachel Carson

Wir sägen am Ast, auf dem wir sitzen

Die Menschheit beeinflusst den Planeten wie kein anderes Lebewesen zuvor in der Erdgeschichte. Die Nutzung von Arten und Lebensräumen übersteigt die Grenzen der Nachhaltigkeit. Der Rückgang der biologischen Vielfalt wird durch mehrere Faktoren beeinflusst. Neben der Klimakrise und Umweltverschmutzung befeuert besonders der Verlust von natürlichen Lebensräumen den Artenschwund. 

Die Urbanisierung schreitet immer mehr voran. 70 Prozent der Weltbevölkerung lebt in Städten, mit steigender Tendenz, was zu massiver Flächenversiegelung führt. Gebäude, Straßen und Gewerbeflächen sind tote Gebiete für Pflanzen und Tiere. Durch die urbane Entwicklung verliere der Mensch auch zunehmend die Verbindung und Wertschätzung zur Natur, sagt Dieter Uhlemann, Vorsitzender des Landesverband Sachsen Varroaresistenzzucht e.V. (LSV) gegenüber medienMITTWEIDA. Weiterhin sagt er: „Das Verständnis für die Natur und wie alles miteinander zusammenhängt, ist im letzten halben Jahrhundert verloren gegangen.“

Auch die Agrarwirtschaft mit all ihren Sekundärfaktoren fördert das Artensterben durch die Verdrängung von Lebensräumen. In Deutschland wird fast die Hälfte der gesamten Fläche landwirtschaftlich genutzt. Und solche großen Flächen bedeuten eine enorme Menge an Pestiziden, die Insekten töten. „Mit dem Ausrotten der Insekten werden automatisch alle Tierarten getötet, die in der Nahrungskette darauf folgen“, sagt Wünschiers, Professor der Hochschule Mittweida. Hinzu kommen direkte Schäden an der Umwelt durch die Verschmutzung von Luft und Grundwasser.  

Die Übernutzung von Tier- und Pflanzenarten und bestandsgefährdende Praktiken, wie Überfischung und Wilderei, verstärken den Verlust der ursprünglichen Artenvielfalt weiter.

Ohne Natur kein Mensch

Es lässt sich nicht genau vorhersehen, welche Folgen ein Massensterben für den Menschen hätte. Das Verschwinden einer Art kann aber bereits weitreichende Auswirkungen auf die Nahrungskette haben. Wie groß die Bedrohung des Rückgangs der biologischen Vielfalt ist, kann derzeit in den USA beobachtet werden – dort stirbt eine massive Anzahl an Bienenvölkern. Bienen sind entscheidende Bestäuber in der Landwirtschaft, die unsere Nahrungsmittelversorgung sichern. Auch in Deutschland sind bereits mehr als die Hälfte der Wildbienenarten vom Aussterben bedroht. Das Verschwinden von Bienen würde ganze Ökosysteme zusammenbrechen lassen. Sowohl der Rückgang von Bestäubern als auch die Übernutzung von Meeren und Wäldern könnte die Ernährungssicherheit und den Wohlstand für Milliarden Menschen in Gefahr bringen.

Der Mensch profitiert darüber hinaus von mehreren Tausend Heilpflanzen. Allerdings sind viele dieser relevanten Arten stark durch den Verlust natürlicher Lebensräume bedroht – und somit auch die menschliche Gesundheit. Das UNO-Umweltprogramm warnt in einer Studie zur Artenvielfalt: Mit dem alarmierenden Artenschwund könnte der Mensch für immer potentielle lebensrettende Medikamente verlieren, wie neue Antibiotika- oder Krebsmedikamente. 

Elisabeth Kolbert ist der Ansicht, dass wir als Menschen den Verlust von sehr vielen Arten womöglich überleben könnten, da wir sehr anpassungsfähig seien. Aber sie stellt uns vor eine elementare Frage: „Selbst wenn wir überleben können – möchten wir und unsere zukünftigen Generationen in dieser Welt existieren? Die Sache ist doch: Das wollen wir gar nicht herausfinden.“ Wünschiers hingegen sei apokalyptisch positiv gestimmt. Als Wissenschaftler entwickle man eine große Demut vor der Natur: „Ich glaube, dass wir die Natur unterschätzen. Auch wenn wir alles zerstören, wird sich ein anderes Gleichgewicht einstellen. Allerdings findet das Leben auf der Erde dann ohne uns Menschen statt. Die Frage, die wir uns am Ende stellen sollten, ist: Wie wollen wir eigentlich in Zukunft leben?“

Artenvielfalt bedeutet Leben

Inmitten all dieser alarmierenden Befunde gibt es auch Regionen, in denen sich die Natur sogar langsam erholt. Wissenschaftler:innen zeigen in einer Studie, wie sich das Ökosystem in der Sperrzone von Tschernobyl durch die Abwesenheit von Menschen entwickelt. Mehr als drei Jahrzehnte nach der Nuklearkatastrophe haben sich die Tierpopulationen inzwischen wieder erholt und sind sogar deutlich höher als vor der Katastrophe. Der britische Forscher Jim Smith von der University of Porthmouth betont, dass die Auswirkungen menschlicher Präsenz dem Tierbestand noch wesentlich mehr zusetzen würde, als es die anhaltenden Folgen der Strahlenbelastung je tun könne. 

Die Erholung bedrohter Arten und instabiler Lebensräume ist oft eng mit einer Veränderung menschlicher Verhaltensweisen verbunden. Eine sichere und lebenswerte Zukunft für die Menschheit erfordert demnach einen umfassenden und intensiven Schutz der Artenvielfalt. Matthias Glaubrecht, Professor für Bio­diversität an der Universität Hamburg, ist überzeugt:

„Das Artensterben zu ignorieren, ist der vielleicht größte Fehler der Menschheit.“

Matthias Glaubrecht

Kurzkommentar der Autorin

Wandel des Bewusstseins

Abstrakt. Für mich könnte ein Begriff nicht passender sein, wenn ich versuche, die Ernsthaftigkeit dieser Krise zu verstehen. Das aktuelle Artensterben ist genauso wie die Klimakrise eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Sieht man sich die Fakten dazu an, vermitteln sie eine sehr beunruhigende Perspektive für die menschliche Zukunft. In der Erdgeschichte unterlag die Natur immer einem kontinuierlichen Wandel. Ich finde es wichtig, einzubeziehen, dass die Natur sich auch verändern darf. Aus naturwissenschaftlicher Sicht handelt es sich bei der derzeitigen Entwicklung aber nicht um einen natürlichen Wandel, sondern um einen Ökozid. Umso wichtiger finde ich, Bewusstsein und Empathiebildung für die Natur zu schaffen. Der Mensch ist nicht separiert von seiner Umwelt – im Gegenteil, der Mensch ist unmittelbar Teil der Natur. Neben existenziellen Ängsten, wie verschmutzter Luft oder Lebensmittelknappheit, denke ich auch an all die Tiere, die durch den Menschen unwiderruflich aussterben werden. Bereits heute gibt es in einigen Bereichen des Meeres kaum noch Leben durch Plastik, Todeszonen oder Überfischung. Die meisten Korallenriffe werden bis 2100 sterben, wenn sich die menschlichen Verhaltensweisen nicht ändern.

Die Tragödie des Artensterbens ist nicht nur aus Existenzängsten relevant, sie ist auch eine emotionale Betroffenheit. Ich will es mir persönlich nicht vorstellen, in einer stillen und öden Welt zu leben, weil wir den Großteil unserer bunten Vielfalt ausgelöscht haben und empfinde bei diesem Gedanken sehr viel Wehmut. Ist es so schwierig, als privilegierter Mensch ein Stück seines Wohlstandes zu reduzieren und kompromissbereiter zu sein, um gefährdeten Tieren und Pflanzen eine Chance zum Überleben zu geben? Das scheint mir ein geringes Opfer zu sein. Ich erwische mich selbst auch bei dem Gedanken, mein Verhalten ändere sowieso nichts. Einige der potentiellen Zukunftsszenarien werde ich auch nicht erleben. Also warum bemühe ich mich? Weil wir es der Natur schulden, durch die wir täglich frische Luft, sauberes Wasser und genug Essen haben. Und wir tragen eine moralische Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen, wie den Kindern unserer Kinder. Die Entscheidungen, die wir heute treffen, werden die Zukunft aller Menschen bestimmen.

Text und Titelbild: Annabell Winhart
<h3>Annabell Winhart</h3>

Annabell Winhart

Annabell Winhart ist 27 Jahre alt und studiert derzeit im 5. Semester Medienmanagement an der Hochschule Mittweida. Seit dem Wintersemester 2023 engagiert sie sich als Mitarbeiterin des Resorts Gesellschaft bei medienMITTWEIDA.