Neonlicht flackert über endlosen gelben Fluren. Das monotone Summen der Lampen und der Geruch feuchten Teppichs begleiten jeden Schritt. Hinter jeder Ecke wartet nur ein weiterer, identischer Gang – und mit jeder Minute wächst das Gefühl, an einem Ort festzustecken, der nie für Menschen gedacht war.
Mit der Ankündigung eines Backrooms-Films durch das Filmstudio A24 erlebt eines der ungewöhnlichsten Horrorphänomene des Internets einen neuen Popularitätsschub. Was einst als einzelnes Bild in einem Internetforum begann, hat sich innerhalb weniger Jahre zu einer eigenen Mythologie entwickelt – mit Millionen von Videos, Fan-Geschichten und Diskussionen.
Der Ursprung
Die Backrooms entstanden aus einem Beitrag auf dem Internetforum 4chan. Das Bild zeigte keinen spektakulären Ort, sondern etwas Verstörendes im Gewöhnlichen: einen Raum, der wie ein Büro oder ein Hotelkorridor wirkte, aber jede erkennbare Funktion verloren hatte. Die Beschreibung sprach von altem Teppichgeruch, dem monotonen Summen von Leuchtstoffröhren und Millionen leerer Räume.
Anders als klassische Horrorgeschichten verzichtete die ursprüngliche Version auf konkrete Bedrohungen. Es gab keine Killer, keine Dämonen und keine übernatürlichen Wesen. Die Angst entstand allein aus dem Gedanken, für immer an einem Ort festzustecken, der weder Ziel noch Bedeutung besitzt. Der ursprüngliche Post war bewusst vage gehalten und ließ Raum für eigene Interpretationen. Dadurch konnten Nutzer die Idee immer weiter ausbauen, ergänzen und verändern. Auf Plattformen wie YouTube, Reddit, TikTok oder Discord entstanden innerhalb weniger Jahre unzählige Geschichten, Theorien und Fanprojekte. Dazu kamen Hintergrundgeschichten mit verschiedenen Ebenen, Kreaturen und Überlebensregeln. Viele Anhänger des ursprünglichen Konzepts sehen darin jedoch eine Abkehr von dem, was die Backrooms ursprünglich so beunruhigend machte: die Leere selbst, der Liminal Space.
Wie gelangt man in die Backrooms?
„Noclipping“ bedeutet, dass jemand versehentlich aus der normalen Realität „herausglitcht“ und in die Backrooms gelangt. Der Begriff stammt aus Videospielen: Wenn ein Objekt oder Spieler durch Wände oder andere feste Grenzen hindurchgeht, spricht man von „No Clip“
Was bedeutet „Liminal Space“?
Das Wort „liminal“ stammt vom lateinischen limen und bedeutet „Schwelle“. In den Kultur- und Sozialwissenschaften beschreibt Liminalität einen Übergangszustand zwischen zwei festgelegten Zuständen. Der Anthropologe Arnold van Gennep und später Victor Turner nutzten den Begriff, um Phasen zu beschreiben, in denen Menschen sich zwischen zwei sozialen Rollen befinden – etwa zwischen Kindheit und Erwachsensein oder zwischen Ausbildung und Beruf.
Im Internet erhielt der Begriff eine zusätzliche Bedeutung. Als Liminal Spaces werden heute meist Orte bezeichnet, die eigentlich dem Übergang dienen: Hotelflure, Schulgänge, Flughäfen, Einkaufszentren oder Bushaltestellen. Sie sind nicht als Aufenthaltsorte gedacht, sondern als Räume zwischen zwei Zielen. Ein Schulflur mitten in der Nacht oder ein verlassenes Einkaufszentrum verlieren ihre normale Funktion und erscheinen plötzlich fremd.
Warum leere Übergangsräume Unbehagen auslösen
Der psychologische Effekt von Liminal Spaces beruht auf mehreren Faktoren. Einer davon ist der Verlust von Kontext. Menschen sind daran gewöhnt, Räume mit bestimmten Erwartungen zu verbinden. Ein Schulgang sollte voller Schüler sein, ein Hotelkorridor zu Gästezimmern führen, ein Einkaufszentrum voller Besucher sein. Fehlen diese vertrauten Elemente, entsteht ein Widerspruch zwischen Erwartung und Wahrnehmung. Psychologe Klaus Nuyken spricht hier von Erwartungsverletzungen. Das Gehirn sucht nach Bedeutung, findet jedoch keine klare Erklärung. Ein Gefühl unterschwelliger Bedrohung entsteht.
Erwartungsverletzung
Eine Erwartungsverletzung ist ein psychologisches Phänomen, das auftritt, wenn die Realität nicht mit den eigenen Vorhersagen, Denkmustern oder gesellschaftlichen Normen übereinstimmt. Sie führt meist zu Überraschung, Enttäuschung oder kognitiven Lernprozessen.
Hinzu kommt das Gefühl der Isolation. Die Backrooms trennen den Menschen vollständig von bekannten Bezugspunkten. Es gibt keine Fenster, keine Landschaft, keine Uhrzeit und keine sozialen Kontakte. Diese Isolation betrifft nicht nur den Körper, sondern auch das Zeitgefühl und die Identität. Viele Interpretationen vergleichen die Backrooms deshalb mit philosophischen Vorstellungen von Limbo, Purgatorium oder ewigen Zwischenzuständen.
Ein weiterer Faktor ist die Nostalgie. Viele Bilder liminaler Räume erinnern an Orte aus der Kindheit oder Jugend: Schwimmbäder, Spielhallen oder -plätze. Sie wirken vertraut und fremd zugleich. Psychologen beschreiben solche Erfahrungen als eine Mischung aus Wiedererkennen und Entfremdung. Man glaubt, den Ort zu kennen, kann ihn aber nicht eindeutig einordnen. Genau dieser Schwebezustand macht die Bilder emotional so wirksam.
Der perfekte liminale Albtraum
Die Backrooms treiben alle Eigenschaften liminaler Räume auf die Spitze. Sie bestehen fast ausschließlich aus Übergangsräumen, haben jedoch weder Anfang noch Ende. Es gibt kein Ziel, keine Ausgangstür und keine Möglichkeit, den Raum zu verlassen. Was normalerweise nur ein kurzer Durchgang wäre, wird zu einem Zustand permanenter Orientierungslosigkeit.
Gerade deshalb argumentieren viele Fans, dass die Backrooms eigentlich kein Monster benötigen. Die Umgebung selbst erfüllt bereits die Rolle des Antagonisten. Die endlosen Flure, die monotone Architektur und die völlige Abwesenheit menschlicher Spuren erzeugen eine Form von Horror, die weniger auf Schockmomente als auf existenzielle Angst setzt.
Was ist, wenn Monster anwesend seien, sollten?
Werden jedoch Wesen in die Backrooms eingeführt, wie etwa in den Videos von Kane Pixels, verändert sich die Art des Horrors. Die Bedrohung entsteht dann nicht mehr allein durch die endlose, gleichgültige Umgebung, sondern durch die Möglichkeit, verfolgt oder entdeckt zu werden. Die Monster wirken dabei oft wie ein Produkt der fremdartigen Welt selbst – unverständlich, fehl am Platz und dennoch perfekt an die Backrooms angepasst. Dadurch verbindet sich der existenzielle Horror der Isolation mit dem unmittelbaren Schrecken einer physischen Gefahr, was die Backrooms dynamischer, aber auch weniger abstrakt erscheinen lässt.
Faszination bis heute
Der Erfolg der Backrooms zeigt, dass Horror nicht zwangsläufig Monster oder Gewalt benötigt. Das Phänomen verbindet moderne Internetkultur mit einem tief verwurzelten psychologischen Gefühl. Liminale Räume erinnern Menschen daran, wie verletzlich ihr Orientierungssinn ist und wie stark sie auf vertraute Strukturen angewiesen sind. Vielleicht liegt genau darin die anhaltende Faszination. Die Backrooms präsentieren keinen fremden Ort, sondern eine verzerrte Version vertrauter Räume. Sie zeigen eine Welt, die beinahe normal aussieht – und gerade deshalb so verstörend wirkt. Denn zwischen den gelben Wänden, den endlosen Korridoren und dem Summen der Neonlampen lauert keine Kreatur. Die eigentliche Bedrohung ist die Vorstellung, dass dort niemand mehr kommt.
Gerade darin liegt für mich die Besonderheit der Backrooms. Viele moderne Horrorfiguren verlieren ihren Schrecken, sobald ihre Regeln bekannt sind. Die Backrooms funktionieren umgekehrt: Je länger man über sie nachdenkt, desto beunruhigender werden sie. Sie zeigen, dass die stärksten Ängste oft nicht von Monstern ausgehen, sondern von Räumen, die vertraut wirken und dennoch jede Orientierung verweigern.
Teaser Backrooms; abgerufen am 24.06.2026