Kommentar

Ich will Geschichte und keine Geschichten

von | 18. November 2022

Sophie Scholls Geschichte auf Instagram erzählen – das funktioniert nur, wenn man sich an die Fakten hält.

Eigentlich war die Idee keine schlechte: Zum 100. Geburtstag von Sophie Scholl wollten BR und SWR die Geschichte der jungen Widerstandskämpferin so erzählen, dass auch die Jüngeren etwas damit anfangen können. Auf Instagram wurde über 10 Monate „hautnah, emotional und in nachempfundener Echtzeit“ so getan, als hätte Sophie einen Account auf der Social-Media-Plattform. Neun Monate später weiß man, dass man es hätte besser machen können und dass trotz aller Aufruhr die eigentliche Zielgruppe nicht erreicht wurde: junge Leute.

Insta-Sophie im Widerstand

Aber der Reihe nach. Von Mai 2021 bis zum 18. Februar 2022 war der Instagramkanal @ichbinsophiescholl aktiv. In großangelegter Zusammenarbeit von Südwestrundfunk und Bayerischem Rundfunk sowie mehreren Produktionsfirmen, darunter VICE Media, entstanden insgesamt 401 Feedposts mit insgesamt fast vier Stunden Videomaterial. Schauspielerin Luna Wedler schlüpfte in die Rolle der Sophie Scholl und erzählte mit zahlreichen Kolleg*innen jeden Tag ein Stück mehr vom Leben unterm Hakenkreuz 1941/42. Aber eben alles aus der Selfie-Perspektive einer Insta-Sophie. Reels, GIFs, Insta-Storys, Slides: Die Redaktion hinter dem Account nutze alle Facetten der Plattform, um den User*innen die Widerstandskämpferin näher zu bringen.

Kritik gibt es dennoch von Anfang bis Ende des Projekts. Nicht so sehr für die Aufmachung, als viel mehr für den Inhalt. Besser gesagt: die nicht vorhandene Kontextualisierung dessen. Bis ins ZDF Magazin Royal hat es die Schollfluencerin geschafft. Das ist, wie Fynn Kliemann weiß, immer ein Zeichen des sicheren Erfolgs. Böhmermann fand damals deutliche Worte und sagte: „Wer anfängt, sich kreativ erinnern zu wollen, der kann sich auch gleich alternativ erinnern.“ Auch Nora Hespers begleitet das Projekt bei Übermedien mit drei Artikeln und befindet in jedem davon, dass es Trennschärfe braucht zwischen Fakten und Fiktion.

Spricht man von Historie und Geschichte, dann geht es um Tatsachen, um all das, was auch tatsächlich belegbar ist. Alles andere sind Geschichten, Spekulationen, Vermutungen, welche ganz klar kenntlich gemacht werden müssen. Es ist eine Sache, solche Dinge aus reiner Naivität zu „vergessen“. Eine ganz andere ist es aber, wenn aus voller Absicht ohne Kennzeichnung die Fakten gedehnt werden.Von einem zulässigen Spiel spricht da der zuständige Redaktionsleiter des SWR, Ulrich Herrmann:

„Ein Stück weit ist das die Verabredung von Instagram. […] Interaktion heißt, mit der Figur, die man da sieht, zu kommunizieren. In dem Fall interessant, weil sie halt ein Stück weit fiktional ist, auf einer historischen Figur beruhend.“

Ach, dann geht es doch nicht um die historische Sophie Scholl, sondern um eine fiktionale Insta-Sophie, die zufällig den gleichen Namen hat? Wenn die Biografie einer Person in den Medien dargestellt werden soll, muss man sich entscheiden: Erzählt man die belegbaren Gegebenheiten nach oder nimmt man sie als Grundlage und erschafft etwas Eigenes daraus. Vermischen geht nicht.

So funktioniert Scrollytelling nicht

Was dann entsteht ist eine einzige Geschichtsklitterei. Man fragt sich etwas, ob das Team von SWR und BR eine neue Form des Scrollytellings etablieren wollten. Dass dies aber mit langen Texten als Hauptmedium auf Websites und nicht in den Kommentarspalten von Instagram funktioniert, hatte ihnen wohl keiner gesagt.

So bekommt Insta-Sophie Ende Juni 2021, als sie gerade eine coole Tanz-Story filmt, überraschend Besuch von ihrer (nicht als fiktional gekennzeichneten) Freundin Irma aus Köln. Sie ist aus der vom 1000-Bomber-Angriff der Royal Air Force zerstörten Stadt geflüchtet, der sich bereits im Mai 1942 ereignete. Das muss man allerdings aus dem Geschichtsunterricht wissen, denn gesagt bekommt man es auf dem Account nicht. Dabei hat die Redaktion mit #TeamSoffer die Möglichkeit geschaffen, jene Antworten zu kennzeichnen, die nicht Insta-Sophie als Rollenspiel sondern bewusst die Redaktion gibt. Sichtbar traumatisiert von den Erlebnissen sitzt die junge Frau im Wohnzimmer der Geschwister Scholl und zeigt Sophie Bilder des zerstörten Kölns. Sechs davon postet Insta-Sophie prompt als Slide in ihrem Feed. In der Bildbeschreibung steht „unglaublich schrecklich! Andere Worte finde ich gerade nicht!“ Man kann ihr nur zustimmen. Denn auf dem letzten Bild sind zwei Männer zu sehen, die oberkörperfrei Schutt wegschleppen. Aber hoppla, die haben doch nicht etwa gestreifte Hosen an? Doch. Köln greift als eine der ersten Städte auf Zwangsarbeiter bei den Aufräumarbeiten nach Bombenangriffen zurück, genauso müssen sie auch Blindgänger entschärfen und Leichen bergen. Erzählt wird das jedoch vom Account @nichtsophiescholl in den Kommentaren unter dem Post, im Übrigen mit Quellenangabe. Der Redaktion des Projekts jedoch gelingt das nicht. Die erschreckend wenigen Nachfragen zu den Zwangsarbeiten hat #TeamSoffer bis heute nicht beantwortet. Nur in der Story und Wochenzusammenfassung wird es dann erwähnt. Die Frage ist, schaut man sich das dann wirklich an?

An anderer Stelle gibt es im November 2021 ein Filmchen zu sehen. Es zeigt Wehrmachtssoldaten an der Ostfront im Zweiten Weltkrieg, die im „eisigen, russischen Winter“ fröhlich Schnee schippen und Kohlen schleppen. Alexander Schmorell, Mitglied der Weißen Rose, soll es mitgebracht haben, direkt von der Front. Stimmt das wirklich, fragen einige Nutzer*innen, wenn man sich durch die Kommentare scrollt. Nein, „die gezeigten Aufnahmen stammen von keinem Mitglied der Weißen Rose. Es handelt sich um Archiv[aufnahmen] […] welche heute nicht mehr auf einen eindeutigen Urheber zurück geführt werden können“, schafft es #TeamSoffer diesmal zu antworten. Solche Sachen sind dann eben „Stück weit fiktionalisiert“, nicht wahr? Und man findet es ja auch nur raus, wenn man sich durch das Meer an Kommentaren wühlt. Wenn man solche wichtigen Informationen schon nur in den Kommentaren erwähnt, dann doch bitte auch so, dass jeder es sofort sehen kann. Sollen alle Facetten von Instagram genutzt werden, dann darf auch gern die Fixierungsfunktion mit dabei sein.

„Ihr Opfer bleibt unvergessen!“

Was noch beim großen Scrollen durch die Kommentare des Ostfrontvideos auffällt: Sie sind ein einziges Sammelbecken für einen Opferkult um die Wehrmachtssoldaten. Jeder Zweite erzählt die Leidensgeschichte des armen Großvaters an der Front, der doch eigentlich nie geschossen hat und dann dafür in Kriegsgefangenschaft kam. Kein Scherz, ein Kommentar lautet: „Ihr Opfer bleibt unvergessen!“ Dieser steht bis heute völlig ohne Zusammenhang unter dem Post. Täter zu Opfern zu stilisieren, ist schlicht Geschichtsverklärung. Spätestens jetzt wäre es wichtig, dass die Redaktion kontextualisiert, aufzeigt, dass es so eben nicht war. Aber #TeamSoffer macht etwas ganz anderes: Sie bedanken sich bei denjenigen, die diese „anrührenden“ Zeilen verfassen, es sei „umso wichtiger, diesen Geschichten Platz zu geben“.

In der Bildbeschreibung deutet Insta-Sophie allerdings an, es gäbe noch andere Videorollen. Aber sie weiß nicht, ob sie das sehen will, denn: „Man sieht darauf mordende Soldaten und tote Zivilisten.“ Das ist ja auch wirklich unangenehm, denn das passt nun wirklich nicht zum armen Opa, der doch nichts getan hat. „Ich darf das alles nicht mit Fritz in Verbindung bringen – sonst halt ich das nicht aus!“, schreibt die Insta-Sophie außerdem. Fritz Hartnagel war nicht nur Sophie Scholls Verlobter, sondern eben auch Berufssoldat und Hauptmann der deutschen Wehrmacht. Man wird diese Bilder also wohl oder übel mit ihm in Verbindung bringen müssen, auch wenn er sich nachweislich gegen den Krieg und seine Methoden ausgesprochen hat.

So geht es immer weiter: Kein oder wenig Kontext und nur spärlich oder in den Kommentaren versteckte Quellen. Weder in Posts noch in Bildunterschriften weiß man, ob es sich um Zitate von Sophie Scholl oder einfach nur Worte von Insta-Sophie handelt. Dafür schluckt sie heiter Crystal Meth in Form von Panzerschokolade, redet über ihre Menstruation und hört am Ende sogar Goebbels Sportpalastrede, obwohl die echte Sophie Scholl zu diesem Zeitpunkt schon in Haft saß.

Ziel verfehlt?

Das alles ist natürlich im Rahmen der historischen Korrektheit eine Farce. Interessant wird es aber nochmal im Juni dieses Jahres. Denn da veröffentlicht der SPIEGEL einen Bericht zur ihm vorliegenden Studie der RWTH Aachen, die sich mit der Auswertung des Projekts @ichbinsophiescholl beschäftigt hat. Von den 1250 befragten Schüler*innen aus Bayern, Nordrheinwestfalen und dem Saarland haben den Account nur rund 12 Prozent überhaupt geklickt. Noch viel beunruhigender, viele der Follower halten die Insta-Sophie für die echte Sophie Scholl. Mal abgesehen davon, dass dies viel über die Medienkompetenz der Jugendlichen aussagt, beweist es außerdem, wie gefährlich Geschichtsverdrehung in den sozialen Medien ist.

Bei Instagram gehen wir eher davon aus, dass das Gezeigte der Realität entspricht, zumindest in einem gewissen Maße. Im Gegensatz dazu erwarten wir bei einem Film Unterhaltung. Genau das, so betonen es die Macher immer wieder, wollte sich das Projekt auch zunutze machen. Aber es findet dafür die absolut falschen Worte. Fakten zu dehnen oder zu verwässern, das ist nicht „ein Stück weit die Verabredung von Instagram“. Es sei denn, es sollte sich an so manchem Influencer orientiert werden, bei dem man auch nicht weiß: Ist es nun die eigene Meinung oder doch eine bezahlte Kooperation?

Die historische Figur Sophie Scholl war vor ihrer Zeit bei der Weißen Rose fünf Jahre lang begeistert beim Bund Deutscher Mädel, so wie alle ihre Geschwister. Auch das tangiert das Projekt nur am Rande. Dabei ist es der zentrale Punkt ihres Charakters: Sie reflektierte die katastrophalen Auswirkungen des NS-Regimes. Aus eigener Vernunft heraus entschied sie sich zum Widerstand. Damit war sie eine Außenseiterin, ein Nullkomma-Prozent der Bevölkerung, nicht unsere allerbeste Freundin. Aber diese mutige Entscheidung der jungen Frau bringt die Insta-Sophie einfach nicht rüber. Stattdessen redet sie über ihre Regelbeschwerden.

Es ist natürlich ein durchaus legitimes Stilmittel, Themen wie diese aufzugreifen, damit sich die User*innen auch emotional mit Sophie identifizieren können. Aber warum nutzt #TeamSoffer das nicht? In einem fixierten Kommentar unter dem Post könnte beispielsweise darüber aufgeklärt werden, dass bei in Konzentrationslagern inhaftierten Frauen oftmals die Periode aufgrund von Mangelernährung ausblieb. Das aber muss, im Übrigen ohne ein Dankeswort der Redaktion, die Community selbst übernehmen.

Naive Insta-Sophie statt taffer Widerstandskämpferin

Es ist so schade um das Projekt, denn es hätte richtungsweisendes Potenzial haben können. Nicht nur für den Umgang mit Erinnerungskultur, sondern auch für das Erzählen von Geschichte in den modernen Medien. Die übrigens durchaus vorhandene Historikerin des Projekts Dr. Maren Gottschalk sagte, sobald man kenntlich mache, was genau woher stammt, dann wäre das „in dem Moment für die jungen Leute schon wieder out.“ Nein, Fakten und Quellen sind nicht out, sie sind sogar sehr in. Das beweisen Formate wie Mailab und Co. Warum also wurde nicht transparent gemacht, was Fakt und was Fiktion ist?

Denn so bleibt am Ende nur das verwaschene Bild einer irgendwie leicht naiven Insta-Sophie.

Text und Titelbild: Anni Lehmann

<h3>Anni Lehmann</h3>

Anni Lehmann

Anni Lehmann ist 21 Jahre alt und studiert derzeit im 3. Semester Medienmanagement an der Hochschule Mittweida. Bei medienMITTWEIDA engagiert sie sich als Assistenz der Chefredaktion seit dem Wintersemester 2022/23.