Inklusion

Inklusion in der Regelschule – Die Diskrepanz zwischen Konzept und Realität

von | 5. Juni 2026

Die inklusive Beschulung von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf ist ein Thema, welches Pädagogen seit Jahrzehnten beschäftigt.

Inklusion soll Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf den Weg in die Regelschule öffnen. Doch auch in Bundesländern wie Sachsen und Bayern stellt sich die Frage, ob dieser Anspruch im Schulalltag umgesetzt werden kann. Lehrermangel, fehlende Unterstützung und wachsende Klassengrößen machen aus diesem theoretischen Ziel eine praktische Herausforderung.

Dass Inklusion nicht erst ein Thema seit der Verabschiedung der UN-Behindertenrechtskonvention ist, zeigt die Empfehlung der Bildungskommission des Deutschen Bildungsrates im Oktober 1973. Bereits damals wurde eine „pädagogische Förderung behinderter und von Behinderung bedrohter Kinder und Jugendlicher“ empfohlen. Seit 2009 soll innerhalb Deutschlands die Inklusion dafür sorgen, dass alle Menschen mit Beeinträchtigung genauso in der Schule lernen können wie alle anderen. Im sächsischen und bayerischen Bildungssystem ist es vor allem das Ziel, frühestmöglich Berührungsängste abzubauen und für beeinträchtigte Kinder eine gleichberechtigte Teilhabe zu ermöglichen.

Laut den Kultusministerien soll Inklusion nicht nur zu einem Schulabschluss führen. Sie soll Kinder und Jugendliche auch auf das Berufs- und Arbeitsleben vorbereiten. Aktuelle Zahlen aus Sachsen und Bayern zeigen auch, dass bereits mehrere Zehntausend Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischer Förderung an einer allgemeinbildenden Regelschule unterrichtet werden. In beiden Bundesländern ist hierbei jedoch zunächst der Elternwille entscheidend, welche Schule das Kind besucht.

Warum gemeinsamer Unterricht helfen kann

Einige positive Faktoren dieses Konzepts seien in der Praxis erkennbar, denn inklusiv beschulte Kinder könnten ihre vertraute Umgebung behalten. Besonders in Fällen mit weit entfernter Förderschule seien Inklusionskinder häufig mit komplexen Schulwegen überfordert. Die wohnortnahe Schule bedeute für Eltern eine enorme Erleichterung im Alltag. Außerdem könne so auch das gewohnte soziale Umfeld aufrechterhalten werden, welches den Lernzuwachs positiv beeinflusse. Auch könnten heterogene Klassen Kindern mit Förderbedarf helfen, weil sie dort nicht nur von Lehrkräften, sondern auch im gemeinsamen Lernen mit anderen Kindern profitieren. Eine frühe Integration von Kindern mit Beeinträchtigungen könne auch bereichernd für Kinder ohne Einschränkungen sein. Auf diese Weise werde bereits im jungen Alter eine Akzeptanz gegenüber Behinderung in jeder Form gefördert. Es lasse sich außerdem bereits eine große Bereitschaft der Lehrkräfte feststellen, lernzieldifferent zu unterrichten.

Lernzieldifferenter Unterricht

Beim lernzieldifferenten Unterricht lernen Schülerinnen und Schüler gemeinsam in einer Klasse, verfolgen aber nicht alle dieselben Lernziele. Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den Förderschwerpunkten Lernen oder geistige Entwicklung werden nach den für sie passenden Lehrplänen unterrichtet. Aufgaben, Materialien, Lernwege und Leistungsbewertung werden an den individuellen Lernstand angepasst. Ziel ist, gemeinsames Lernen zu ermöglichen, ohne alle Kinder an denselben Anforderungen zu messen.

 

Wo Schulen an ihre Grenzen kommen

Im regulären Schulalltag bleibt Inklusion jedoch eine Herausforderung für viele Schulen. Eine Konrektorin einer Grund- und Mittelschule aus Oberfranken berichtet, dass durch steigende Klassengrößen auch die Probleme der Kinder vielfältiger würden. Es sei dadurch nicht mehr möglich, allen gerecht zu werden. Weiterhin sagt sie, dass obwohl Unterstützungs- und Förderkräfte eine wichtige Rolle spielen, diese oft nicht zur Verfügung stünden.
Eine Sonderpädagogin im „Mobilen Sonderpädagogischen Dienst“ teilt diese Meinung, dass es häufig an Personal fehle, um eine Unterstützung der Grundschullehrkräfte zu gewährleisten. Auch wenn es um eine gleichgestellte Teilhabe im sozialen und didaktischen Bereich gehe, funktioniere Inklusion momentan eher schlecht. Denn anders als geplant könnten Kinder, vor allem mit stärkeren Beeinträchtigungen, ohne sonderpädagogische Unterstützung nicht im Unterricht integriert werden, sodass für sie ein Lernfortschritt erkennbar sei. Außerdem merkt die Konrektorin an: „Mitschüler sind oftmals nicht in der Lage solche Kinder in den normalen Unterricht mit aufzunehmen zum Beispiel bei gemeinsamen Spielen.“

Die Pestalozzi Grundschule in Mittweida, Foto: Julian Eichenauer

Inklusion endet nicht mit dem Abschluss

Die soziale Integration und Teilhabe sollen laut der LAG Selbsthilfe Sachsen aber nicht nur in der Schule eine wichtige Rolle spielen. Das gelte auch später im Leben für den Übergang in Ausbildung und Beruf. In der Inside-Studie wurde unter anderem untersucht „wie erfolgreich Schülerinnen und Schüler aus inklusiven Klassen den Übergang in die Sekundarstufe II, in die Berufswelt oder andere Lebenssituationen bewältigen“. Die Studie zeigt hierbei, dass Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf doppelt so häufig die Schule nach der 9. Klasse verlassen. Aber auch im Studium ist Inklusion ein aktuelles und brisantes Thema. Studierende mit studienerschwerenden Bedingungen bräuchten nämlich in der Regel länger und hätten eine mehr als doppelt so hohe Abbruchquote.

Melanie Kilger ist Beauftragte für chronisch kranke und behinderte Studierende an der Hochschule Mittweida. Sie ist der Überzeugung, dass es typische Schwierigkeiten beim Übergang von Schule ins Studium für alle Studienanfänger gäbe. Das Wegfallen von vorgegebenen Strukturen und mehr Selbstbestimmung im Studium gehören dazu, seien aber nicht typische Inklusionsprobleme, sondern allgemeine Herausforderungen. Hier sei besonders der Nachteilsausgleich ein beliebtes Instrument für gelebte Inklusion und viele der Unterstützungsangebote würden auch im großen Umfang in Anspruch genommen. Frau Kilger rät Schülern mit einer chronischen Krankheit oder einer Behinderung trotzdem zu einem Studium. Durch die verschiedenen Unterstützungsangebote an Hochschulen sei ein Studium trotz studienerschwerender Beeinträchtigung bewältigbar.

„Einfach machen – Studium ist dank sinnvoll eingebundener Unterstützungsangebote adäquat zu bewältigen.“

Melanie Kilger

Beauftragte für chronisch kranke und behinderte Studierende , Hochschule Mittweida

Schulversuch ERINA – Was Inklusion zum Funktionieren an Schulen braucht

Wie anspruchsvoll jedoch schulische Inklusion in der Praxis ist, zeigte in Sachsen der Schulversuch ERINA. Zwischen 2012 und 2018 wurde in vier Modellregionen erprobt, wie Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf an allgemeinen Schulen lernen können. Im Mittelpunkt standen lernzieldifferenter Unterricht, bessere Kooperation zwischen Regel- und Förderschulen sowie die Unterstützung von Eltern und Lehrkräften. Der Abschlussbericht fällt nicht grundsätzlich skeptisch aus, macht aber klar, dass Inklusion nicht automatisch gelingt.

Sie braucht zusätzliche Ressourcen, multiprofessionelle Teams und Schulen, die ihren Unterricht und Alltag an unterschiedliche Bedürfnisse anpassen. Gerade Übergänge, etwa von der Grundschule in die Oberschule oder später in Ausbildung und Beruf, bleiben besonders herausfordernd. ERINA zeigt damit, dass Inklusion möglich ist, aber nur unter Bedingungen, die im normalen Schulalltag nicht überall selbstverständlich vorhanden sind.

Text, Grafik, Foto: Julian Eichenauer 

Titelbild : CDC/unsplash

<h3>Julian Eichenauer</h3>

Julian Eichenauer

studiert seit Oktober 2024 an der Hochschule Mittweida Medienmanagement