„Ich genieße es, nicht erkannt zu werden“

von | 18. Januar 2020

Klingonisch, Elbisch und Co – all diese Sprachen lernen vor allem Mitglieder der jeweiligen Fangemeinde begeistert. Eins haben die Sprachen dabei gemeinsam: Sie sind alle erfunden. Dothrakisch aus Game of Thrones stammt beispielsweise von David J. Peterson.  Titelbild: Maria Zimbal 

David J. Peterson hat einen sehr ungewöhnlichen Beruf: Er ist conlanger. Das heißt, er erfindet Sprachen unter anderem für Serien, Videospiele und vieles mehr.  Beispielsweise hat er an Game of Thrones, The Shannara Chronicles und Thor: The Dark Kingdom mitgearbeitet. Im Interview mit medienMITTWEIDA spricht er über seine Kindheit, seinen beruflichen Werdegang und neue Projekte.

Disclaimer: Das Interview wurde per Videoanruf auf Englisch geführt und der Verständlichkeit halber übersetzt.

Herr Peterson, wie sehr muss man selbst Nerd sein, um einen Job wie Ihren zu machen? 

David J. Peterson: Das weiß ich nicht. Um ehrlich zu sein, habe ich mich selbst nie wirklich als Nerd gesehen, ich hatte einfach immer Spaß an dem, was ich mache. Ich schätze, ich bin ein Nerd. (lacht)

Haben Sprachen, insbesondere fiktionale, immer eine große Rolle in Ihrem Leben gespielt?

Peterson: Oh nein, kein bisschen. Ich habe bis ich 17 Jahre alt war kein wirkliches Interesse an Sprachen gehabt. Das änderte sich plötzlich, von einem Tag auf den anderen und ich wollte so viele Sprachen wie möglich lernen. Davor habe ich nie wirklich Interesse gezeigt oder Sprachen studiert. Ich bin zwar mit Englisch und Spanisch aufgewachsen, konnte dennoch nie so flüssig sprechen, wie es vermutlich von mir erwartet wurde. Das war es dann aber auch schon. All das kam quasi wie aus dem Nichts. 

Was wollten Sie denn dann als Kind werden?

Peterson: Der konstanteste Wunsch, den ich als Kind hatte, war definitiv der, ein Trickfilmzeichner zu werden. Ein Animator für Disney. Als ich jünger war, habe ich ununterbrochen gezeichnet. Das ist im Endeffekt alles, was ich die ersten 16 Jahre meines Lebens gemacht habe. Irgendwann habe ich jedoch realisiert, dass ich vermutlich nie so gut sein würde wie diejenigen um mich herum. Dadurch habe ich die Motivation und den Willen verloren, weiterzumachen. Also habe ich angefangen, mich nach etwas Neuem umzuschauen, was ich tun könnte.

conlanger

Der Begriff conlanger leitet sich vom englischen Begriff conlang ab, der widerum für constructed language steht. Ein Beispiel für eine constructed language ist die aus dem Star Trek– Universum bekannte Sprache „Klingonisch”. Demnach steht conlang für eine ausgedachte beziehungsweise erfundene Sprache. Ein conlanger ist folglich eine Person, die Sprachen erfindet. Berühmte conlanger sind beispielsweise J.R.R. Tolkien (Elbisch aus Herr der Ringe) und Marc Okrand (Klingonisch aus Star Trek).

Quellen: thoughtco.com, dictionary.com

Ein conlanger zu sein, ist kein typischer Job, den man zum Beispiel in Zeitungsannoncen finden würde. Online sagen Sie, dass Sie als Dozent für Englisch gearbeitet haben. Wie sind Sie davon zu Ihrer Karriere als conlanger gekommen?

Peterson: Es ist nicht so, dass ich diese Karriere beabsichtigt hätte. Es gab eine Ausschreibung für einen Wettbewerb, bei dem man die Sprachen für die Serie Game of Thrones entwickeln sollte. Dort habe ich mich angemeldet. Viele Sprachschöpfer haben es mir gleichgetan, das lief wie ein Wettbewerbsprozess. Es gab zwei Runden im Wettbewerb, einer von Sprachschöpfern bewertet und der zweite von den Produzenten der Serie. Ich habe es durch beide Runden geschafft.

An der Serie mitzuarbeiten, war fantastisch, aber es gab niemanden, der je gedacht hätte, besonders ich nicht, dass danach noch etwas kommen würde. Die Sache ist die, dass Game of Thrones einfach so ein gigantischer Hit wurde, dass jeder, der an der Serie beteiligt war, dadurch die Möglichkeit bekommen hat, an vielen anderen Projekten mitzuwirken. Alles, was ich seitdem gemacht habe, ist das direkte Resultat der Tatsache, dass ich bei Game of Thrones mitarbeiten durfte.

Foto: Jake Reinig

David J. Peterson

Linguist und conlanger

David Joshua Peterson ist Sprachschöpfer und Autor und lebt zusammen mit seiner Frau und Tochter in Kalifornien. 

2003 erlangte er einen Bachelor in Englisch und Linguistik an der University of Berkeley und 2005 seinen Master in Linguistik an der University of San Diego. Er erschafft schon seit 20 Jahren Sprachen in seiner Freizeit. Seit er als Gewinner eines Wettbewerbs die Sprachen für Game of Thrones kreieren durfte, hat er sein Hobby zum Beruf machen können. Seither hat er an vielen verschiedenen Projekten gearbeitet und zwei Bücher veröffentlicht.

Haben Sie eng mit George R. R. Martin, Autor der „Game of Thrones”-Reihe, zusammengearbeitet, während Sie die Sprachen Dothrakisch und Valyrisch für die Serie entwickelt haben?

Peterson: Da das Ganze ein Wettbewerbsprozess war, habe ich für die Sprachen gar nicht mit ihm zusammengearbeitet. Das hat keiner der Teilnehmer. Es wäre auch absolut unangemessen gewesen und hätte ihn vermutlich überfordert, in dieser Zeit mit uns allen zusammenzuarbeiten. Ich habe seit dem Wettbewerb jedoch schon öfter mit ihm gearbeitet, nicht für die Schaffung einer Sprache, sondern eher für Übersetzungen in die Sprachen. Entweder für die neuen Bücher,  an denen er arbeitet, oder für schon erschienene Bücher wie das Kartenbuch von Game of Thrones.

Für Ihre Arbeit haben Sie sicherlich oft mit Schauspielern und bekannten Persönlichkeiten gearbeitet – wie war das für Sie?

Peterson: Ich würde sagen, dass ich gar nicht so oft mit den Schauspielern arbeite. Wenn ich mit ihnen arbeite, funktioniert das meistens super. Natürlich hatte ich auch einige negative Erfahrungen, aber die waren selten. Die meiste Zeit lernen die Schauspieler die Sprachen gern und verbessern sich drastisch in kurzer Zeit. Ich kann ihnen helfen, die Sache anders anzugehen, sodass sie nicht nur mit den Aufnahmen arbeiten müssen. Grundsätzlich bekommen alle Aufnahmen für jede Zeile, die sie sprechen. Dennoch kann es auch für mich sehr hilfreich sein, mit den Schauspielern zu arbeiten. Ehrlich gesagt wird es immer besser, wenn ich die Möglichkeit habe, mit ihnen zu arbeiten, aber diese Möglichkeit bekomme ich einfach nicht immer.

Wenn wir schon bei Schauspielern sind: Sobald jemand zum Beispiel Emilia Clarke sieht, wird sie meistens direkt angesprochen. Wie ist das bei Ihnen, werden Sie im täglichen Leben auf der Straße erkannt?

Peterson: Kein bisschen. Und das ist wirklich toll, wie ich finde. Es liegt sicherlich daran, dass ich nicht besonders außergewöhnlich aussehe. Ich würde behaupten, ich sehe wie jeder Zweite aus. Ab und zu werde ich natürlich auch erkannt, aber dann auch nur, weil derjenige mich wirklich kennt. Es ist genauso, als wäre ich ein berühmter Sound Editor: Wenn man kein wirklich außergewöhnliches Aussehen hat, erkennt dich niemand.

„Che dothras che drivos“ ist nur einer der vielen Sätze in Dothrakisch, die man in David Petersons Buch „Living Language Dothraki“ lernen kann. | Bild: Christin Post

Neben dem Erschaffen von Sprachen sind Sie auch Mitglied der Language Creating Society. Aber nicht nur das: Sie sind auch Mitgründer und haben von 2011 bis 2014 als Präsident fungiert. Können Sie uns einen kurzen Einblick in die Society geben, wofür sie steht und was sie erreichen möchte?

Peterson: Der ursprüngliche Zweck der Society war eigentlich nur der, es leichter zu machen, Sponsoren für die Language Creating Conference zu bekommen. Die Theorie war, dass es leichter wäre, wenn eine gemeinnützige Organisation dahinter stünde. Es stellte sich jedoch heraus, dass das auch Arbeit erforderte und so ist das letztlich nie passiert. (lacht)

Aber ja, seitdem es die Society gibt, ist es schön, sie zu haben. Wir haben zum Beispiel ein wirklich cooles Paket von dreamhost (Web-Hosting Anbieter Anm. d. Red.) bekommen, weil wir eine gemeinnützige Organisation sind, das unbegrenzten Webspace für jedes Mitglied beinhaltete. Natürlich hat das damals 2007 viel mehr bedeutet, als noch niemand realisiert hat, dass das Internet sich so verändern und was Web 2.0 für alle bedeuten würde. Neben alldem versucht die Society schlichtweg conlangern zu helfen, wo sie kann, sowie die Öffentlichkeit darüber aufzuklären, worum es bei der Sprachschöpfung geht. Der Hauptzweck bleibt aber auch das Veranstalten der Language Creation Conference, was uns seit ihrem Beginn jedes Jahr erfolgreich gelungen ist.

Was würden Sie sagen, ist das Beste an Ihrem Job?

Peterson: Definitiv, dass ich von zu Hause arbeiten kann. Gerade jetzt in diesem Moment habe ich hier eine schlafende Katze sitzen. (zeigt schlafende Katze auf seinem Schoß) Ansonsten liebe ich es einfach immer noch, Sprachen zu erschaffen und zu sehen, was sie können. Es macht mir immer noch Spaß, das ist für mich das Beste daran.

Und zu guter Letzt: Sie haben an mehreren angesehen Projekten gearbeitet, die Ihnen einen Namen in der Szene verschafft haben. Arbeiten Sie schon an einem neuen Projekt, und wenn ja, können Sie uns verraten an welchem?

Peterson: Ich arbeite derzeit an einem Haufen neuer Projekte. Diejenigen, über die ich sprechen darf, sind zum Beispiel die Filmadaption des Buches „Der Wüstenplanet“ von Frank Herbert. Ich arbeite an der siebten und letzten Staffel von The 100, ich habe für Netflix an ihrer Serie The Witcher gearbeitet. Des Weiteren arbeite ich mit an der Serienadaption des Buchs „Shadow and Bone” von Leigh Bardugo. Diese sollte irgendwann dieses Jahr erscheinen. Daneben noch an The Christmas Chronicles Two ebenfalls für Netflix und an zwei Projekten, über die ich noch nicht sprechen darf: ein Film und ein brandneues Videospiel.

Der medienMITTWEIDA-Claim „write.edit.repeat” auf Dothrakisch

von David J. Peterson

Text: Ariana Bešić, Titelbild: Maria Zimbal, Fotos: Jake Reinig und Christin Post