„Ich bin doch kein Provokateur“

von | 5. Juni 2020

FOCUS-Kolumnist Jan Fleischhauer spricht im Interview über Journalismus in der Corona-Krise. Titelbild: Markus Hurek

Der FOCUS-Kolumnist Jan Fleischhauer spricht im Interview mit medienMITTWEIDA über den Journalismus in Corona-Zeiten und den Chefredakteur der ARD, Rainald Becker, der bereits die dritte Midlife-Crisis durchmache. Außerdem solle Medienjournalist Stefan Niggemeier doch bitte sein Matheabitur veröffentlichen.

Dieser Beitrag ist Teil unserer Beitragsreihe: Journalismus in der Corona-Krise. Wir beschäftigen uns mit den ökonomischen Auswirkungen, journalistischen Arbeitsweisen und der Kritik an der Corona-Berichterstattung.

Jan Fleischhauer war 30 Jahre für den SPIEGEL tätig. Seine Kolumne „Der Schwarze Kanal“ verzeichnete hohe Aufrufzahlen. 13 Millionen Klicks erreichte er damit nach Eigenaussage pro Jahr. Er polarisiert, sprach in seinem letzten Beitrag auf SPIEGEL ONLINE selbst davon, dass im Wochentakt Leserbriefe eintrudelten, in denen mit Abo-Kündigung gedroht wurde. Seit 2019 führt er beim FOCUS seine Kolumne fort, moderiert zusätzlich noch einen Podcast mit Freitag-Herausgeber und Journalist Jakob Augstein. Beide kritisierten die Berichterstattung in der Corona-Krise. Fleischhauer meinte in einer seiner Kolumnen, wer in der Corona-Berichterstattung aus der Reihe tanze, der erhalte zur Abschreckung Sterbezahlen. Im Interview mit medienMITTWEIDA spricht er von einer Mehrzahl von Kollegen, die nicht nur hätten berichten wollen, sondern sich auch zu Virusbekämpfern aufschwängen.

Das Interview wurde am 22.05.2020 über Zoom geführt.

Herr Fleischhauer, Sie dürfen mit einem Rundumschlag beginnen: Was machen Ihre Journalisten-Kollegen in der aktuellen Corona-Berichterstattung, Ihrer Meinung nach, falsch?

Fleischhauer: Zunächst einmal: Ich würde nie von den Journalisten-Kollegen“ sprechen. Es gibt das habe ich auch in meinen Kolumnen geschrieben – sehr viele Leute, die ich gerne lese. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich nicht umfangreich informiert bin. Mein Eindruck ist allerdings, dass eine Mehrzahl von Kollegen in der Krise versucht hat, nicht nur zu beschreiben und zu informieren, sondern noch den Schritt weiterzugehen und Virusbekämpfer zu sein. Also gleich aktiv an der Anti-Viren-Front mitzukämpfen (lacht) mit Frau Dr. Merkel und Herrn Dr. Drosten. Das fand ich ein bisschen übertrieben.

Sie haben geschrieben: „Wenn die Regierung sagt, da geht’s lang, dann muss man sich fragen, aber geht es nicht auch woanders lang?”

Fleischhauer: Zumindest ich frag’ mich das immer. Das ist so etwas wie mein Modus Operandi. Als ich mit dem Journalismus anfing, dachte ich, das sei das Selbstverständnis von Journalisten. Es hieß doch immer, wir seien die kritischen Geister, die überall versuchen, das Haar in der Suppe zu finden. Fraktion Nörgler.

Also fehlten Ihnen zu Beginn der Lockdown-Maßnahmen die kritischen Geister in den Redaktionen der Republik?

Fleischhauer: Nun, ich stand ja mit dem Eindruck nicht alleine da. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen der nun wirklich nicht unter Verdacht steht, mit mir politisch zu sympathisieren (lacht) sagte, in der ersten Corona-Phase habe es einen Verlautbarungs-Journalismus gegeben. Das sei vielleicht auch gar nicht anders möglich gewesen. Die Journalisten gaben das wieder, was der Virologen-Papst Drosten gesagt hat. Aber in der zweiten Phase hätte eine Diskussion einsetzen müssen, ob die Maßnahmen angemessen sind. Da ist dann aber immer noch die Mehrzahl der Journalisten in eine Richtung gerannt.

Wurde in der Corona-Krise nicht vollumfänglich berichtet?

Fleischhauer: Darüber haben wir ja gerade schon gesprochen. Mein Eindruck war, dass es eine erkennbare Unlust gab, über Alternativen nachzudenken. Man hätte bei einer Krise wie dieser, mit derartig einschneidenden Maßnahmen für das Leben von Millionen von Menschen, breiter diskutieren können, ob der Weg der Bundesregierung der richtige ist. Damit wir uns nicht missverstehen – es wurde diskutiert. Wir leben nicht in einer Diktatur. Eine Reihe von Grundrechten war massiv eingeschränkt, zum Beispiel die Versammlungsfreiheit, die Freiheit in der Berufsausübung und vieles weitere mehr. Die Meinungsfreiheit war zu keinem Zeitpunkt eingeschränkt. Ich durfte immer schreiben und sagen, was ich wollte. Ich fand es nur so eigenartig, dass ich wieder in so einer Minderheitenposition war.

Sie durften schreiben, was Sie wollten und haben das ja auch getan.

Fleischhauer: Von dem Privileg mach ich reichlich Gebrauch, ja. (lacht)

Ihre Kollegen ebenso und Sie wurden damit konfrontiert, dass das Virus kein Sparringspartner sei. Mit einer Pandemie könne man nicht diskutieren. Ihre Antwort?

Fleischhauer: Das war ein Kollege von der Süddeutschen Zeitung. (lacht) Der hatte meinen Podcast mit Augstein gehört und schrieb dann, Leute wie ich, sogenannte Intellektuelle, dächten also, man könne mit der Pandemie um das beste Argument ringen. Großes Missverständnis: Mein Sparringspartner ist nicht das Virus, sondern die Kollegen, die glauben, dass das Virus zu ihnen spricht und sie gewissermaßen seine Propheten sind. Das ist mit dem Robert-Koch-Institut wie bei den Azteken früher. Zweimal in der Woche erscheinen die beiden Leiter, treten aus dem Tempel ins Sonnenlicht, verkünden die neue Reproduktionszahl und alle fallen ganz ehrfürchtig auf die Knie. Die Natur spricht nicht zu ihnen, das Virus hat keinen Willen.

Jan Fleischhauer findet, dass es in der Corona-Krise eine Unlust gegeben habe, über Alternativen zum Kurs der Bundesregierung nachzudenken. Foto: Markus Hurek

Deutschland wurde einige Wochen von Virologen regiert. Würden Sie diesen Satz unterschreiben?

Fleischhauer: Die Virologen haben jedenfalls eine enorme Karriere hingelegt. Von einer Profession, die kaum jemand kannte, zu Superstars. Ich wäre froh, wenn ich mit meinem Podcast nur ansatzweise so viele Zuhörer hätte, wie Dr. Drosten. Je länger ich dem ganzen Treiben zusehe, desto mehr stelle ich fest, dass es nicht „den Virologen“ gibt. Es gibt mehrere und unter denen herrschen große Eitelkeit und Eifersucht.Ich habe mit großem Erstaunen festgestellt, dass dieser Typ Wissenschaftler offenbar ein großes Selbstdarstellungsbedürfnis hat. Angefangen bei Drosten. Der sagt ja immer, diese ganze Aufmerksamkeit wäre ihm so lästig. Und dann sitzt er Abends bei Anne Will. (lacht)

Was ich auch komisch finde, ist, dass es immer heißt: Wir müssen jetzt auf die Wissenschaft hören. Das war ja auch der Vorwurf an mich und Jakob Augstein, wir seien keine Fachjournalisten.

Jetzt meinen Sie Herrn Niggemeier?

Fleischhauer: Genau. Man solle auf die Wissenschaft hören, heißt es, aber schon die Virologie spricht nicht mit einer Stimme, die Wissenschaft schon gar nicht. Es gibt eine Reihe von Wissenschaftlern, die auf die Reservebank verbannt wurden, die Ökonomen und Sozialwissenschaftler zum Beispiel.

Stefan Niggemeier, Jan Fleischhauer und die Reproduktionszahl

Im Podcast „The Curve“ mit Journalist Jakob Augstein sprach Jan Fleischhauer auch über die Reproduktionszahl R. Er meinte, niemand könne diese Zahl erklären, mit der so einschneidende Maßnahmen des öffentlichen Lebens begründet wurden. Das stieß bei Medienjournalist Stefan Niggemeier auf Unverständnis. In seinem Beitrag: „Wer nur fragt, bleibt dumm: Augstein, Fleischhauer und die kalkulierte Ignoranz“ wirft er den beiden vor, sie würden die Zahl gar nicht verstehen wollen, um besser Stimmung machen zu können. Außerdem entwickelte sich zwischen Fleischhauer und Niggemeier ein Schlagabtausch auf Twitter.

Herr Fleischhauer, können Sie die Reproduktionszahl erklären?

Fleischhauer: (lacht) Neee! Ich habe mich ja bemüht. Und ich habe darüber geschrieben, dass ich mich bemüht habe und Kollegen gefragt habe, die im Gegensatz zu mir Fachjournalisten sind. Die sagten, sie könnten das auch nicht so richtig erklären. Dann wurde die Zahl ja auch noch mehrfach geändert. Und da fand ich es einen eigenartigen Vorwurf zu sagen: „Ahh, Fleischhauer versteht die Zahl nicht. Das ist doch ganz einfach: Da muss man doch nur mal auf die Website gehen.“ Und dann geht man auf die Website und stellt fest, soviel einfacher wird es nicht. Es liegt nicht an meinem mathematischen Unverständnis. Das möchte ich hier mal sagen: Lieber Stefan Niggemeier, ich hatte 14 Punkte im Mathe-Abitur. Ich weiß nicht, wie viele Punkte du hattest, aber ich hatte ne glatte Eins.

Haben Sie Herrn Niggemeier gerade aufgefordert, sein Mathe-Abi zu veröffentlichen?

Fleischhauer: Genau. Soll er mal machen.

Warum wollten Sie denn überhaupt über die Reproduktionszahl diskutieren?

Fleischhauer:  Die Bundeskanzlerin versucht, eine Art Super-Objektivität herzustellen. Sie sagte: Sie tue nicht, was sie glaube, was notwendig ist. Sie tue, was die Wissenschaft ihr sage, was notwendig sei. Sie führt eine ganz andere Art von Begründungsebene ein. Und wenn das die Zahl (Reproduktionszahl R Anm. d.Red.) ist, an der sie sich orientiert, die für all ihr Handeln entscheidend ist, dann darf ich ja wohl mal fragen, wie diese Zahl zustande kommt.

Rainald Becker, Jan Fleischhauer und die Zukunft nach Corona

Jan Fleischhauers Kolumne „Der schwarze Kanal“ erscheint wöchentlich auf Focus.de. In einer kurz vor dem Interview erschienenen Ausgabe sprach Jan Fleischhauer über Rainald Becker. Der Chefredakteur der ARD hatte sich in einem Kommentar in den Tagesthemen einer Forderung von Robert De Niro, Madonna und über 200 anderen Künstlern und Wissenschaftlern angeschlossen, dass nach der Corona-Krise Lebensstil, Konsumverhalten und Wirtschaft grundlegend neu gedacht werden müssten.

Jan Fleischhauer sieht sich selbst als heiteren Pessimisten. Foto: Markus Hurek

In Ihrer neusten Kolumne arbeiten Sie sich an dem Chefredakteur der ARD, Rainald Becker, und seiner Vorstellung, die Welt würde nach der Krise eine bessere sein, ab.

Fleischhauer: (unterbricht) Ach, abarbeiten. Ich mach’ ein paar Späßchen auf seine Kosten.

Ich schlussfolgere mal: Sie sind kein Optimist.

Fleischhauer: (überlegt) Naja, jedenfalls nicht so ein Naiv-Optimist wie Herr Becker. Es ging ja nicht darum, ob die Welt eine bessere wird. Darüber können wir uns streiten. Ich bin eher heiterer Pessimist. Wenn der ARD-Chefredakteur optimistisch in die Zukunft blicken will, meinetwegen. Nur, der Punkt ist: Er war ja der Meinung, die Welt muss sich ändern. Wir müssen den Kapitalismus überwinden. Quasi: Corona als Läuterung. Und dabei beruft er sich ausgerechnet auf Multimillionäre wie Robert De Niro und Madonna. Ich habe nicht gehört, dass Robert De Niro ab heute in Sack und Asche durch New York geht und alle seine Hotelbeteiligungen abstößt. Da habe ich mich schon gefragt: Was ist denn in Herrn Becker gefahren? Gut, der Mann ist 55. Das ist schon die dritte Midlife-Crisis, die der durchmacht. Da kommt man auf so verrückte Ideen.

Man kann ja sagen, Sie und Ihre Kolumnen sind nun nicht dafür bekannt, vor Zuspitzungen oder Provokationen haltzumachen. 

Fleischhauer: Sie sind aber streng mit mir.

Würden Sie sich dem nicht anschließen?

Fleischhauer: Ich finde gar nicht, dass ich provoziere. Ich bin kein Provokateur. Ich glaube, was ich vertrete, können 60 Prozent der Deutschen unterschreiben.

Die Frage, die hier anschließen sollte, ist: Darf man in der Krise provozieren?

Fleischhauer: Klar darf man das. Gerade in der Krise beweist sich der Humor als Stärkungsmittel. Provokation heißt ja, man will unbedingt eine Reaktion hervorrufen, indem man Dinge schreibt, die man im Zweifel auch gar nicht so meint. Und das tue ich nicht. Mir fallen Dinge auf, wie zum Beispiel mit Herrn Becker. Ist das provozierend? Ich will doch nicht Herrn Becker provozieren. Ich will einen Punkt machen. Dieses ganze: „Die Wende zum Weniger“ halte ich für totalen Quatsch.

Herr Fleischhauer, ich zitiere mal grob aus Ihrer Kolumne: „Rainald Becker, der Gremienlurch, soll die Tagesthemen mit Löwenzahn bedeckt aus der Badewanne moderieren.” Was halten Sie eigentlich von konstruktivem Journalismus?

Fleischhauer: Gar nichts.

Gar nichts?

Fleischhauer: Ich bin doch konstruktiv. Ich habe Herrn Becker vorgeschlagen – wenn schon Madonna sein großes Vorbild ist – soll er sich ihr Instagram-Video angucken und genau wie sie, also aus der Badewanne und mit Rosenblättern bedeckt, die Tagesthemen moderieren. Und es müssen keine Rosenblätter sein, die sind ja jetzt importiert. Er kann auch Löwenzahn nehmen. Wende zum Weniger: Corona-Soli bei der ARD, weniger Rundfunkgebühren. Finde ich total konstruktiv.

Also finden Sie, dass ihre Kolumnen lösungsorientiert sind?

Fleischhauer: Genau. Ich sag Ihnen eines: Wir beide gehen hier raus, Sie machen eine Umfrage bei Ihren Kommilitonen, wobei, die sind wahrscheinlich alle ganz links. Dann eben eine Umfrage in ganz Deutschland: „Sind Sie dafür, dass die ARD ab morgen zehn Prozent weniger Gebühren nimmt?“ 70 Prozent sagen: „Bombe, gute Idee.” Konstruktiver Vorschlag. Und die Sache mit dem Gremienlurch: Ich habe ja nur gesagt, ich dachte immer, er sei ein Gremienlurch. Da habe ich mich aber gewaltig getäuscht. In dem Mann schlägt das Herz von Che Guevara.

Und das war jetzt keine Provokation?

Fleischhauer: Das war ein Gag. Das ist doch nicht provokant.

Schauen wir doch zum Abschluss nochmal gemeinsam optimistisch in die Zukunft. Auch wenn Sie heiterer Pessimist sind. Was kann die Medienlandschaft aus der Corona-Krise lernen?

Fleischhauer: (lacht) Oh Gott, da bin ich ja der ganz Falsche. Ich bin doch kein Pädagoge. Der pädagogische Ehrgeiz hält sich bei mir total in Grenzen. Wer bin ich denn, den Kollegen Verbesserungsvorschläge zu machen. Was mich ärgert, habe ich ja gesagt. Außerdem:  Es hört doch eh keiner auf mich. (lacht)

Damit wollen wir jetzt das Interview beenden? (lacht)

Fleischhauer: (lacht) Na klar! Es wäre ja absolut überheblich, als Kolumnist zu glauben, dass Leute die Kolumne lesen und dann sagen: „Das ist schon sehr, sehr klug, was der Fleischhauer da geschrieben hat. Jetzt muss ich doch echt mal in mich gehen.“ Ich glaub‘ nicht dran.

Beitragsreihe: Journalismus in der Corona-Krise

Text: Moritz Schloms; Fotos: Markus Hurek