Jugend in der Politik

„Wenn wir den Druck beibehalten, haben wir gute Chancen“

von | 29. Mai 2022

Klima, Krieg, Corona: Die Politik versaut der Jugend das Leben. Und trotzdem ist ihr Einsatz wichtiger denn je.

Tim ist 17 und setzt sein Kreuz. Nicht, um seine Stimme abzugeben und sich politisch einzumischen, nein: er spielt Bullshit-Bingo während des Landesparteitags der saarländischen Grünen. Seit Jahren kämpfen er und die Grüne Jugend um Mehrheiten gegen den „parteiinternen Autokraten“ Hubert Ulrich, wie Tim ihn nennt. Ulrich ist derjenige, der dafür sorgte, dass die Grünen im Saarland keine Liste zur Bundestagswahl hatten, der Parteirecht und die eigene Satzung mit Füßen tritt. Würden sich aus den hohlen Phrasen und Beleidigungen nicht wunderbare Bingo-Felder ergeben, wäre Tims Motivation, solche Veranstaltungen zu besuchen, vermutlich komplett dahin.

Alte Strukturen vs. junge Wut

Tim Gilzendegen ist Pressesprecher der Grüne Jugend Saar und dort aktiv, wo Hubert Ulrichs Basis ist. Er ist einer von wenigen jungen Menschen, die versuchen, politische Strukturen zu entrosten und zu verjüngen. Gerade einmal ein Drittel der Jugendlichen glaubt, Politik beeinflussen zu können. Das hat erst kürzlich eine repräsentative Studie von Infratest dimap im Auftrag der Vodafone-Stiftung herausgefunden. Und trotzdem zeigt sich: Es interessiert sich mehr als die Hälfte für Politik. Die Differenz lässt nur kurz wundern, denn junge Menschen glauben laut der Studie, dass die langwierige Demokratie Schwierigkeiten hat mit den Krisen der Zeit umzugehen. Klimakrise, Corona-Pandemie und der Krieg in Europa betreffen vor allem die Zukunft der jungen Menschen, die einen effektiven Weg suchen, ihrem Frust Gehör zu schaffen. Sie finden ihn, außerhalb der Parlamente und Parteien, in alternativen Partizipationsformen, in Schulstreiks und neuen Organisationen.

Jugendliche sind laut den Vereinten Nationen alle Menschen zwischen 15 und 24 Jahren. Laut der Studie halten 75 Prozent von ihnen die deutsche Demokratie für zu schwerfällig, als dass sie derzeitige und kommende Herausforderungen lösen könnte. „Aber sie haben ihren eigenen Ansatz“, meint die Jugendforscherin Sabine Walper im Tagesspiegel. „Junge Menschen suchen lieber selbst direkt die Öffentlichkeit, als sich in die Strukturen von Parteien oder anderen Organisationen einbinden zu lassen“. Dadurch schrumpfen die meisten Parteien, während Fridays For Future deutschlandweit hunderttausende Menschen auf die Straße lockt. Außerdem fühlt sich die Jugend von Parteien nicht gesehen: gerade einmal ein Fünftel hatte das Gefühl, dass die eigenen Themen im Wahlkampf zur Bundestagswahl 2021 angesprochen worden.

Zusammen mit den Students For Future Chemnitz organisiert Sophie Klima-Demos und Bildungsangebote. Bild: Sophie Emmi Su

Was sie frustriert, motiviert sie auch

„Auch nach der Veröffentlichung des Koalitionsvertrages war es wieder ein Kopfschütteln.“ berichtete Sophie medienMITTWEIDA; sie ist 22 Jahre alt und engagiert sich bei Students for Future in Chemnitz. Der Kohleausstieg 2030 steht fest, es fehlen jedoch für Sophie die Forderungen der For-Future-Bewegungen. Die Klimakrise wird in ihren Augen immer noch nicht ernst genug genommen, dazu kommen immer mehr deprimierende Probleme: „Man hat das Gefühl, es überschüttet einen mit negativen Nachrichten. Und im Endeffekt ist man nicht zufrieden, ist man nie wirklich im Aktivismus“.

Dass die Jugend und ihre Sorgen bisher in Parlamenten nicht thematisiert werden, das Gefühl hat auch Tim Gilzendegen. Im Interview mit medienMITTWEIDA beschwert er sich: „Bei Corona wurde was von Solidarität gelabert. Aber was haben wir bekommen? Gar nichts haben wir bekommen.“ Er versteht, dass sich junge Menschen in Schulen und an den Unis allein gelassen fühlen. Sowohl er als auch Sophie sind politisch aktiv und trotzdem müde von der Politik. 

Diese Parteienverdrossenheit wird nicht so schnell verschwinden, meint der Politikwissenschaftler Mathias Albert im Deutschlandfunk. „Die den Parteien zugeschriebenen Problemlösungskompetenzen sind einfach gering“, weiß Albert. Er rät zur Verjüngung der Parteien, die größtenteils einen Altersdurchschnitt von über 50 Jahren haben und damit in einer ganz anderen Lebensrealität als Jugendliche sind.

Etabliert, aber gebrechlich

Das ist ein harter Kampf, wie Tim weiß. Seit vier Jahren ist er bei den saarländischen Grünen aktiv. In seinem Fall hat die Altpartei aktiv versucht, gegen die Grüne Jugend vorzugehen. Den Mitgliedern des Landesvorstandes, von welchem er ein Teil ist, wurden im Telefonat Lügen über die anderen Mitglieder aufgetischt. „Das klappt halt nicht, weil wir uns per WhatsApp schreiben und seit drei Jahren im Vorstand miteinander sitzen“. Dieser Zusammenhalt ist ihr wesentlichstes Werkzeug. Sie vernetzen sich mit Verbündeten, „um auch dort, wo es drauf ankommt, wo die Abstimmungen letztendlich stattfinden, Mehrheiten zu haben“. Und inzwischen haben sie Erfolg: Zur letzten Landtagswahl im März wurden acht der begehrten Listenplätze mit Mitgliedern der Grünen Jugend besetzt.

Tim Gilzendegen kämpft parteipolitisch um Erneuerung. Bild: Tim Gilzendegen

Seiner Meinung nach sollten ältere Parteimitglieder, die seit Gründung ihren Posten innehaben, ihren Platz freimachen. Der deutsche Bundesjugendring ist da Tims Meinung. Es ist die Verantwortung der erwachsenen Akteur*innen, jungen Menschen nicht nur zuzuhören, sondern ihnen auch eine Stimme zu geben. So steht es in ihrer Broschüre „Wirksame Jugendbeteiligung ist mehr. Weiter heißt es, „dass es bei Beteiligungsanlässen in Politik und Verwaltung oft nicht darum geht, jungen Menschen Gestaltungsmacht zu übertragen“, denn die Interessen der Erwachsenen stünden im Vordergrund. Jugendliche sind außerdem oft enttäuscht, wenn kein direktes Ergebnis aus dem politischen Kampf ersichtlich ist. Die Klimakrise ist noch immer nicht überwunden, Luftfilter in Schulen bleiben eine Rarität. „Es muss in solchen Fällen sichtbar werden, wie es gegebenenfalls weitergeht und inwieweit das Engagement der jungen Menschen Diskurse beeinflusst oder an anderen Stellen Effekte erzielt hat.“

Doch nicht nur in Parteien bleiben junge Menschen an veralteten Strukturen hängen. Wenn Sophie mit den Students For Future eine Demo anmeldet, ärgern sie sich oft mit dem Ordnungsamt. „Wenn wir ne riesige Klimademo nicht machen können“, berichtet die 22-jährige, „weil da die Currywurst verkauft werden muss, denkt man schnell: Wo werden denn hier die Prioritäten gesetzt?“

Volljährig? Voll überbewertet

Dabei können sich die Studierenden glücklich schätzen, dass sie volljährig sind. Alle Jugendlichen müssen sich gegen die Bevormundung durch Erwachsene wehren. Doch Minderjährige sind oft allein durch ihr Alter in ihrer politischen Beteiligung eingeschränkt. Die meisten Parteien haben ein Mindestalter, um bei ihnen mitzuwirken. Wählen oder eine Demonstration mitgestalten können Jugendliche größtenteils erst ab 18.

Zumindest das Wahlalter soll laut Koalitionsvertrag der aktuellen Ampel-Koalition von 18 auf 16 abgesenkt werden. Sowohl der Politikwissenschaftler Mathias Albert als auch die Jugendforscherin Sabine Walper unterstützen dieses Vorhaben. Wie Walper berichtet, ist mit 16 das politische Interesse fast so hoch wie mit 18. Der einzige Unterschied ist, dass sich Jugendliche durch ihre politische Entscheidung schon früher ernst genommen fühlen. Betreffen würde das etwa 1,5 Millionen junge Menschen in Deutschland, knapp zwei Prozent der Bevölkerung. Wahlentscheidend wäre die Änderung vielleicht nicht, aber laut Walper wurde sich die Jugend früher gehört fühlen, ihre Zukunft schon mitgestalten können.

„Hauptsache der Wirtschaft geht’s gut – aber die Jugend bleibt vergessen. Bild: Johanna Schöbel

„Demokratie ist sehr schleppend, um etwas zu verändern“

Für Tim bleibt, trotz des hohen Frusts, das Parteiengagement am effektivsten. Denn es sind Parteien, die letztendlich in die Parlamente gewählt werden, keine Initiativen und Demonstrationen. Das ist auch nicht deren Ziel, Sophie sieht den Erfolg mit den Students For Future darin gesehen zu werden: „Ich glaube, der Druck hat dazu beigetragen, dass zumindest das Klimakonzept der Parteien zur Bundestagswahl präsenter war.“

Und nicht nur dadurch hat sich im September 2021 die Politiklandschaft in Deutschland ein bisschen verschoben. Der rostige Bundestag ist durchschnittlich zwei Jahre jünger geworden, sechs der über 700 Abgeordneten sind unter 26. Die Stimmen junger Menschen werden lauter in den Parlamenten; zumindest solange sie selbst bereit sind, ihre Mandate rechtzeitig der nächsten Generation weiterzugeben.

Text: Johanna Schöbel Titelbild: Students for Future Chemnitz Beitragsbild: Johanna Schöbel, Sophie Emmi Su, Tim Gilzendegen

<h3>Johanna Schöbel</h3>

Johanna Schöbel

ist 22 Jahre als und studiert im vierten Semester Medienmanagement an der Hochschule Mittweida. Bei medienMITTWEIDA ist sie im Lektorat tätig.