Greenwashing

Grüne Label, rote Karte

von | 19. Januar 2024

Klimaschutz per Etikett: Hinter Klimalabel steckt oft nur Täuschung. Ein Kommentar.

Im Supermarkt greife ich öfter zu den Produkten, auf deren Verpackungen mich ein kleines grünes Klimalabel anlacht. Wörter wie „klimaneutral” und „Gut für die Umwelt” beruhigen bei all den Plastikverpackungen mein schlechtes Gewissen. In den vergangenen Wochen stellte sich nun jedoch heraus, dass die Klimalabel in den meisten Fällen nicht das halten, was sie versprechen. Stern, Der Spiegel und Co. sprechen von Umweltsündern und Klimalügen. Und ich frage mich, welchen vermeintlichen Versprechen man überhaupt noch trauen kann. 

Seitdem die Auswirkungen des Klimawandels und die Diskussionen zum Eindämpfen dessen in allen Bevölkerungsschichten angekommen sind, stellen sich zunehmend viele Firmen die Frage, wie sie ihre Produkte klimafreundlicher gestalten können und treffen dabei den Nerv der Zeit. Immer mehr Menschen greifen in Deutschland zu Produkten, deren Verpackungen mittels grünem Label für Umweltschutz, Nachhaltigkeit und eine positive Klimabilanz werben. Eine Recherche von foodwatch.de zeigt jetzt aber, dass Produkte mit solchen Labels oftmals nur „schön gerechnet” werden und sich hinter den Versprechen mehr Schein als Sein versteckt. 

Greenwashing

Unter Greenwashing versteht man die irreführende Praxis von Unternehmen, sich insbesondere durch Maßnahmen im Bereich Kommunikation und Marketing ein „grünes” beziehungsweise „nachhaltiges” Image zu geben, obwohl sie in Wirklichkeit wenig oder gar nichts zu einem nachhaltigen und umweltfreundlichen Ansatz beitragen.

Keine Durchsicht im Label-Dschungel

Alleine auf dem EU-Markt gibt es 230 verschiedene Umweltzeichen. Wer soll da die Übersicht bewahren und die Spreu vom Weizen trennen? Ein Hauptproblem liegt in der mangelnden Standardisierung von Klimalabels. Es gibt keine einheitlichen Kriterien oder Kontrollmechanismen, die sicherstellen, dass die Verwendung eines Klimalabels tatsächlich auf eine nachhaltige Produktion hinweist. Die EU-Kommission hatte deswegen gemeinsame Kriterien gegen irreführende Umweltaussagen gefordert, um Verbrauchern eine größere Sicherheit zu bieten. Sonst kann der Wocheneinkauf beim Supermarkt um die Ecke schnell in Detektiv-Arbeit am Supermarktregal enden. 

Tückische Trickkiste

In einer Welt, in der Nachhaltigkeit zum Trend geworden ist, haben einige Unternehmen ihre Trickkiste weit geöffnet, um sich ein grünes Image zu zaubern. Eine grüne Banderole hier, ein kleiner grüner Sticker dort und auf der Verpackung prangt in großer grüner Schrift „klimaneutral”. Doch hinter den glänzenden Etiketten verbirgt sich oft nur eine schamlose Marketingstrategie, die nur eins bringt: Geld für die Unternehmen. Während das Produkt völlig gleich bleibt, bekommt die Verpackung eine Papphülle, einen grünen Anstrich oder wird mit einem passenden Label versehen. Mit echter Nachhaltigkeit hat das wenig zu tun und für Konsumenten wird es immer schwieriger, den Durchblick zu behalten. Die Ironie in Sachen Klimaneutralität erreicht ihren Höhepunkt, wenn ausgerechnet der Klimakiller Rindfleisch gut fürs Klima sein soll. Es ist fast so, als würde man einem Wolf einen Schafspelz überziehen und erwarten, dass er plötzlich ein Pflanzenfresser ist. 

Schöngerechneter Klimaschutz

Inmitten des Etiketten-Chaos gähnt die Hölle, an deren Pforte sich Umweltsünder freikaufen. Über sogenannte Siegel-Anbieter kaufen die Unternehmen CO2-Gutschriften aus vermeintlichen Klimaschutzprojekten und kompensieren darüber ihren hohen CO2-Verbrauch am Standort im globalen Norden. Böse Zungen sprechen vom modernen Ablasshandel, der dafür sorgt, dass manch einer noch in den Spiegel schauen kann. Die Kompensation macht die bei der Produktion entstandenen Treibhausgase allerdings nicht rückgängig, aber das muss man schließlich nicht auf die Verpackung schreiben. 

Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, kritisiert gegenüber der tagesschau: „Das Werbeversprechen der Klimaneutralität ist vielfach Verbrauchertäuschung.” Auch die Wettbewerbszentrale teilt diese Meinung und verklagte einen Süßwarenhersteller, der seine Ware als „klimaneutral” beworben hatte. Das Urteil des Gerichts ist eher ernüchternd, denn derartige Labels seien keine Irreführung: Verbraucher wüssten etwa von Flugreisen, dass viele Leistungen klimaschädlich seien und CO2 nur durch die Beteiligung an Klimaschutz-Aktionen, beispielsweise Aufforstungen, kompensiert werde. 

Mein Gefühl und auch jenes von 40 Prozent der Verbraucher und Verbraucherinnen zeigt jedoch das Gegenteil. Laut einer Göttinger Studie der Verbraucherzentrale geht beinahe die Hälfte der Konsumenten davon aus, dass „klimaneutrale” Produkte tatsächlich eine geringere CO2-Emission haben und diese nicht andernorts ausgeglichen werden. Und so kann jedes Produkt „gut fürs Klima” werden – auch, wenn die Produktion oder der Transport alles andere als klimafreundlich sind.

Das reine Gewissen

Im Spiel mit dem „modernen Ablasshandel“ kann es jedoch nur einen Gewinner geben. Während Klima und Umwelt leer ausgehen, füllen Unternehmen sich die Taschen. Foodwatch schreibt: „Das reine Gewissen kostete 2021 im Durchschnitt nur vier US-Dollar pro Tonne.” Echte Klimaschutzmaßnahmen, wie eine Photovoltaikanlage, erfordern eine deutlich höhere Investition pro eingesparter Tonne. Und so liegt es doch auf der Hand, dass die Unternehmen weitermachen wie bisher und sich mit Klimalabeln schmücken – die sind ja schließlich billiger als echter Klimaschutz. Und während am Produktionsstandort die düsteren Schwaden aus dem Schornstein steigen, wird irgendwo im Regenwald ein Baum gepflanzt, der erst noch wachsen muss, um die Treibhausgase auszugleichen. 

Verschwiegen ist nicht gelogen

Im „Klima-Fake” Report von Foodwatch werden auch konkrete Beispiele betrachtet, an denen sie die Klimalügen aufdecken. Der Hersteller eines durch Vulkangestein gefilterten Mineralwassers wirbt mit dem Aufdruck „Klimaneutral zertifiziert”. Auf der Website des Unternehmens prangt der Claim: „Umwelt & Klima first”. Das Produkt selbst kann man in Einweg-Plastikflaschen kaufen, die aus Frankreich nach Deutschland kommen. Das Umweltbundesamt urteilt dazu: „Mehrwegflaschen aus der Region sind aus Umweltsicht erste Wahl.” Obwohl das Wasser weder aus der Region kommt, noch in Mehrwegflaschen abgefüllt wird, wird es als klimaneutral verkauft. 

Ein weiteres Beispiel: Eukalyptus-Plantagen unterstützen, deren Ackergift die Artenvielfalt zerstört. So oder so ähnlich rechnet Aldi die Milch der Eigenmarke klimaneutral. Zertifikate für ein Aufforstungsprojekt, bei dem Monokulturen angelegt werden und Pestizide zum Einsatz kommen, haben wenig mit Klimaschutz zu tun und helfen der Umwelt recht wenig. Foodwatch fordert deshalb: Stoppt die Klimalüge. Denn, ähnlich wie Rindfleisch, sind auch Produkte aus Kuhmilch kritisch für unser Klima. 

Ein Blick ins Kleingedruckte

Ob in Online-Verträgen oder den AGB – was wäre unsere Welt ohne das Kleingedruckte? Und so ist es nicht verwunderlich, dass es auch in Sachen „Klimalabel” ein Kleingedrucktes gibt. Mit Sternchen versehen, meist am unteren Rand der Rückseite, tummelt es sich in klitzekleiner Schrift, die mit bloßem Auge kaum zu erkennen sind. Dort steht dann vielleicht das, was man sich auf der Vorderseite neben dem Label wünscht: „Kompensation der CO2-Emissionen mit zertifizierten Aufforstungsprojekten.” Manchmal wird man auch auf die Website des Unternehmens verwiesen, wo man sich die Informationen dann zwischen Hunderten von Menüpunkten zusammensuchen darf. Dann wäre es nicht schlecht, wenn man für seine Detektiv-Arbeit am Supermarktregal noch einen John H. Watson im Schlepptau hat, der einem beim Feindruck-Wirrwar behilflich ist. Die kryptischen Formulierungen und komplizierten Fachbegriffe machen es den Verbrauchern zusätzlich schwer, die tatsächlichen Umweltauswirkungen eines Produkts zu entziffern. In der Hoffnung, dass die Verpackungen mit grünen Labels und wohlklingenden Versprechungen bereits genug über die Umweltfreundlichkeit aussagen, übergehen viele von uns das Kleingedruckte. Ein Blick hinter die Kulissen beim nächsten Wochenendeinkauf kann also viele Klimalügen entlarven und zu weniger Greenwashing beitragen.

Text: Lea Scheffler; Titelbild: Moritz Stech via Adobe Firefly
<h3>Lea Scheffler</h3>

Lea Scheffler

ist 21 Jahre alt und studiert derzeit im fünften Semester Medienmanagement an der Hochschule Mittweida. Bei medienMITTWEIDA engagiert sie sich als Leitung des Medienressorts seit dem Wintersemester 2022.