Unser Leben in den Händen der Maschinen

von | 18. Januar 2019

Computerprogramme treffen schon heute Entscheidungen, für die vorher unser eigenes Hirn zuständig war. Illustration: Marie Kühnemann

Jeder der diese Zeilen lesen kann, ist schon einmal unausweichlich mit künstlicher Intelligenz in Kontakt getreten. Wer also denkt, künstliche Intelligenz (KI) gehört zu dystopischen Sci-Fi Filmen, in denen intelligente Roboter die Weltherrschaft übernehmen, weiß nicht, wie sehr KI schon zu unserem Lebensalltag dazu gehört. Künstliche Intelligenz steckt in unserem privaten Umfeld überall dort, wo wir digitale Geräte verwenden. Einen groben Einblick bekommt ihr in diesem Artikel.

Was ist eigentlich künstliche Intelligenz?

Laut Prof. Dr. Richard Lackes der TU Dortmund beschäftigt sich künstliche Intelligenz „mit Methoden, die es einem Computer ermöglichen, solche Aufgaben zu lösen, die, wenn sie vom Menschen gelöst werden, Intelligenz erfordern.“ Die Definition von KI reibt sich heute jedoch an der Frage, was überhaupt Intelligenz bedeutet. Wann sind menschliche Handlungen intelligent und wann können Maschinen mit dieser Intelligenz verglichen werden? Somit ist die Abgrenzung zu künstlicher Intelligenz nicht immer eindeutig. Schon 1956 wurde ein Programm vorgestellt, das Schach spielen konnte.

Ein wichtiger Bestandteil von intelligentem Verhalten und deshalb auch der KI ist neben intelligentem Handeln auch die Fähigkeit zu lernen. Das muss jedoch nicht immer der Fall sein.

Suchalgorithmen

Es begann im September 1999: Die Suchmaschine Google ging online und wurde nur ein Jahr später zum Marktführer. Den großen Erfolg verdankt Google nicht zuletzt seiner stets aktuellen Suchalgorithmen. Seit 2015 gehört zur Google-Suche auch künstliche Intelligenz in Form eines Programms namens „RankBrain“. Das Programm versucht unbekannte Suchanfragen anhand der Wortbedeutungen und möglicher Suchabsichten zu interpretieren. Es errät also die Lösung und speichert diese Interpretationen zugleich für zukünftige Suchanfragen ab. Nähere Funktionsweisen und ob das System erfolgreich läuft, hält Google jedoch geheim.

Der persönliche Sprachassistent

Prinzipiell sind sie nichts anderes als Suchmaschinen. Dennoch verleihen die Sprachassistenten, wie es sie von Apple, Android oder Amazon gibt, ihnen einen viel menschlicheren Charakter, als eine schriftliche Eingabe in ein Online-Suchfeld. Die Kommunikation erfolgt dabei über das gesprochene Wort und die Antworten werden über eine computergenerierte Stimme ausgegeben.

Hinzu kommt die Möglichkeit zur Ausführung von Befehlen: „Siri, rufe meine Freundin an“ oder „Alexa, mach bitte das Licht aus.“ Durch das Trainieren der Sprachassistenten ist damit auch die Steuerung anderer vernetzter Geräte möglich, die man früher mit der eigenen Hand bedienen musste.

Smartwatches

Die nächste Evolutionsstufe der persönlichen Assistenten stellt wohl die Smartwatch dar. Neben dem handelsüblichen Sprachassistenten und der Funktion die Uhrzeit anzuzeigen, greifen Smartwatches auf das Privateste zu: Unseren Körper. Die intelligenten Uhren können den Puls messen, die täglich zurückgelegten Wege aufzeichnen und sogar einen Sturz erkennen, woraufhin ein Notruf abgesendet werden kann.

Hersteller und Nutzer schwärmen von einem veränderten, verbesserten Leben. Apple selbst preist sein neues Modell als „halb Bodyguard, halb Guru“ an. Der zweite Teil bezieht sich hierbei auf die Funktion, vollständige Fitnessziele einstellen zu können und damit zu einem gesünderen Leben beizutragen. Die digitalen Ziele sollen den Nutzer anspornen, seinen Körper gesund zu halten. Fitnessstudios und menschliche Sporttrainer scheint diese Funktion überflüssig zu machen.

Die Apple Watch hat einen Sturz erkannt und möchte einen Notruf abgeben. Foto: Apple Newsroom

Autonomes Fahren

Persönlicher kann es nur werden, wenn ein Mensch einer Maschine die Kontrolle über das eigene Leben abtritt. Anwendung findet das heute schon im Straßenverkehr. Der Fahrzeughersteller Tesla ist hier Vorreiter und hat schon seit 2016 in jedem verkauften Auto die notwendige Hardware für autonomes Fahren installiert. Die Technik ist auf deutschen Straßen jedoch nur teilweise zugelassen. Möglich ist zur Zeit nur ein Fahrassistent zum Spur- und Geschwindigkeitshalten auf Autobahnen.

Die restliche Hardware ist dabei laut Hersteller keinesfalls umsonst, denn die damit aufgezeichneten Messdaten, die für autonomes Fahren notwendig wären, werden vom Bordcomputer aufgezeichnet und an Tesla übermittelt. Das soll  zur Verbesserung der Autopilot-Software beitragen, in der Hoffnung, dass das vollständig autonome Fahren von den Behörden zugelassen wird. Wer noch keinen Tesla in der Garage stehen hat, kann auch schon öffentlich mit autonomen Fahrzeugen fahren. Sowohl im Berliner Universitätskrankenhaus also auch im bayerischen Kurort Bad Birnbach rollen autonome Mini-Busse auf der Straße. Seit 2010 fahren zwei U-Bahnlinien in Nürnberg fahrerlos durch die Stadt.

Mit 15km/h und bis zu sechs Personen pendelt dieser autonome Bus zwischen Bahnhof und Ortszentrum in Bad Birnbach. Foto: Eva Stranzinger/Bad Birnbach

Auswirkungen auf die Berufswelt

Obwohl künstliche Intelligenz stets unter dem Vorsatz entwickelt wird, das menschliche Leben zu vereinfachen, gibt es auch zahlreiche Kritiker und Gegner. Ein altbekanntes Problem ist die Frage nach der Arbeitswelt der Zukunft. Dass Menschen durch Maschinen ersetzt werden, findet schon seit Jahrzehnten statt. Künstliche Intelligenz weitet jedoch die Problemstellung enorm aus.

Neben einfachen handwerklichen Berufen, sind auch Berufsgruppen wie Journalisten, Juristen, Künstler und Servicemitarbeiter betroffen. Die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua hat im November 2018 einen animierten Nachrichtensprecher vorgestellt, der die Ausdrucksweise von echten Nachrichtensprechern imitieren kann. Auch scheinbar aufwändig recherchierte Texte können heute schon in kürzester Zeit von Computern erschaffen werden und lassen sich nur schwer von menschlicher Handschrift unterscheiden. Ein Artikel, so lang wie dieser gesamte Text, wurde von einem Programm des chinesischen Unternehmens Tencent innerhalb einer Minute generiert.

„In einigen Bereichen haben wir die Kontrolle bereits längst verloren.“

Wenn es um die Frage geht, ob in Zukunft Maschinen unsere Gesellschaft beherrschen, hat der Technikexperte und Philosoph Armin Grunwald klare Worte: „In einigen Bereichen haben wir die Kontrolle bereits längst verloren,“ sagt er in einem Interview im Handelsblatt. Sorge macht ihm, dass die technische Entwicklung von wirtschaftsorientierten Unternehmen vorangetrieben wird. Grunwald warnt davor, dass heute nur Wenige die komplexe Programmierung beherrschen. Gefährlich wird es, wenn keiner mehr die künstlichen Programme versteht, die Menschheit aber von den Funktionen abhängig ist.

Manipulation der Wahrnehmung durch Deepfakes

Andere Wissenschaftler, unter anderem aus den Universitäten Stanford, Harvard und Yale, warnen vor gezieltem Missbrauch der KI. Als Beispiel nennen sie die Methode, mit der Gesichter in Bildern und Videos sehr leicht durch andere Gesichter ersetzt werden können. Mit der sogenannten Deepfake-Methode wurden schon bekannte Gesichter, wie etwa von Emma Watson und Scarlett Johansson, in Pornofilme eingebaut oder ein Interview mit Barack Obama generiert, das dieser selbst nie gegeben hat.

In einem sind sich die Wissenschaftler aber auch einig. Noch sei Zeit, in die vermeintlich gefährliche Entwicklung von künstlicher Intelligenz einzugreifen und diese zu kontrollieren, wenn Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zusammenarbeitet.

Text: Nicolai Hackbart, Illustration: Marie Kühnemann, Bilder: Apple Newsroom und Eva Stranzinger/Bad Birnbach