Leistungsdruck im Studium

Lernstress statt Freizeitspaß

von | 28. Januar 2022

Volle Stundenpläne, Abgabefristen und Prüfungsstress - wenn die Studienzeit zu einer reinen Belastungsprobe wird.

Laut einer Studie der DZHW leidet jeder vierte Student unter Stress und Erschöpfung im Verlauf seines Studiums. In der heutigen Zeit ist der Studienalltag vieler Studierenden vor allem von Leistungsdruck geprägt. Steve Sokol ist staatlich anerkannter Sozialpädagoge und arbeitet sowohl als Dozent an der Hochschule Mittweida als auch in der Sozialkontaktstelle. In einem Zoom-Meeting hat er medienMITTWEIDA einige Fragen über das Thema Leistungsdruck im Studium beantwortet. Außerdem hat er uns ein paar Tipps verraten, die ihm während seiner Studienzeit geholfen haben mit dem Druck umzugehen.

Durch Ihre Arbeit in der Sozialkontaktstelle an der Hochschule Mittweida stehen sie gerade mit Studierenden, die unter verschiedenen Problemen leiden, in Kontakt. Kommen auch vermehrt Studierende auf sie zu, die unter Leistungsdruck leiden?

Sokol: Die Probleme, mit denen die Studierenden zu uns kommen, sind sehr vielfältig. Leistungsdruck umfasst einen großen Bereich. Im Studium kann schnell ein allgemeiner Druck entstehen, bei dem es sich nicht immer in erster Linie um Leistungsdruck handeln muss. Leistungsdruck geht oft mit vielen weiteren Faktoren einher. Man kann also nicht direkt sagen, dass vermehrt Studierende auf uns zukommen, die allein unter einem Leistungsdruck leiden.

Wie hoch schätzen Sie den Leistungsdruck von Studierenden allgemein ein?

Allgemein bekommen wir mit, dass der Druck für Studierende sehr hoch ist. Während des gesamten Studiums sind viele Aspekte zu berücksichtigen, die zu einem erhöhten Aufkommen von Druck führen können. Neben den Studieninhalten und dem Ablauf des Studiums führen oft plötzliche Veränderungen der privaten Lebensumstände dazu, dass Studierende in Schwierigkeiten geraten und ein psychischer Druck entsteht, mit dem sie schwer umgehen können.
Wir, die Mitarbeiter von der Sozialkontaktstelle, versuchen somit als Erstes durch Gespräche die Indikatoren für das Aufkommen von Stress und Druck zu analysieren und Lösungen zu finden, die die Situation der Betroffenen verbessert. In manchen Fällen kann es der allgemeinen Situation helfen, zunächst den Leistungsdruck im Studium zu reduzieren.

In welchem Semester ist Ihnen der Leistungsdruck der Studierenden besonders stark aufgefallen?

Sokol: Zu Beginn der Corona-Pandemie waren die Ängste und Schwierigkeiten der Studierenden besonders ausgeprägt. Im Wintersemester 2020/2021 ist uns aufgefallen, dass der Druck der Studierenden besonders eklatant war. Unsere Telefone haben nahezu ununterbrochen geklingelt. Alle waren einer neuen und ungewohnten Situation ausgesetzt. Die Gegebenheiten erschwerten die Kommunikation und es fehlte den Studenten an Kontakt untereinander. Viele fühlten sich in dieser Zeit einsam. Jedoch kann man nicht pauschalisieren, ob dies eher die höheren oder die niedrigeren Fachsemester betroffen hat. Ich denke, die Situation hat nahezu allen Studierenden zugesetzt und bei vielen vor allem zunehmend Druck ausgelöst hat. Denn neben den ganzen Veränderungen im Studienalltag kam ein gesellschaftlicher Druck, den die aktuelle Situation auslöst. Viele Studierende leiden bis heute unter Zukunftsängsten aufgrund der wirtschaftlichen Veränderungen. Ich denke, dass besonders in dieser Zeit viele Studierende mit einem enormen Leistungsdruck an viele Aufgaben und auch Prüfungen herangegangen sind. 

Bologna-Prozess

Der Bologna-Prozess führte zu einer Reformation der Hochschullandschaft in weiten Teilen Europas. Insgesamt beteiligten sich 29 europäische Länder an einem Prozess, der die Studienstruktur in Europa vereinheitlichen sollte. Im Jahr 1999 trat auch Deutschland diesen Prozess bei und Magister-, Diplom- und Staatsexamens-Studiengänge wurden in Bachelor- und Master-Studiengänge umgewandelt. Dies hat eine Verkürzung der Studiendauer zur Folge. 

Mit der Umstellung der Studienreform sollten drei wesentliche Ziele umgesetzt werden:

  1. Studienstruktur in Europa harmonisieren und Mobilität ermöglichen.
  2. Bei gleichbleibender Kapazität mehr Leute zu einem kürzeren Studium zulassen zu können. 
  3. Die Studienhemmung bildungsfreier Schichten abzubauen, da ein Kurzzeitstudium in seinen Kosten besser zu kalkulieren ist und weniger finanzielle Mittel in Anspruch nimmt.

Denken Sie, dass die Bologna-Prozess ein ausschlaggebender Punkt für den Anstieg des Leistungsdrucks an den Universitäten und Hochschulen ist?

Sokol: Ja, besonders die Änderung der Hochschulordnung von den Diplomabschlüssen in das Bachelor- bzw. Master-System brachte einen veränderten Druck mit sich. Ich kann da auch aus eigener Erfahrung sprechen. Ich habe in einem der ersten Bachelor-Jahrgänge in meinem Studienfach studiert. Bereits in der Anfangsphase meines Bachelorstudiums habe ich mich stark auf eine zukünftige Stelle in einem Masterstudiengang konzentriert. Die Plätze in den meisten Masterstudiengängen waren oft begrenzt und der Numerus Clausus spielte eine signifikante Rolle, um einen Platz zu erhalten. Genau diese Situation war auch oft Mittelpunkt vieler Gespräche unter uns Studenten. In manchen Momenten kam bei mir sogar Neid auf, wenn ein Kommilitone eine bessere Note erzielen konnte als ich selbst. Wenn ich auf diese Zeit zurückblicke, finde ich es doch oft sehr schade, dass ich in diesen Momenten mein Studium kaum genießen konnte und immer nur auf meine Leistung fokussiert war. Ich hätte die Studienzeit viel stärker auskosten müssen und mich ab und an tiefgründiger mit den Inhalten beschäftigen können, die mich wirklich interessiert haben als immer nur an das Erzielen der besten Note zu denken. Das Studium ist eine sehr tolle und prägende Zeit, die man nutzen sollte, um sich in verschiedenste Themen hineinzudenken. Dennoch sollte man den ein oder anderen Augenblick auch einfach genießen.
Mit dem Bologna-Verfahren wurde definitiv der Druck auf viele Studierende erhöht. Besonders im Hinblick auf den Master.

Welche weiteren Faktoren könnten Ihrer Meinung nach zu einem erhöhten Aufkommen von Leistungsdruck führen?

Sokol: Oft kann die finanzielle Situation ebenfalls ein Auslöser sein, der bei vielen Studierenden Leistungsdruck auslöst. Die Meisten sind während ihrer Studiendauer von BAFÖG oder anderen Formen der finanziellen Unterstützung abhängig. Dies führt oft dazu, dass viele ihr Studium so schnell wie möglich am besten in der Regelstudienzeit abschließen möchten, um niemanden auf der Tasche zu liegen oder hohe „Schulden“ anzuhäufen.
Ein weiterer Auslöser ist auch oft die Jobsituation. Die Zielstrebigkeit von Studierenden ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Bei vielen liegt bereits zu Beginn des Studiums der Fokus darauf, die besten Leistungen zu erzielen, um als Berufseinsteiger die Jobchancen zu erhöhen. Damit ist natürlich auch der Leistungsdruck deutlich angestiegen. Wenn man viel Zeit und Energie in sein Studium investiert, möchte man selbstverständlich auch mit positiven Leistungen gegebenenfalls Bestnoten belohnt werden.
Zudem möchten sich viele Studierende frühzeitig einen Praxispartner sichern, mit dem sie ihre Abschlussarbeit schreiben können. Dadurch entsteht enorm früh der Druck, dass perfekt geeignete Unternehmen zu finden. Dafür möchten sie oft schneller als die Kommilitonen sein und mit hervorragenden Leistungen aus der Masse herausstechen.
Es gibt natürlich viele weitere Faktoren, die zu Leistungsdruck führen können.

Welche Folgen hat Ihrer Meinung nach der Leistungsdruck vieler Studenten auf deren körperliche und psychische Gesundheit?

Sokol: Dies kann man auf keinen Fall pauschalisieren. Jeder geht mit Druck anders um. Manche werden unter Druck zu Arbeitstieren und er hilft ihnen, die besten Ergebnisse erzielen zu können. Bei anderen ist dies nicht der Fall und sie gehen lieber organisiert und mit genügend Vorbereitungszeit an ihre Aufgaben heran. 
Die Frage ist immer, wie lange man in der Lage ist, den stetigen Druck auszuhalten. Es ist wichtig, aufzupassen, dass aus Druck keine Folgen wie Erkrankungen entstehen. Besonders in den letzten Jahren ist zu beobachten,  dass die Zahl der psychischen Erkrankungen bei Studierenden steigt. Deshalb sollten alle Studierenden gut auf sich aufpassen. Folgen, die entstehen können, sind immer Einzelfallsituationen. Jeder Studierende ist anders und so können auch die Folgen von Leistungsdruck sehr unterschiedlich sein. Manche leiden unter Schlafstörungen, Appetitlosigkeit oder Antriebslosigkeit. Daraus können depressive Episoden entstehen.

Bei einer Umfrage auf dem Instagram-Account der Redaktion stellte sich heraus, dass 66 Prozent der Befragten von Leistungsdruck im Studium betroffen sind. Welche Tipps haben Sie, damit Studenten besser mit Leistungsdruck umgehen können

Sokol: Es ist schwer, explizite Tipps zu formulieren. Man muss immer den Kontext kennen. Oft kann nur ein persönliches Gespräch helfen, in dem wir mehr über die Situation der Studierenden erfahren. Man muss erst mal herausfinden, woher der Druck kommt und was passiert ist, dass der jeweilige Student an einem Punkt steht, dass er dem Ganzen nicht mehr standhalten kann. Nach einem Gespräch können gemeinsam mit dem Betroffenen individuelle Lösungen gefunden werden. Diese können oft sehr unterschiedlich sein. Je nachdem in welcher Situation sich der Betroffene befindet, kann es helfen, wenn die Anzahl der Prüfungen des jeweiligen Semesters reduziert werden. Bei anderen ist es ratsamer, ein Urlaubssemester einzulegen, um dem Druck einmal vollständig wegzunehmen. Anderen wiederum helfen bereits Gespräche mit Kommilitonen, Freunden oder Ansprechpartnern wie beispielsweise uns. Jeder, der das Gefühl hat, unter Schwierigkeiten im Studium zu leiden, kann sich jederzeit bei uns melden. Oft kann ein Gespräch schon viel bewirken und oftmals finden wir gemeinsam eine Lösung.

Gerade in der Prüfungszeit ist das Wort Prokrastination unter Studierenden oft in aller Munde. Denken Sie, dass diese gerade in der Prüfungsphase zu einem erhöhten Leistungsstress führt?

Sokol: Manche sind die Meister im Prokrastinieren und benötigen einen gewissen Druck, um effektiv und gut arbeiten zu können. Auch hier besteht die Gefahr, dass dieser Druck Folgen auslösen kann. Man muss herausfinden, ob man unter Druck leistungsfähig ist oder eher enormen Stress verspürt. Das ist in meinen Augen eine absolute Typsache. Man sollte sich selbst genau kennen, um zu wissen, inwiefern man Stress und Druck aushalten kann.
Ich bin zum Beispiel auch ein Typus Mensch, der den maximalen Druck braucht, aber ich weiß auch von mir selbst, dass ich unter Druck unglaublich leistungsfähig bin.
Andere hingegen sind auf keinen Fall in der Lage diesem Druck standzuhalten und können dann Aufgaben nicht abschließen, da sie mit der Situation zu überfordert sind.
Viele Studierende müssen ihren Modus erst kennenlernen und die Fähigkeit entwickeln, sich selbst in diesen Situationen einzuschätzen. Ein Studium ist für viele eine neue Herausforderung, die nicht mit dem Abitur zu vergleichen ist. Die Studierenden sind für ihre Zeiteinteilung zum größten Teil selbst verantwortlich und es kontrolliert niemand mehr, wann und ob sie ihre Aufgaben erledigen. Es ist wichtig, sich frühzeitig einzugestehen, wenn man nicht der Typ zum Prokrastinieren ist und lieber geplant mit einer gewissen Vorlaufzeit an die Aufgaben herangeht.

Haben Sie auch Tipps aus Ihrer eigenen Studienzeit, um gerade den Stress bei den Vorbereitungen auf die Prüfungen zu vermeiden?

Sokol: Mir haben besonders Lerngruppen in der Vorbereitung auf Prüfungen geholfen. Durch diese war ich in der Lage, noch mal offene Fragen zu klären und mein Wissen mithilfe von Kommilitonen zu festigen. Das hat mir oft Sicherheit gegeben.
Des Weiteren kann ich aus meiner eigenen Studienzeit empfehlen, Vorlesungsinhalte schon während des Semesters möglichst im Anschluss an die Vorlesung aufzuarbeiten. Meinen Erfahrungen zufolge lernt man dadurch am effektivsten.
Zudem denke ich, dass Ablenkung und Lernpausen das A und O während der Prüfungsphase sind. Um Stress zu vermeiden habe ich mich abends dann oft mit Freunden außerhalb des Studiums auf eine Cola getroffen, um einfach mal abschalten zu können und Abstand zum Studium und der Prüfungssituation zu bekommen.
Aber jeder kann auf andere Art und Weise entspannen und sollte dann auf diese Aktivitäten zurückgreifen, um sich einfach abzulenken und zu entspannen.

Haben Sie vielleicht abschließend noch ein paar motivierende Worte für die Studierenden?

Genießt die Studienzeit und euer Studium und wenn ihr merkt, dass ihr unter Leistungsdruck leidet, dann geht ins Gespräch mit Freunden, Verwandten und Kommilitonen.

 

Text, Titelbild: Franziska Pfoh

<h3>Franziska Pfoh</h3>

Franziska Pfoh

ist 25 Jahre alt und studiert im dritten Semester Medienmanagement an der Hochschule Mittweida. Bei medienMittweida engagiert sie sich als Assistenz im Lektorat.