Kommentar

Diese lobbylosen Kinder!

von | 8. Juli 2022

Nenn mir eine politische Debatte der letzten 16 Jahren, bei der der Input der Jugend ausreichend beachtet wurde. I’ll wait.

Was die Jugend aus ihrer Perspektive zu sagen hat, wird in politischen Gremien meistens ignoriert. Werden junge Menschen doch mal in Parlamente eingeladen um ihre Meinung zu sagen, ist das für das gute Bild nach außen. Deutlicher konnte das der EU-Kongress im Februar 2019 nicht machen, als sie die Klimaaktivistin Greta Thunberg eine Rede halten ließen – und nach kurzem Dank und Scherzchen ohne Umschweife über die Richtung der Toilettenspülung diskutierten.

Die Senior*innen der GroKo

In Deutschland sieht das nicht viel anders aus. Aber das ist kein Wunder, immerhin hat die knorrige CDU 16 Jahre lang dieses Land mitgeführt, zwölf davon zusammen mit der SPD. Ein Großteil der derzeitigen Jugendlichen kennt kaum eine andere Regierung als die unter “Mutti Merkel”. Das Durchschnittsalter der beiden Parteien liegt mit etwa 60 Jahren mehr als 15 Jahre über dem der deutschen Bevölkerung – welche Gesellschaft soll das widerspiegeln? Welche jugendliche Person soll sich Bilder von Fraktionen, Vorständen oder auf Wahlplakaten anschauen und denken: „Ja, genau diese Person ist wie ich und wird meine Interessen und mich entsprechend vertreten können“?

Dass sie es nicht tun, wird in allen Bereichen deutlich, in denen jugendlicher Input eigentlich gefragt wäre. Laut der KfW-Bank existiert allein für Schulen ein Investitionsstau von 46,5 Milliarden Euro – Geld, das lediglich gebraucht wird, um Schulen zu erhalten. Marode Schulgebäude mit süffigen Toiletten und schimmligen Kellern sind die Folge. Dass darunter die Lernkompetenzen der Schüler*innen leiden, zeigt die letzte PISA-Studie aus dem Jahr 2019. Sie veranschaulicht, dass vor allem Kindern und Jugendlichen aus sozioökonomisch schwächeren Haushalten schlechter abschneiden: Nur etwa 25% der Deutschen erreichen einen höheren Bildungsabschluss als ihre Eltern. Der Durchschnitt aller OECD-Länder liegt bei 41%. Kein Wunder, denn eigentlich sollte ein funktionierendes, gut ausgebautes Schulsystem eben jene auffangen und Chancengerechtigkeit zwischen Schüler*innen mit verschiedenen Bedingungen schaffen. In Schulen verbringen Kinder und Jugendliche außerdem einen Großteil ihres Tages. Sie sehen so unterbewusst, wie wenig Geld und Zuneigung politische Gremien ihnen zukommen lassen. Und die Möglichkeit, selbst dafür einzutreten, ist außerhalb von Schulsprecher*innen kaum gegeben.

Wir sind jung und brauchen die Welt! Bild: Johanna Schöbel

Faire Repräsentation? Fehlanzeige

Wenn Jugendliche sich dann mal Gehör verschaffen, werden sie größtenteils diskreditiert. Es mangelt an Erfahrung, sie sollen erstmal etwas Richtiges lernen, ihnen fehlt das Verantwortungsbewusstsein. Das gilt für Jugendbewegungen wie Friday’s For Future, aber auch für einzelne junge Menschen, die es in Parlamente schaffen. Als Emilia Fester, eine 24-jährige Abgeordnete des Bundestags, ans Redner*innenpult tritt und im Zuge der Debatte um die Impfpflicht mehr Solidarität mit der Jugend fordert, wird sie on- wie offline verhöhnt. Ihr Name ist fünf Tage lang in den Twitter-Trends. Über ihre Argumentation lässt sich streiten, über die oft genutzte Beleidigung “Rotzgöre” nicht. „Mir wird aufgrund meines Alters abgesprochen, eine eigene Meinung zu haben – und vor allem die Berechtigung, im Bundestag sprechen zu dürfen“, sagte Fester dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Viele Jugendliche kamen jedoch auf sie zu, sie habe ihnen aus der Seele gesprochen. Und genau das sei ja auch ihr Ziel im Bundestag, die Jugendlichen mehr zu vertreten. 

Gerade einmal sechs der 735 Abgeordneten im Bundestag sind unter 26 Jahre alt und zählen damit laut der Definition der UN als “Jugendliche”. Das ist knapp unter einem Prozent. Im Vergleich: In der gesamten Bevölkerung Deutschlands gibt es laut dem Statistischen Bundesamt fast 20 Millionen Einwohner unter 25. Damit machen sie etwa ein Viertel der Bevölkerung aus, stellen in politischen Entscheidungsgremien jedoch trotzdem oft eine Minderheit dar. Dazu kommt, dass sie am längsten mit den politischen Entscheidungen zu leben haben, die die oftmals älteren Parlamente treffen. So beeinflusst zum Beispiel ein verpflichtendes Freiwilligenjahr für alle, die die Schule verlassen, den 66-jährigen SPDler nicht. Löst für ihn aber im Zweifel kostengünstig den Pflegenotstand

Die Jüngsten leiden am längsten unter der heutigen Politik Bild: Johanna Schöbel

Zu grün hinter den Ohren

Nun sind natürlich nicht die Wähler*innen Schuld daran, dass wenig Jugendliche zur Kandidatur kommen, sondern die veralteten, unattraktiven Muster und Themen in den Parteien. Ich habe selbst mitbekommen, wie Jugendliche auf lokaler Ebene von Parteien behandelt werden. Als Sprecherin der Grünen Jugend Chemnitz versuche ich mit meiner Jugendorganisation unseren Grünen-Kreisverband jünger und diverser zu gestalten, indem wir interessierte Kinder und Jugendliche unterstützen. Ich sehe selbst, wie 14-jährige junge Grüne sich mit Straßenbahnplanung auseinandersetzen, mit “Altgrünen” Arbeitsgemeinschaften zusammen ein Konzept umsetzen wollen – und dann an bürokratischen Hürden scheitern. Eigentlich wollen die 14-Jährigen an den Stadtrat ran, um Anträge zu stellen, der Fraktion Vorschläge unterbreiten; sie wissen nur leider nicht, wie das geht. Aber im Wahlkampf Flyer verteilen? Gerne, ihr bekommt sogar ‘nen Kasten Spezi dafür. Eigentlich gelten die Grünen eine der jüngsten und jugendfreundlichsten Parteien – es ist also anzunehmen, dass Jugendliche in anderen Parteien noch stärker eingeschränkt sind.

Und eigentlich wollen sich Jugendliche anders politisch einbringen, als es in Parteien bisher möglich ist. Sie bevorzugen es, sich einem Thema projektbezogen zu widmen.  Dadurch sind die fest strukturieren Parteien nicht der richtige Rahmen für ihr Engagement. Laut einer Studie sind mehr als die Hälfte der Jugendlichen an Politik interessiert, doch nur etwa drei Prozent sind in Parteien aktiv. Die Friedrich-Ebert-Stiftung fand außerdem heraus, dass sie sich mehr Mitarbeit ohne Mitgliedschaft wünschen. Eine Partei möchte eine Nachtbuslinie zum Jugendzentrum errichten? Dafür lässt sich zusammen kämpfen! Wohin der Restmüll der ganzen Stadt gebracht werden soll, können aber trotzdem gerne andere entscheiden, die Ahnung davon haben. Es gilt, neue Konzepte zu entwickeln, um die Meinung und das subjektive Wissen der oftmals Betroffenen mit einfließen lassen zu können.

“Wenn es keine Bereitschaft gibt, die Gestaltungsmacht zu teilen, fehlt die Voraussetzung für einen wirksamen Beteiligungsprozess” schreibt der deutsche Bildungsring in der Broschüre “Wirksame Jugendbeteiligung ist mehr”. Diese Bereitschaft wirkt bisher nur vorgegaukelt. Es gilt, der Jugend nicht nur einen Platz am Redner*innenpult zu geben, sondern ihnen auch zuzuhören, ins Gespräch zu kommen und ihre Sichtweise schätzen zu lernen. Die jetzigen Jugendlichen werden sowieso eines Tages die Politik übernehmen müssen. Umso besser, wenn sie nicht politikverdrossen und ohne Glauben an die Demokratie in Parlamente ziehen, sondern sie jetzt schon zu spüren bekommen, wie Veränderung geschaffen werden kann.

Text, Titelbild, Beitragsbilder – Johanna Schöbel
<h3>Johanna Schöbel</h3>

Johanna Schöbel

ist 22 Jahre als und studiert im vierten Semester Medienmanagement an der Hochschule Mittweida. Bei medienMITTWEIDA ist sie im Lektorat tätig.