Nervlich bedingte Appetitlosigkeit

von | 11. Januar 2019

Anzeichen von Magersucht gibt es viele, erkannt  wird die Krankheit jedoch meist erst spät. Titelbild: Marie Kühnemann

„Ich bin ganz normal“, sagt Lotta heute über sich. Sie ist 23 Jahre alt und wohnt seit drei Jahren in Frankfurt am Main. Derzeit ist sie Auszubildende im Gesundheits- und Krankheitswesen. Aufgewachsen ist sie gemeinsam mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester bei ihren Eltern in Halle. Lotta war vier Jahre lang an Magersucht erkrankt.

Alles eine Sache der Wahrnehmung

Laut dem Bundesfachverband für Essstörungen ist Magersucht, auch Anorexie genannt, eine psychische Störung aus dem Bereich der seelisch bedingten Essstörungen. Dabei wird die Nahrungszufuhr aus Angst vor Gewichtszunahme auf ein Minimum reduziert.  Infolgedessen weisen Betroffene ein sehr niedriges Körpergewicht auf. Trotz des Untergewichts nehmen sie ihren Körper als zu dick oder normal wahr. Diese verzerrte Körperwahrnehmung wird als sogenannte Körperschemastörung bezeichnet. „Besonders drastisch sind die körperlichen Folgen der Erkrankung, wie beispielsweise hormonelle Störungen, Vitamin- und Mineralstoffmangel oder herabgesetzte Herzfrequenz und Körpertemperatur”, so Judith Weiss Psychotherapeutin in der Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Halle.

Merkmale der Anorexie

  • BMI unter 17,5
  • Körperschemastörung
  • Gewichtsverlust
  • endokrine Störung

nach ICD-10 

Wenn der Spiegel im Kopf zerbricht

„Von Anorexie sind Frauen um ein vielfaches häufiger betroffen als Männer”, verrät Judith Weiss. Dabei liegt das Ersterkrankungsalter oft in der Pubertät, einer Zeit, in der sich der eigene Körper verändert. Als Lotta in der zehnten Klasse an Magersucht erkrankte, war sie 15 Jahre alt. „Es gab durchaus eine Zeit, in der ich die Magersucht als einen wichtigen Teil meiner Selbst betrachtete, ohne den ich nicht leben konnte.“ Jetzt ,wo sie die Krankheit überwunden hat, betrachtet sie sie als einen Erkrankung des Geistes. „Die Magersucht war die Antwort auf meine Ankunft in der Welt der Erwachsenen.“ Realisiert hat sie die Erkrankung zu Anfang nicht, erst als sich die ersten körperlichen Symptome wie Haarausfall zeigten, wurde sie sich ihrer Krankheit bewusst.

Weitere Symptome

  • Gleichgültigkeit
  • Depressive Stimmung
  • Hohe Reizbarkeit
  • Vernachlässigen von sozialen Kontakten und Interessen
  • Mangelerscheinungen
  • Müdigkeit und Kälteempfindlichkeit
  • Wachstumsverzögerung
  • Ausbleiben der Monatsblutung

laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Die Gratwanderung

Magersucht hat viele Gesichter, wird jedoch vom Umfeld oft nur schwer erkannt. Noch schwieriger ist es für Angehörige zu helfen. Auch Lotta erging es ähnlich. „Die ersten, die mich fragten ob alles in Ordnung sei, waren meine Biologie- und Sportlehrer. Meine Familie und Freunde machten sich große Sorgen. Sie haben es nicht ausgesprochen aber ich habe es ihnen angesehen. Das war schwer auszuhalten.“ Angehörige sind oft selbst von der Erkrankung schwer belastet und häufig von intensiven, negativen Gefühlen wie Sorge, Angst, aber auch Schuldgefühlen und Wut betroffen. Vorwürfe oder Schuldzuweisungen, Druck oder Androhungen von Maßnahmen sind jedoch häufig schwierig in Hinblick auf ein verständnisvolles Miteinander. Eine unterstützende, sowie verständnisvolle Haltung ist laut Judith Weiss daher am ehesten empfehlenswert. In Ausnahmesituationen, in denen die Betroffenen Suizidgedanken äußern oder der körperliche Zustand der Betroffenen bedrohlich erscheint, sollte jedoch sofort ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden.

Licht am Ende des Tunnels

Für Lotta war es jedoch sehr schwierig fremde Hilfe anzunehmen. „Ich habe ziemlich lange darauf gewartet, dass mich ein Arzt, Psychologe oder Therapeut rettet. Aber das können die nicht. Sie können dir höchstens dabei helfen dich selbst zu retten.“ Die Erarbeitung eines individuellen Entstehungsmodelles ist nach Judith Weiss ein zentraler Baustein in der Psychotherapie bei Essstörungen.  Denn diese sind nicht bei jedem Menschen gleich, so dass Betroffene ihre ganz eigenen Persönlichkeitseigenschaften sowie ihre individuelle Lebensgeschichte mitbringen. In der Regel gibt es nicht nur die eine Ursache für die Entstehung einer psychischen Erkrankung, sondern verschiedene Faktoren, deren Zusammenwirken den Ausbruch einer Erkrankung begünstigen. Neben der Entwicklung eines persönlichen Entstehungsmodelles wird in der Therapie auch ein Modell der Aufrechterhaltung der Magersucht erarbeitet, der sogenannte Teufelskreis der Anorexie.

Mögliche Ursachen von Anorexie

  • Erbliche Disposition
  • Mangelndes Selbstwertgefühl
  • Gesellschaftliche Faktoren
  • Mobbing
  • Psychische Traumatisierungen

laut Bundesfachverband Essstörungen

Raus aus dem Trott

Lotta wählte einen eigenen Weg um die Erkrankung erfolgreich zu überwinden: „Ich habe mich selbst in das kalte Wasser geworfen und mein gesamtes Umfeld geändert. Ich bin in ein anderes Bundesland gezogen, habe die Schule gewechselt und allein gewohnt. Von da an ging es mir besser.“  Welche Art der Behandlung sich am besten eignet, ist von mehreren Faktoren, wie beispielsweise dem körperlichen Allgemeinzustand und der Stärke der Beeinträchtigung abhängig. Dabei ist die Erarbeitung eines individuellen Entstehungsmodelles die Grundlage für die Entwicklung von Therapiezielen. Darüber hinaus werden gemeinsam Vereinbarungen für den Zeitraum der Therapie getroffen, die für die Betroffenen verpflichtend sind. Die Arbeit an der Stabilisierung des Essverhaltens ist die Grundlage für die Arbeit an den Hintergründen der Störung. Hierfür ist die genaue Analyse des Essverhaltens über Selbstbeobachtung unersetzlich. Neben der Arbeit an den ganz konkreten Symptomen, geht es andererseits um die Arbeit an den Hintergründen, erklärt Frau Weiss.

Auch Lotta würde anderen Betroffenen zu einer stationären Therapie raten. „Es macht durchaus Sinn sich einige Wochen von seinem gewohnten Umfeld zu trennen. Vermutlich werden die wenigsten eine solche Klinik nach vier bis sechs Wochen als geheilt verlassen, aber der Aufenthalt wird gewisse Impulse gesetzt haben und letztendlich muss man weiter an sich selbst arbeiten.“

Text: Josefine Dronia, Titelbild: Marie Kühnemann