Bevor die Mauer fiel

von | 22. November 2019

Lange war die Mauer ein Symbol für die DDR und ihr politisches System. Im Herbst 1989 änderte sich das. Titelbild: Maria Tortajada, Pixabay License

Vor 30 Jahren gab Günter Schabowski, Sekretär des Zentralkommitees, das Inkrafttreten eines neuen Reisegesetzes für DDR-Bürger bekannt. Privatreisen ins Ausland sind nun ohne Weiteres möglich und dieses Gesetz wird unverzüglich gelten. Eine Mitteilung, die nur wenige Stunden später dafür sorgte, dass die Mauer in Berlin und nach und nach auch andere Grenzübergänge geöffnet wurden. Ein historisches Ereignis, das vor allem für 16,43 Millionen Ostdeutsche Veränderungen mit sich brachte. Jeder von ihnen hat seine ganz eigenen Erinnerungen an die Zeit rund um den 9. November 1989. So auch Thomas Gömbi, der sich kurz vor dem Mauerfall doch noch zur Flucht entschied, das Ehepaar Gorski, das mutig für eine bessere Gesellschaft demonstrierte sowie Sven Oertel, der bereits 1987 ausreiste und die letzten Wochen der DDR aus Westberlin verfolgte. Drei Familien, drei Geschichten und drei Perspektiven.

Thomas Gömbi wurde 1966 als Kind katholischer Eltern in Crimmitschau in der Nähe von Zwickau geboren und arbeitete vor seiner Flucht über Ungarn im Oktober 1989 als Krankenpfleger. Als Christ durfte er kein Abitur machen, konnte dank Kontakt zu einem Chefpfleger aber dennoch ein Studium zum Krankenpfleger beginnen. Nachdem er noch eine Fachausbildung für Anästhesie und Intensivpflege in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) erfolgreich beendet hatte, beschreibt er seinen Lebensstandard 1989 als sehr gut. „Ich hatte gute Beziehungen zu den Ärzten meines Krankenhauses gehabt, die wiederum gute Beziehungen zu Autowerkstätten gehabt haben”, beschreibt er seine komfortable Lebenssituation, da er so auch in der Mangelwirtschaft der DDR auf wenig verzichten musste. Privat habe er auch Maler, Maurer und andere Handwerker gekannt, was das Leben sehr erleichterte. Lediglich bei Auftritten mit seiner Kirchenband habe er des Öfteren unter der Beobachtung von Stasi-Mitarbeitern, die Religion häufig als Bedrohung sahen, gestanden. „Diese waren auch immer sehr gut zu erkennen”, erzählt Gömbi. „Die sahen immer aus wie aus einem James Bond Film. Sie trugen immer lange Mäntel, da fehlte nur noch die Zeitung mit Gucklöchern.“

Thomas Gömbi in jungen Jahren, Foto: Thomas Gömbi

Sophia und Guido Gorski verspürten schon in jungen Jahren eine Abneigung gegenüber der SED-Regierung, die sich über die Jahre steigerte und den Druck immer weiter vergrößerte. Beide wurden 1966 geboren und wuchsen in Berlin bei Familien auf, deren Großteil im Westen lebte. „Ich konnte als Kind meinem Talent im Eiskunstlauf nicht vollends nachgehen, da meine Anmeldung an einer Sportschule abgelehnt wurde”, erklärt Sophia Gorski. Im Studium sei sie auch häufig beäugt worden. „Ich wurde gleich zu Beginn zur Seite genommen und mir wurde zu verstehen gegeben, dass ich meine Kontakte in den Westen schön verheimlichen sollte, sonst würden mir Konsequenzen drohen“, erinnert sich Sophia Gorski. Ihr heutiger Ehemann Guido hatte ebenfalls Westverwandtschaft und vermutet, dass dies ein Grund gewesen sei, ihn nicht zu seinem Wunschstudiengang Fahrzeugbau zuzulassen. Offiziell sei ihm mitgeteilt worden, dass es bereits zu viele Studenten dieses Studienganges gegeben habe. So wurde ihm der Studiengang Maschinenbau zugeteilt.

Guido und Sophia Gorski 1989. Foto: Sophia Gorski

Nach seiner gelungenen Ausreise 1987 verfolgte der 1964 in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) geborene Sven Oertel die Wende aus Westberlin. Er wuchs in einer sehr liberalen Familie auf, suchte schon früh die Freiheit und reiste nach seinem Schulabschluss mit Freunden durch Osteuropa. Außerdem entschied er sich nach seiner Tischlerausbildung gegen den Betrieb und fing an zu jobben. Der DDR-Führung sei dies jedoch ein Dorn im Auge gewesen und so sei er zwangsbeschäftigt worden. Bereits 1984 hatte er mit Hilfe von Bekannten aus dem Westen einen Ausreiseantrag gestellt. „Dafür habe ich mir extra einen Tag Urlaub genommen und schon am nächsten Tag durfte ich nur noch Hilfsarbeiten machen.“ Seine Entscheidung zur Ausreise beeinflusste dies nicht. „Das System hat mir immer viel vorgegeben und so musste ich meinen Wunsch nach einem Kunststudium begraben”, begründet Sven Oertel. Dennoch arbeitete er bis zum letzten Tag vor seiner Ausreise, da ihm nie ein genauer Zeitpunkt mitgeteilt wurde. Nachdem er in Gießen offiziell als BRD-Bürger registriert und beim Arbeitsamt angemeldet wurde, flog er schließlich in seine neue Heimat Westberlin. Dort bekam er schnell einen akzeptablen Job und trat schon kurz darauf seine ersten Reisen Richtung Mittelmeer an.

Sven Oertel trifft sich während einer Pragreise mit seinen Freunden aus Karl-Marx-Stadt. Foto: Sven Oertel

Die erste Fluchtwelle im September ’89

Für Sophia und Guido Gorski kam eine Flucht zu keinem Zeitpunkt in Frage. „Wir hatten unser Studium noch nicht abgeschlossen und man wusste nicht, wo es hingeht“, erklärt Sophia. „So ein Ingenieurstudium war ja auch nicht einfach“, fügt Guido hinzu. „Da überlegt man sich das schon sehr genau, ob man im Westen nochmal von vorn anfangen will.“ Auch als die Grenze zwischen Ungarn und Österreich in der Nacht vom 10. auf den 11. September endgültig fiel, änderte sich ihre Meinung nicht und auch ein Großteil ihrer Kommilitonen führten ihr Studium fort. So sei in ihrem gesamten Jahrgang lediglich einer geflüchtet.

Im Krankenhaus, in dem Thomas Gömbi arbeitete, war es ganz anders. „Jeden Montag im Krankenhaus wurde berichtet, wer aus dem Ungarnurlaub nicht zurückgekommen war. Wir wurden dazu sogar teilweise motiviert. So zeigte mir die Oberschwester immer wieder eine BRD-Zeitung mit Stellenanzeigen“, erzählt Gömbi. Für ihn selbst kam eine Flucht zu diesem Zeitpunkt gar nicht in Frage. Im Gegenteil — er verurteilte die Flüchtlinge. Wenn man etwas verändern wolle, müsse man bleiben und protestieren.

Die Montagsdemonstrationen

Bei den ersten Montagsdemonstrationen in Leipzig, die erstmals am 4. September 1989 stattfanden und seitdem jeden Montag wiederholt wurden, nahm Thomas Gömbi allerdings nicht teil. „Leipzig war zu weit weg und außerdem hat die Polizei an Demonstrationen alle Bundesstraßen nach Leipzig gesperrt, wodurch eine Teilnahme unmöglich wurde”, so Gömbi. Dennoch sah er im Westfernsehen immer wieder Bilder von den Demonstranten.

Auch Sophia und Guido Gorski verfolgten die Demonstrationen über das Westfernsehen, wenn sie am Wochenende in Berlin waren. Ihnen ist es wichtig, richtigzustellen, dass es bei den Demonstrationen nie um eine Wiedervereinigung gegangen sei. Die Menschen hätten lediglich eine veränderte Politik in der DDR gefordert. „Man wollte im Wesentlichen freie Parteien und demokratische Wahlen“, betont Guido Gorski. Auch Sven Oertel bestätigt und betont diesen Wunsch nach mehr Freiheit und nicht nach einer deutschen Einheit. Er habe die Demonstrationen aus Westberlin verfolgt und immer wieder mit seiner Mutter in Karl-Marx-Stadt telefoniert. „Man wusste ja nicht, wie das ausgeht und brauchte Mut, um bei den Demonstrationen mitzulaufen“, beschreibt er die Emotionen seiner Mutter.

Sowohl die Gorskis als auch Thomas Gömbi merkten, dass die DDR-Führung zunehmend überfordert war. Wöchentlich protestierte die Bevölkerung in wachsenden Größenordnungen und Tausende verließen das Land über die ungarische Grenze. Als erste Reaktion darauf schloss die SED-Führung am 03. Oktober 1989 die Grenzen und visafreies Reisen in den Ostblock wurde verboten. Nun durfte man nur noch ausreisen, wenn man Einladungen zu Familienfeiern vorzuweisen hatte. Guido und Sophia Gorski beobachteten diese Veränderungen genau. Besonders die Äußerung „Wir trauern keinem eine Träne nach“ sorgte bei ihnen für einen regelrechten Wutausbruch.

Die Flucht von Thomas Gömbi

Nur vier Tage später feierte die DDR ihren Jahrestag und Thomas Gömbi traf kurzerhand doch die Entscheidung, aus der DDR zu fliehen. Wenige Wochen vor dem ersten Geburtstag seiner Tochter war er zur Einberufungsprüfung zum Bausoldaten aufgerufen worden. „Ich wurde bei der Musterung gefragt, ob ich für mein Krankenhaus trotz Pflegenotstand entbehrlich wäre, und mein Chef sagte, die Armee ist wichtiger“, erläutert Gömbi, „Da dachte ich, wenn man eineinhalb Jahre auf mich verzichten kann, dann auch für immer.“ Nun musste nur ein Familienfest in Ungarn erfunden werden, um ein Reisevisum zu bekommen. Glücklicherweise kam sein Vater aus Ungarn und erstellte ihm so eine ungarische Einladung zu einer Silberhochzeit. Thomas Gömbi brauchte so nur noch zum Polizeiamt zu gehen und das Visum nach Ungarn zu beantragen. Am 14. Oktober war es schließlich soweit. Mit seinem alten Wartburg machten sich Gömbi und seine Familie auf den Weg. Alles, was auf eine Flucht hinweisen würde, nähten sie in die Krabbelbox ihrer Tochter ein. „Wir mussten über die Grenze der Tschechei und die der Slowakei. Die Beamten dort waren sehr streng, aber alles ging gut. So kamen wir schließlich in Ungarn an. Die dortigen Grenzbeamten fragten uns lediglich, ob wir nach links ins Landesinnere oder nach rechts nach Österreich reisen durften. Unsere Entscheidung war klar und wir durften über die Diplomatenspur in den Westen fahren“, beschreibt er. Die Diplomatenspur ist eine Spur ganz an der Seite gewesen, die eigentlich für Politiker oder Prominente vorgesehen und somit immer frei war. An den normalen Spuren hätte er noch anstehen müssen.

Die ersten Tage und den Empfang in der BRD beschreibt Gömbi als sehr herzlich: „Die waren darauf vorbereitet, dass es viele Flüchtlinge geben wird. Man hatte riesige Lager mit Kleidungen, Windeln und Babynahrung zusammengestellt.“ Nach 1800 Kilometer Fahrt kam Thomas Gömbi nur 100 Kilometer Luftlinie von zu Hause entfernt in Regen in der Oberpfalz an. Sein Auto war kurz nach der deutschen Grenze kaputt gegangen und so fragte er an einer Tankstelle nach Hilfe. Sofort wurde das Deutsche Rote Kreuz gerufen und seiner Familie ein Schlafplatz angeboten. Außerdem wurde sein Auto repariert und ihm ein Arbeitsplatz angeboten. Als pflichtbewusster DDR-Bürger fuhr er jedoch weiter nach Weiden zur Meldestelle. „Dort meldeten wir uns schnell an und ich fand eine Stellenanzeige für einen Anästhesiepfleger in Wolfratshausen mit einer Wohnung im Schwesternheim. Wir fuhren noch am gleichen Tag dort hin und die Sache war geritzt.“

Die letzte Woche vor dem Mauerfall

So blieb es an anderen, für eine Veränderung in der Gesellschaft und Politik in der DDR zu protestieren. Dazu gehörten auch Sophia und Guido Gorski. Nachdem sie einen Aufruf in der Zeitung Der Morgen gelesen hatten, entschieden sie sich am 4. November 1989 an einer Demonstration in Berlin teilzunehmen. Was sie nicht wissen: diese Demonstration auf dem Alexanderplatz wird als die größte, nicht staatlich gelenkte Demonstration der DDR in die Geschichte eingehen. Neben ihnen folgten 250.000 bis 500.000 Menschen dem Aufruf, für Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit einzustehen. „Wir waren einfach unzufrieden, die Entwicklungschancen waren schlecht und die Wirtschaft ging den Bach runter”, erklären die Gorskis. Als sie sich schließlich mit einem mulmigen Gefühl auf den Weg machten, habe eine Spannung in der Luft gelegen. „Es war ein typischer Novembertag und alles war grau. Wir sind dann so einen Berg runter und da kamen die Demonstranten dann wie Zombies aus dem Nebel“, beschreibt Sophia Gorski die Stimmung. Man sei immer aufmerksam gewesen, am Rand geblieben, um nicht im Kessel zu sein, und habe sich immer nach Fluchtmöglichkeiten umgesehen, weil man nicht wusste, was passieren würde, fügt Guido Gorski hinzu.

Die offene Mauer

Auch als die Mauer am 9. November schließlich geöffnet wurde, lag diese Spannung in der Luft. Sophia Gorski sei zu Hause gewesen, als sie die Nachricht gehört habe und dachte der Schabowski (Sektretär des Zentralkomitee und Mitglied des Politbüro)  spinne. Die Nachricht hielt sie jedoch nicht davon ab, am nächsten Morgen arbeiten zu gehen. „Das war ja auch sehr interessant. Alle Angestellten und Studierten waren da und nur die einfachen Arbeiter, die die SED und Führung getragen haben, waren weg”, erinnert sich Sophia Gorski. So überquerte sie erst am 10. November gemeinsam mit Guido die Grenze über die Bornholmer Straße. Guido Gorski denkt zurück: „Man schaute sich immer um, ob nicht was passiert. Da war nicht nur Jubel und Freude. Das Ganze passierte immer mit der Angst im Nacken, dass man nicht mehr zurückkommt.“ In Westberlin angekommen, besuchten sie zunächst Guidos Verwandtschaft und sahen sich gemeinsam Ku’damm und Bahnhof Zoo an. Besonders der Besuch einer Pizzeria, die bei ihrem Eintreffen eigentlich schon zumachen wollte, habe sie sehr beeindruckt. Ansonsten habe für die beiden vor allem das Wiedersehen  der Familie im Vordergrund gestanden, weshalb sie nicht so viel von ihrer Umgebung hätten wahrnehmen können. „Das mag doof klingen, aber mir ist nur aufgefallen, dass Westberlin anders roch“, erzählt Guido Gorski.

Sven Oertel, der schon zwei Jahre in Westberlin wohnte, erlebte Westberlin im Ausnahmezustand. „Vor der Maueröffnung waren ja circa zwei Millionen Menschen in Berlin und nun waren es über Nacht auf einmal doppelt so viele“, erklärt er sich. Aufgrund der Massen war er auch schnell genervt, gerne nahm er Freunde für ein paar Tage in seiner Wohnung auf, aber irgendwann wollte er auch wieder Ruhe und seinen Alltag zurückhaben. Dennoch freute er sich auch über die Ereignisse. Sie erlaubten ihm, seine Heimat und Mutter in Karl-Marx-Stadt zu besuchen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Freilich habe er seine Mutter bei Reisen in den Ostblock ab und zu gesehen, aber da sei immer ein Druck dabei gewesen, betont er: „Es war streng verboten, sich mit Westverwandten zu treffen. Wenn man erwischt wurde, wurde der Reisepass entzogen und das Reisen war für eine gewisse Zeit unmöglich.“

In Wolfratshausen nahm Thomas Gömbi die Nachricht einer offenen Mauer nur am Rande war: „Ich hatte Frühdienst und als in den Nachrichten erzählt wurde, dass die Mauer gefallen ist, war mir das zu unspektakulär und von daher auch nicht glaubwürdig. Man wusste ja auch nicht, wie lange die Grenze aufbleiben würde. Erst als ich am 11. November morgens um fünf Uhr von meiner Familie aus dem Osten geweckt wurde, war für mich alles klar.“

Alle drei Geschichten sind unterschiedlich und dennoch bilden sie nicht die Erlebnisse und Meinungen aller 16,43 Millionen DDR-Bürger ab. Gerade weil es noch viele Zeitzeugen gibt, können noch weitere Erinnerungen geteilt werden und der 30. Jahrestag des Mauerfalls ist eine gute Gelegenheit hinzuhören. Vielen könnte es so gehen wie Sophia Gorski: „Ich bin immer noch sehr emotional, wenn ich die Bilder sehe. Man hat immer noch die gleichen Empfindungen wie damals und die kommen gerade in solchen Tagen wieder sofort hoch.”

Text: Luise Geck, Fotos: Thomas Gömbi, Sophia und Guido Gorski, Titelbild: Maria Tortajada, Pixabay License