Haben die neu entwickelten Formate der deutschen TV-Anbieter eine Chance bei den Digital Natives – und welchen Status nimmt dabei das lineare Fernsehen ein? Schaffen es die Formatentwickler die junge Zielgruppe wieder an das „Fernsehen nach Zeit“ zu binden? In der spannenden Talkrunde „Gotta catch ‘em all“ am Abend des ersten Kongresstages versuchten die fünf Gäste darauf eine Antwort zu geben und einen Blick in die Zukunft zu wagen.

Umringt von fünf selbstbewussten Männern der Medienwelt eröffnete die Moderatorin Anna Lena Kirnberger die Runde mit der Frage nach dem Konsumverhalten ihrer jungen Generation. Gesprächsgäste waren dabei unter anderem Thomas Lückerath, Geschäftsführer von DWDL (die Abkürzung bleibt Lückeraths Geheimnis) und Felix Wesseler von der Firma filmpool, welche Formate wie „Berlin – Tag und Nacht“ und „Köln 50667“ produziert.

Wie konsumiert die Jugend von heute?

Philipp Bitterling, Formatentwickler vom WDR, stellte klar, dass ein Großteil des Konsums über das Internet stattfindet und der Anspruch an Qualität zunimmt. Er erwähnte auch, dass die öffentlich-rechtlichen Formate mobiler und mehr zu sozialen Netzwerken hin interagieren müssen. Speziell beim WDR werde versucht, das verstaubte Image abzulegen und von Anfang an crossmedial zu planen. Dabei dürfe es im Denken keine Grenzen geben. Hauptsache, es sei laut, hauptsache, es kracht. In erster Linie stehe nicht die Quote, sondern der Versuch, Neues auszuprobieren, Experimente zu wagen.

Wenn es nach Christian Krachten geht, wissen die jungen Menschen selbst am besten, wie ihre Generation tickt. Früher gab es Formate von Jugendlichen für Jugendliche. Als Youtuber agiert er unter dem Namen “clixoom” und veröffentlicht Wissenschaftsnews und Forschungsexperimente. Er ist der Überzeugung, dass solche Formate wohl eher bei der jungen Zielgruppe ankommen würden. Außerdem stellte er die These auf:

“Werbung im Netz funktioniert nicht.”

Binge Watching als neuer Fernsehtrend?

Die Moderatorin konnte den Gesprächsfluss der Männer kaum unterbrechen, auch wenn sie oft etwas nervös andeutete, dass die Zeit drängt. Felix Wesseler ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen und beendete seine Gedanken: Fernsehen sei zu einer “Nebenbei-Beschäftigung” geworden. Die Leute würden sich vom Fernsehen berieseln lassen wollen und sich nebenbei anderen Aufgaben widmen. Auch deshalb wären Scripted Realities von der Handlung her relativ flach mit wenigen Wendepunkten (Turning Points) in der Geschichte.

Durch die Verfügbarkeit einer Vielzahl an Serien im Internet hat sich der Trend des sogenannten Binge Watchings (Serienmarathon) herausgebildet. Laut Thomas Lückerath geht dieser aber schon wieder zurück, weil sich über Handlungsstränge nicht mehr unterhalten werden kann, da jeder zu unterschiedlichen Zeitpunkten auf die Serien zugreifen kann. Somit bestehe Spoileralarm für diejenigen, die noch nicht alles gesehen haben und Langeweile bei denen, die schon die Zeit gefunden haben, um sich alle Episoden anzuschauen. Zwar gibt es noch das lineare Fernsehen nach festen Zeiten, dieses verliert aber zunehmend an Bedeutung. Vielmehr setzt sich das non-lineare Fernsehen durch, welches zu unterschiedlichen Zeiten aufrufbar ist. Der Konsument lässt sich nicht mehr an feste Fernsehzeiten fesseln.

Die Terroranschläge von Paris – haben ARD, ZDF und Co. versagt?

Schließlich kam die Runde auf die Schreckensnachrichten aus Paris und die Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen zu sprechen. Die Moderatorin warf den Kanälen “Versagen” vor. Man schalte aus Gewohnheit “Das Erste” ein und erwarte eine qualitativ hochwertige journalistische Berichterstattung, doch stattdessen sei weiterhin die Übertragung des Fußballspiels zu sehen gewesen. Kritisiert wird, dass bereits zu diesem Zeitpunkt bekannt war, dass in Paris etwas Schlimmes passiert war, im Ersten aber nichts dazu gesendet wurde. Bestätigung in ihrer Ansicht erhielt sie dabei von Christoph Krachten, der dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine verpasste Chance attestierte. Jörg Wiesner, Verantwortlicher für junge Formate beim MDR, hielt dagegen: Wichtig sei, zunächst einmal die Fakten zu checken und Berichte auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Wenig hilfreich sei es dann, zu spekulieren und Halbwahrheiten zu verbreiten, nur um als erstes von den Geschehnissen zu berichten.

Laut Christoph Krachten werde sich der Journalismus jedoch in den nächsten Jahren sowieso ändern. Journalisten werden demnach dann noch schneller an Informationen durch die Vielzahl an Quellen im Internet gelangen. Schwierig werde es allerdings, diese in der Flut von Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen

Um jeden ausreichend zu Wort kommen zu lassen, hätte es wohl mehr Zeit benötigt. Trotzdem war es alles in allem eine sehr interessante und gelungene Talkrunde, die auch Abschweifungen vom eigentlichen Thema zuließ und vielseitige Einblicke in die Fernsehbranche bot.

Text: Kenny Langer, Christin Müller. Beitragsbild: Laura Wirth.