Nacho-Time

Von Liebe und Hass zur Weihnachtszeit

von | 16. Dezember 2022

Wir tauschen Nachos gegen Spekulatius, um euch einen Überblick im Weihnachtsfilme-Chaos zu geben.

Holt die Lebkuchen raus und stellt den Glühwein auf den Herd, es ist Weihnachtszeit, ihr Lieben! Unsere Nacho-Time setzt sich im Dezember die Weihnachtsmütze auf, damit ihr die Feiertage nicht schon wieder mit Stirb langsam 3 und Sissi verbringen müsst, gibt es dieses Mal drei Weihnachtsfilme für euch. Vom Klassiker „Der Grinch“ über die Liebeskomödie „Liebe braucht keine Ferien“ bis hin zum Hidden Gem „Klaus“ sollte für jeden etwas dabei sein.

(Nichts) für Weihnachtsmuffel

Für viele ist die Geschichte von Dr. Seuss’ grünem Weihnachtshasser ein Klassiker zur Weihnachtszeit. „Der Grinch“ aus dem Jahr 2000 brachte als Real-Verfilmung den amerikanischen Kinderbuchklassiker auch zu uns nach Europa. Die Geschichte aber bleibt die gleiche, welche uns in anheimelnder Versform von Otto Sander als Erzähler erläutert wird.

Auf einer Schneeflocke, wie es Tausende gibt, da befindet sich das Städtchen Whoville. Ganz verzückt sind alle stupsnasigen Bewohner, die Whos genannt werden, vom alljährlichen Weihnachtsfieber. Nur der Grinch, eine behaarte, grüne Kreatur, hasst Weihnachten und schmiedet mit liebenswertem Menschenhass den Plan, den Whos ihr Fest zu stehlen. Denn was bleibt vom Fest der Liebe ohne Geschenkeflut und Wetteifern um das bestgeschmückte Haus? Genau diese Frage stellt sich auch die kleine Cindy Lou Who. Überzeugt davon, dass es einen tieferen Sinn in Weihnachten geben muss, macht sie es sich zur Aufgabe herauszufinden, warum der Grinch Weihnachten so hasst. Durch diesen Kunstgriff gelingt es Regisseur Ron Howard, der Geschichte, als auch den Charakteren mehr Tiefe zu geben und den Film insgesamt in eine runde Gesellschaftskritik zur Weihnachtszeit zu verwandeln.

Wie eine schiefe Stimme im besinnlichen Adventschor, so zieht sich auch die zynische Kritik an der Kommerz-Weihnacht durch den Film. So ist das Postzentrum verstopft von Paketen, die alle noch vor Weihnachten zugestellt werden müssen. Der Bürgermeister will sich mit Geschenken, bezahlt aus den Steuermitteln der Stadt, das Herz seiner Angebeteten erkaufen. Das Wichtigste am Weihnachtsfest, so scheint es, ist einzig und allein das Geschenk. So verwundert es wenig, dass man dann doch recht schnell mit dem Grinch sympathisiert. Das mag aber auch daran liegen, dass der große Weihnachtsanarchist von Jim Carrey gespielt wird. Diesem gelingt es selbst hinter einer Tonne Make Up, Ganzkörperbehaarung und grüner Farbe, sein Mienenspiel mit viel liebenswert Groteskem anzureichern. Er brilliert mit komödiantischem Timing, sodass es selbst dem größten Klamauk-Kritiker schwerfallen sollte, in den insgesamt 110 Spielminuten nicht einmal herzhaft zu lachen. Es ist eine Mischung aus Rumpelstilzchen und Gremlin, welche auf die Leinwand projiziert wird. Die fast charmante Boshaftigkeit, mit der Carrey den grünen Menschenhasser spielt, macht selbst den größten Weihnachtsfan zu einem Grinchsympathisanten.

Hinzu kommt das überladene Set-Design, bei dem 50er Jahre Kostümage auf 2000er-Konsum-Kitsch trifft. Whoville oder das Land der Zuckerfee, manchmal weiß man es nicht so genau, bunt und überladen, die Whos mit ihren markanten Stupsnasen und bauchigen Outfits, jedes Haus blinkt und blitzt in Lichterketten – ein bisschen wirkt es in dem Städtchen, als hätte man nicht eine, sondern gleich drei Kirschen auf das sprichwörtliche Sahnehäubchen gesetzt. Aber gerade dieser Maximalismus an Dekorationen und Details ist es, der hilft, die Geschichte sinnvoll zu erzählen. Der Film schafft es letztlich sogar nochmal zu überraschen und vermag es gleichzeitig mit einigen gängigen Klischees zu brechen. Doch eines bleibt wie in jedem anderen Weihnachtsfilm auch: Am Ende vertragen sich alle und singen gemeinsam unterm Tannenbaum. Auch der Grinch gibt die gestohlenen Geschenke zurück und so kommt dennoch ein Weihnachtsfest zustande.

Obwohl der Film aus heutiger Sicht an einigen Stellen etwas altbacken wirkt, ist er doch eine angenehme Fantasy-Parodie auf so manch generisches Weihnachtsabenteuer. Wer also an Weihnachten nicht auf schwarzen Humor und Konsumkritik verzichten möchte, aber trotzdem irgendwie in Festtagsstimmung kommen will, ist mit diesem kultigen Klassiker gut beraten.

Kitsch-Klamauk unter der Tanne

Die Liebe ist der zentrale Punkt an Weihnachten, sodass sich auch in unsere Nacho-Time eine süße kleine Liebeskomödie verirrt hat. Aber keine Angst, auch wer Weihnachten gezwungen wird, mal “ein bisschen gemütlich” zu sein, kommt hier auf seine Kosten. Das Konzept ist recht klassisch: mit gescheiterter Beziehung und die Nase voll von der Männerwelt, wird über die Feiertage in eine ganz andere Welt entflohen und zack schon steht ein schicker, „anders als alle anderen“ Gentleman bereit, der die wahre Bedeutung von Weihnachten zeigt. Das ganze mal zwei, hochkarätig besetzt und mit Opi und Kindern als Sidekicks und ihr habt DEN Hollywood-Weihnachtsblockbuster der 2000er.

Was nach furchtbar generischem Kitsch klingt, ist aber eigentlich ganz lustig anzusehen. Die Hochzeitskolumnistin Iris Simpkins (Kate Winslet) ist seit drei Jahren verliebt in einen Mann, der sie nach Strich und Faden ausnutzt und schließlich auch noch die Verlobung mit einer anderen bekannt gibt. Als sie noch am selben Abend, todunglücklich über ihre einseitige Liebe, in ihrem kleinen Cottage in Surrey sitzt, bekommt sie plötzlich ein überraschendes Angebot. Denn zur gleichen Zeit bricht in Los Angeles auch für die erfolgreiche Filmtrailerproduzentin Amanda Woods (Cameron Diaz) ihr Beziehungsleben zusammen. Ihr Freund hat sie betrogen, sie setzt ihn vor die Tür ihrer Hollywood Villa und beschließt, einmal in ihrem Leben so richtig spontan zu sein. Also tut sie das “einzig wahre” in dieser Situation und schmeißt das Internet an. So landet sie auf einer Plattform für Häusertausch und findet dort Iris’ gemütliches Cottage. Ein kurzer Chat und die Sache nimmt ihren Lauf. Angekommen im Haus der jeweils anderen, fällt es beiden nicht ganz so leicht, sich sofort mit allem zurechtzufinden. Wie gut, dass da auch gleich ein Love Interest für jede der beiden bereitsteht, der ihr mit Rat und Date zur Seite steht. Für die Hollywood-Diva im eingeschneiten Surrey ist es der gut aussehende, charmante Brite Graham, ergo Jude Law. Bei Iris darf es etwas weniger sexy und dafür einfühlsamer und witziger sein.  So kommt sie zum Filmkomponisten Miles alias Jack Black. Beide Jungs scheinen für unsere leading Ladys aber unerreichbar, denn sie sind vergeben.

So entspinnen sich zwei sehr vorhersehbare Romanzen, bei denen man schon von der ersten Sekunde an weiß, dass sie gut ausgehen. Aber weil das irgendwie den Charme des Genres ausmacht und man nicht das Gefühl hat, der Film wolle irgendetwas anderes als vorhersehbar sein, ist das ganze schon irgendwie niedlich. Es sind auch Kate Winslet und Cameron Diaz, die in ihren Paraderollen als Mauerblümchen und Großstadtgirl glänzen. Beide schaffen es auf ganz unterschiedliche Arten, ihre Charaktere zu einer Entwicklung zu bringen, die, obwohl sehr generisch, doch irgendwie hübsch anzusehen ist. Man kann nicht anders als Grinsen, wenn Iris einen Freudenschrei ausstößt, als sie sich endlich aus ihrer toxischen Liebelei befreit. Zum Schmunzeln bringt einen auch die Erzähler-Stimme, die Amanda immer in den besonders ruhigen Momenten zu begleiten scheint: Denn immer, wenn sie probiert gerade einzuschlafen oder sich zu entspannen, ertönt die klassisch-männliche Off-Stimme aus den Kinotrailern, um ihr verkorkstes Liebesleben mit wenigen Worten und viel Drama auf den Punkt zu bringen. Auch die Sidekicks und Love Interests enttäuschen in Sachen Humor nicht: Jack Black ist Jack Black und bringt uns – mit etwas weniger Tempo als gewohnt – mit einigen Pointen über Filmmusik zum Lachen. Jude Law dagegen erheitert mit einem kurzen Stand-Up als “Mister Serviettenkopf” am Familientisch.

Ist dieser Film eine zehn Jahre alte, kitschige Weihnachtsromanze, wie es jedes Jahr hunderte neue gibt? Ja. Anschauen kann man ihn sich trotzdem! Denn die Geschichte dahinter ist wirklich charmant und an einigen Stellen auch durchaus lustig. Spätestens wenn Winter Wonderland und Co. aus der Weihnachtswunder-Hitparade als Soundtrack erklingen, stellt sich eine gewisse Weihnachtsstimmung ein.

Wie eine Zeichnung zum Wunschzettel wurde

6.000 Briefe sind das Ziel, aber nur ein einziger genügt, um ein ganzes Leben zu verändern. Wenn ihr euch jetzt fragt, was so etwas Altmodisches wie Briefe schreiben bitte mit einem Weihnachtsfilm zu tun haben soll, dann lautet die Antwort „Klaus“. Das ist natürlich immer noch nicht wirklich aufschlussreich, deswegen lasst mich das erläutern. Zur Weihnachtszeit 2019 schaffte es Netflix doch tatsächlich, zwischen all den trashigen Romanzen, ein wahres Juwel an Zeichentrick auf den Markt zu werfen. Mit ganz viel Herz, feinem Humor und wirklich liebenswert skurrilen Figuren begibt man sich auf die Spuren des Weihnachtsfestes.

Aber der Reihe nach: Jasper Johansson, dem Ralf Schmitz in der deutschen Fassung seine Stimme leiht, soll eigentlich in den Postdienst treten. Doch in der entsprechenden Akademie gibt er sich so wenig Mühe, dass ihn sein Vater, oberster Ausbilder, zur Strafe als Postbote auf eine kleine Insel am Rand der Welt versetzt. 6.000 Briefe müssen verschickt werden oder Jasper bekommt sein Leben in Seidenlaken und mit Zimmerservice gestrichen. Ein Klacks, hofft das verwöhnte Söhnchen. Doch angekommen in Zwietrachtingen, der Insel am Rande der Welt, merkt er schnell, dass der Name des Ortes Programm ist. Hier wird niemand auch nur einen Brief verschicken. Die Grobs gegen die Ellbogeners, das ist die uralte Tradition und nur darum dreht sich auch das Leben der beiden Familienclans, die auf der Insel wohnen. Doch anstatt sich zu überlegen, wie man möglichst gut per Brief Gemeinheiten verschicken kann, kommt Jasper durch Zufall auf eine ganz andere Idee. Denn tief im Wald, weit weg von all den gegenseitigen Gemeinheiten, lebt der Spielzeugmacher Klaus. Als dieser in der Nacht einem Kind ein Holzspielzeug schenkt, hat Jasper eine Idee: Wollen die anderen Kinder auch Spielzeug haben, so sollen sie einen Brief an Klaus schreiben, erzählt er ihnen. Es dauert nicht lange, bis sich die Nachricht herumspricht und schon bald kommen viele hundert Briefe täglich zu Jaspers Postamt.

So schafft es Regisseur Sergio Pablos mit viel Feingefühl, die Geschichte hinter der Geschichte zu erzählen. Besonders trägt dazu bei, dass er auf einen Mix aus Zeichentrick, statt purer Animation setzt. Damit bekommt jede einzelne, noch so kleine, schrullige Figur unendlich viel Charakter. Es ist die Liebe zum Detail, mit der der Film in jeder Sekunde punkten kann. Der inbrünstig geführte Kleinkrieg zwischen den Bewohnern ist einfach herrlich witzig anzusehen. So verlässt eine alte Frau, die kaum mehr laufen kann, täglich ihr Haus, nur um die frisch gewaschenen, weißen Bettlaken der Nachbarin mit Dreckwasser wieder zu verschmutzen. Die Musikgruppen spielen absichtlich schief gegeneinander an, die Kinder stehlen die Beeren aus dem Nachbargarten und machen sich gegenseitig die Schneemänner kaputt.

Auch die beiden Hauptcharaktere schließt man mit ihrer Gegensätzlichkeit sofort ins Herz. Jasper, vor dessen forschem Mundwerk man nie wirklich sicher sein kann und dagegen Klaus, als stiller, großer, irgendwie angsteinflößender Einsiedler. Im Gegensatz zu vielen anderen Filmen dieser Art sind ihre Entwicklungen jedoch so organisch wie feinfühlig, dass man gar nicht wirklich bemerkt, dass es sich eigentlich doch um ein ganz klassisches Dramenschema handelt. Fast nebenbei verflechten sich die Handlungsstränge miteinander, durch Zufall wird hier und da eine uns heute ganz bekannte Tradition entdeckt und erschaffen. Besonders schön ist auch die Einbindung eines Sami-Mädchens. Wenngleich das indigene Volk der Samen aus Skandinavien nicht zentraler Punkt der Geschichte ist, schafft ihre mühelose Einbindung in die Geschichte doch mehr Sichtbarkeit, als es vielleicht so manche Dokumentation vermag.

Wenn man unbedingt einen Kritikpunkt am Film finden möchte, so ist es ab und an die Musik. Man entschied sich an so mancher Stelle leider für recht gefällige Popmusik, anstatt schönen Orchesterstücken. Das trägt zwar etwas zur Auflockerung bei, nimmt aber Jaspers “Schlüsselszene” einfach den Charme. Diese kindliche Freude ihrer Selbst und der Erwachsenen ist eigentlich der Kern des Filmes. Allerdings möchten da die kitschigen Popklänge von Zara Larssons „Invisible“ in den sonst eher unschmalzigen Film nicht reinpassen. Irgendwie schade, denn das Lied ist eigentlich gut, die Szene wunderschön gezeichnet, aber zusammenpassen mag es nicht.

Nichtsdestotrotz, ist dieser Film einfach ganz großes Weihnachtskino für alle. Egal ob mit Kind und Kegel oder ganz für sich allein: Der Film entlässt einen mit einem wohlig warmen Gefühl in die Festtage. Wahrscheinlich gerade weil er einem nicht alle zwei Sekunden mit Weihnachtsschmuck und -stimmung überlädt, hat man danach umso mehr Lust auf ein bisschen Tannenbaumschmücken und Zimtsternebacken. Wer also noch nach einem Film sucht, bei dem mal für 96 Minuten Frieden, Einigkeit und Harmonie am Weihnachtstag herrscht, sollte hier definitiv einen Versuch wagen.

 

Filmweisheit zur Weihnachtszeit

„Ein wahrer Akt der Nächstenliebe befeuert immer den nächsten.“

Jasper Johansson, Postbote

Text und Titelbild: Anni Lehmann
<h3>Anni Lehmann</h3>

Anni Lehmann

Anni Lehmann ist 21 Jahre alt und studiert derzeit im 3. Semester Medienmanagement an der Hochschule Mittweida. Bei medienMITTWEIDA engagiert sie sich als Assistenz der Chefredaktion seit dem Wintersemester 2022/23.