Nacho-Time

Die Suche nach der Wahrheit

von | 9. Juni 2023

In der Juni-Edition unserer Nacho-Time geht es um Skandale, Verbrechen und Vertuschungen.

Schnappt euch eine Tüte Popcorn und macht es euch gemütlich! Es ist wieder Nacho-Time. Heute geht es um drei Filme nach wahren Begebenheiten. Angefangen mit „She Said“, der um den Weinstein-Skandal handelt, über „Boston Strangler“, bei dem ihr euch vom True Crime-Hype anstecken lassen könnt, bis hin zu einem großen Politik-Skandal anfang der 2000-er Jahre mit dem Film „Official Secrets“. Also legen wir los …

She Said 

Eine Wand des Schweigens und ein Netz aus Repression, Erpressung und Angst – Der Film „She Said“ erzählt die wahre Geschichte von zwei Journalistinnen, Jodi Kantor (Zoe Kazan) und Megan Twohey (Carey Mulligan), der New York Times. Nachdem einer der mächtigsten Männer Hollywoods – der Produzent Harvey Weinstein beschuldigt wird eine Schauspielerin vergewaltigt zu haben, gehen Jodi Kantor und Megan Twohey der Sache auf den Grund und finden ein Netzwerk von Mitwissern und Erpressungen. Es stellt sich heraus, dass immer mehr Frauen Ähnliches erlebt haben. Um die Story stichhaltig und fundiert schreiben zu können, muss eine der betroffenen Frauen bereit sein, ihre Geschichte öffentlich zu machen. Doch das ist leichter gesagt als getan…

Die Geschichte hinter der #MeToo Bewegung

Im Fokus des Filmes steht nicht der Produzent Harvey Weinstein. Vielmehr geht es um die mühevolle Recherchearbeit der beiden Journalisten Jodi Kantor und Megan Twohey. Der Film spielt im Jahr 2016 als Jodi Kanto eine Geschichte über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz beginnt. Mit Mitgefühl und Entschlossenheit verfolgen die beiden ein Netzwerk aus Schauspielern und ehemaligen Mitarbeitern, die entweder an Geheimhaltungsvereinbarungen gebunden sind oder einfach zu traumatisiert sind, um öffentlich zu sprechen. Der Film besteht größtenteils aus Gesprächen zwischen diesen Frauen. 

Die deutsche Regisseurin Maria Schrader versucht den Film erfolgreich realitätsnah darzustellen, dabei ist er unterhaltend, emotional aber auch spannend. Etwas Straffung hätte am Anfang des Filmes gut getan – Schwung bekommt er erst, wenn beide an der Weinstein-Story arbeiten. Denn Twohey arbeitet anfangs noch an einer frustrierenden Untersuchung der Vorwürfe wegen sexuellen Fehlverhaltens gegen den damaligen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump – erst später bittet Kantor, sie sich ihr anzuschließen.

Der Film legt Wert auf starke Dialoge und zeigt die Reaktionen der Betroffenen nach der Tat oder die Orte, wo diese begangen wurden. Die sexuellen Übergriffe werden nie gezeigt, sondern nur von Betroffenen in Gesprächen mit Journalisten erzählt. In einer Szene dokumentiert eine reale Audio-Aufnahme, wie Weinstein eine junge Schauspielerin unter Druck setzt. Währenddessen fährt die Kamera durch einen leeren Hotelflur und das Zimmer. Das allein weckt die grausame Vorstellung, was passiert ist, ohne dass der Zuschauer es Tatsächlich sieht. Eine Bühne für Harvey Weinsteins Taten ist der Film nicht geworden, obwohl „She Said“ gelegentlich an Weinsteins Übergriffe erinnert, sehen wir ihn nie. Nicht mal dann, als er unangekündigt mit einem Team von Anwälten in den Büros der New York Times auftaucht, um seinen Fall zu vertreten. Stattdessen sehen wir Weinsteins Hinterkopf.

Obwohl das Publikum weiß, was am Ende passiert, packt der Film. Er schafft es, den Weg der beiden Journalisten so zu inszenieren, dass man als Zuschauer stets mehr wissen möchte und wird nicht langweilig. Der Film bringt einen dazu, sich mehr mit dem Thema zu befassen und ist gut umgesetzt. „She Said“ gelingt es, sich den realen Geschichten jener betroffenen Frauen sensibel zu nähern. Der Film ist aber nicht für jeden geeignet. Wenn man selbst Erfahrungen mit dem Thema gemacht hat oder dieses Thema nicht verarbeitet bekommt, sollte man ihn sich nicht oder nur zusammen mit jemandem anschauen. Stellenweise ist der Film zu trocken, ja nüchtern. Trotzdem für alle, die so ein Genre mögen, auf jeden Fall sehenswert! 

Boston Strangler

Boston 1962: Mehrere alte, alleinstehende Frauen werden erdrosselt in ihren Wohnungen aufgefunden. Sie alle haben ihren Mörder freiwillig in die Wohnung gelassen. Trotz der Gemeinsamkeiten stellt weder die Presse noch die Polizei Verbindungen zwischen den einzelnen Taten her, und glaubt schon gar nicht an einen Serienmörder. Nur Loretta McLaughlin (Keira Knightley), eine Journalistin, die ursprünglich in der Lifestyle-Abteilung der Stadtzeitung Record-American arbeitet, beschäftigt sich damit. In „Boston Strangler“, auf Disney zusehen, entdeckt Loretta McLaughlin zusammen mit Jean Cole (Carrie Coon) einen Zusammenhang hinter den grausamen Morden in der Gegend, bei denen Frauen, mit zu einer Schleife um den Hals gebundener Unterwäsche, erdrosselt werden. Loretta und Jean sind die ersten, die den Zusammenhang in der Zeitung verfolgen und verbreiten.

True Crime-Thriller

Im Fokus des Filmes stehen die Ermittlungen, nicht die Psyche des Täters. Somit geht „Boston Strangler“ einen anderen Weg. Die Morde werden nur visuell angedeutet, dabei stets das Gesicht des Täters verdeckt. Das intensiviert das Gefühl der permanenten Gefahr. 

Der Film schweift ab und an zu einem feministisch-journalistischen-Drama und die Killer-Suche wird an den Rand der Geschichte gedrängt. Denn Jean Cole ist eine erfahrene Journalistin, die sich ihren Weg in die Welt der Männerwelt erarbeitet hat und besser darin zurechtkommt als Loretta McLaughlin, die empört darüber ist, dass die beiden ständig als „Mädchenreporterinnen“ bezeichnet werden. Loretta fühlt sich sehr eingeengt. Sie ist in der Lifestyle-Redaktion des Record American und dort soll sie bleiben! Schließlich überredet sie ihren Chef, ein Risiko einzugehen, doch erst mit der Hilfe der erfahrenen investigativen Reporterin Jean Cole (Carrie Coon) kommt der Film richtig in Schwung.

Der Mörder in „Boston Strangler“ spielt eine lange Zeit nur eine kleine Nebenrolle. Visuelle Gewalt gegen Frauen wird vermieden. Regisseur Matt Ruskin verzichtet auf (billige) Schockmomente. Vielmehr gewinnt der Film seine Kraft, seine Spannung aus der Stille und seiner gemächlichen Erzählweise, die jedoch in manchen Momenten einem langatmig daherkommt, dann aber doch wieder die Kurve kriegt. Zum Beispiel als Loretta ihre erste Erfahrung mit gruseligen, männlichen Stimmen macht, die anonym bei ihr zu Hause anrufen oder als eines ihrer Kinder vor dem Schlafen zudeck tund eine Gestalt vor ihrem Fenster sieht. Dennoch beharrt sie darauf, die Wahrheit über den Mörder herauszufinden. Boston Strangler fällt denselben Trends zum Opfer wie andere True Crime Serien /Filme. Der gesamte Film ist in kalten, kühlen Farben gehalten und farblich sehr an „Zodiac“ orientiert. 

Kurz: „Boston Strangler“ ist angenehm anzuschauen und bestätigt dabei die Genre-Erwartungen. Er schafft ein paar wirklich gruselige Momente. True Crime-Fans sollten sich den Crime-Thriller keinesfalls entgehen lassen. Hier und da wäre mehr Erzähl-Tempo erwünscht. Trotzdem hat der Film eine gewisse Grundspannung!

Official Secrets 

Stell dir vor, du arbeitest für die Regierung und erhältst eines Tages ein Memo, welches über einen Krieg entscheidet. Was würdest du tun? „Official Secrets“ basiert auf dem wahren Fall von Katharine Gun, einer Übersetzerin, die für die britischen Nachrichtendienst arbeitet. Im Jahr 2003, kurz vor dem Irakkrieg, erhält sie ein streng geheimes Memo. In diesem Memo wird klargestellt, dass sie belastendes Material aus dem Leben von UN-Vertretern aus kleinen Ländern sammeln soll. Hierdurch sollen diese Vertreter erpresst werden, damit sie für den Krieg im Irak stimmen. Katharine Gun (Keira Knightly) gerät in einen moralischen Zwiespalt, entscheidet sich aber, das Dokument zu leaken. Die brisanten Informationen werden schließlich vom Journalist Martin Bright (Matt Smith) im „Observer“ veröffentlicht. Sofort beginnt die Jagd nach dem Whistleblower. Als Katharine immer größeren Druck verspürt, gesteht sie. Sie wird verhaftet und angeklagt.

Whistleblower-Thriller

Der Film beginnt, als Kathrine Gun vor Gericht steht und aufgrund des „Official Secrets Act“ angeklagt wird. Danach folgt ein Cut – ein Jahr zuvor. Während der Arbeit beim Nachrichtendienst der Regierung, trifft ein streng geheimes Memo in ihrem E-Mail-Postfach ein. Katharine gerät in einen moralischen Zwiespalt. Nicht einmal ihr guter Arbeitskollege will damit klarkommen. Gavin Hood schafft es somit, dass der Film sehr stark anfängt, besonders, als Katharine Gun sich entscheidet, das Dokument zu leaken. Sie überspielt das streng geheime NSA-Memo vom Arbeits-PC auf einen USB-Stick, läuft damit quer durchs Büro um zum Drucker zugelangen, wo sie während des unendlich lauten und langsamen Druckvorgangs warten muss, während der Zuschauer ständig Angst hat, dass Kathrin erwischt wird. 

In der zweiten Hälfte nimmt Gavin Wood die Spannung aus dem Film. Obwohl die erste Szene vor Gericht beginnt und damit von Anfang an klar ist, dass sich Katherine Gun dort ihrer Tat stellen muss, sorgt ihr sehr früh im Film stattfindendes Schuldeingeständnis dafür, dass „Official Secrets“ seinen dramaturgischen Höhepunkt eben auch bereits an dieser Stelle erreicht. Wenngleich der Fokus ab diesem Moment umso näher an sie und vor allem die Konsequenzen ihrer Tat heranreicht, die darauf folgenden Gespräche zwischen Katharine Gun und ihrem Anwalt sind schon nicht mehr halb so spannend wie der Gewissensbissen der Whistleblowerin und die Angst erwischt zu werden.

Immer wieder arbeitet Gavin Hood originale TV-Statements in die Handlung ein: George W. Bush, wie er von den Massenvernichtungswaffen im Irak spricht und die Notwendigkeit eines Präventivschlages beschwört. Der Film zeigt somit sehr schön, was die Bevölkerung zu hören bekommt und was eigentlich hinter den Kulissen geschieht. 

Der Film „Official Secrets“ erzählt uns die spannende Geschichte von Kathrine Gun. Gerade am Anfang fiebert der Zuschauer mit ihr mit. Leider kann Regisseur Gavin Wood die Spannung der ersten Stunde nicht ganz bis zum Schluss aufrechterhalten, da er den Ausgang des Films selbst in der ersten Szene verrät. Im Film, wie im Leben, ist das Ende aber wirklich überaschend. Dennoch wird sehr schön der Unterschied zwischen der „echten Wahrheit“ und der „Wahrheit“, die Politiker der Bevölkerung „verklickern” möchten, gezeigt.

Text, Titelbild: Lara Fandrey

<h3>Lara Fandrey</h3>

Lara Fandrey

studiert derzeit Medienmanagement an der Hochschule Mittweida. Bei medienMITTWEIDA engagiert sie sich seit dem Somersemester 2024 und leitet das Ressort Campus.