Narzissmus in Beziehungen

Wenn Liebe unerträglich wird

von | 3. Juni 2022

Warum Beziehungen mit Narzisst:innen so schwierig sein können, erklärt Expertin Regina Schrott von "Narz mich nicht."

Hannah sitzt allein am Küchentisch und fühlt sich niedergeschlagen und leer. „Was mache ich nur falsch?”, fragt sie sich. Es ist wieder einer dieser Streite, der in einer wochenlangen Katastrophe enden wird. Bei einer Kleinigkeit, die sie an ihrem Freund kritisierte, machte er sofort dicht. Er empfand das Gespräch als lächerlich, wandte sich von ihr ab und ging.

Ein Verhalten wie dieses ist ein typisches Beispiel für den Narzissmus. Jeder verhält sich ab und an narzisstisch, doch wenn dieses Verhalten stark ausgeprägt ist, spricht man von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung.

Woran erkennt man eine narzisstische Persönlichkeitsstörung?

Egal, über was wir uns streiten, er gibt mir immer das Gefühl, dass ich an all unseren Problemen schuld bin. Aber er, er macht alles richtig.

Menschen, mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung mangelt es an Empathie. Deshalb ist es ihnen nicht möglich, sich in die Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen einzufühlen. „Und wenn sie sich schon nicht die Gefühle anderer Menschen reflektieren können, wie sollen sie dann ihre eigenen Gefühle reflektieren?“, erklärt Regina Schrott, eine systematische Coachin für Narzissmus. Genau das mache Narzisst:innen so problematisch, denn sie würden sich niemals eingestehen, einen Fehler gemacht zu haben – schließlich sind immer alle anderen Schuld. Wie kommt das?

Die Betroffenen haben ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit. Sie verlangen nach übermäßiger Bewunderung, idealisieren sich selbst und übertreiben mit ihren eigenen Leistungen und Talenten. Ihre Fantasien sind stark von grenzenlosem Erfolg, Macht, Glanz oder Schönheit eingenommen. Sie glauben, andere Menschen würden sie aufgrund ihres Erfolgs beneiden. Oder umgekehrt: Sie selbst beneiden Menschen und möchten ausschließlich mit Personen verkehren, von denen sie glauben, sie seien genauso besonders und einzigartig.

Der anfängliche Schein trügt

Am Anfang war er so charmant und liebevoll. Ich hatte immer das Gefühl, für ihn jemand besonderes zu sein. Er überraschte mich bei der Arbeit oder prahlte mit mir vor seinen Freunden. Doch manchmal, wie aus dem Nichts, kippt seine Stimmung.

Beziehungen mit Narzisst:innen gestalten sich häufig nach dem gleichen Schema: Zu Beginn lieben sie es, die Einzigartigkeit und Besonderheit ihrer Beziehungen zu betonen. Sie sind geschickt darin, ihren Partnern Komplimente zu machen, sie zu berühren und schnell Intimität herzustellen. Unbemerkt werden ihre Partner so intensiv von ihnen abhängig, woraus für Narzisst:innen das Gefühl entsteht, leidenschaftlich begehrt zu werden. Und genau nach dieser Anerkennung sind sie süchtig.

Wie entsteht Narzissmus?

Es handelt sich um ein Verhalten, welches wahrscheinlich schon in der Kindheit verinnerlicht wurde. Zum einen kann dieses durch fehlende Anerkennung von Leistungen, zum anderen durch unzureichende Grenzen und Verwöhnung entstehen.

Häufig wurden Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung nur dann von ihren Eltern „belohnt“, wenn sie besonderen Ansprüchen und Leistungen gerecht wurden. Betroffene wurden demnach nur wertgeschätzt, wenn sie etwas Besonderes waren, um Aufmerksamkeit und Liebe zu bekommen. Das Äußern von Gefühlen und Schwächen wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit ignoriert, abgewertet oder bestraft, weshalb sie im späteren Leben immer versuchen, ihre Verletzlichkeit zu verbergen.

Doch nicht nur mangelnde Beachtung kann die Störung hervorrufen, auch das genaue Gegenteil. Wenn Eltern ihren Kindern keine Grenzen aufzeigen, führt dies unvermeidlich zu einer falschen Selbstwahrnehmung. Die Kinder gewöhnen sich daran, dass sie ohne Konsequenzen immer ihren Willen umsetzen können. Sie müssen sich für ihre Errungenschaften kaum anstrengen und können ihre eigenen Fähigkeiten daher selbst schwer einschätzen. Die daraus entstehende Persönlichkeitsstörung führt sich in Beziehungen fort.

Wenn Narzissmus zu einer toxischen Beziehung führt

In einem Moment bin ich seine wunderschöne Freundin, im anderen Moment sagt er: „Kannst du dir auch mal etwas Ordentliches anziehen? So gehe ich nicht mit dir einkaufen.

„Das Match zwischen Narzisst und Co-Narzisst bildet die perfekte Grundlage einer toxischen Beziehung.” erklärt Regina Schrott. Während der narzisstische Partner immer über dem anderen stehen muss und sich bewundern lassen will, ordnet sich der Co-Narzisst (Komplementärnarzisst) permanent unter und sucht den Fehler stets bei sich selbst. Co-Narzissten opfern ihre Werte und Wünsche, da sie glauben durch Anpassung an den Narzissten Liebe und Bestätigung zu bekommen. Solange sie das Gefühl haben, dem Narzissten gerecht zu werden, empfinden sie eine große Genugtuung. Und solange Frieden und Harmonie herrschen, sind sie im Einklang mit sich selbst.

Regina Schrott schildert: „Es ist als würde der Co-Abhängige dem Narzisst die Fernbedienung über sein Leben in die Hand geben: Der Narzisst drückt auf den Knöpfen der Gefühle herum, bis sich eine emotionale Regung zeigt und der Co-Abhängige lässt es mit sich machen.”

Wieso fällt es schwer, sich von einem narzisstischen Partner zu trennen?

 

Am Ende schafft er es trotzdem immer, es so zu drehen, dass etwas mit meiner Wahrnehmung nicht stimmt.

Narzissten können manipulativ sein, um sich die Bewunderung des Partners wieder einzuholen. Schließlich benötigen sie die Kontrolle zurück, um sich erneut grandios zu fühlen. Daher ist es kein Wunder, wenn Narzisst:innen den Partner mit Aufmerksamkeit und Liebe überschütten. Sie werden mit allen Mitteln und Wegen versuchen, den Partner wieder von ihnen abhängig zu machen. Besonders durch die Abwechslung von intensiver Aufmerksamkeit und Ablehnung schaffen sie ein süchtig machendes Gefühl. „Einigen Menschen fällt es so schwer, sich zu trennen, dass sie den toxischen Umgang lieber haben, als gar nichts.” erklärt Regina Schrott.

 

Als Hannah nach einer weiteren schlaflosen Nacht aufwacht und auf ihr Handy schaut, hat sie keine Nachricht von ihm. Ihr Körper ist wie gelähmt. Schon seit Tagen hat sie keinen Appetit und keine Energie. „Wofür lohnt es sich überhaupt, heute aufzustehen?“, fragt sie sich. Erschöpft, schon von dem Gang aus dem Bett ins Wohnzimmer, lässt sie sich auf die Couch fallen und starrt minutenlang in die Leere. Blickt sie in die Zukunft, scheinen die nächsten Tage, Wochen und Monate grau und aussichtslos. Da ist nur dieser eine Gedanke, der für den Moment Hoffnung gibt: „Wenn ich mich entschuldigen würde, wäre er wenigstens wieder bei mir und alles wäre wieder gut.“

Hilfe und Beratungen für Betroffene:

“Narz mich nicht“ – Initiative für gewaltfreie Beziehungen

Telefon: +49 2233 966 0339

Mobil: +49 160 578 34 32

Text: Melissa Berthold, Titelbild: Melissa Berthold
<h3>Melissa Berthold</h3>

Melissa Berthold

studiert Medienmanagement und ist bei medienMITTWEIDA im Lektorat tätig.