„Wir haben Emotionen, wir haben Angst, wir fühlen Trauer und Freude”

23. November 2018

Polizeikommissare werden zu Social Media-Administratoren, die Polizei wird immer präsenter auf Facebook und Co. Illustration: Marie Kühnemann

Markus Vogt arbeitet seit 1990 für die Landespolizei. Sein Hobby ist jedoch auch ein Fulltimejob: Social Media-Polizist. Er ist hauptberuflich Polizeikommissar und führt eine der größten inoffiziellen deutschsprachigen Polizeiseiten. In einem schriftlichen Interview mit medienMITTWEIDA erklärt er, wie wichtig die Präsenz der Polizei in den sozialen Netzwerken ist.

Wie empfinden Sie die Entwicklung der Polizei in den sozialen Netzwerken?

Vogt: Im Internetzeitalter ist die Öffentlichkeitsarbeit immens wichtig. Heutzutage möchte man schnell zwischendurch einen bestimmten Artikel lesen, auch um verschiedene Blickwinkel kennenzulernen. Die Polizei im deutschsprachigen Raum hat sich viel Zeit gelassen, um überhaupt Präsenz in den sozialen Netzwerken zu zeigen. Damit haben sie eine Chance vertan, viele User zu erreichen. Social Media wurde zu lange als notwendiges Übel angesehen – zumindest hat es diesen Anschein. Zwischenzeitlich hat sich einiges gewandelt: Ein paar Polizisten stechen, meiner Meinung nach, äußerst positiv heraus. Beispielsweise hat die Polizei in München und Berlin ein tolles Social Media-Team, die auch mal was wagen. Ebenso die Hamburger Karriereseite, die locker und hip ist und damit bestimmt mehr potentielle Bewerber anzieht.

Das klingt nach einer guten Entwicklung. Gibt es trotzdem Dinge, die Ihnen in den sozialen Netzwerken fehlen?

Vogt: Das sogenannte „Community Policing” fehlt in den sozialen Netzwerken noch maßgeblich. Hierbei sind Polizisten persönliche Ansprechpartner im Netz mit eigenem Account. So etwas wird gerne angenommen. Diese personalisierten Accounts gab es bis vor kurzem nur im europäischen Ausland. Nun gibt es auch ein „Community Policing”-Pilotprojekt auf Instagram von der Polizei Kaiserslautern. Doch „Community Policing” ist noch mehr: Aus Online kann auch Offline werden. Bestes Beispiel dafür ist das aus den USA bekannte „Coffee with a Cop”, wo man sich ganz zwanglos auf einen Café mit einem Polizisten treffen und plaudern kann. Die Bundespolizei hat dies aufgegriffen, allerdings nur zur Nachwuchswerbung. Hier würde ich mir wünschen, dass die Polizei wieder persönlicher wird und auch mal zu einem Plausch Zeit hat. Polizei zum Anfassen eben.

Anzahl an offiziellen Polizei-Accounts

Laut einer Umfrage von ZAPP bei Ländern, BKA und Bundespolizei betreiben Polizeibehörden 333 Profile in den sozialen Netzwerken, darunter 159 offizielle Twitter-Accounts, 138 Accounts bei Facebook und die restlichen Profile bei Instagram, YouTube und Snapchat.

Weiterhin fehlt mir die Polizei als Ermittlungsbehörde in den sozialen Netzwerken. Zwar haben mittlerweile die meisten Polizeien in Deutschland eine Onlinewache, aber dass man im Internet einem Polizisten begegnet, der dort im offiziellen Auftrag nach dem Rechten sieht, auch mal einschreitet oder einen Vorfall zur Anzeige bringt, ist eher selten der Fall. Zwar ermitteln die Landeskriminalämter, das Bundeskriminalamt und verschiedene Kriminalpolizeien im Internet, jedoch meist verdeckt. Warum also gibt es kein offenes Auftreten der Polizei im Internet? Das Internet ist kein rechtsfreier Raum und darf auch nicht als solcher wahrgenommen werden!

Wieso haben Sie eine inoffizielle Polizeiseite gegründet?

Vogt: Die Idee reifte, als immer mehr offizielle Polizeiseiten auf Facebook und Co. eröffneten. Als offizielle Seite hat man sich an gewisse Regeln zu halten und durfte damals auch keine humoristischen Beiträge veröffentlichen. Auch bestand überwiegend das Rückkanalverbot, was besagt, dass die Polizei nur in eine Richtung informieren darf, auf Rückfragen aber nicht reagieren durfte. Dies war für mich eine Lücke, die ich schließen wollte. Ich wollte Bürgernähe, Diskussion auf Augenhöhe und Informationen jenseits der Beiträge, über die eine Polizei informieren kann und darf. Mittlerweile ist das Rückkanalverbot überwiegend abgeschafft wurden. Die Follower dürfen auch mit „Du” oder „Euch”, anstatt mit „Sie” angesprochen werden.

Markus Vogt ist Polizeikommissar und führt nebenbei eine inoffizielle Polizeiseite in den sozialen Netzwerken. Foto: Markus Vogt

Was möchten Sie mit ihrer Seite erreichen?

Vogt: Unser vorrangiges Ziel ist der Austausch zwischen Polizisten und Nicht-Polizisten – und zwar auf Augenhöhe. Das „Du” ist bei uns obligatorisch und solange sachlich argumentiert wird, ist bei uns jede Meinung willkommen, auch Kritik. Die Polizei soll als eine Familie dargestellt werden, die weltweit zusammenhält. Wir sprechen auch Fehlverhalten an und üben Kritik, ob an Kollegium oder Verantwortlichen in Führung und Politik. Nur sachlich sollte es sein. Wir möchten weg vom steifen Polizisten, der Tatbestände rauf und runter zitieren kann, es aber an Menschlichkeit und Empathie vermissen lässt. Wir haben Emotionen, wir haben Angst, wir fühlen Trauer und Freude, ob für uns alleine oder gemeinsam mit Kollegen oder Bürgern, denen wir helfen oder eine schlimme Nachricht übermitteln müssen.

Als weitere Ziele, die sich erst in der jüngeren Vergangenheit herauskristallisiert haben, sind der „Thank a Policeofficer Day” und der „Gedenktag für im Dienst verstorbene Polizeikräfte” zu erwähnen. Am „Thank a Policeofficier Day” soll einem Polizisten einfach mal gedankt werden – ob mit oder ohne Anlass. Hier geht es darum, dass der oft nicht einfache Polizeiberuf – wie viele andere soziale Berufe auch – in der Bevölkerung etwas mehr wertgeschätzt werden soll. Auch einen Gedenktag möchten wir etablieren. Bislang muss dies vom Innenminister sowie dem Landespolizeipräsidenten angeordnet werden. Diese starren Vorgaben, die wenig Platz für individuelle und doch gemeinsame Trauer zulassen, werden immer mehr von Kollegen kritisiert, weswegen wir die Idee vom Gedenktag aufgegriffen haben. Bürger und Polizisten sollen beisammen stehen und gemeinsam trauern dürfen, sich austauschen, Seite an Seite stehen. Zudem wollen wir in diesem Sinne zur Verbreitung der Thin Blue Line beitragen und diese weiter bekannt machen. Außerdem möchten wir eine Community sein, die auch gemeinsam schöne Projekte in die Tat umsetzt.

Was ist die Thin Blue Line und welche Bedeutung hat sie?

Vogt: Die Thin Blue Line ist ein internationales Zeichen der Polizei und besteht im Wesentlichen aus einer dünnen blauen Linie, welche von schwarzen Linien umschlossen ist. Die blaue Farbe repräsentiert die couragierte Leistung der Polizei. Der schwarze Hintergrund erinnert an Kolleginnen und Kollegen, die im Dienst verletzt oder getötet wurden. Die Linien in Schwarz und Blau symbolisieren die Barriere zwischen legalem Handeln und illegalem Handeln. Viele Bürger tragen das Zeichen zur Solidarität gegenüber der Polizei. Kolleginnen und Kollegen tragen es als Merkmal der Verbundenheit mit allen Polizisten weltweit.

Wie viele Personen arbeiten mit Ihnen an der Seite Polizist=Mensch?

Vogt: Unser Team umfasst aktuell fünf Personen. Das Team setzt sich aus drei Polizisten verschiedener Länderpolizeien und der Bundespolizei zusammen. Hinzu kommen noch eine Bürgerin, die zuvor als Soldatin ihren Dienst geleistet hat, und eine junge Designerin, die für anspruchsvolle Grafiken zuständig ist. Sie bringt uns auch den Blick von außen auf gewisse Themen näher. Mit dieser Teamzusammensetzung spiegeln wir auch das Motto der Seite Polizist=Mensch ganz gut wieder. Das Team arbeitet ehrenamtlich zusammen.

Wie ist die Resonanz der Bevölkerung auf Ihre Seite?

Vogt: Sie ist überwiegend positiv. Egal ob Bürger oder Kollegen: Die Rückmeldungen, die wir regelmäßig erhalten, loben uns für die Themenauswahl, die Berichterstattung, die Grüße via Fotos, die Möglichkeit selbst durch einen eigenen Beitrag – wie Leserbrief und Erfahrungsbericht – gehört zu werden. Sowie auch mal Kritik an einem Thema zu lesen, welches Polizistinnen und Polizisten unter den Nägeln brennt. Kürzlich schrieb uns ein Kollege aus der Schweiz, dass er durch unsere Beiträge immer wieder die Motivation bekommt, täglich auf die Straße zu gehen und Freund und Helfer zu sein.

Wie reagieren Sie auf negative Rückmeldungen?

Vogt: Diese erhalten wir eher selten. Meist sind die negativen Rückmeldungen ganz allgemein auf die Polizei bezogen. Das beginnt bei Kritik an einem Einsatz der Kollegen, geht über „ACAB” bis hin zu persönlichen Angriffen auf die Teammitglieder. Gegner gibt es und wird es immer geben. Das ist prinzipiell auch gut so, nicht jeder kann oder muss Freund der Polizei oder der Bundeswehr sein. Jeder darf einen kritischen Standpunkt zur Exekutive einnehmen, das ist schließlich eine der bedeutendsten Errungenschaften der Demokratie. Erklärte Gegner der Polizei können wir nicht oder nur selten erreichen. Manchmal gelingt es uns und das freut uns dann, wenn wir auf sachlicher Ebene Vorurteile und Halbwissen korrigieren konnten.

Text: Michelle Kayser | Illustration: Marie Kühnemann | Foto: Markus Vogt