Sympathie für Verbrecher

von | 30. Dezember 2018

„This will be something dangerous and very exciting“-Warren Lipka (Evan Peters). Foto: © 2018 Orchard Enterprises NY, Inc.

Nicht zu wissen, ob in seinem Leben etwas passieren wird, treibt Spencer Reinhard (Barry Keoghan) an den Rand der Verzweiflung. Er muss etwas ändern und einen Stempel auf der Welt hinterlassen. Doch, dass sein Plan auch einen Stempel in seiner Akte hinterlassen wird, weiß er noch nicht.

Mit American Animals hat der Regisseur Bart Layton einen Film geschaffen, der zeigt, dass die Wahrnehmung einer Situation von Person zu Person unterschiedlich ist. Denn Realität und Geschichte erscheinen in einem anderen Licht, immer abhängig aus welchem Blickwinkel sie beleuchtet werden. Im Fall von American Animals wird das Spotlight auf die Geschichte von vier jungen, amerikanischen Männer gerichtet. So ist ein Film entstanden, der nicht nur von einer wahren Begebenheit erzählt, sondern die Realität selbst einfließen lässt. Denn er beschäftigt sich mit der Rekonstruktion eines Raubüberfalls.

Mit diesem Konzept fügt sich der Film in eine Reihe von „Heist Movies” ein. Dieses Genre beschäftigt sich mit der Rekonstruktion von Straftaten und erzählt diese aus der Perspektive der Täter. Und obwohl die Charaktere oft schwere Straftaten begangen haben, werden sie zum Sympathieträger für den Zuschauer. So auch im Laufe von American Animals: Denn der Zuschauer ertappt sich spätestens am Tag des Überfalls dabei, wie er beginnt, die Charaktere sympathisch zu finden und zu hoffen, dass deren Plan gelingt. Doch genau dieses Mitfiebern und Hoffen gehört zum widersprüchlichen Reiz des Filmes.

Der Film einer verdrehten Heldenreise

Im Dezember 2004 haben Warren Lipka (Evan Peters), Spencer Reinhard (Barry Keoghan), Chas Allen (Blake Jenner) und Eric Borsuk (Jared Abrahamson) beschlossen, die Bibliothek ihrer Universität zu überfallen und Bücher im Wert von rund zwölf Millionen Dollar zu stehlen. Der Spielfilm erzählt die Geschichte aus der Sichtweise der vier jungen Männer. Und die Vier erleben eine Achterbahnfahrt: Sind sie am Anfang gequält von Langeweile und Frust, erleben sie in der Mitte einen Looping der Erregung und Spannung. Doch der abrupte Stopp am Ende drückt alle wieder in den Sitz zurück.

Ein Tanz auf dem Seil –  ohne doppelten Boden

Die Spanne zwischen Spielfilm und Dokumentation ist nicht leicht zu überbrücken. Doch der Regisseur Bart Layton hat es geschafft, die Realität mit der Fiktion zu verknüpfen, indem er die echten Charaktere mit Hilfe von Interview-Sequenzen eingebunden hat. So werden in American Animals geschickt “echte” Sequenzen mit den geschauspielerten Szenen verwebt. Und obwohl die Schauspieler und realen Personen gegenseitig ihre Sätze beenden, entstehen keine Brüche im Erzählfluss. So entsteht ein Netz mit unterschiedlichen Verzweigungen aber einem roten Faden, der sich nie verliert.

„We inhabit a culture, where it is important to be interesting.“ – Regisseur Bart Layton.

American Animals lebt von einem komplexen Netz aus Entscheidungen. Immer wieder gibt es Stellen, an denen Spencer, Warren, Eric und Chas einen anderen Weg hätten einschlagen können, doch das haben sie nicht. Der Film zeigt, dass jeder das “Verbrecher-Gen” in sich trägt. Denn so wie die Vier, ist jeder selbst dafür verantwortlich, aus welcher Perspektive er sein Leben beleuchten will. Sie haben sich für die Taschenlampen der Polizei entschieden.

Text: Julia Scholl, Foto: © 2018 Orchard Enterprises NY, Inc.